sich zeigen und gesehen werden

Das Universum um Hilfe zu bitten hat insofern geholfen, dass ich endlich weinen konnte und etwas in mir in Fluss kam. So lag ich heute Morgen, nach zwei Tagen absoluter Leere und Abtrennung von mir, in meinem Bett und weinte so eine Stunde vor mich hin. Endlich! Endlich wieder etwas fühlen!
Ich weiß nicht über was ich weinte. Irgendetwas aus der Herzgegend und irgendetwas was mit viel Schmerz und Trauer zu tun hatte und bestimmt auch irgendetwas zum Thema Abschluss der Therapie und irgendetwas zum Thema innere Einsamkeit.

Immer wieder ein Blick auf die Uhr. Bald kommt der Helfer. Wie soll ich damit umgehen? Wie viel Zeit brauche ich, um mich vorzeigbar zu machen? Will ich mich überhaupt vorzeigbar machen? Wie viel halte ich aus von mir zu zeigen? Wie viel Nähe ist möglich? Meine Sehnsucht gesehen zu werden ist riesig groß. Sie hält mich ab diesen Termin abzusagen, obwohl klar ist, dass es inhaltlich nicht so laufen wird wie gedacht, wie geplant. Wieder eine völlig neue, nicht vorhersehbare Situation.

Ein absolut authentisches Verhalten wäre, ich bleibe liegen, überlasse mich einfach weiter meinen Gefühlen, gebe ihnen Raum, weine um all die Dinge die zu beweinen sind und wenn es klingelt, stehe ich auf, werfe mir etwas warmes über und lasse Herrn Helfer in meine Wohnung. Platziere ihn irgendwo, weine dann weiter so wie es aus mir heraus kommt.
Tatsächlich hielt ich es bis 30 Minuten bevor er kam aus, mich um nichts zu kümmern. Dann stand ich weinend auf. Machte mich weinend frisch. Wusch mir weinend die Haare. Zog mir weinend Alltagskleidung an. Beim Blick in den Spiegel jammerte es in mir, oh Gott ich sehe doch so schrecklich verheult aus. Eine sehr laute, konsequente, nicht unfreundliche Stimme in mir erwiderte ‚ja, du siehst scheiße aus.‘ Ich weinte kurzfristig noch mehr, weil es einfach die Wahrheit war und gleichzeitig entlastete es mich, weil es die Wahrheit war und ich sie nicht mehr versuchen musste auszublenden (verstanden? 😉 ). Man darf sich also auch scheiße-aussehend präsentieren. Na gut.

Die Tränen rutschten auf knapp unter die Oberfläche zurück. Wie wird der Termin verlaufen? Was will ich heute? Was kann helfen? Halte ich ihn aus? Muss ich ihn nach kurzer Zeit wieder wegschicken? Halte ich das aus?
Ich stehe apathisch in der Küche und es kommt der Impuls, dass ich in diesem Zustand heute Probleme hätte mir Essen zu kochen. Das wäre also das naheliegenste und das hilfreichste, wenn wir vorkochen würden für den Tag. Oh mein Gott! Ich soll ihn fragen, ob er mit mir kocht? Unvorstellbar!

Es klingelt. Er kommt. Ich lasse ihn herein. Halte Mega Abstand und kann kaum Blickkontakt aufnehmen. Beschäftige mich erst einmal mit Kaffee kochen. Ihn gleichzeitig da sein lassen und ausweichen. Unglaublich anstrengend. Ich versuche zu reden. Sofort kommen die Tränen. Ich kann nicht vor ihm weinen. Ich kann meine Gefühle nicht vor ihm zulassen. Ich versuche nicht mehr zu erklären und fokussiere wieder das Kaffeekochen, zur Beruhigung. Das klappt, bekomme etwas Abstand. Kann mich auch mit an den Tisch setzen, natürlich immer schon das Blickfeld nach unten lassen. Er sieht und sagt, dass er sieht, es ginge mir nicht gut. Das tut mir gut und reicht erst mal aus.

Ja, was machen wir heute? Ich kündige mein aufwallendes Schamgefühl an. Er, freundlich: “Immer noch?“. Ich: „Ja, und wahrscheinlich auch noch länger.“ Erkläre etwas von alten Erfahrungen und inneren Kindern, die auf verächtliche, abweisende Reaktionen warten. Dann schleudere ich schnell das Wort „Vorkochen“ hin. Die Scham wird riesig. So riesig wie ich sie noch nie hatte. Ich muss kurz aus dem Raum gehen, weil ich es nicht aushalte. Viele Kämpfe im Inneren. Dinge müssen weggedrückt werden, um weiter machen zu können. Ich habe keine Ahnung, welche Gedanken und Glaubenssätze hinter dieser Scham stehen.

Ich gehe zurück in die Küche. Dann folgt ein sehr anstrengendes Umgehen mit der Situation, mit all meinen Unsicherheiten. Wo soll, kann, darf er sich aufhalten? Soll er mitmachen oder nur dabei sitzen? Was ist er bereit zu tun und wo sind seine Grenzen? Will ich ihn lieber im Nebenzimmer? Darf ich all die Dinge sagen? (Wahrscheinlich viel Angst vor Zurückweisung)
Ich wünschte mir die Küche doppelt so groß, mit je einem Tisch an den gegenüberliegenden Seiten, damit es besser aushaltbar wäre, damit mehr Abstand zwischen uns wäre. Das sag ich ihm, er lächelt und erwidert freundlich: „So ist es aber leider nicht. Also wie machen wir es.“

Naja, und am Ende sitzt er also am Tisch und schneidet Zwiebeln und Knoblauch. Ich steh am Herd und mache die anderen Dinge. Ich bekomme wenig mit, von dem was ich da tue. Hangel mich an Gesprächen entlang. Blende ihn dabei weiter mit Vermeidung des Blickkontaktes aus und dann ist es getan. Das Essen für heute ist fertig. Ich bin sehr dankbar dafür.

Das macht so unglaublich heftige Sachen in mir, dass ich gerade auch irgendwie dankbar bin, dass alles nicht so richtig fühlen zu können.

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3 Kommentare zu “sich zeigen und gesehen werden

  1. Mondfeder sagt:

    Ich kann da sooo gut mitfühlen. Mir wäre es wahrscheinlich genauso gegangen. Mit jedem einzelnen Wort, dass du hier getippt hast. Nur, dass ich vielleicht nicht mit ihm gesprochen hätte … weil … geht nicht. Ich finde es stark, dass du ihn nicht einfach wieder weggeschickt hast. Ich kann verstehen, dass du die Nähe in diesem Moment irgendwie gebraucht hast. Ich weiß ganz genau was du gefühlt haben musst. Wahrscheinlich das Selbe wie ich vor jeder Therapiesitzung. Ich will, ich will verdammt, ich hab Angst, aber ich brauch das jetzt … es täte gut.

    Fühl dich umarmt ❤ Hast du gut gemacht!

    • sophie0816 sagt:

      das ist voll lieb von dir! 🙂
      ja, genau. nähe macht angst. nähe tut gut. immer diese krasse kombination. und diese starke wollen… 🙂 ich will verdammt noch mal mich nicht mehr verkriechen. ich will es mir wert sein, meine bedürfnisse ernst nehmen.

  2. […] der Weihnachtsfeier für Klienten und Sie waren da und Ihre Klienten waren da und Ihr Vorgänger, Herr Helfer war da und auch seine kleine Tochter war da und ich habe den Nebel gar nicht verstanden und auch […]

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