Platz daaa!

Notizen vom 02.05.2015

Mein Vater hat ein jedes „ich will“ als Angriff, als ein Infrage stellen seiner Person empfunden. Es scheint so, als ob er keine weitere Kraft neben sich ertragen konnte, als ob er immer das Gefühl brauchte, ganz oben auf zu sein. Und von dem was er mir so von sich erzählte, scheint eine Bedrohung seiner Autorität für ihn eine existenzielle Bedrohung gewesen zu sein, verbunden mit Ohnmachtsgefühlen.

Erstaunlich! Ich sehe es plötzlich ganz klar, wie sich alles bedingt, miteinander verkettet ist.

Ich kam darauf, weil ich seit einigen Monaten mein eigenes, kräftiger werdendes „ich will“ spüre. Oft auf eine kindliche, trotzige Art. Auf eine kindliche, verzweifelte Art, wenn es darum geht, das jemand da sein soll, das Nähe, Kontakt nicht genug ist.

In der Therapie wurde das mal mit einem Kind vor dem Süßigkeitenregal an der Kasse verglichen. Es wirft sich heulend, verzweifelt auf den Boden, strampelt und muss mit seinem „ich will aber“ klar kommen.

Ich finde das gut, dieses „ich will“ in mir. Ich glaube, das ist der Zugang zu meiner Kraft, zu meinem Potenzial, zu einem aktiven, vorwärtsschreitendem Leben.

Das hatte ich als Kind nicht. Ich hatte nichts zu wollen. Ich hatte auch keine Pubertät-Wut-Ablöse-Phase gehabt. Von was denn Ablösen, wenn man nichts hat, was man als Eigenes empfindet und verteidigen will. Ich konnte nicht lernen mit meiner Kraft umzugehen, weil ich sie nicht empfunden habe. Ich konnte mit ihr keine Erfahrungen sammeln. Ich konnte sie nicht ausdrücken. Mein „ich will“ wurde sofort gebrochen, als es in Erscheinung trat.

Das hält klein. Das hält abhängig. Andere entscheiden für mich. Andere geben vor, was ich zu wollen habe. So bin ich durchs Leben gelaufen. Eine ganze lange Ewigkeit. Ohne Ziel, ohne Ausrichtung, ohne treibende Willenskraft. Der jahrelange Drogenkonsum unterstrich das Ganze noch mal.

Seit einiger Zeit fühle ich sehr stark diese gewaltige, schlummernde Kraft in mir. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich wirklich verdammt gut an! Es fühlt sich nach kraftvollem Schreien an. Nach Kampfgeschrei. Es fühlt sich nach festem Körper, der vorwärtsschreitet an. Nach Aufgerichtet sein. Nach klaren, offenen, nach vorne gerichteten Augen. Nach Mut. Nach Lebensausdruck und auch nach Lebenslust. Und es fühlt sich ganz eindeutig auch nach Macht an.

 

Nachtrag 15.05.2015

Das habe ich einen Tag nach der Heil-Behandlung bei Manuela geschrieben. Ich fand es an dem Tag ganz erstaunlich, ein Gefühl von Lust auf Machtausübung zu spüren. So etwas hatte ich vorher noch nie gefühlt. Und es passte für mich als Auswirkung der Behandlung, da wir auch Energie in viele vergangene Situationen des ausgeliefert-seins geschickt haben. Als wäre ich auf den gegenüberliegenden Pol dieses Gefühl gesprungen.

Das Gefühl von Ärger, Aggression und Wut ist definitiv seit diesem Termin gewachsen. Qualitäten die ich aus meinem Leben kaum kenne. Es ist sehr herausfordernd und nicht leicht damit umzugehen. Auf der anderen Seite macht es aber auch Freude, weil ich weniger Angst vor Reibung in zwischenmenschlichen Dingen habe. Ich spüre schneller meinen Ärger, wenn ich mich nicht gesehen fühle oder nicht verstanden und kann es so auch schneller klären. Es ist interessant, weil ich auch merke, wie gut solche Sachen zu klären sind. Ich fühle mich irgendwie forscher. Nicht mehr so überängstlich abgelehnt zu werden. Trete etwas mehr nach außen auf.

Und ich empfinde mein „ich will“ nicht mehr als so kindlich, sondern eher als dominant und stark.

Handeln aus Liebe

Ich las heute einen Artikel aus der aktuellen Ausgabe des „Reiki Magazin“ 2/2014, S. 23-24. Dort geht es um die erste Reiki-Lebensregel „Heute soll man sich nicht ärgern“ und eine persönliche Auseinandersetzung durch den Autor Dipl. Psych. Harald Wörl damit.

Er zitiert dabei unter anderem aus einem Dialog zwischen dem Musiker Konstantin Wecker und dem Zen-Meister Bernie Glassman, welche sich über die Wut austauschen. (Wecker/ Glassman; Die revolutionäre Kraft des Mitgefühls, S. 146-147)

Konstantin Wecker: „Und wenn ich auch glaube, dass man nicht aus der Wut heraus handeln sollte, so kann die Wut doch ein effektiver Auslöser für unser Handeln sein.“

Bernie Glassman: „Ich selbst würde in diesem Zusammenhang weniger das Wort „Wut“ als vielmehr „Entschlossenheit“ verwenden. Mit Entschlossenheit können wir Dinge verändern. Sie verleiht uns einen klaren Blick auf die Situation, mit ihr können wir entscheiden, was wir verändern wollen und welche Bedingungen wir dafür schaffen müssen. Vielleicht kann ich das an einem Beispiel verdeutlichen: Lass uns annehmen, dass du siehst, wie dein Kind auf die Straße läuft. Gleichzeitig siehst du ein Auto kommen, dass dein Kind anfahren könnte. Du rennst natürlich los und reißt dein Kind von der Straße. Wenn du ein egozentrierter Mensch bist, dann wirst du wahrscheinlich wütend sein auf dein Kind, weil es ja nicht nur sein Leben, sondern auch dein Leben mit seinem Verhalten gefährdet hat. Nun lass uns annehmen, dass du dich in der gleichen Situation befindest, dein Ego jedoch nicht mehr so dominant ist. Du wirst genauso handeln, du wirst losrennen und dein Kind vor dem Auto retten. Doch in diesem Fall handelst du aus Liebe. Du spürst keine Wut und kannst dadurch sogar viel effektiver handeln, denn du verfügst über mehr Energie. Im ersten Beispiel ist deine Energie von deinem Ärger darüber geschwächt, dass dein Kind sich anders verhält als du es wolltest. Im zweiten Fall steht die ganze Energie der Liebe zur Verfügung. Dein Handeln erhält dadurch weit mehr Entschlossenheit und Tatkraft.“ „Wut führt oft dazu, dass meine Kraft an Entschlossenheit verliert, weil ich zu sehr mit meinem eigenen Ego beschäftigt bin. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Handlungen nicht mehr so effektiv sind, wenn sie aus Wut erfolgen.“

Da hat etwas in mir klick gemacht und ich schrieb folgende Zeilen an den Autor.

„Lieber Herr Wörl,
Ihr Artikel zu der ersten Lebensregel, besonders das Zitat von Bernie Glassman zu Wut und Liebe, hat bei mir zu einer tränenreichen inneren Klärung geführt. Ich danke Ihnen und dem Universum, dass diese/Ihre Zeilen in genau diesem Moment zu mir gefunden haben.
Ich bin zwar ein erwachsener Mensch, aber bin aktuell zum ersten Mal in meinem Leben damit konfrontiert mich von meiner Mutter abzulösen. Mich aus einer abhängigen Beziehung zu lösen. Kleine Kinder in mir drinnen fangen an zu schreien und zu weinen, wenn ich mir vorstelle, zukünftig in bestimmten Situationen “Nein” zu sagen. Und ich habe mir eine stärkere Wut gewünscht, um mein Handeln trotzdem umsetzen zu können. Doch das innere Schreien wird nur lauter und ich fühle mich nicht in der Lage für mich einzustehen, weil es sich gegen mich gerichtet anfühlt. Doch mit ihrem Artikel habe ich einmal die gewünschte Wut mit der Liebe ausgetauscht. Ich handele nicht aus Wut auf meine Mutter, sondern aus Liebe zu mir. Das hat alles verändert und sich schmerzhaft schön angefühlt. Damit ersetze ich die Liebe, die meine inneren Kinder glaubten nur durch meine Mutter zu bekommen, durch mich.
Vielen, vielen Dank für diese Einsicht.“

Neulich in der Nachbarschaft

Ich treffe im Hausflur meine Nachbarin, welche unter mir wohnt. Nach dem freundlichen Hallo, fragt sie mich doch tatsächlich wie es mir geht. Das kam noch nie vor und hat mich völlig überrumpelt. Da ich in diesem Moment tatsächlich sehr erschöpft war, lies ich mich als Spontanreaktion zu einem körperlichem Zusammensacken und einen Seufzer hinreißen, worauf schon mittendrin ihre Antwort folgte: „Nicht so gut, hmm.“ Eher als Feststellung, als eine Frage. Oh je, mir fällt mein Weinen von heute Morgen ein, welches schon im Bett begann und mich ein Weilchen begleitet hat. Für mich nicht mehr ungewöhnlich.

Hat sie es gehört? Hat sie all das Weinen der vielen, vielen Monate gehört? Immer lebe ich mit der Furcht, was wohl meine Nachbarn von meinen emotionalen Ausbrüchen mitbekommen und welches Bild bei ihnen von mir entsteht. Die Wände sind sehr dünn.

So, da bin ich nun in dieser Situation, wo klar wird, ich werde gehört. Und in der Reaktion meiner Nachbarin wird für mich deutlich, dass sie glaubt, mir würde es schlecht gehen. Unmöglich ihr nun zu erklären, dass ich eben weine, wenn ich weine (und das öfter) und danach auch wieder ganz glücklich und zufrieden bin. Da dieser Moment so unglaublich schnell und kurz ist und ich spüre, dass sie ihr Bild von mir hat und gar nicht mehr wissen möchte und ich auch nicht mein Wissen mit ihr teilen will, sage ich diesen völlig unüberlegten, blödsinnigen, leeren Satz: „Man muss ja.“, weil mir nichts besseres einfällt. Hach, ich könnt mich jetzt ärgern. Aber ich kann es auch lassen, weil ich weiß, dass ich damit einfach nur gesagt habe: „Vielen Dank für die Nachfrage. Das möchte ich gerne für mich behalten.“ Nur habe ich spontan die Sprache benutzt, die üblicher ist.