Therapieprozesse VI

Auszüge aus Reha-Notizen und Notizen nach Rückkehr.

22.05.2014 Reha
Ich stelle fest, dass ich sofort an ihre Person (Reha-Therapeutin) angedockt bin, was ich total ungewöhnlich finde. Was war es, was mich gleich so vertrauen lässt?

Die Therapie (Analyse) bleibt im Rahmen des Erkennens und Verstehens. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass mehr möglich wäre, wenn es mehr emotionale Spiegelung gäbe und ich so vielleicht auch eher an eigene Gefühle komme.

27.05.2014 Reha
Ich bin so, so, so erleichtert verstanden zu werden, gesehen zu werden.

          Ich bekomme Zuwendung, die ich nicht verdient habe. Du übertreibst. Du lügst. Du sagst das nur, weil man sich um dich kümmern soll. Wie kindisch. Du bist erwachsen.

28.05.2014 Reha
Mich macht so vieles so wütend. Das meine Therapeutin (Analyse) mir nicht gibt, was ich brauche.

29.05.2014 Reha
Morgens Weinen. Keine Ahnung was ich fühle. Sehnsucht nach der nicht vorhandenen Mutter?

30.05.2014 Reha
Ich darf also so tun, als ob meine Therapeutin (Analyse) meine Mutter wäre und ihr sagen, was ich von ihr brauche? Die Mutter muss erst das Kind verstehen lernen? Ich habe das Gefühl, kein Recht dazu zu haben.
Mir fehlt emotionale Rückkoppelung. Die Sicherheit, dass das okay ist, was ich bin und fühle.
Hier in den Gesprächen verstanden zu werden, beruhigt mich total, reduziert emotionales Chaos und Spannung.
Sie (Reha-Therapeutin) benennt Gefühle, schlägt welche vor. Hilft mir da einzusteigen, weiterzugehen, aufzugreifen. Fühle mich eingeladen.
Es ist so ruhig in mir. Kein Ringen um Worte in meinem Kopf, weil alles angekommen und spürbar verstanden wurde. Jetzt ist Platz für Sehnsucht und Fühlen von Heimatlosigkeit.

03.06.2014 Reha
Aus dem Einzelgespräch: „Wie es aussieht, mussten sie sich das meiste selbst beibringen.“ Das trifft etwas in mir. Tränen steigen auf, obwohl ich diese Aussage nicht mit Inhalt füllen kann.
„Sie müssen sich rausnehmen, um ihre Grenzen wieder neu zu stecken. Das passiert, wenn man zu früh lernen musste, wie die Eltern funktionieren, bevor man sich selbst und seine Grenzen kennen lernt.“ Das passt und plötzlich wird etwas plausibel. Die Reizüberflutung ist eigentlich keine. Ich kann mich nur durch viele Reize selbst nicht mehr spüren. Es ist also kein depressives Symptom, sondern eine psychologische Begebenheit.
Ein weiterer Deutungsvorschlag: Es kommt zu Erschöpfungen, wegen widerstreitender Gefühle zum Thema Nähe und Distanz. Will ich mich um das Bedürfnis nach Nähe kümmern, wird die Angst so groß. Will ich mich um die Angst kümmern, wird das Bedürfnis nach Nähe nicht gestillt. Keine Klärung. Ständiger Zug.

Ich fühle mich der Reha-Therapeutin gegenüber wie ein offenes Buch. Sie scheint alles zu sehen und zu verstehen, bevor ich etwas ausspreche. Sie sieht und versteht Zusammenhänge, die mir selbst noch nicht klar waren. Dadurch kann ich mich in ihr selbst erfahren. Das tut unheimlich gut und kommt aber auch unheimlich nah, wo Angst entsteht.

Das macht mich traurig, dass ich woanders das erfahre, was ich mir in der Therapie zu Hause immer gewünscht habe. Dass man mir hilft zu verstehen. Ich habe das Gefühl, ich arbeite die meiste Zeit alleine, erarbeite mir alles selbst. Ich will ihr nicht sagen müssen, was ich brauche.

05.06.2014 Reha
Ich hatte mir damals diese Therapeutin ausgesucht, weil sie mir viel Raum gab. In den alten Erfahrungen gehe ich in diesem Raum verloren, finde keinen Halt und keine Orientierung. Als heutiger Erwachsener kann ich diesen Raum nutzen, um mich neu zu finden, selbst zu finden. Vor- und Nachteile.

Trauma-Gruppe: „Viele sind enttäuscht. Nun haben sie schon damals keine Unterstützung erfahren und nun müssen sie auch heute sich selbst helfen. Ja, wer den sonst, als sie?“ Die Wahrheit tut weh. Inneres Kind fühlt – Ich bin alleine. Ja, wer denn sonst, als ich selbst kann mir helfen. Wut! Ich muss es alleine machen. Ich wäre schon froh, wenn mich jemand anleitet und mich auffordert die Lampen zu zählen (Rückholung nach Traumaaktivierung). Das wäre Hilfe genug und ist nicht geschehen!

06.06.2014 Reha
Mir geht es nicht gut. Sehnsucht nach Blicken und Verständnis von Therapeuten. Trigger Gesprächsgruppe – ihr Blick, ihre Tonlage, ihr Mitgefühl, ihr Verständnis für meine Gefühle. Das alles schmerzt und lässt die Sehnsucht danach ins Unermessliche steigen. Es hängt in mir fest. Lastet auf mir, schwer im Herzen.

08.06.2014
Schreien, klagen wollen aus tiefsten Herzen, so sehr tut es weh. Und immer wieder wegdrücken. Sich leiden erlauben? Darf ich das?

09.06.2014
Am liebsten wäre mir, ein Termin bei ihnen wäre mir nicht wichtig. Ich kann auch ohne sie. Ich brauche das nicht zum Überleben. Ich komme zurecht. Es macht mir nichts aus, dass etwas ausgefallen ist. So habe ich es tatsächlich gefühlt, bis heute Nacht. Im Traum habe ich dann doch auf sie gewartet, mit Insektenwunden an beiden Füßen. Sie kamen nicht. Die anderen Ärzte fühlten sich belästigt durch meine Anwesenheit. Da nahm ich die Pinzette und behandelte mich selbst. Wollte nicht mehr von ihrem Kommen abhängig sein. Dann kamen sie. Ich sagte ihnen, dass sie ihr Versprechen nicht eingehalten haben. Sie behandelten die Wunden zu ende.
Ich will mich am liebsten nicht in die Terminliste einschreiben. Will ihnen zeigen, dass es mir nicht wichtig ist. Am Ende schneide ich mir damit ins eigene Fleisch. Ich hasse diese Abhängigkeit. Ich spüre Widerwillen gegen den Schmerz den ich fühle, wenn ich sie sehe. Ach wären sie doch weg geblieben.

12.06.2014 Reha
Es tut so gut Bestätigung für mein Fühlen zu erhalten. Es schmerzt hier Hilfe zu bekommen, nach der ich mich schon so lange gesehnt habe. Unterstützung die ich viel früher gebraucht hätte. So allein damals in diesem schrecklichen Chaos. Wie sehr hätte ich davon profitiert? Wie viel kürzer wäre das Leiden gewesen? So musste ich mich alleine durchwursteln. Ich spüre das Alleinsein. Die wahnsinnige Leistung, die ich erbracht habe und damit nicht gesehen worden zu sein, keine Hilfe erfahren zu haben. Wie ich das jetzt alles aufsauge. Auch wenn ich schon viel weiß und viel richtig gemacht habe, bitte hören sie nicht auf mich zu unterstützen! Lassen sie mich nicht alleine! Ich kann mir die Therapie (Analyse) gerade immer weniger vorstellen, die Passivität, die fehlende aktive Unterstützung nicht länger aushalten.

18.06.2014 Reha
Mir erlauben rauszugehen, um für mich zu fühlen und zu weinen. In der Therapie (Analyse) habe ich mir das nicht mehr gestattet.

05.07.2014
Wenn die Vorstellung die Therapie zu beenden, gleichzeitig ein Befreiungsgefühl beinhaltet und Schmerz, ist es dann nicht einfach nur eine Wiederholung dessen, was ich in all meinen Beziehungen bisher erfahren habe? Ich fühle mich unfrei, eingesperrt. Kann mich nicht frei bewegen. Doch hindere mich selbst daran und denke, diese Freiheit nur außerhalb dieser Beziehung wiedererlangen zu können?

10.07.2014
Ich brauche sie nicht mehr. Ich brauche keine Therapie mehr.

11.07.2014
Es ist eine Wiederholung zu der Beziehung zu meiner Mutter. Anpassung, um etwas zu bekommen. Dabei eigene Impulse, Gefühle zurückstellen und nicht spüren, dass es nicht passt.
Sie haben das Gefühl, dass ein weiterer stationärer Aufenthalt (Traumatherapie) mir nicht gut tut? Wie kommen sie darauf? Wissen sie was mir nicht gut tut?! Alleine gelassen zu werden, mit Symptomen, die für mich kaum zu bewältigen waren. DAS tut mir nicht gut! Und mir dann erzählen, dass sie überzeugt davon sind, mich gut in der Traumaarbeit begleiten zu können. Ich glaube ihnen nicht!
Und ja, ich versuche meine Bedürfnisse zu befriedigen. Und ich finde das auch richtig so, als ersten Schritt, sie damit überhaupt anzuerkennen und zu erkennen, dass ich sie befriedigen darf! Dass ich ein Recht auf Verstanden-werden, auf Angenommen-werden und Verbindung habe.

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4 Kommentare zu “Therapieprozesse VI

  1. Mondfeder sagt:

    Du kannst so gut reflektieren ❤ Ich lese deine Texte gerne. Und auch hier finde ich mich so oft wieder. Mich während des Klinikaufenthalts. Ich habe ähnlich gefühlt, sehr sehr ähnlich …
    Alles Gute weiterhin ❤

  2. desweges sagt:

    Ich finde mich hier so oft wieder – danke dir ❤ LG desweges

  3. Anonymous sagt:

    Nie zurückblicken! Grenzenloses Selbsterkennen! Vielleicht die Liebe als Sahnehaube des Daseins?! Maidreja

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