Durchbruch

Ich bin ziemlich erschöpft. Es ist 11:30 Uhr, ich habe eben gefrühstückt und sitze hier nun im Schlafanzug am PC, mit dem Wunsch irgendetwas der letzten anderthalb Wochen festzuhalten. Das denke ich schon seit anderthalb Wochen.

Meine Fähigkeiten zu schreiben wie ich es gewohnt bin, stehen nicht zur Verfügung. Erfahrungen die tief und breit sind, sich verästeln in hunderte von Richtungen ins damals und heute. Vereinzelte Momente, die doch irgendwie alle zusammenhängen. Gefühlt kann ich das Bild erfassen. Sprachlich scheitere ich, mich vor anderen zu verorten. Gedanken springen hin und her, sind wirr, verlieren ihren Faden oder wollen zehn Fäden gleichzeitig aufnehmen. Ich bekomme es nicht sortiert.

Eine Freundin schrieb mir nach einem persönlichen Gespräch, dass sie mitbekommen habe, wie sehr ich gerade mit mir zu tun hätte. Sie hätte es zwischen den Zeilen erfasst, auch durch Mimik und Gestik. Es ist schön, wenn das gelingt. Hier im Schreiben schraube ich meine Erwartungen herunter. Besser ein paar Worte, als gar keine.


Die Welt hält kein warmes orangefarbenes Licht bereit, mit weichen Rändern! Sie polstert nicht alle Ecken und Kanten! Schleift nicht die groben, schroffen Stellen glatt! Polstert nicht die Tiefen, verhindert nicht den Fall! Es wird niemanden geben, der für mich sorgt! Niemand der mir Sicherheit gibt und immer für mich da ist! So ist die Welt nicht!!!
Ich habe es verstanden. Ich bin dabei es endlich zu fühlen. Es hat mich von den Füßen gehauen.
Ich habe verstanden, dass ich das nicht mehr suchen brauche. Dass ich das was verloren ist, nicht mehr finden werde. Diese Erkenntnis tut unglaublich weh. Das die Vergangenheit losgelassen werden muss, um die Verantwortung für das Heute übernehmen zu können, wird mir klar.

Ich weine sehr viel. Schmerz, Wut, Trauer. Das Verlorene wird endlich fühlbar. Kann erst gefühlt werden, wenn erkannt wird, dass es vorbei ist – wenn die Suche aufhört. Suche die ausweicht. Ich bin viel ausgewichen – vor allem dem Schmerz.

Es ist vorbei! Es ist vorbei. Es ist vorbei… Dieser Satz verfolgt mich. Mal fassungslos, mal beweinend, mal abwehrend, mal schmerzverzerrt.

Verantwortung ist das Thema. Ich bin sehr gefordert, bei all den starken Gefühlen bei mir zu bleiben, mit Mitgefühl, offenen Armen und gleichzeitig der Aufgabe auf das Heute zu begrenzen. Mir selbst beizustehen, in meinen Schmerz zu sprechen und die Jetzt-Welt sprachlich zu vermitteln, damit es mich nicht fortspült.
Ich erzähle mir von den kleinen orangenen Punkten, die es trotz alle dem gibt. Ich erzähle mir von den Verletzungen die allemal nicht so heftig sind, wie die in der Kindheit. Ich erzähle mir von meinen Fähigkeiten mit diesen viel besser umgehen zu können als damals, mich selbst schützen und wehren zu können. Ich erzähle mir von meiner Unabhängigkeit, dass ich nicht sterben werde, wenn andere mich ablehnen. Ich erzähle mir von meinem Leben in dem ich gestalte und entscheide. Ich erzähle mir wie gut ich all diese großen Gefühle bewältige, wie stolz ich auf mich bin. Ich weise mich darauf hin, dass es wirklich nicht notwendig ist, mich jetzt zu schneiden, weil das Fühlen des Schmerzes doch ausreicht, damit ich mitbekomme wie schlimm es ist.
Ich rede und rede und rede und es funktioniert. In der Dimension ist das auch für mich eine neue Erfahrung und das erste Mal so damit umzugehen.

Ich habe mich entschieden. Ich will das JETZT! Ich will die Verantwortung für mich übernehmen, in der Welt wie sie jetzt ist. Seit dem ich mir das sage, entstehen viele Reaktionen aus den unterschiedlichsten Richtungen in mir.
Zuerst kam Schuld. Unglaublich große Schuldgefühle rollten durch mich hindurch. Dann kam (und kommt) Angst. Angst vor Schmerz und Verletzung. Angst vor Menschen. Irrationale Angst, ohne den Ursprung zu kennen. Ich laufe vor einem Termin für eine ambulante DBT-Gruppe im Wartebereich hin und her, kurz vor einer Panikattacke. Ich rede mit mir. Begleite meine Angst in diesem Flur. Erzähle ihr von diesem Flur, seinem blauen Fußboden und meinen Schritten darauf. Erzähle ihr von der Gefahrlosigkeit dieses Momentes. Die Angst reduziert sich ein kleines Stück und ich komme nicht in einen Kontrollverlust.
Auch eine Reaktion – Wegsein. Zwei Stunden am helllichten Tag im Bett liegen, ohne wach zu sein und ohne zu schlafen. Eine Ecke Bewusstsein heraus kramend verstehe ich, dass das mein Widerstand gegen den Schmerz ist. Verständnis haben und es trotzdem nicht tolerieren, spreche ich mit mir, meinem Widerstand und der Schmerz zeigt sich ein kleines Stück, soviel, das ich wieder da sein und aufstehen kann.

Ich sage immer wieder JA zu all diesen Momenten. Ich werde nicht weichen, nicht von meiner Seite weichen, egal wie viel Schmerz da noch kommt, egal wo oft noch geweint werden muss, egal wie viel geschrien und gestrampelt, wie viel losgelassen werden muss und wie schwer es ist. Ich bleibe hier, will nicht mehr zurückweichen! Das alles mit Herz und so gut ich das kann.

Die Initialzündung dazu gab meine Therapeutin mit genau zwei Sätzen:
„Ich konfrontiere sie mit ihrer Verantwortung.“
„Sie wollen die Verantwortung nicht übernehmen.“
Mir war sofort klar, sie hat recht. Ich fühlte es. Ich fühle es schon immer, dass es gegenläufige Bewegungen in mir gibt, die ein Vorwärtsgehen ausbremsen. Ich habe weggeschaut, weil ich mich schuldig dafür fühlte. Auch vor dem Schuldgefühl lief ich weg und so entstand ein blinder Fleck. Deshalb kam auch als erstes Gefühl die Schuld. Zuerst musste die Schuld als Gefühl zugelassen werden und ich mir selbst verzeihen, um sie mir wieder zu nehmen.

Ich bin mir sicher, dass das keine einmalige Runde ist. Einmal durch alles durch und dann liegt es hinter mir. Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, die Verantwortung braucht mein stetiges Bewusstsein, in jedem neuen Moment mich daran zu erinnern was ich will. Und immer wieder und immer wieder. Und immer wieder Angst fühlen und immer wieder Schmerz fühlen und immer wieder weglaufen wollen und immer wieder entscheiden trotzdem weiter zu gehen. Es bleibt herausfordernd, da mache ich mir nichts mehr vor.

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8 Kommentare zu “Durchbruch

  1. Diese Themen arbeiten gerade auch in mir! Du bist nicht allein.
    Immer wieder wie ein Schlag in die Fresse, aber oft befreiend.

  2. felsenfein sagt:

    Ja, Du bist nicht allein. Bei mir kommt zur Zeit viel hoch und ich habe auch Alpträume. Finde Nachts keine Rue und schlafe in den Morgen rein und fühle viel Schmerz. Ich glaube manchmal weicht man dem auch aus weil man es nicht aushält. Ich glaube an die Selbstregulierung auch der Psyche.

    • sophie0816 sagt:

      an diese selbstregulation glaube ich auch oder daran, dass die dinge ihre zeit haben. jetzt scheint die kraft da zu sein, um mich dem schmerz zu stellen. ich fühle mich tatsächlich bereit und fähig das zu meistern. bis vor 2 wochen und die jahre davor war das nicht so.

      • felsenfein sagt:

        JA 🙂 Dito

        Ich lese grade das Buch: Wenn alles zusammenbricht von Pema Chödrön, das hilft mir sehr dabei. Auch die Alpträume sehe ich als Verarbeitungswerkzeug..
        ALLES Liebe zu Dir – es ist gut den Schmerz willkommen zu heißen.

  3. desweges sagt:

    Mir gegt es auch ähnlich. Du bist nicht alleine! LG desweges

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