Einmal verneigen bitte

Gott verdammt, ich will jetzt bitte auch mal einen Orden verliehen bekommen. Und durch Reihen niederkniender Menschen laufen, die sich ehrfürchtig vor mir verbeugen, voller Hochachtung, wie ich das alles hinbekommen, diese permanenten Szenenwechsel, dieses jeden Morgen aufwachen und sich nicht darauf verlassen können, dass etwas so ist wie gestern oder wie noch vor drei Stunden. Ständige Verwirrung, ständige Orientierungsversuche, ständige Lernversuche. Und das seit so langer Zeit.

Ich suche ein Bild dafür und dachte erst an einen ICE in dem ich sitze, der durch die Landschaft rast, ohne das ich weiß wohin es geht und wo lang wir fahren. Doch das passt nicht so richtig, weil es dann eine Konstante gäbe, nämlich der Zug. So ist es nicht. Die einzigen Konstanten die es gibt ist die Zeit und die Veränderung. Darauf kann ich mich verlassen. Die Zeit vergeht – immer. Und nichts bleibt wie es ist. Alles ist ständig in Bewegung, alles verändert sich und fast immer anders, als wie ich es mir denke.

Ich befinde mich also in dieser Bewegung. Das ist mal ein ICE. Ich merke das gar nicht wo ich bin, versuche vielleicht auszusteigen und wundere mich, warum mir mein halber Körper weggefetzt wird. Dann kommt vielleicht die Erkenntnis und ich beschwere mich, warum mir das nicht schon vorher mitgeteilt wurde und warum dieser Zug so verdammt schnell fährt. Dann bemerke ich vielleicht, dass ich selbst im Führerhaus sitze und den Fuß wie blöde aufs Gaspedal drücke. Und während ich das begreife und eingreifen will, bin ich aber auch schon wieder woanders. Werde aus diesem Zug geschmissen, vielleicht in eine karge, mir fremde Landschaft. Alles tut mir weh. Ich versuche mich wieder zu orientieren, meine Wunden zu pflegen. Wo bin ich hier? Wenn ich dann langsam erkenne wo ich bin, bin ich das gar nicht mehr, sondern befinde mich auf einer Kutsche, die holperig und hart dahin fährt. Also wieder versuchen sich zu orientieren. Bis ich das dann endlich geschnallt habe, bin ich aber auch schon wieder alleine und zu Fuß unterwegs, vielleicht sogar diesmal in wunderschönen Gegenden. Ich denke vielleicht sogar, dass ich am Ziel angekommen bin, um dann wieder im Zug zu landen, diesmal in einem anderem Abteil, um wieder sonst wo zu landen und so weiter. Jedes Mal verwirrt, ob das was war wirklich war und keine Zeit mehr zu haben darüber nachzudenken, weil schon das nächste kommt.

Dann sitze ich in der Therapie, sitze vor Freunden oder vor Behörden und versuche krampfhaft etwas davon zu erklären, was dann morgen schon wieder überholt ist, weil anders. Ich komme mir verarscht vor. Da macht doch jedes Wort keinen Sinn mehr. Was soll ich noch erzählen, wenn meine eigenen Worte eine Halbwertzeit von Tagen oder Stunden haben? Gestern richtig waren und heute nicht mehr passen.

Und dann darf ich mir so Sachen anhören wie, ob ich denn erkennen würde, dass das alles ein Prozess ist. Ja klar erkenne ich das! Aber kann mir mal jemand sagen, wohin die Reise geht und mir einen Fahrplan in die Hand geben, an dem ich mich orientieren kann? Das wäre furchtbar nett! Oder mich überhaupt mal fragen, ob ich diese beschissene Reise überhaupt will. Ob ich nicht lieber zu Hause geblieben wäre (natürlich wäre ich das nicht :)). Ich fühle mich übergangen.

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5 Kommentare zu “Einmal verneigen bitte

  1. Zarah sagt:

    Ich glaub, ich hab mich schon mal verneigt, aber ich mach es auch gern nochmal. 😉

    Zur Orientierung hilft es, sich auf die Haralinie und den Wesensstern zu fokussieren. Vielleicht auch deine Yogaübungen? Orientierung im Außen zu suchen ist dagegen ziemlich aussichtslos.

    Ab und zu mal den Fuß vom Gaspedal nehmen könnte auch ne gute Idee sein. 😉

    Alles Liebe
    Zarah

  2. sophie0816 sagt:

    danke fürs nochmalige verneigen. gerne immer wieder ;).
    ich erde mich regelmäßig und fokussiere unregelmäßig mein hara. mein eindruck ist trotzdem der, das jede übung die ich mache, einfach nur den prozess, die veränderung im gang hält oder noch vorantreibt. das gaspedal scheint an meinem fuß festgebunden zu sein. ist wohl meine bestimmung. meine taktik ist immer öfter das aufgeben :). soll das doch alles passieren. meinetwegen. nur ab und zu beschweren will ich mich noch ;).

  3. Ich musste lachen als ich deinen Beitrag gelesen habe, weil ich mich darin so wiedererkannt habe, vor allem in dem Beschweren-Wollen.
    Auch wenn die Dinge, die dir eigentlich gut tun, jetzt nicht zu wirken scheinen, das kommt.
    Ich verneige mich vor deinem Mut und Durchhaltevermögen.

  4. […] fühle ich mich nicht mehr so, wie ich es 2013 beschrieben habe, dass ich mich ständig verändere. Damals war das wirklich heftig. Fast jeden Morgen war alles irgendwie anders. Hab ich mich am Tag so einigermaßen orientiert, war […]

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