Willenlosigkeit

Unsortierte Notizen aus den letzten Tagen

Ich fühle mich willenlos. Welche Funktion hat der Wille? Gibt er mir Antrieb, Zielrichtung, Sinn? Was passiert ohne ihn?

Und während der Wille versucht diese Sätze zu formulieren, da lacht es mich aus – ach komm, lass es doch einfach, das hat doch eh keinen Sinn.

Immer nur den nächsten Schritt. Weiter gibt es kein Wollen. Und gerade gibt es noch nicht mal den nächsten Schritt. Das alles ohne wirkliches Leiden. Es ist wie mit offenen Augen schlafen. Alles was mich wach macht, wirkt für diesen kurzen Augenblick und ist dann wieder fort. Was wollte ich noch eben? Über was habe ich gerade nachgedacht? Treiben.

Wenn ich darüber nachdenke, was ich alles tun könnte oder müsste, dann spüre ich Frustration.

Warum denke ich immer ich könnte einfach damit aufhören, einfach aufwachen, die Augen richtig aufmachen, mich mehr konzentrieren, mehr auf das Außen achten und dann wäre es weg und ich wieder da? Kann ich das wirklich? Ist es eine reine Willensfrage?

Heute beim Yoga

Ich spüre an verschiedenen Stellen meines Körpers Unangenehmes und werfe mir vor, dass das von der ungesunden Ernährung der letzten Tage und dem Rauchen  kommt.

                So kann es nicht weitergehen.

Und doch geht es aktuell immer so weiter, weil mein Willensanteil, der sonst so viel Kraft und Power aufbringen kann und mich Dinge anpacken und umsetzen lässt, nicht mehr wirksam ist. Ich horche nach innen. Wo bist du? Er ist es, der im Moment dieses sich Gehenlassen, diese Zügellosigkeit, diese Ziellosigkeit kaum aushalten kann.

Es muss was passieren. So kann es nicht weitergehen. Wir müssen das alles wieder in den Griff bekommen. Ich will sofort los und einen genauen Wochenplan aufstellen, wann aufgestanden wird, wann Sport gemacht wird, wann was gegessen wird, wann Pausen gemacht werden. Und daran wird sich dann gehalten.

Und während ich das wahrnehme, kann ich einerseits die treibende Energie, das lebendig werden spüren – diese Energie die mich schon oft gerettet hat, die Sinn erzeugt hat wo sonst kein Sinn mehr gewesen wäre.

Nicht stehen bleiben. Einfach weiter machen. Weil da sonst nichts mehr ist.

Im gleichen Moment breche ich innerlich radikal an diesem Wollen zusammen und es kommen die ersten Tränen. Das was dieser Teil (Ich) tun will, hat absolut nichts damit zu tun, was ich aktuell schaffen könnte. Ich würde scheitern! All das spüre ich gleichzeitig in mir. Die Verzweiflung darüber keine Kontrolle mehr zu haben, die Unruhe und die Antreibung jetzt endlich mal wieder meinen Arsch zu bewegen und anpacken zu müssen, das darin liegende Scheitern und die Erkenntnis, dass mein Willensanteil keine Verbindung zu meinem wahren Selbst hat.

Ich weine während ich das schreibe. Es scheint mir unmöglich, das Erfahrene und Gefühlte mit Worten für andere fühlbar zu machen. Wie ich jemand bin/sein kann, der nichts mit mir zu tun hat! Der Dinge getan hat/tut/tun will, im Glauben des Guten und Richtigen, die in absolut keiner Resonanz zum wahren Selbst standen/stehen/stehen werden! Ich kann es nicht besser ausdrücken. Wie konnte es dazu kommen?

Wer versuche ich zu sein? Wer bin ich?

Wie kann eine Verbindung so verloren gehen? Und wie kann dieser unverbundene Teil so lange davon überzeugt sein, das Ganze zu sein, das wahre Selbst zu sein? Diese Erkenntnis ist sehr schwer für ihn. Es sind seine Tränen die ich weine.

Wer bin ich dann? Für was kämpfe ich und wie lange schon? Was versuche ich unter Kontrolle zu bringen? Oder eher – über was habe ich die Kontrolle verloren? Ich bin voller Entsetzen, Not und Verzweiflung!

 

Ich lege meine Hände vor mein Gesicht, rolle mich auf die Seite und kann zum ersten Mal meine Tränen während des Yogas, vor allen anderen nicht mehr zurückhalten. Zaghaft lasse ich mich leise schluchzen. Der Yogalehrer setzt sich hinter mich und legt mir seine Hände auf den Rücken und den Arm. Ich fühle, dass das Weinen jetzt okay ist, das ich es hier und so zulassen darf. Es tut weh und es tut gut. Ich fühle mich gehalten, bei mir und kann dieser schmerzhaften Erfahrung für ein paar Minuten Raum geben. Mein ganzer Körper strömt und schwitzt. Alles kribbelt und zittert. Ich komme vom Weinen in eine tiefe Atmung, die langsam eine Entspannung zurückbringt. Alles fließt. Ich fühle mich Verbunden mit mir. Der Schmerz und das Unbegreifliche sind weiterhin in mir.

Ich habe so eine Ahnung, dass wenn sich dieser Teil integrieren lässt (was immer das heißt), das enorme Auswirkungen auf meine gesamte Persönlichkeit hat und auf die Art wie ich mein Leben lebe.

Werbeanzeigen

6 Kommentare zu “Willenlosigkeit

  1. Was passiert ohne die ganzen Fragen? Du lebst, Du bist Du.

  2. Oh ja, die Frage bzw. ja der Vorwurf der eigenen Willensschwäche, mache ich auch gerne… Klar ist aber, dass dieses hadern mit sich und wenn es Vorwürfe sind erst recht, enorm viel Energie frisst! Und wenn es so leicht wäre und man (Du, ich) einfach damit aufhören könnte, dann hätte man es längst getan!

    • Es tut mir Leid, ich wollte niemanden mit meinem Kommentar zu nahe treten! Entschuldigung.

    • sophie0816 sagt:

      das interessante ist, dass ich das als zwei personen in mir gefühlt habe. der teil der will macht vorwürfe oder ist zumindest extrem unzufrieden, wenn nicht sogar panisch. der andere teil, der „höhere“ teil darum herum macht keine vorwürfe. so lässt es sich ganz gut aushalten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.