Neulich am Telefon

Okay. Einatmen… Ausatmen… Ruhig bleiben. Nicht hysterisch werden. Kein Grund sich fertig zu machen. Du schaffst das. Du musst nicht perfekt sein. Es muss nicht perfekt sein. Es darf unvollständig sein. Und du darfst aufhören, wenn es nicht mehr geht.

Post von meiner Versicherung, bei der ich Leistungen aus meiner Berufsunfähigkeitsversicherung beantragt habe. „Vielen Dank für die Beantwortung des Fragebogens.“

Das war der krasseste Fragebogen, den ich in all der Zeit ausgefüllt habe. So viele Details wollte noch niemand wissen und ich war froh, als ich das Ding endlich bewältigt hatte. Weiter im Brief. „Schildern Sie uns bitte ausführlich den Beginn, die Entwicklung und den Verlauf Ihrer Erkrankung.“

Oh mein Gott! Ich soll über 3 Jahre AUSFÜHRLICH schildern? Ich soll so etwas komplexes, vielschichtiges und auch nicht begreifbares wie eine psychische Erkrankung, über diese Länge der Zeit AUSFÜHRLICH schildern? Und mich an all die schrecklichen Momente erinnern? Wieder alles aufwühlen, präsent machen? Unmöglich! Ein kleiner innerer Zusammenbruch. Nach außen dringt nichts durch, außer das ich dieses Schreiben ein paar Tage konsequent ignoriere. Du musst da anrufen. Du musst ihnen sagen, dass das nicht möglich ist. Das darf ich nicht. Sie verlangen das von mir, also muss ich das machen. Nein, was nicht geht, das geht nicht.

Heute rufe ich an. Ich fühle mich etwas im Vertrauen und nutze diese Basis. Mein Ansprechpartner ist nicht da. Eine andere Angestellte nimmt sich meiner an. Meine Stimme zittert. Ich teile ihr mit, dass das so wie sie es verlangen für mich nicht möglich ist, mit den obigen Begründungen und mich das verzweifelt macht.

Ihre Reaktion: „Aber sie müssen doch in der Lage sein zu schildern, wie der Verlauf ihrer Erkrankung ist?“ Der Unterton ist eindeutig fordernd und verständnislos.

Ich bin fassungslos und traue mich sinngemäß zu sagen: „Wie kommen Sie darauf, dass ich das muss? Hatten Sie schon mal eine psychische Erkrankung, wo sie sich jeden Tag anders fühlen und das über lange Zeit, wo sie keine Worte haben für das was passiert?“

Sie wird etwas weicher im Ton. Ich solle es dann soweit versuchen, wie es geht und dazu schreiben, wenn ich etwas nicht beschreiben kann. Das Telefonat ist beendet.

Ich könnt heulen. Ich fühle mich nicht so, als hätte ich mich vertreten können. Und ich hab solche Widerstände, das alles noch mal formulieren zu müssen. Verdammte Sch…!

6 Kommentare zu “Neulich am Telefon

  1. seelenstreik sagt:

    ich kenne diese ohnmacht gegenüber versicherungen etc. wenn da dann noch jemand am telefon ist, der in einem fordernden ton dinge von einem verlangt, die für einen selbst richtig schwierig sind, kann man schon mal zusammenbrechen. man fühlt sich klein und hilflos und ist verzweifelt darüber, dass da überhaupt kein verständnis entgegengebracht wird. ich komme mit dieser härte auch nicht klar.
    hast du jemand, der dir bei solchen angelegenheiten helfen kann? arzt, therapeut, sozialdienst?
    alles gute!

    • sophie0816 sagt:

      ich danke dir!
      ja, ich hätte bestimmt hilfe von meiner ärztin. aber da sträubt sich gerade auch etwas. da fühle ich mich eben, wie du schon sagst, wie ein kleines, hilfloses, unfähiges kind und das bin ich nicht, das will ich nicht sein. irgendwie werd ich dieses ding wahrscheinlich schon aus wut schreiben. sehr ungenau, wage und grob zusammengefasst. eine auflehnung gegen meinen eigenen perfektionismus 🙂

  2. Zarah sagt:

    Ich finde, daß du dich super wacker geschlagen hast. Du hast nicht einfach geschluckt, „ja, okay“ gesagt und aufgelegt, sondern ihr tatsächlich klargemacht, daß es nicht so geht, wie die sich das dort vorstellen.

    Wenn ich das wäre, würde ich tatsächlich zu meiner Therapeutin gehen und sie bitten, daß sie mir was schreibt. Dann haben die von einer anerkannten Expertin einen qualifizierten Bericht, den sie ernst nehmen MÜSSEN, und du mußt dich nicht damit quälen, alles noch mal zu durchleben.

    In manchen Fällen ist Hilfe anzunehmen kein Zeichen von Schwäche, sondern von Intelligenz. 😉 (Mußte ich aber auch erst lernen.)

    Alles Liebe

    • sophie0816 sagt:

      obwohl ich erst dachte, ich hab mich nicht gut vertreten, kann ich jetzt auch sehen, dass ich das besser getan habe, als es mir früher möglich war. noch vor einiger zeit hätte ich tatsächlich das ganze wortlos geschluckt und mich ergeben gefügt. ich war selbst überrascht, dass ich auf ihre aussage so reagiert habe.
      ich würde auch hilfe annehmen, wenn ich spüren würde, dass es tatsächlich nicht geht. juchuuu, ich bin verdammt intelligent 😉
      doch nach dem telefonat habe ich gemerkt, dass mich vor allen die aussage „ausführlich“ überfordert hat, weil ich es für mich ausgelegt habe, dass ich jedes detail formulieren muss. das wäre tatsächlich nicht möglich.
      jetzt habe ich wirklich eine zusammenfassung geschrieben und es ausgehalten, verallgemeinert und übergeordnet zu schreiben. ich bin mit dem ergebnis zufrieden. es war gut zu bewältigen und hat mir gleichzeitig einen neuen blick auf die ganze krankheitsentwicklung ermöglicht. schon heftig was ich da hinter mir habe und wie vergleichsweise „gut“ es gerade läuft.

      • Anonymous sagt:

        Hallo , dieser Bericht von Dir ist zwar schon etwas her aber ich bin gerade in der selben Situation. Mich würde interessieren ob der Bericht von Dir deiner Versicherung genügt hat und ob du deine Zahlungen bekommst.
        Würde mich sehr freuen bald von Dir zu hören.

      • sophie0816 sagt:

        hallo, das hatte denen damals so gereicht, jedenfalls kam keine erneute anfrage. trotz alledem wurden die leistungen nicht bewilligt. sie haben sich etwas sehr abstraktes zurechtgebogen, um zu begründen, dass der ganze vertrag von anfang an rechtsungültig war (mein vater schloss ihn ab, als ich eine jugendliche war – er wusste natürlich nichts von meinem damaligen cannabis-konsum). sie boten mir trotzdem eine einmalige abstandszahlung an, wahrscheinlich damit ich nicht weiter in widerspruch gehe.

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