Dunkle Vergangenheit II

Ich erlebe diese ganze schreckliche Zeit von damals noch einmal. Diese unsägliche Einsamkeit. Dieses unendliche Verlangen einfach weg zu sein, raus aus allem. Diese absolute Überforderung mit der Situation, mit meinen Gefühlen. Dieses viel zu viel. Dieses nicht aushalten können. Dieses tiefe verzweifelt sein, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Sterben wollen. Es soll aufhören.
Und keiner da. KEINER DA! NIEMAND! Völlig alleine, mit allem.

Ein riesiger Gewinn – ich erkenne immer wieder den Gefühlszusammenhang zu damals. Das ich damals jetzt fühle. Ich wache immer wieder zwischendurch im Jetzt auf. Sonst wäre ich wohl schon auf der Krisenstation.

Ich fühle meinen Körper. Knorrig, dünn, unangenehm, fremd. Hängt er an mir dran. Ungelenkig. Unvertraut. Schmerzen. Halte kaum aus in ihm zu sein, trotz liebevoller Gefühle die ich immer wieder hineinschicke. Heute zurück zu Hause, geht nur noch die Badewanne. Die Kleidung ist unangenehm auf der Haut, der Körper ist unangenehm. Das Wasser lindert. Nimmt die Berührungsflächen. Verwischt die Konturen. Umschließt. Schützt. Trägt. Ich liege lange da. Viele Tränen laufen. Die Gefühle von damals wechseln sich ab. Durchfließen mich. Immer wieder ja sagen, immer wieder aufmachen, zulassen. Dann der Wunsch mich zu schneiden. Ich lasse auch diesen Wunsch zu, diesen Gedanken, sage ja zu ihm, lasse ihn zu, lasse ihn sich denken und weiterdenken. Auch dahinter taucht die Verzweiflung von damals auf. Körper vernichten, mich vernichten, damit ich nicht mehr da bin. Damit ich nicht mehr aushalten muss, mich und die Welt. Ich kann weinen. Der Impuls zu schneiden verfliegt.

Hinzu kommt die Umdeutung des Erlebnisses. Frau Therapeutin spricht diese furchtbaren Worte aus. Macht hörbar, macht fühlbar, was ich nicht fühlen will, was ich nicht begreifen will.
Missbrauch. Sexueller Missbrauch!
Die Worte durchfluten meinen Geist. Schlagartig muss ich mir die Hände auf die Ohren legen, weiche mit dem Stuhl zurück und breche in heftiges Weinen aus. Nein, nein, nein… das kann nicht sein!

Ich will es nicht begreifen und begreife doch Stück für Stück. Bild für Bild taucht auf, mit dieser veränderten Perspektive.
Ich wurde benutzt. Es fühlt sich schrecklich an. Unglaublich viele Gefühle purzeln gleichzeitig durcheinander. Ekel. Wut. Schmerz. Ungläubigkeit. Verraten fühlen. Beschmutzt fühlen. Fassungslos sein. Es leugnen wollen. Nach Gegenargumenten suchen, warum das nicht sein kann. Selbsthass. Ich-los fühlen. Einen Körper fühlen, der wie durchsichtig ist und in den man einfach greifen kann.

Riesige Bedürfnisse nach Trost. Nach Anteilnahme. Da soll jemand sein. Jetzt hier zu Hause. Das halte ich nicht alleine aus. Auch dieses Gefühl lasse ich zu. Ich lasse zu, dass Trost fehlt. Das keiner da ist, um mich in den Arm zu nehmen und auch hier spüre ich plötzlich, wie alt dieses Gefühl ist und durchlebe die Einsamkeit und Hilflosigkeit meiner Kindheit und Jugend. Nur, dass ich diesmal dabei bin. Das ich Verständnis habe, für dieses Mangelgefühl.

Ich bin ziemlich erschöpft und weiß nicht, was noch alles auf mich zukommt. Trotzdem glaube ich daran, dass ich in der Lage bin, mit mir umzugehen und diese Zeit durchzustehen und im Notfall Hilfe zu suchen.

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2 Kommentare zu “Dunkle Vergangenheit II

  1. Mondfeder sagt:

    Das ist alles so schrecklich was du mitgemacht hast … Schick dir ganz viel Kraft!

  2. marienkäfer sagt:

    Du machst das so toll, respekt.
    Ich schick dir ebenfalls ganz viel Kraft und Bewunderung.

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