Therapieprozesse V

Ich bin aufgebracht. Oh mein Gott, ich bin wirklich aufgebracht. Also okay… da ist noch Spielraum nach oben, aber ich war in meinem Leben SO noch nie aufgebracht. Und gut, es hat mir ein paar Kratzer am Arm eingefangen, weil ich nicht wusste, wohin mit dieser Aufgebrachtheit. Und ich habe kurz überlegt, mir eine etwas größere Dosis Promethazin reinzupfeifen, aus Rache oder was weiß ich. Aber das kam mir dann doch irgendwie blödsinnig vor. So what, was sind schon ein paar Kratzer, gegen das sonst übliche Zusammenfallen, Kraftlossein, Nichts-geht-mehr-Gefühl. Da nehm ich die Kratzer gerne in Kauf. Die sind schnell wieder weg. Die Kraftlosigkeit dauert meistens länger. Und oh ja, es fühlt sich wesentlich gesünder an, aufgebracht zu sein. So verdammt aufgebracht, ja vielleicht sogar wütend, dass man bereit ist, in eine Auseinandersetzung zu gehen. Das man bereit ist, sich zu stellen, sich zu raufen, sich zu messen, sich zu reiben. Das die Angst auf einmal nicht mehr vorhanden ist. Die Angst, dass wichtigste, die Beziehung zu verlieren, wenn man mal aufgebracht ist. Oh nein, am liebsten jetzt und sofort will ich mich viehig aufregen. Nur blöd, dass die Therapiestunde, der Auslöser vorbei ist. Da gibt es also kein Gegenüber mehr. Und bis zur nächsten ist es wahrscheinlich schon sortiert und verarbeitet. Egal… dann mal hier noch ein wenig aufregen und Dampf ablassen.

Ausgangssituation. Ich klingel an der Tür. Niemand öffnet, auch nach fünf Minuten nicht (drei Minuten nach offiziellem Beginn der Stunde). Ich fühle extrem stark, dass nun alles vorbei ist. Sie ist weg. Sie ist nicht da. Aus. Ende. Ich kann wieder nach Hause gehen. Bin kurz davor das wirklich zu tun. Es fügt sich nahtlos in mein Insgesamtbefinden. Mit diesem Ergebnis habe ich gerechnet. Ich überwinde mich zum zweiten Klingeln. Dann macht sie auf. Ich mal wieder hauchnah am Verlassen- und Verlorenheitsgefühl. Will Worte finden. Werde motiviert Worte zu finden. Es auszusprechen. Es ist unmöglich. Ich brauche unbedingt ein Kissen oder irgendetwas vorm Bauch, damit ich mich sicher fühle. Dieses Kissen ist existentiell notwendig. Ohne das geht gar nichts. „Ist es möglich, dass sie sich das Kissen holen?“ Ringen darum, die Distanz zur zwei Meter entfernten Couch zu überwinden. Ein Versuch aufzustehen scheitert. Zu groß die Bedrohung ungeschützt zu sein. Ich hänge da fest in dieser Situation. So unglaublich ungeschützt. Soviel Not in mir. Kann nicht vor und zurück. Viel Zeit vergeht mit diesem Kampf. Überwinde mich auszusprechen, dass ich mir wünsche, sie gäbe mir das Kissen, damit ich den sicheren Stuhl nicht verlassen muss. Stille. Schweigen. Auf Reaktion warten.

Sie: „Ist das so eine Art Machtkampf, ob ich ihnen das Kissen jetzt gebe?“

In mir rattert es wild. Machtkampf? Alles Kleine verschwindet. Ich kann meine zusammengekauerte Position verlassen. Richte mich im Stuhl auf. Schaue sie an.

Ich, irritiert: „Machtkampf? Hier geht es doch nicht um Macht. Das ist Not. Ich bitte um Hilfe bei etwas. Kleine Kinder die etwas Existenzielles brauchen, spielen doch keine Machtkämpfe. Sie brauchen etwas ganz dringend. Die Machtkämpfe machen dann die Eltern daraus. Sind sie sicher, dass sie da für sich das richtige Wort benutzt haben? “

Ich, bissig: „Ich denke gerade. Lassen sie es einfach. Ich brauche es gar nicht. Sie machen alles kaputt. Ich bin gerade irgendwie zickig.“

Sie: „Es geht darum es zu verstehen.“

Ich, trotzig: „Ich will jetzt nichts verstehen und hole mir das Kissen selbst.“

Sie: „Das ist eine gute Idee.“

In dieser veränderten, aufgebrachten Stimmung hole ich mir das Kissen und klemme es mir vor den Bauch. (Wahrnehmung am Rande: war gar nicht so schwer)

Ich verstehe das schon. Dass sie es nicht tut. Wegen der eigenen Verantwortung. Dem jetzigem Erwachsensein und sich selbst um seine Not kümmern. Nicht jemand anderes dafür verantwortlich machen. Und so weiter und so fort. Blablabla… Das ist schon klar. Darüber brauchen wir nicht reden (tu es aber doch).

Ich: „Das wollte ich vermeiden. Dass ich die Gefühle, die das Kissen brauchen, verliere. Dass ich mich verlasse.“

Sie: „Es ist die Frage, ob es wirklich darum geht, dass ICH ihnen das Kissen gebe?“

Ich, provokant: „Für sie ist das doch keine Frage. Für sie ist das doch klar, dass sie es nicht tun werden.“

Sie: „Ja. Es zeigt sich hier, wie schwierig es für sie ist, sich verletzbar zu zeigen.“
Und so weiter und so fort.

Meine kleinen Gefühle sind alle weg und kommen auch nicht wieder hervor. Die Stunde ist um und ich nehme alles Unausgesprochen wieder mit raus. Meine Abschlussworte: „Verdammte Scheiße!“
Vor der Tür, sitzen die Innenkinder wieder auf meinem Schoß und sind furchtbar verzweifelt. Sie konnten sich nicht mitteilen. Ich kann das Weinen nicht zurückdrängen. Nur wohin jetzt damit? Wo ist es geschützt? Setze mich in den nächst besten Hauseingang, der etwas nach innen versetzt ist, ziehe mir die Kapuze über den Kopf, versenke meinen Kopf auf den Armen und schluchze so gut es geht ein wenig vor mich hin. Wie gemein und unfair doch alles ist. (Bravo, Sophie! Weinen auf offener Straße. Das gab’s noch nie. 🙂 – Schnauze da oben!)

Und dann geht es los in meinem Kopf. Das Aufgebracht sein. Bissige Gedanken.
Ich traue mich hier meine Bedürfnisse auszusprechen und sie fragen mich, ob ich ein Machtspiel mache!? Spinnen sie? Merken sie gar nichts mehr? Das tut weh! Aha, sie empfinden das also als Machtkampf!? Ist ja interessant… Als würde ich ihnen etwas wegnehmen wollen.
Und überhaupt und sowieso… haben sie das mit Absicht gemacht, mich da vor der Tür stehen lassen? Mal abwarten, wie ich so darauf reagiere? Ist das nicht ihr Machtspiel?

Und das in Endlosschleife.

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5 Kommentare zu “Therapieprozesse V

  1. „Das wollte ich vermeiden. Dass ich die Gefühle, die das Kissen brauchen, verliere. Dass ich mich verlasse.“ – Dass ist einer der wichtigsten, wenn nicht DER wichtigste Satz in diesem Artikel, wie ich finde.
    METTA 2 U 🙂

    • sophie0816 sagt:

      wie wahr! das macht mich traurig.

      • Es gibt keinen Anlass dazu, darüber traurig zu sein, Sophie. Im Gegenteil: Dieser Satz birgt ein unglaubliches Potential für Selbsterkenntnis, die Du für Dein Weitergehen nutzen kannst. Der Dämon, dessen Namen man kennt, verliert seinen Schrecken!

        Sich selbst zu erkennen ist die Voraussetzung dafür, sich selbst zu verstehen. Sich selbst zu verstehen ist die Voraussetzung dafür, sich selbst zu vergeben (für all das Leid, das durch die eigenen Gedanken entsteht). SIch selbst zu vergeben bedeutet, sich selbst zu lieben!
        Das also, was Dich traurig macht, ist ein Schritt in Richtung Selbstliebe – ist das eine frohe Botschaft, oder nicht? 😉 Also freu Dich gefälligst! 😀

        METTA & SMILES

      • sophie0816 sagt:

        „Also freu Dich gefälligst!“ da hab ich zuerst gelacht und dann geweint.
        deine rückmeldungen regen mich jedesmal sehr an. meist erst mit widerworten und fast immer mit erkenntnissen. danke dafür!
        ja warum fühle ich trauer? weil es mir weh tut, zu erkennen, dass ich es bin die mich verlässt. hmmm… jetzt kommt wohl der vergebungsschritt. ich kann noch nicht fühlen, dass es eine zeit gab, wo es nicht anders ging, als mich zu verlassen. ich find da noch kein okay dafür. ich häng da in der ‚ich-muss-es-jetzt-unbedingt-anders-machen‘-schleife und wehre mich gegen ein erstes ‚okay‘ für mein verhalten. in kurzform… ich finde es noch scheiße, dass ich so bin 🙂 doch dazu find ich ab und zu schon ein ‚okay‘ 🙂

  2. Da ist eine Vorstellung von Dir, die eine andere Vorstellung von Dir verlässt. Wer verlässt denn da eigentlich wen unterm Strich? Es ist, als hättest Du eine Fatamorgana, in der die Illusion eines Kamels die Illusion einer Oase verlässt …

    „Ein Erkennender ist einer, der
    IST WIE ER WAR BEVOR ER (zum Selbstkonzept) WURDE“
    (Sufi-Mystiker GHASALI)

    Von Herzen METTA
    „Phra“ Michael

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