Dunkle Vergangenheit III

Die schrecklichste Zeit meines Lebens. Die einsamste Zeit meines Lebens. Die tränenreichste Zeit meines Lebens (abgesehen von den letzten 4 Jahren). Trennung der Eltern. Auszug des Vaters. Schwelende Konflikte und Wut. Kein Ausdruck. Schweigen. Alle mit sich beschäftigt. Mutter fährt zur Ablenkung in Urlaub, ohne uns. Bruder zieht aus. Ich alleine im Zimmer. Alle mit sich beschäftigt. Der heimliche Kontakt beginnt. Eltern kommen wieder zusammen. Umzug in einen fremden Bezirk. Weg von den Freunden. Freunde besuchen einen nicht. Die Scham, dass meine Mutter Freunde anruft, damit sie mal vorbei kommen. Fremde Umgebung. Menschen verstehen einen nicht, weil sie kein Deutsch verstehen. Einsamkeit. Absolut und total. Die Beziehung kommt in die Öffentlichkeit. Verurteilung, Ablehnung, Ekel, Verachtung. Vorgeführt werden. Innerer Rückzug. Verschluss. Nächte langes Weinen, heimlich, leise, unterdrückt, damit die Eltern nichts hören. Das ist so eingefleischt bis heute. Eine Ausbildung die ich nicht will, wo ich Kleidung anziehen muss, die ich nicht will, wo ich mein Gesicht anmalen muss, was ich nicht will. All dies tue ich, angepasst, rein gepresst. Nur heimliches Ausweichen. Morgens aus dem Haus schleichen, so tun, als ob ich zur Ausbildung gehe und dann zum Arzt, mich krankschreiben lassen und den Tag irgendwo verbringen. Schuld. So viel Schuld. Nichts läuft gut. Anschluss verlieren. Kontakte verlieren. Halt verlieren. Orientierung verlieren. Mich nicht nach außen vertreten können. Wo sollte ich da hin, als in die Arme dieses Mannes. Es schien die Rettung. Es gab nichts anderes. Doch zur Rettung kam es nie. Wie ausweglos doch alles war. Wie schutzlos ich war. Meinen Körper zur Verfügung stellen, als wäre es das natürlichste auf der Welt. Als wäre das Liebe. Nie angezweifelt. Alles mitgemacht. Verhalten wie ich dachte, dass man sich verhält. Gefühllos. Körperlos. Leidenschaftslos. Lustfrei.

Der Schmerz heute darüber ist so unendlich. Verraten. Missbraucht. Dieses Wort ist tatsächlich ein Gefühl. Dieses Wort ist körperlich spürbar. Ein ganz schreckliches Gefühl. Wenn sich der Körper missbraucht anfühlt, ohne körperliche Gewalt erfahren zu haben. Wenn sich die Seele missbraucht anfühlt, ist es wie ein Riss mitten durch… durch alles was war. Durch alles was man war, was man glaubte. Durch die Realität von einem selbst. Vernichtend.

Nach der Zertrümmerung kommt Ruhe.

Ein Gefühl zur Sexualität und Lust entdeckte ich erst knapp 10 Jahre später. Bis dahin war ich Lusttod und spielte Rollen. Ich fühlte mich die ganze Zeit schrecklich schuldig, weil ich dachte, mit mir ist etwas verkehrt. Ich funktioniere nicht richtig. Ich bin falsch. Damit habe ich auch noch heute zu tun.

3 Kommentare zu “Dunkle Vergangenheit III

  1. marienkäfer sagt:

    Ich erkenne vieles von mir wieder. Ich hätte nie gedacht, dass auch jemand anderes ähnlich in seiner Jugend empfunden hat wie ich,
    Fühl dich umarmt, wenn du möchtest ❤

  2. melcoupar sagt:

    Du bist nicht allein … Herzlichst. Melanie

  3. Danke für deine Ehrlichkeit. Danke dafür, dass du deinen Schmerz teilst.

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