Ironie des Schicksals

Oder, das Universum traut mir große Aufgaben zu.

Frau Helferin (ambulante Betreuung) wollte doch eine Karte schicken, bevor sie hier in den Flieger steigt, Richtung 3 Wochen Urlaub.

Keine Karte kam.

Ich hatte deshalb eine richtig fette Krise, heftige Verzweiflung und Not, viel Krisenintervention, auch um selbstverletzendes Verhalten zu verhindern. Und zusätzlich erlebte ich den Wechsel der Betreuung von ihr zu einer Vertretung, als so heftigen Bruch, der im Inneren gar nicht verstanden werden konnte. Warum da vorher Nähe war und dann plötzlich nicht mehr, wo doch so viel alleine nur wegen dieser Nähe nach vorne gekommen ist und nun ganz schrecklich, ohne Halt in der Luft hing, ohne Gegenüber.

 

Notizen vom 26.06.2015

„Wissen sie, ich habe mich da eingelassen, auf ihre Idee vom Nachreifen. Und jetzt sitze ich hier, voller Schmerz und Verzweiflung, ganz alleine und weiß nicht mehr, ob das eine gute Idee ist. Ob ihnen eigentlich klar ist, was sie da auslösen.

Da werde ich wütend, wenn ich Herrn … (Vertretung) frage, auf welchem Stand er ist, was er weiß und er mir erzählt, dass es gut laufen würde, ich mir näher komme. Und er aber nicht weiß, was dieses Näherkommen für Türen aufstößt, Dinge auslöst, Emotionen hervorholt. Ich weiß nicht mal, ob sie das überhaupt wissen. Ich fühle mich alleine gelassen. Ich fühle mich alleine.

Dass sie nicht da sind, tut unglaublich weh. Und ihr Brief ist auch nicht gekommen. Haben sie mich vergessen? Liegt es an der streikenden Post?

Ich sitze hier in meiner Verzweiflung, heule herum. Hab in meiner Not in ein Diktiergerät gesprochen und geweint, damit ich überhaupt festhalten kann, was ich fühle. Damit es vielleicht doch jemand mitbekommt, dass da noch mehr läuft, als das gute Bewältigen von Panikattacken.

Ich fühle mich armselig, weil ich so fühle. Habe mich deshalb ziemlich stark geboxt.

War es richtig sich auf Nähe einzulassen? Wo führt das jetzt hin? Sie fehlen mir. Da ist ein riesen Schmerz. Das soll gut sein? Das soll hilfreich sein? Wie geht es weiter? Was soll ich damit tun? Ist es gut, diese Abhängigkeitsgefühle zuzulassen? Ist es gut, es überhaupt aktiviert zu haben? Wissen sie, auf was sie sich da einlassen? Können sie mir versprechen, dass es am Ende gut ausgeht?

Diesen Prozess alleine zu tragen ist unfair. Damit jetzt alleine dazusitzen ist unfair.“

 

So nach 1,5 – 2 Wochen klangen die Gefühle ab. Die Karte wurde nicht mehr wichtig. Ich weiß nicht, was dazu im Inneren los war, aber ich richtete mich darauf ein, dass ich alleine war und bin. Wut florierte unkonkret herum.

Die Urlaubszeit war um. Heute hätten wir unseren ersten regulären Termin gehabt, welchen ich absagte. Immer noch keine Karte da. Viel Wut. Angst vor der Begegnung und Klärung. Überforderung, zu den bisherigen täglichen Anstrengungen, mich auch noch mit dieser Beziehung auseinander setzen zu müssen. Deshalb die Absage. Auch ein Gefühl, momentan sehr gut ohne Betreuung klar zu kommen, sie nicht mehr zu brauchen. Und Wegstoßen wollen, Abstand halten wollen. Bloß nicht wieder so nah kommen und wieder mit solchen heftigen Gefühlen konfrontiert zu sein. Eine Bindung fühlte ich nicht mehr. Kein Vertrauen und kein Gefühl mehr, mich bei ihr entlasten zu können.

Gerade heute, wo wir uns eigentlich das erste Mal wiedergesehen hätten, mache ich abends den Briefkasten auf und ein Brief von ihr ist darin. Verschickt am 18.06.. Ich bin in Tränen ausgebrochen, hab gelegentlich mal fassungslos gelacht und war unglaublich wütend. Ich habe das Universum beschimpft, wie es mir so etwas antun kann, all dieses Leiden und gleichzeitig war mir klar, dass ich Riesiges bewältigt habe und diese Situation mich dort hin geführt hat. Trotzdem… soviel Schmerz. Das hätte alles nicht sein gemusst.

Und dazu ist diese Karte auch noch so liebevoll gemacht und so nah, dass ich deswegen noch mehr weinen musste. Sie hatte extra ein Bild kopiert und darauf geklebt, welches mir mal sehr gefiel und diesen Text dazu geschrieben: „Liebe Frau …, liebe kleine Sophie, ich bin im Urlaub, aber nicht weg von der Welt. Ich bin immer noch da und ich komme auch wieder und freue mich darauf, sie wiederzusehen. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Lieben Gruß …“

Nichts ist umsonst, ich weiß. Aber diese Sache hatte einen hohen Preis. Ich weiß noch nicht, wie sich das auf die weitere Beziehung auswirkt. Es tat so weh und das irgendwie alles umsonst. Versteh das mal einer.

Ich bin hin und her gerissen. Habe aber nicht mehr das Gefühl, sie wegstoßen zu müssen.

 

4 Kommentare zu “Ironie des Schicksals

  1. marienkäfer sagt:

    Ich kann leider nicht viel Produktives dazu sagen aber ich verstehe dich sehr gut. Ich habe das sehr oft auch so mit Helfern erlebt. Diese Schwierigkeiten mit Nähe, Angst, Distanz. Abhängigkeitsgefühle die schrecklich quälen, sich dann alleine und verlassen fühlen, wütend und böse sein. Ich habe das alles immer sehr abgewehrt und leider nicht kommunizieren können mit den entsprechenden Helfern, die haben nicht davon erfahren. Außerdem dachte ich, bis ich deinen Text gerade gelesen habe, dass ich die einzige bin, die sowas hat. Konnte das nie zuordnen und habe mich furchtbar geschämt. Dadurch, dass ich es nicht klären konnte, ist es für jede neue Helfer-Beziehung schwieriger geworden denn ich habe mich nicht darauf einlassen können.
    Ich sehe du bist da schon wesentlich weiter, das zeigt alleine schon diese liebe Karte die du bekommen hast.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft, um das für dich klären zu können. Danke fürs Teilen ❤

    • sophie0816 sagt:

      diese scham kenne ich. die habe ich auch immer noch. trotzdem werde ich ihr wahrscheinlich meine schriftlichen notizen zeigen, damit sie sehen kann, wie es mir ging. auch, wenn das heißt, dass ich vor scham irgendetwas abspalten muss. ist dann auch okay. dieses zeigen und gesehen werden, ist so ein fundamentales thema.
      ich danke dir dafür, dass du dich hier mit deinen gedanken zeigst!

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