Sehen

Seit dem Sommer 2011 fällt mir immer wieder auf, dass meine visuelle Wahrnehmung verändert ist. Es scheint die ganze Zeit so zu sein, doch es gibt Phasen wo ich das deutlicher wahrnehme und Phasen in denen es eher eine Randwahrnehmung bleibt. Wenn es sehr präsent ist, hat es  mich immer wieder aufs Neue verängstig und stark verunsichert. Ich habe mich gefragt, was hier vor sich geht? Warum das so ist? Was es bedeutet? Ob ich psychotisch bin? Ich habe Ärzten und Therapeuten davon erzählt. Ich war sogar beim Augenarzt, weil ich dachten (oder auch hoffte) es gäbe körperliche Ursachen. Doch es war alles im Normbereich. Mir wurde erklärt, dass in Belastungssituationen Menschen immer wieder davon berichteten, dass sie anders sähen und schnell erschöpfte Augen hätten. Damit versuchte ich mich zufrieden zu geben. Okay… also bin ich wohl belastet und das sehr oft. Was ja nicht ausschließt, dass sich das wieder verändern kann. Ich wünschte mich in das Früher, in die Normalität, zurück zum Gewohnten und ertrug solange die „Anomalität“.

In den letzten Monaten sammelte ich ein paar Erfahrungen mit dem Sehen. Mir fiel auf, dass weite, offene Plätze visuell nicht oder wenig erfassbar sind. Das heißt konkret in die Ferne und in die Breite zu schauen. Und wenn ich es doch versuchte, stellte sich ein Überreizungs- und Stressgefühl ein und der Wunsch den Ort oder Blick zu verlassen. Das gleiche Gefühl bekam ich, wenn ich mich während des Laufens, egal wo auf die vorbeiziehenden Bilder konzentrierte. Hinzu kam dann noch die Sorge um diese Veränderung, die ich als anormal erlebte und dadurch den inneren Stress noch erhöhte. Doch ich habe auch festgestellt, dass ich mich etwas entspannen konnte, wenn ich entweder meinen Blick vor mir auf dem Boden senkte oder die Augen schloss, mich in dichteren Räumen bewegte (z.B. Wald, Wohnblocks, Räume) oder einfach stehen blieb, wenn ich etwas anschaute.

So… und warum schreibe ich das jetzt alles hier? Weil ich heute eine ganz neue Erfahrung damit gemacht habe. Auf dem Weg nach Hause, von der Arbeit. Ich laufe ein Stückchen durch den Park, um den Kopf frei zu bekommen. Mir fallen dabei die schon vertrauten Dinge auf. Plötzlich, ganz seicht kann ich mich darauf einlassen was ich anders sehe – ohne Bewertung, ohne Ablehnung, ohne Angst, ohne Suche wie es denn „normal“ aussehen sollte. Und ich glaube zum ersten Mal erfasst zu haben, was denn eigentlich anders ist und dass das überhaupt nicht bedrohlich ist. Ich werde versuchen es zu beschreiben und habe dabei keine Ahnung, wie es bei euch ankommt, ob es banal wirkt oder außergewöhnlich, ob es vorstellbar ist oder auch nicht, ob es verrückt klingt oder langweilt oder oder oder.

Puh, das ist der schwierige Teil… Worte finden für das „Wie“. Wie hat es ausgesehen? Also, als ich aufgehört habe die Dinge, die Objekte, den Baum, die Autos, die Wolken usw. visuell erfassen zu wollen und meinen Blick davon losließ, ihn treiben ließ, vielleicht ähnlich wie bei diesen 3D-Bildern, war es auf einmal der Raum zwischen diesen Dingen, den ich sah. Es war nicht nur ein Sehen mit den Augen. Es fühlte sich an wie ein Sehen mit den Augen und durch den Körper. Der Raum war spürbar, „sichtbar“. Ich lief gerade die Straße entlang und konnte diesen gesamten Raum vor mir, bis zur nächsten Querstraße spüren. Keine Ahnung wie ich es erklären soll. Es war überhaupt nicht bedrohlich. Es hatte eher etwas von totaler physischer und psychischer Präsenz, die nicht an der Körpergrenze endete. Spannend, sehr spannend.

Ein Kommentar zu “Sehen

  1. […] meiner frühen Artikel bezieht sich auf die Veränderungen meines Sehens. Das ist noch ausgeprägter geworden. Wenn ich […]

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