Vielleicht können Sie bleiben

Ich bin ziemlich beeindruckt, was hier seit den Rauhnächten in mir passiert.

Ich hatte gleich zu Beginn der Rauhnächte, die Beziehung zu Frau Helferin in den Heilungsraum des Kurses gelegt.

Seit dem habe ich fast täglich das Gefühl, dass sich etwas in mir dazu verändert, mit völlig neuen Empfindungen und Gedanken die ich geradezu revolutionär finde.

Einige Notizen aus den Tagen:

29.12.2015
Ich hatte erst das Gefühl, ich muss mich jetzt trennen, ich muss Sie vergessen, loslassen, ich muss jetzt alleine sorgen.

Aber dass es vielleicht auch okay ist, dass Sie in mir trotzdem noch da sind, ich mich mit diesem Bild von Ihnen verbinden kann, ohne sie real zu sehen, die Idee ist mir heute erst gekommen. Dass das okay sein könnte, eben für die Teile in mir, die dieses (Vor-)Bild brauchen, weil sie nie eines hatten. Dass das dann nicht gleichzusetzen ist mit Abhängigkeit und schlecht ist. Das die jüngeren Anteile in mir Sie gar nicht loslassen brauchen, sondern sie behalten dürfen. Dass das beides nebeneinander geht. Sie sind im Innen da für Anteile und ich bin ebenso da für mich.

Das ist eine schöne Idee.

Neu wäre daran, dass ich diese Verbindung zulassen kann.

02.01.2016
Jetzt in den Rauhnächten tauchen Sie täglich in mir auf. Es fällt mir schwer, Sie nicht jedes Mal wegzuschieben und dieses Verbundenheitsgefühl zuzulassen, auszuhalten, obwohl es ja ein ersehntes, gewünschtes Gefühl ist. Ich muss mich immer wieder aufs Neue bewusst dazu entscheiden mich anzunähern.

Und es ist groß! Es ist wirklich groß! Es ist neu und es ist fremd. Es dehnt meinen Brustkorb aus und mein Herzfeld, in Bereiche wo ich mich ängstlich frage, halte ich dieses Gefühl aus, passt das alles in mich hinein und ist das überhaupt gut und richtig?

Heute kam etwas Neues hinzu. Und ich frage mich, darf ich eine gefühlte körperliche Verschmelzung mit Ihnen zulassen?

Das Gefühl war da. Ich konnte mich etwas dafür öffnen und es einatmen. Es war riesig und traf kurz auf inneren Schmerz. Da hat sich etwas berührt, wo vorher noch keine Berührung existierte.

Vielleicht ist das alles okay so, wenn ich mir überlege, dass im Säuglingsalter das Gefühl einer körperlichen Verschmelzung mit der Mutter etwas ganz natürliches ist. Eins sein. Vielleicht können kleinere Anteile hier etwas nachholen. Wer weiß.

Nein danke

Ich erlebe gerade, dass es für mich viel mehr Mut braucht zu etwas ‚Nein‘ zu sagen, als zu etwas ‚Ja‘ zu sagen.

Nein, ich entscheide mich gegen eine psychiatrische Krisenaufnahme.

Wie viel Mut mich das kostet, meinem Gefühl zu Vertrauen. Wie viel Mut mich das kostet, trotz aller Angstgedanken, warum eine Aufnahme vielleicht doch besser sein könnte, dazu ’nein‘ zu sagen. Wie viel Kraft das kostet, mich immer wieder aus der Infragestellung meiner Entscheidung heraus zu holen.

Ich fühle, dass ich das nicht brauche, dass ich mich selbst halten und schützen kann. Und ich erlebe es auch nach und nach.

Diese Gefühle zwanghaft immer wieder in Frage zu stellen, ist eine echte Selbst-Quälerei.

Doch ich glaube, es wird besser.

Das Wiedererleben von Traumagefühlen hing mit dem Yoga zusammen. Längere Geschichte. War die letzten drei Termine nicht da und man telefoniert mir tatsächlich nach. Ich hatte bisher keine Gelegenheit mich dort zu erklären, weil dann das Trauma dazwischen kam und ich deshalb beschlossen hatte, erklärungslos zu kündigen, weil alles andere überforderte.

Die Kontaktaufnahme forderte mich nun auf Stellung zu beziehen und nicht nur das, auch ’nein‘ zu sagen. Sie sprachen auf meinen AB, wussten von den letzten zwei Terminen schon, dass es mir nicht so besonders geht. Empfahlen viel Yoga zu Hause zu machen und auf jeden Fall das nächste Mal zu kommen. Genau das, was ich nicht mehr wollte. Ich wollte keine Grenzerfahrungen mehr sammeln. Davon gab es im Augenblick genug.

Allein dieser Anruf erzeugte diesen Druck, dieses ‚ich muss jetzt‘ und ich habe keine andere Wahl. Jemand fordert das. Mit dieser Verzweiflung schrieb ich dann also meine Gründe, warum ich kein Yoga mache.

Das brauchte auch so viel Mut, eine Grenze zu ziehen. Zu sagen, ’nein‘ ich mache das nicht, auch wenn du glaubst, es wäre das Beste für mich. Ein Hauch von Gefühl in mir zu finden, dass mein Gefühl dafür, was das Beste für mich ist, das wichtigere ist.

Mit diesem Gefühl ist es ein Eiertanz. Es ist da, es ist weg. Ich darf. Ich darf nicht. Der Andere ist eine Autorität und der ist zu folgen, der weiß es besser. Der Andere ist auch nur ein Mensch, mit seinen ganz eigenen Erfahrungen, die erst einmal für ihn selbst gelten.

Darauf kam eine E-Mail-Antwort zurück. Ein Dank für Ehrlichkeit. Ein Verstehen wollen worum es genau geht, um helfen zu können, mit einer direkten Termineinladung.

Boarrr, Übungsfeld, Übungsfeld. Jemand will mir helfen und ich sage ’nein‘ dazu. Schuldgefühle wollen nach vorne drängen. Ich wäre selbst schuld an meinen Symptomen, weil ich mir nicht helfen lasse. Als wäre ich alleine von dieser Hilfe abhängig. Als gäbe es dort die Rettung und danach ist alles gut. Das stimmt so aber nicht und ich will mir dieses Denken nicht anziehen.

Mein Gefühl sagt ’nein‘ zu dieser Hilfe, ohne zu wissen, wie die eigentlich aussehen könnte. Mein Gefühl sagt, ich bekomme die ganze Zeit Hilfe/Unterstützung und diese reicht aus. Es ist alles gut.

Dazu habe ich versucht mutig zu stehen und eine entsprechende Mail zurück geschrieben.

Meine Gedanken zweifeln das an. Sollte ich nicht doch? Ist doch nichts dabei? Kann man doch ausprobieren? Blahblahblah.

Ich hörte neulich eine Erfahrung, die mich aus dem Hintergrund stärkt.

Feuerlaufen. Die Menschen die mit Angst davor standen, wurden befeuert, bestärkt, motiviert sich zu trauen. Es gab welche, die taten es nicht. Und auch diese wurden zum Abschluss bejubelt und geehrt, weil sie sich trauten auf sich zu hören und ’nein‘ zu sagen, als sich zu etwas anzutreiben, zu dem sie (noch) nicht bereit waren und sich Verbrennungen zuzufügen.

Ironie des Schicksals

Oder, das Universum traut mir große Aufgaben zu.

Frau Helferin (ambulante Betreuung) wollte doch eine Karte schicken, bevor sie hier in den Flieger steigt, Richtung 3 Wochen Urlaub.

Keine Karte kam.

Ich hatte deshalb eine richtig fette Krise, heftige Verzweiflung und Not, viel Krisenintervention, auch um selbstverletzendes Verhalten zu verhindern. Und zusätzlich erlebte ich den Wechsel der Betreuung von ihr zu einer Vertretung, als so heftigen Bruch, der im Inneren gar nicht verstanden werden konnte. Warum da vorher Nähe war und dann plötzlich nicht mehr, wo doch so viel alleine nur wegen dieser Nähe nach vorne gekommen ist und nun ganz schrecklich, ohne Halt in der Luft hing, ohne Gegenüber.

 

Notizen vom 26.06.2015

„Wissen sie, ich habe mich da eingelassen, auf ihre Idee vom Nachreifen. Und jetzt sitze ich hier, voller Schmerz und Verzweiflung, ganz alleine und weiß nicht mehr, ob das eine gute Idee ist. Ob ihnen eigentlich klar ist, was sie da auslösen.

Da werde ich wütend, wenn ich Herrn … (Vertretung) frage, auf welchem Stand er ist, was er weiß und er mir erzählt, dass es gut laufen würde, ich mir näher komme. Und er aber nicht weiß, was dieses Näherkommen für Türen aufstößt, Dinge auslöst, Emotionen hervorholt. Ich weiß nicht mal, ob sie das überhaupt wissen. Ich fühle mich alleine gelassen. Ich fühle mich alleine.

Dass sie nicht da sind, tut unglaublich weh. Und ihr Brief ist auch nicht gekommen. Haben sie mich vergessen? Liegt es an der streikenden Post?

Ich sitze hier in meiner Verzweiflung, heule herum. Hab in meiner Not in ein Diktiergerät gesprochen und geweint, damit ich überhaupt festhalten kann, was ich fühle. Damit es vielleicht doch jemand mitbekommt, dass da noch mehr läuft, als das gute Bewältigen von Panikattacken.

Ich fühle mich armselig, weil ich so fühle. Habe mich deshalb ziemlich stark geboxt.

War es richtig sich auf Nähe einzulassen? Wo führt das jetzt hin? Sie fehlen mir. Da ist ein riesen Schmerz. Das soll gut sein? Das soll hilfreich sein? Wie geht es weiter? Was soll ich damit tun? Ist es gut, diese Abhängigkeitsgefühle zuzulassen? Ist es gut, es überhaupt aktiviert zu haben? Wissen sie, auf was sie sich da einlassen? Können sie mir versprechen, dass es am Ende gut ausgeht?

Diesen Prozess alleine zu tragen ist unfair. Damit jetzt alleine dazusitzen ist unfair.“

 

So nach 1,5 – 2 Wochen klangen die Gefühle ab. Die Karte wurde nicht mehr wichtig. Ich weiß nicht, was dazu im Inneren los war, aber ich richtete mich darauf ein, dass ich alleine war und bin. Wut florierte unkonkret herum.

Die Urlaubszeit war um. Heute hätten wir unseren ersten regulären Termin gehabt, welchen ich absagte. Immer noch keine Karte da. Viel Wut. Angst vor der Begegnung und Klärung. Überforderung, zu den bisherigen täglichen Anstrengungen, mich auch noch mit dieser Beziehung auseinander setzen zu müssen. Deshalb die Absage. Auch ein Gefühl, momentan sehr gut ohne Betreuung klar zu kommen, sie nicht mehr zu brauchen. Und Wegstoßen wollen, Abstand halten wollen. Bloß nicht wieder so nah kommen und wieder mit solchen heftigen Gefühlen konfrontiert zu sein. Eine Bindung fühlte ich nicht mehr. Kein Vertrauen und kein Gefühl mehr, mich bei ihr entlasten zu können.

Gerade heute, wo wir uns eigentlich das erste Mal wiedergesehen hätten, mache ich abends den Briefkasten auf und ein Brief von ihr ist darin. Verschickt am 18.06.. Ich bin in Tränen ausgebrochen, hab gelegentlich mal fassungslos gelacht und war unglaublich wütend. Ich habe das Universum beschimpft, wie es mir so etwas antun kann, all dieses Leiden und gleichzeitig war mir klar, dass ich Riesiges bewältigt habe und diese Situation mich dort hin geführt hat. Trotzdem… soviel Schmerz. Das hätte alles nicht sein gemusst.

Und dazu ist diese Karte auch noch so liebevoll gemacht und so nah, dass ich deswegen noch mehr weinen musste. Sie hatte extra ein Bild kopiert und darauf geklebt, welches mir mal sehr gefiel und diesen Text dazu geschrieben: „Liebe Frau …, liebe kleine Sophie, ich bin im Urlaub, aber nicht weg von der Welt. Ich bin immer noch da und ich komme auch wieder und freue mich darauf, sie wiederzusehen. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Lieben Gruß …“

Nichts ist umsonst, ich weiß. Aber diese Sache hatte einen hohen Preis. Ich weiß noch nicht, wie sich das auf die weitere Beziehung auswirkt. Es tat so weh und das irgendwie alles umsonst. Versteh das mal einer.

Ich bin hin und her gerissen. Habe aber nicht mehr das Gefühl, sie wegstoßen zu müssen.

 

Wie die Dinge manchmal laufen oder ein klassischer Fall von Sucht

Wenn man es besser weiß und sich trotzdem nicht anders verhalten kann. Eines greift ins andere. Ein Dominoeffekt.

Ein kurzer Moment reicht aus. Ein kleiner Spalt in der Tür und was sich erst wie ein frischer Luftzug anfühlt, wird zu einem kräftigen Durchzug, bei dem man all seine Kraft braucht, um die Tür wieder zu zubekommen.

Ein schmerzvoller Abend und gleichzeitig Werbung für psychedelische Pilze im E-Mailpostfach. Der erste Klick auf die Seite und schon schnappt die Suchtfalle zu. Der Blick verengt sich. Es wird nicht mehr nachgedacht, nicht links und rechts geschaut, nur noch gehandelt. Weitere Klicks folgen, Produkte in den Warenkorb gepackt. Weitere Handlungen folgen, Bedingungen werden in Kauf genommen, die man sonst nie eingehen würde. Auch ein klassisches Merkmal von Suchtstrukturen. Es wird mehr bestellt als nötig, um den Mindestbestellwert zu erreichen. Unklare Legalität wird in Kauf genommen und ein Entdeckt werden durch den Zoll. Einem Online-Banking-Verfahren für Auslandsüberweisungen wird zugestimmt, obwohl man gar nicht versteht, für was genau man da eigentlich zustimmt. Hauptsache der Deal läuft.

Einen Tag später habe ich tatsächlich erst einmal völlig vergessen, was ich da am Vorabend getan habe. Dann fällt es mir wieder ein und ich erkenne selbst, wie süchtig ich mich verhalten habe, wie untypisch risikobereit. Ich spreche mit einer Freundin darüber, kann herzlich über meine Beklopptheit lachen und find gleichzeitig so einen Pilzkonsum ja auch gar nicht so schlimm. Ambivalenz. Ein weiterer Klassiker von Suchtstrukturen.

Tagelang geht es hin und her. Mal ganz realistisch die Fakten betrachtend – ich bin psychisch nicht stabil, nehme Psychopharmaka, neige zu Dissoziationen – wonach von einem Konsum absolut abzuraten ist und ich das auch okay finde und dann wieder Tunnelblickartig verharmlosend sich auf den Konsum zu freuen.

Ich hab dann irgendwie gehofft, dass der Zoll das Zeug einfach abfängt und es gar nicht bei mir ankommt. Oder ein weiterer Plan war, dass ich das Zeug einfach in den Keller packe und vergesse, bis ein passender Moment dafür kommt. Suchtstruktur hallo! Man glaubt, man könne den Konsum kontrollieren. Kann man aber nicht, sonst wäre man nicht süchtig. Und ganz bestimmt hätte ich nicht vergessen können, dass da zwei Päckchen Pilze in meinem Keller liegen und ich einfach nur die Treppe nach unten gehen brauche, um sie zu holen.

Nach dem letzten Gespräch mit Frau Helferin, in dem ich ihr davon berichte und sie mir ein Versprechen abringt, nicht während ihres Urlaubes zu konsumieren, ist auch schon am nächsten Tag die Post angekommen.

Nur schon beim Blick in den Briefkasten, auf den Umschlag, wird mir bewusst wie stark die Sogwirkung ist und ich schließe ihn sofort wieder. Mein erster Gedanke ist, um Gottes willen, ich darf den Brief gar nicht mit hoch nehmen, aufmachen und am besten muss der gleich weg zu irgendjemand anderes in den Keller. Mich schützen, aber es trotzdem verfügbar halten.

Ich versuche jemanden telefonisch zu erreichen, bei dem ich es lagern kann. Erreiche aber niemanden, so dass ich abends nach Hause komme und ganz selbstverständlich den Briefkasten öffne und den Umschlag mit hoch nehme. Man ist ja auch neugierig, wie es so aussieht und schon ist es auch alles gar nicht mehr so schlimm und man merkt gar nicht, wie sehr die Aufmerksamkeit um die Droge kreist, was ein weiteres Merkmal für Sucht ist.

Ich stelle also fest, dass die Pilze frisch sind und nicht lange gelagert werden können, ohne zu schimmeln. Ich fange an im Internet zu lesen, über Lagerung, Trocknung, Verhaltensregeln bei Konsum usw. usf.. Die Ambivalenz ist stetig vorhanden. Aktuell zu konsumieren wäre dumm und gleichzeitig nach einer günstigen Gelegenheit Ausschau halten. Das Versprechen an Frau Helferin hat überhaupt keine Bedeutung. Und den Gedanken zuzulassen, dass ich es einfach ganz lassen sollte, alles wegschmeißen, ist überhaupt nicht möglich.

Ich entscheide mich für das Trocknen. Viel innere Aufmerksamkeit ist in das Thema geflossen. Jeden Tag bin ich damit beschäftigt. Es wird an den Bedingungen für die Trocknung gebastelt. Es ist spannend. 4 Tage sind vergangen.

Der 5te Tag. Ich bin in der Kontakt- und Beratungsstelle zu Kaffee und Kuchen. Im Geist wäge ich einen heutigen Konsum ab. Meine Stimmung ist gut. Das reicht mir aus. Das es dann spät wird und ich am nächsten Tag wieder früh aufstehen muss und arbeiten gehe, ist unrelevant. Ich rechne herum und bin unentschlossen. Esse ich jetzt hier den Kuchen mit, muss ich länger bis zur Einnahme warten, damit der Magen leer ist. Vernunftgedanken gibt es auch noch, die immer mal wieder einschieben, ach lass es sein, muss ja heute auch nicht sein.

Hat trotzdem nichts gebracht. Abends nehme ich eine Minimaldosis, die ich mir als Testung verkaufe.

Der Preis für ein paar Stunden seichtest Verliebtheits- und Innigkeitsgefühl mit der Welt ist hoch. Unangenehme Hungerzeit. Unangenehme Kopfempfindungen, auch noch den ganzen nächsten Tag, wegen der Wechselwirkung mit den Medikamenten. Ewig lange nicht einschlafen können. Kreislaufschwäche. Am nächsten Tag in ziemlich mieser Stimmung und schlechter körperlicher/geistiger Verfassung, erst nicht aus dem Bett kommen. Die Arbeit nur zur Hälfte schaffen. Ein schlechtes Gewissen, bis Reuegefühle. Unterschwellige Aggression. Anspannung auf Grund des Verheimlichens.

Doch all das reicht immer noch nicht aus, meinen Umgang damit zu verändern.

Ich mache mich im Vertretungsgespräch auf. Komme dort zumindest schon zu dem Entschluss, zu versuchen, dass noch verschlossene Päckchen loszuwerden, jemandem zu schenken oder so und den Rest vom offenen Päckchen zu trocknen. Auf einen weiteren Konsum hab ich in dem Moment überhaupt keine Lust.

Am Ende des Gespräches habe ich ein ganz mieses Gefühl zu gehen. Ich bin so wenig im Kontakt gewesen, dass es mir so vorkommt, als hätte dieser Termin gar nicht stattgefunden. Mein Vertretungsgegenüber war meist in einer zuhörenden Position, so dass ich ihn kaum spüren konnte. Ich teile ihm das mit, dass mir ein zugehen auf mich, aktiv teilnehmen, helfen würde, mehr den Kontakt zu spüren. Dann kam es zu einer schmerzhaften Situation, weil seine Antwort darauf, von kindlichen Anteilen anders bewertet wurde, als wie es gemeint war. Er war sehr ehrlich und sagte mir, warum er sich heute so zurück gehalten hat. Einmal, weil er mich nicht überlasten wollte, so im ersten Kontakt, in einer Vertretungssituation und zum zweiten, weil er an den Konsum von Gestern dachte und das Gefühl hatte, dass das dann nicht so viel bringt. Autsch! Das tat weh. Bei mir kam an, alles was ich erzählt habe, womit ich mich offenbarte, hat nichts gebracht, hat keine Bedeutung, hätte man auch sein lassen können. Ich war nicht von Bedeutung, in dem Zustand wie ich da war!

Ich konnte das noch zurückmelden und habe auch die eigentliche Aussage verstanden. Trotzdem lief das Gefühlte in mir weiter, so dass ich auf dem Weg nach Hause im Bus saß und mich plötzlich in alles einnehmenden Wertlosigkeitsgefühlen wiederfand, die mit der eh insgesamt schlechten Verfassung zusammenflossen. Ein Konsum öffnet die Tür zum nächsten Konsum. Ich wollte mich wegschießen. Überlegte, dass ich einfach alle Termine am nächsten Tag und auch am übernächsten Tag cancel und mich in den Rausch zurückziehe. Alles wurde mir scheißegal.

Gott sei Dank wurde mir diese Zuspitzung dort im Bus bewusst und zum ersten Mal wurde mir klar, ich komme da nur wieder raus, wenn ich das Zeug sofort vernichte. Die Vorstellung tat weh! Meine Güte, wie tief war ich schon in der Abhängigkeit verstrickt.

Alleine brachte ich es nicht übers Herz, alles ins Klo zu werfen. Ich rief noch mal Herrn Helfer an, mit reichlich inneren Widerständen und bat ihn mich telefonisch zu begleiten.

Schluss! Aus! Vorbei! Weg war es. Ich legte auf und brach auf der Toilette sitzend in Tränen aus. Es fühlte sich schrecklich an, als hätte man mir etwas Lebenswichtiges weggenommen.

So funktioniert Sucht.

Boarhhh, ich bin froh, dass dieses Kapitel ein Ende hat.

Platz daaa!

Notizen vom 02.05.2015

Mein Vater hat ein jedes „ich will“ als Angriff, als ein Infrage stellen seiner Person empfunden. Es scheint so, als ob er keine weitere Kraft neben sich ertragen konnte, als ob er immer das Gefühl brauchte, ganz oben auf zu sein. Und von dem was er mir so von sich erzählte, scheint eine Bedrohung seiner Autorität für ihn eine existenzielle Bedrohung gewesen zu sein, verbunden mit Ohnmachtsgefühlen.

Erstaunlich! Ich sehe es plötzlich ganz klar, wie sich alles bedingt, miteinander verkettet ist.

Ich kam darauf, weil ich seit einigen Monaten mein eigenes, kräftiger werdendes „ich will“ spüre. Oft auf eine kindliche, trotzige Art. Auf eine kindliche, verzweifelte Art, wenn es darum geht, das jemand da sein soll, das Nähe, Kontakt nicht genug ist.

In der Therapie wurde das mal mit einem Kind vor dem Süßigkeitenregal an der Kasse verglichen. Es wirft sich heulend, verzweifelt auf den Boden, strampelt und muss mit seinem „ich will aber“ klar kommen.

Ich finde das gut, dieses „ich will“ in mir. Ich glaube, das ist der Zugang zu meiner Kraft, zu meinem Potenzial, zu einem aktiven, vorwärtsschreitendem Leben.

Das hatte ich als Kind nicht. Ich hatte nichts zu wollen. Ich hatte auch keine Pubertät-Wut-Ablöse-Phase gehabt. Von was denn Ablösen, wenn man nichts hat, was man als Eigenes empfindet und verteidigen will. Ich konnte nicht lernen mit meiner Kraft umzugehen, weil ich sie nicht empfunden habe. Ich konnte mit ihr keine Erfahrungen sammeln. Ich konnte sie nicht ausdrücken. Mein „ich will“ wurde sofort gebrochen, als es in Erscheinung trat.

Das hält klein. Das hält abhängig. Andere entscheiden für mich. Andere geben vor, was ich zu wollen habe. So bin ich durchs Leben gelaufen. Eine ganze lange Ewigkeit. Ohne Ziel, ohne Ausrichtung, ohne treibende Willenskraft. Der jahrelange Drogenkonsum unterstrich das Ganze noch mal.

Seit einiger Zeit fühle ich sehr stark diese gewaltige, schlummernde Kraft in mir. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich wirklich verdammt gut an! Es fühlt sich nach kraftvollem Schreien an. Nach Kampfgeschrei. Es fühlt sich nach festem Körper, der vorwärtsschreitet an. Nach Aufgerichtet sein. Nach klaren, offenen, nach vorne gerichteten Augen. Nach Mut. Nach Lebensausdruck und auch nach Lebenslust. Und es fühlt sich ganz eindeutig auch nach Macht an.

 

Nachtrag 15.05.2015

Das habe ich einen Tag nach der Heil-Behandlung bei Manuela geschrieben. Ich fand es an dem Tag ganz erstaunlich, ein Gefühl von Lust auf Machtausübung zu spüren. So etwas hatte ich vorher noch nie gefühlt. Und es passte für mich als Auswirkung der Behandlung, da wir auch Energie in viele vergangene Situationen des ausgeliefert-seins geschickt haben. Als wäre ich auf den gegenüberliegenden Pol dieses Gefühl gesprungen.

Das Gefühl von Ärger, Aggression und Wut ist definitiv seit diesem Termin gewachsen. Qualitäten die ich aus meinem Leben kaum kenne. Es ist sehr herausfordernd und nicht leicht damit umzugehen. Auf der anderen Seite macht es aber auch Freude, weil ich weniger Angst vor Reibung in zwischenmenschlichen Dingen habe. Ich spüre schneller meinen Ärger, wenn ich mich nicht gesehen fühle oder nicht verstanden und kann es so auch schneller klären. Es ist interessant, weil ich auch merke, wie gut solche Sachen zu klären sind. Ich fühle mich irgendwie forscher. Nicht mehr so überängstlich abgelehnt zu werden. Trete etwas mehr nach außen auf.

Und ich empfinde mein „ich will“ nicht mehr als so kindlich, sondern eher als dominant und stark.

Abhängigkeiten

Seit Anfang des Jahres 2009 keine abhängige Partnerschaft mehr.

Seit dem 01.04.2009 keinen eigenen Fernseher.

Seit Mitte 2009 kein intensives Computerspielen mehr.

Im Jahr 2009 das letzte Mal Kokain, Speed, Pilze, Ecstasy usw. konsumiert.

Im Mai 2011 das letzte Mal THC konsumiert.

Am 19.05.2014 die letzte Zigarette geraucht.

Am 11.10.2014 die letzte Flasche Alkohol getrunken.

Am 31.10.2014 das letzte Red-Bull.

Dunkle Vergangenheit

Schockerlebnis, mit heftiger Angst, die nicht abgebaut werden kann und damit ein Teil von meinem Selbst wird.
Frühstück. Tante zu Besuch. Ich vielleicht 8 Jahre. Es ist lustig. Schlagabtausch. Vater genervt. Wir sollen ruhig sein. Lachen, Reden geht weiter. Motiviert durch meine Tante. Peng! macht es und mein Kopf schlägt nach vorne auf den Tisch, reißt eine Teekanne um, die sich über den Tisch ergiesst. Schock. Völlig unerwartet traf mich dieser Schlag von meinem Vater. Völlig unvorbereitet. Mit der Mutter ins Bad. Tränen werden zurück gedrängt. Wiederherrichten im Bad. Kein auf-den-Arm-nehmen. Zusammenreißen. Gesicht frisch machen. Wieder vorzeigbar werden. Keine soziale Unterstützung. Das Ereignis wird nicht verarbeitet. Nur zurück gedrängt.
Ich will um Gottes willen nicht zurück an den Tisch. Sitze wieder da. Mein Blick krallt sich an meinem Teller fest. So tun, als wenn alles normal wäre. Normalität festhalten. Außen ausblenden. Angst. Innen tut alles weh. „Hör auf zu heulen!“ Fühle gebrochenen Wände meiner selbst. Geduckte Haltung. Körpergrenzen wurden überschritten. Sicherheit zerstört.

Nächste Erinnerung.
Ich war ein Kind im Körper einer Jugendlichen. Ich kannte keinen Selbstausdruck, keine Selbstbehauptung. Ich war angepasst, unauffällig, wohlerzogen und pflichtbewusst. Eine weiche, formbare Masse. Biegsam. Profillos.
Ein erwachsener Mann macht sich das zum Nutzen. Meine kindliche Suche nach Nähe, Schutz und Zuwendung. Er erkennt die Spielwiese, die sich ihm da bietet. Macht sich meine Abhängigkeit, meine Sehnsucht nach Liebe zu eigen. Manipuliert, lenkt, kontrolliert auf ganz subtile Art und Weise. Ich unterwerfe mich, freiwillig. Unterwerfung ist etwas, was ich gut kenne. Für mich ist es Liebe. Ich gebe mich ganz.
Ich darf den Schlüssel zu seiner Wohnung haben. Oh ho, was für eine Ehre damals. Ich fühle mich so besonders. Endlich ist da jemand.
Für ihn war ich wohl sein Freifahrtschein. Leicht verfügbare Sexualität. Widerspruchslos. Lernwillig. Warten auf Anweisung. Nackt angerichtet, wenn er nach Hause kam. Was für ein Luxus. Über ein Jahr lang.
Der heutige Schock. Ich war ein Kind in einem 16-jährigem Körper, welches kein Verlangen nach Sexualität verspürte. Ich wollte das alles gar nicht!

Sich Linderung erschreiben

Es ist keine Unruhe. Es ist Verlangen. Unbefriedigtes Verlangen, das unruhig macht. Unerkannt drängt es mich in mühsamen Aktionismus. Nicht, weil die Motivation da ist. Nicht, weil die Kraft da ist. Weil Stillhalten nicht auszuhalten scheint.

Ich bin so müde. Will gerne stillhalten. Hinlegen. Schlafen.

Etwas reißt mich immer wieder raus, kurz bevor…. Ein Klingeln an der Tür. Ein Klingeln des Telefons. Danach wieder Unruhe. Müde Unruhe.

Alles Geplante halbabwesend erledigt. Ich kann nicht mehr. Mehr Pseudobeschäftigung geht nicht.

Aus Ermangelung von Alternativen stelle ich mich mir selbst, schaue nach innen, so gut es mit Halbanwesenheit geht.

Liegend auf der Couch, frage ich still in die Unruhe in meinen Körper hinein. „Was soll ich damit anfangen?“

Nutze sie!

Puhhh… „Wofür?“

Schreiben.

Hmmm, ja… die Worte drängen in der letzten Woche nur so aus mir heraus. Ist mir schon aufgefallen. Meine Art der Verarbeitung, wenn weniger Gespräche im Außen möglich sind. „Über was soll ich schreiben?“

Yoga. Reiki?

Keine hilfreichen Impulse. Damit kann ich nichts anfangen. Ist mir nicht nach.

Am Küchentisch. Lustlos, ziellos überlasse ich mich der Idee des Schreibens. Stift und Zettel liegen vor mir. Vielleicht ergibt sich was, wenn ich hier sitze. Ich schreibe einfach ganz ohne Plan und Logik alles auf was kommt.                Erster Gedanke: Ohnmacht macht mich wütend.                Und das war es dann auch. Leere. Körper. Raum. Müüüde.

Schaue das RedBull neben mir an.                Es bringt nichts. Es kickt nicht, wie erhofft. Irgendetwas fehlt. Lande gedanklich wieder bei der Unruhe und finde dahinter ein Verlangen. Unbefriedigtes Verlangen. Getriebenes Suchen.          Nach was?

Ich mag da nicht weiter fühlen. Ich mag da nicht weiter fühlen! Ich mag mich nicht schon wieder schlecht fühlen. Ich mag nicht wieder weinen. Nicht in dieser momentanen Zeit. Nicht auseinanderfallen. Ich muss diese Wochen alleine so gut es geht unbeschadet überstehen.

(Einsamkeit… Alleine… Nicht zu befriedigendes Verlangen nach jemandem. Den ganzen Tag Impulse nach Gesellschaft zurückdrängen. Kontakt nicht vorstellbar. Nie nah genug. Nie wie ich es bräuchte. Verschmolzen. Verlangen würde nur schmerzhaft verstärkt werden. Lieber alleine bleiben.)

Kommunikation.
Engelkarte von heute Morgen für den Tag: „Kommunikation und Kunst“.
Später eine Zeile in einem Buch von Sabrina Fox: „Kommunikation und Kunst“. Schon wieder!

Kontakt herstellen. Kommunizieren. Doch versuchen? Widerstände quälen.
Andere nicht belasten wollen. Von anderen nicht abhängig sein wollen. Anderen nicht zeigen, dass ich gerade etwas brauche.

Es siegt der Wille zur Selbstfürsorge, zur Linderung. Gesellschaft täte gut und sei es gemeinsam einen Film zu schauen. Indirektes Zusammensein. Das würde gehen.

Ein sehr offenes Telefonat folgt. Es tut gut!
Stimme hören. Zuhören. Selber sprechen. In Verbindung sein. Ängste aussprechen. Widerstände zeigen. Bedürftigkeit zeigen. Schwächen zeigen. Stärken sehen. Not teilen. Mitgefühl und Verständnis bekommen.
Ein Treffen kommt nicht zustande. Doch dieses Gespräch hat schon so gelindert. Unerwartet.

Reflexion zur Meditation

Meditation ist gleich Absichtslosigkeit und Schauen. Ich setze mich auf das Kissen. Ich brauche die Absicht mich auf das Kissen zu setzen. Ich wähle den Atem als Meditationsobjekt. Diese Wahl ist ebenso eine Absicht. Verlasse ich das Meditationsobjekt, braucht es die Absicht, zu ihm zurück zu kehren. Die Fokussierung braucht Absicht. Ohne geht es also nicht. Mich hinzusetzen, um absichtslos da zu sein und zu schauen, ist Absicht. Die Absicht bildet der Verstand, der Geist. So weit, so klar.

Was genau passiert bei mir? Ich setze mich also hin, um Atem zu schauen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten die passieren. Die erste ist, dass sich plötzlich meine Absicht den Atem zu schauen verändert und ich ein anderes Meditationsobjekt wähle, welches erwartungsgemäß für mich stärker zu fühlen ist oder ich in diesem Moment als wichtiger erachte. Die zweite Variante ist, dass während des Atem-Schauens Empfindungen entstehen, die den Atem überlappen und meine Aufmerksamkeit wegziehen. Kurz gesagt, es fehlt die Disziplin zurückzukehren oder die Bewusstheit, den Wechsel überhaupt zu erkennen. Eindeutig.
Die Disziplin wird schnell besiegt von der Verspieltheit, die mit den Dingen fließt, neugierig ist, gerne ausprobiert und Neues entdeckt. Die sich lieber ein Stöckchen anschaut, welches sie in den Fluss wirft und beobachtet was passiert, als starr einen Stein im Wasser zu fixieren. Ich mache aus der Meditation eine kreative Spielwiese. Meine Aufmerksamkeit folgt dabei den Dingen die leicht für mich sind. Das betrifft den feinstofflichen Bereich der Energien und Emotionen, eben alles was nicht stofflich ist. Ich verbreitere, trainiere damit einen Wahrnehmungskanal, der eh schon gut vorhanden ist. Vertiefe und verfeinere ihn. So erst mal nichts Schlimmes.
Doch es fehlt etwas, die stoffliche Seite des Seins. Wie so oft geht es um die gesunde Balance.

Die Anfangsabsicht, Atem zu schauen ist schon mal nicht schlecht. Atem wird spürbar durch die Berührung der Luft mit dem inneren Körper oder die Bewegungen des Körpers, um zu atmen. Da wird es für mich schon schwer. Dieser Wahrnehmungskanal ist ein kaum sichtbarer Trampelpfad. Hier wäre es also viel wichtiger, den Kanal durch Training zu verbreitern. Er hat es nötig.
Heißt für mich, es ist nicht mehr leicht und fließend, sondern anstrengend. Anstrengend das Gefühl des Atems erst mal zu finden und dann auch zu halten. Wie wenn ich versuche am Ufer eines strömenden Flusses, im Wasser einen festen Punkt zu fixieren. Der Blick gleitet ab.
Mein Verstand lockt mich mit Argumenten in die andere Richtung. „Meditation soll doch nicht anstrengend sein. Sie soll leicht gehen. Wenn wir also Atem nicht finden, dann nehmen wir etwas was wir fühlen KÖNNEN.“ Und schwups, bin ich im anderen Kanal. Hier fühlt es sich besser an. Hier werde ich nicht frustriert.
Frustration… Frustration entsteht, wenn ich nicht erreiche was ich will. Heißt, ich habe eine Vorstellung davon, wie es sein soll, wo ich hin will. Ja klar, die Anfangsabsicht. Ich will Atem schauen, kann Atem aber nicht schauen, weil Atem nicht fühlbar ist. Und nun? Wechsel ich das Meditationsobjekt. Eigentlich auch sinnvoll. Aber wohin wechsel ich? Ich sollte im Bereich der stofflichen Körperwahrnehmungen bleiben und dort ein neues Objekt suchen.

Die stetige Änderung meiner Absicht kann ich auch außerhalb der Meditation finden. Auf der Reha fragte man mich regelmäßig, mindestens drei Mal nach meinen Zielen. Jedes Mal erzählte ich etwas anderes und war überzeugt, dass es das jetzt ist. Änderten sich die aktuellen Umstände, die Erfahrungen, änderte sich auch mein Ziel. Man sagte mir auch, dass dieses Verhalten Teil der Diagnose sei, also Teil meiner Persönlichkeit.
Es ist insgesamt für mich schwierig, meine Aufmerksamkeit, meine Fokussierung länger bei einer Sache zu halten, ohne mich ablenken zu lassen.

Etwas anderes ist mir in den letzten Tagen noch aufgefallen, was mir Unbehagen bereitet und nicht gerne angeschaut werden will.
Nach dem letzten Meditationserlebnis legte ich sicherheitshalber eine Pause ein und ich schaute mir meine äußere Welt genauer an. Wie ist mein Leben? Wie fühlt es sich an? Es machte sich eine riesige Unzufriedenheit breit. Ich war frustriert. Es gefiel mir nicht, was ich da sah. Es gab nichts Attraktives. Es ist leer und sinnlos.
Wieder erkenne ich, dass etwas fehlt. In der Meditation war es der Körper, im Leben ist es der Ort an dem ich mich einbringen kann, mich entfalten kann, mich wohl und sinnvoll fühle. Ganz klar ziehe ich mir meine positiven Erlebnisse aus den spirituellen, nicht-stofflichen Erfahrungen. Die stoffliche Welt fühlt sich dagegen nicht gut an.
Flucht. Ich flüchte vor dem Unangenehmen, Anstrengendem, Schwierigen. Suchtverlagerung fällt mir dazu ein. Eindeutig. Meditation als Sucht. Unangenehm mir das einzugestehen. Und tatsächlich nach 3 Tagen Pause ist die Anziehungskraft meines Kissens so groß und mit so verheißungsvollen Gefühlen besetzt, dass ich nachgebe. Das einfach nur sitzen zu dürfen und nichts tun zu müssen, als fließen mit dem was ist, tut viel wohler, als das was ich da draußen in meinem Leben sehe und tue.
Und auch der anfängliche große Widerstand, mir dieses Thema überhaupt mal näher anzuschauen und mir einzugestehen, dass es Nachteile bergen könnte, ist ein deutliches Zeichen von Sucht.
Gut das ich das sehen kann! Es macht mich wacher und vorsichtiger.

Die Unzufriedenheit ließ mich auch ein paar Dinge in Angriff nehmen, damit arbeitstechnisch mal etwas in die Gänge kommt.

Das war eine sehr produktive Auseinandersetzung! 🙂

Eine ungewöhnliche Reise

Lange hat es gedauert. Immer wieder kam etwas dazwischen. Doch nun fand er endlich statt, der Termin für einen Schamanischen Gesang bei Zarah. Zur kurzen Erläuterung was das ist, hier ein erklärender Auszug von ihrer Internetseite:

„Schamanische Gesänge erschaffen Realität durch den Klang. Wichtig ist dabei, eine präzise Absicht heraus zu arbeiten (…).“ „ Wenn sich die Absicht rund und stimmig anfühlt, stimme ich mich auf diese Absicht ein und lasse dann die Töne durch mich kommen, die das erschaffen, was du erschaffen willst und welche Energien dafür benötigt werden.“ „Die Gesänge sind vielseitig einsetzbar. Sie können zum Beispiel Blockaden auflösen und Potenziale aktivieren. Sie können dich aber auch an frühere Leben erinnern oder dich mit deiner Seele und deiner Sternenheimat verbinden.“

Wir hatten erst geplant, etwas für meine Inneren Kinder zu singen, um ihnen bei der Heilung ihrer Erfahrungen zu helfen. Dann hatte ich aber nach der Reha das Gefühl, dass auch ich als Jetzt-Erwachsener Hilfe brauche, um wieder Vertrauen in den Prozess und in mich selbst zu finden. Im gemeinsamen nach innen Lauschen, stellte sich dann als brennendstes Thema das Urvertrauen heraus. Damit war alles mit eingeschlossen. Kinder, Erwachsene, Damals, Gegenwart und Zukunft.

Wir setzten uns zusammen, ich mit geschlossenen Augen und Zarah begann durchzulassen, was kommen wollte.
Ich war sofort ergriffen, denn da sprach jemand mit mir, mit mir ganz persönlich. Keine Sprache die ich verstand und doch auf ganz tiefer Ebene fühlte, diese Worte waren direkt an mich gerichtet und wurden auch irgendwo in mir verstanden. Ich fühlte mich sofort klein, schüchtern und scheu. Der Klang dieser Stimme war warm und einladend. Ich vertraute ihr sofort. Sie war mütterlich. Sie respektierte meinen Abstand, meine Scheu, forderte nichts, drängte sich nicht auf. Sie war wie eine offene Umarmung, die auf mich wartete. Ich assoziierte eine weise, alte Frau, vielleicht eine Stammesälteste. Alles an ihr war warm, weich und berührte mein Herz. Für mich eine ganz ungewöhnliche zwischenmenschliche Erfahrung.
Dann folgte Gesang. Im Verlauf wechselten sich gesprochene und gesungene Passagen ab. Die Situation veränderte sich und ich hatte auf einmal das Gefühl, mich in einer weiten, wüstenartigen, kargen Landschaft zu befinden, bei einem Stamm, in dessen Gemeinschaft ich aufgenommen wurde. Das waren unglaublich schöne Gefühle! Ein Zugehörigkeitsgefühl, das ich so aus meinem bisherigen Leben noch nicht kannte. Und es war absolut real. Das Gefühl erschuf Realität. Diese tiefe Gewissheit, ich gehöre zu diesen Leuten, ich bin ein Teil davon, lies eine Festigkeit in mir entstehen. Ich wuchs. Ich reifte. Fühlte mich nicht mehr klein und kindlich wie am Anfang, sondern erwachsen und im Vertrauen. Dann sah ich über dieser Landschaft einen riesigen Sternenhimmel. Ich richtete meinen Blick in die Weite und fühlte mich aufgefordert und auch bereit mich nach oben zu öffnen. Wie eine Einladung in die Welt zu gehen und mich zu entfalten. Dann ist es sehr still und friedlich in mir geworden. Absolut ruhig. Nichts mehr zu tun. Zu Hause. Angekommen. Unglaublich!
Als sie fertig war, fühlte ich mich so wonnig, ausgeglichen und entspannt mit mir, dass mir einfach nur nach hinlegen, zusammenrollen und wohligem Daumenlutschen war, vor lauter Zufriedenheit. Sehr beeindruckend!
Als ich wieder zu Hause war, fiel ich todmüde ins Bett und schlief erst mal zwei Stunden. Als ich danach langsam wach wurde und hinaus in den Wald ging, hatte ich plötzlich ein Wissen und Vertrauen in mir, dass ich keine Therapie und keine Therapeutin brauche. Das ich davon nicht mehr abhängig bin. Das ich frei bin und alles in mir trage, was es braucht. Mit Worten schwer zu beschreiben, dieses Gefühl.

Das ist jetzt etwas mehr als eine Woche her. Die Intensität dessen hat sich etwas abgeschwächt. Diese 100%-Überzeugung ist nicht mehr da. Doch es ist wirklich spürbar gewachsen, das Urvertrauen. Ich will sogar behaupten, dass ganz langsam alles in mir zusammenwächst.
Der Grundstein dafür wurde in der Reha gelegt. Definitiv hat dort schon kindliches Fühlen und Erwachsenes dabei-sein zusammengefunden. Der Gesang ist in diese Erfahrung geflossen und hat sie verstärkt.

Ich fühle mich meiner Kleinen näher. Konnte immer wieder Momente zulassen, ihre Gefühle in mir zu spüren, sie als ICH zu fühlen und dann hinzuzukommen und zu sagen „ich bin da“. Wir waren eins in diesen berührenden Momenten. Es gab nur ICH. Ein ICH in dem alles sein darf und niemand alleine ist. Da ging es bisher vor allem um Angst. Angst so unmittelbar zu fühlen, mit der ganzen Präsenz, mit dem ganzen Körper, ist wirklich nicht einfach. Und trotzdem wäre ich so glücklich, wenn es so weiter läuft.