Therapie und Kontrollverlust

Ich würde gerne diese letzte Therapiestunde mit Worten greifen können. Die Einzelteile vernetzen. Das ganze Bild sehen.

Es geht gerade nicht.

Nach einem Weinkrampf, der aus der Erkenntnis rührte, dass ich das Leiden das ich fühle nicht verhindern kann. Nichts daran ändern kann.

Diese letzte Stunde hat Neues berührt und Neues in mein Bewusstsein gebracht.

Es hat irgendwas mit meinem ausgeprägten Bedürfnis nach Kontrolle und vor anderen nicht auffallen zu tun. Nicht-funktionieren darf nicht gesehen werden.

Das wurde in der Stunde durchbrochen und ich, mit meinem Kontrollbedürfnis leide darunter.

Es war nicht mehr möglich, über alles hinwegzulächeln. Es war nicht mehr möglich die Abwehr, Angst und Verzweiflung im Hintergrund zu halten.

Ich war gezwungen mich anders zu verhalten.

Das war die Hölle für mich!

Danach gab es trotzdem ganz viel Dankbarkeit von Innen, dass da Bedürfnisse von Abgrenzung und Distanz berücksichtigt, ernst genommen wurden.

Ich bin mir nicht sicher, ob das der innere Hauptaufregungsgrund ist, der hier etwas aus den Fugen bringt, aber es scheint das Schlimmste gewesen zu sein, dass ich unmöglich in der Lage war, mich ihr gegenüber in den Stuhl zu setzen, sondern stattdessen verzweifelt auf dem Boden zum sitzen kam.

Die Hände vors Gesicht geschlagen, weil so unaushaltbar, dort auf dem Boden zu sitzen. Wie auf einem Präsentierteller. Ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.

Gleichzeitig hat es sich dort viel sicherer angefühlt, als auf dem Sessel.

Im zwischenmenschlichen Alltag hätte ich mich nie solch einer Situation ausgesetzt. Wenn ich mich im Vorhinein einer Verabredung nicht sicher fühle und sie auch nicht so gestalten kann, dass Sicherheit eintritt, würde ich immer absagen.

Im Therapiesetting setze ich mich dem aus. Das ist sehr, sehr gruselig, extrem angstmachend und auch extrem mutig.

Fühlt sich an, als ob Muster aufbrechen wollen. Und Auf-Brechen fühlt sich erstmal scheiße an.

Kontrollverlust = Sterben.

Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass es mich bereichert und auch befreit.

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Ich brauche nichts und dann brauch ich’s doch

Da ist sie wieder, meine Bedürftigkeit. Und ich habs die Tage gar nicht mitbekommen.

Ihre (Wohnbetreuung) emotionale Distanz, lässt mich wieder Gefühle meiner Kindheit erleben – emotionale Einsamkeit, Schmerz, Gefühlstaubheit, wie Tod sein, Leere, Orientierungslosigkeit, Weltferne und diesmal auch etwas Wut.

Ich möchte sie am liebsten wegstoßen aus meinem Leben, damit ich mich nicht immer wieder so fühlen muss. Damit ich diese klebrige Bedürftigkeit loswerde und diesen Schmerz, der damit einher geht. Dieses Sehnen, wo ich ganz genau weiß, es ist umsonst, es ist alt, es wird nicht befriedigt, es wird nur weh tun.

Ich wechsel damit zwischen Ablehnung und Annahme hin und her.

Ich kann wahrnehmen, dass sie mir geholfen hat, dass ihre Hilfe praktisch sehr hilfreich war und ich dankbar dafür war. Ich verstehe, dass sie emotional so auftritt, wie es ihr möglich ist. Ich verstehe, dass sie nicht geben kann, was ich sehne, weil sie es nicht hat. Ich weiß, dass ich nichts fordern kann, was jemand nicht hat. Ich weiß, dass sie mich mit meinen Gefühlen nicht ablehnt. Ich kann wahrnehmen, dass sie aufgeschlossen und zugewandt ist.

Und trooootzdem… will ich sie schütteln und schütteln und laut anfahren, dass sie doch um Gottes willen mal etwas mitfühlen soll, anteilnehmen soll, betroffen sein soll, für mich sichtbar macht, wie schwer ich es gerade habe. grrrrrr

Ich hab mich echt wieder angezweifelt, weil ich es über sie nicht wahrnehmen konnte. Ist es vielleicht gar nicht schwer? Bilde ich mir das nur ein? Mache ich es selbst schwer? Bin ich schuld? Und diese ganze Tirade.

Ich habe das unterbrochen, wenn es mir aufgefallen ist, weil es nicht wahr ist.

Und ich dachte eigentlich auch, dass ich ihre Bestätigung nicht mehr brauche, weil ich selbst genug für mich da war. Und trotzdem spielte es sich ab, ohne dass mir das bewusst war. Erst jetzt, wo der Stress nachlässt, kommen die Gefühle.

Ich habe das heute meiner Psychiaterin anvertraut und gefragt, ob ich das immer und immer wieder so fühlen werde. Sie meint, wenn ich nach und nach meine unbewussten Erwartungen (emotionale Bestätigung/Versicherung) erkenne, nicht. Kein Wort von Emotionen, die da alle dran hängen und das man die durchleben muss usw. usf… Sie ist aber auch eine Kandidatin für die neutrale, nicht-betroffene Sichtweise.

Mir ist das noch ein Rätsel, wie das funktionieren soll, mit einem Menschen enger zusammen zu arbeiten/leben/sein und trotzdem ein Bedürfnis (oder mehrere) nicht befriedigt wird (werden), gut zusammen sein zu können, ohne das es immer wieder weh tut.

Mein Umgang ist momentan Abstand nehmen. Zeit und Raum, um das alles zu fühlen, ohne erneute Konfrontation. Es wird sich beruhigen und dann fühl ich mich im Kontakt auch wieder wohler oder werde wahrscheinlich kein Bedürfnis mehr haben, sie zu schütteln. 🙂 Aber wer weiß. Vielleicht kommt auch bald eine unmittelbare Konfrontation. 😉

Vielleicht können Sie bleiben

Ich bin ziemlich beeindruckt, was hier seit den Rauhnächten in mir passiert.

Ich hatte gleich zu Beginn der Rauhnächte, die Beziehung zu Frau Helferin in den Heilungsraum des Kurses gelegt.

Seit dem habe ich fast täglich das Gefühl, dass sich etwas in mir dazu verändert, mit völlig neuen Empfindungen und Gedanken die ich geradezu revolutionär finde.

Einige Notizen aus den Tagen:

29.12.2015
Ich hatte erst das Gefühl, ich muss mich jetzt trennen, ich muss Sie vergessen, loslassen, ich muss jetzt alleine sorgen.

Aber dass es vielleicht auch okay ist, dass Sie in mir trotzdem noch da sind, ich mich mit diesem Bild von Ihnen verbinden kann, ohne sie real zu sehen, die Idee ist mir heute erst gekommen. Dass das okay sein könnte, eben für die Teile in mir, die dieses (Vor-)Bild brauchen, weil sie nie eines hatten. Dass das dann nicht gleichzusetzen ist mit Abhängigkeit und schlecht ist. Das die jüngeren Anteile in mir Sie gar nicht loslassen brauchen, sondern sie behalten dürfen. Dass das beides nebeneinander geht. Sie sind im Innen da für Anteile und ich bin ebenso da für mich.

Das ist eine schöne Idee.

Neu wäre daran, dass ich diese Verbindung zulassen kann.

02.01.2016
Jetzt in den Rauhnächten tauchen Sie täglich in mir auf. Es fällt mir schwer, Sie nicht jedes Mal wegzuschieben und dieses Verbundenheitsgefühl zuzulassen, auszuhalten, obwohl es ja ein ersehntes, gewünschtes Gefühl ist. Ich muss mich immer wieder aufs Neue bewusst dazu entscheiden mich anzunähern.

Und es ist groß! Es ist wirklich groß! Es ist neu und es ist fremd. Es dehnt meinen Brustkorb aus und mein Herzfeld, in Bereiche wo ich mich ängstlich frage, halte ich dieses Gefühl aus, passt das alles in mich hinein und ist das überhaupt gut und richtig?

Heute kam etwas Neues hinzu. Und ich frage mich, darf ich eine gefühlte körperliche Verschmelzung mit Ihnen zulassen?

Das Gefühl war da. Ich konnte mich etwas dafür öffnen und es einatmen. Es war riesig und traf kurz auf inneren Schmerz. Da hat sich etwas berührt, wo vorher noch keine Berührung existierte.

Vielleicht ist das alles okay so, wenn ich mir überlege, dass im Säuglingsalter das Gefühl einer körperlichen Verschmelzung mit der Mutter etwas ganz natürliches ist. Eins sein. Vielleicht können kleinere Anteile hier etwas nachholen. Wer weiß.

Nähe III

Ich weiß nicht, warum Bindung Angst auslöst und Schmerz. Vielleicht gab es Momente, wo ich eine Ahnung davon hatte oder dachte es zu verstehen. Jetzt habe ich keine Ahnung.

Es geht an der Stelle weiter, wo die Therapie nicht gegriffen hat. Und in was für einer Geschwindigkeit! Ich kann es selbst kaum glauben.

Schon als ich im Auto saß, neben ihnen. Wir waren auf dem Weg zu einem sozialen Träger, für eine Arbeitstherapie. Schon da scheinen kindliche Teile von mir viel mehr angedockt zu haben, als es mir selbst bewusst war. Ich bekam mitten im Auto, genau neben ihnen einen Angstanfall. Er begann mit einem Kribbeln im linken Handgelenk, welches sich in meinem Körper ausbreitete und am Ende zu einem inneren Wirbelsturm führte. Es wollte geweint werden. Ich konnte es nicht zulassen.

Die Angst (wenn ich zu unbekannten Orten und Menschen gehe), die ich selbst sonst so wenig oder erst spät irgendwo hinten mitbekomme, hat da entschieden sich ganz zu zeigen. Heute ist mir klar, dass das nur so ablief, weil da Vertrauen war, dass sie den Raum dafür halten können. In dem Moment selbst war ich schockiert über den Kontrollverlust, mitten vor einem anderen Menschen.

Wir hielten an. Ich war mit Stabilisierung und Aushalten beschäftigt. Sie schickten sich an, aus dem Auto zu steigen, mich alleine zu lassen, weil ich auch sonst immer das Weite suchte, wenn heftige Emotionen nach vorne drängten. Doch diesmal fragte ich, ob sie hier bleiben könnten. Ich fühlte Angst davor, damit alleine zu sein. Ich staunte selbst. Ein paar Minuten hielt ich es still neben ihnen aus, versuchte den Wirbelsturm zu meinen Füßen und in den Boden zu lenken.
Es war gut, dass sie da waren. Ich nahm wahr, dass das irgendwo in mir, für mich ganz wichtig war.

Das setzte einen Prozess in Gang. Die Angstattacke löste Erinnerungen aus. Neue Bilder, alte Gefühle drängten nach vorne und nahmen mich sehr stark ein. Viel Angst, mit der nicht umgegangen werden konnte, mit der ich alleine gelassen wurde. Situationen die völlig überforderten, mit denen ich alleine war. Überforderung, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Tiefe Einsamkeit und das unermessliche Bedürfnis, damit heute nicht alleine zu sein.

Ich könne mich jederzeit in ihrer Arbeitszeit melden, ihr Angebot. Schon etwas, was ich kaum wage in Anspruch zu nehmen. Will keine Last sein. Will nicht nerven. Will nicht zu viel sein, zu viel Raum einnehmen. Sie wiederholen es, ihr Angebot, immer wieder. Wiederholung ist gut. Ein paar Mal habe ich es schon genutzt. Immer dieser Schmerz, wenn sie wirklich helfen. Dieses innere Zerreißen.

Ich liege weinend im Bett, weil ich wie gewohnt meine Vergangenheit alleine durchfühle. Jetzt brauche ich keine konkrete Hilfe. Jetzt brauche ich jemanden der zuhört. Jemanden, der der Vergangenheit zuhört. Der Überforderung, der Hilflosigkeit und Einsamkeit zuhört. Eine SMS an sie. Die Antwort: wir können gerne telefonieren.

Ich wende mich zu meinem weinenden Innen. Es sagte mir, es sei 6 Jahre alt. Gerade befindet es sich alleine in der erinnerten Nachbarwohnung. Sie war damit einverstanden, hier in diesem Raum bis zum Telefonat zu warten. Neben sich auf der Couch einen menschengroßen Teddybären, über dessen Beine sie sich legte. Brauchst du noch etwas, fragte ich sie. Einen Stoffwürfel, mit jeweils andersfarbigen Seiten. Ruhe kehrte ein. Fast friedlich wurde es. Es war gesorgt worden.

Das Telefonat. Erst die Sorge, ob das Erzählen der alten Erinnerungen, jetzt vor dem Wochenende zu destabilisierend ist. Ich habe keine Bedenken, ist doch schon alles gefühlt voll da in mir. Es geht nur noch um das Erzählen. Aber was ich selbst überhaupt nicht bedacht habe, dass das erzählen alleine, das zeigen von so schmerzhaften Gefühlen ein ebenso starker Auslöser für weitere Ängste ist.
Ein erzählen aus der Betroffenenperspektive war gar nicht möglich. Sofort war da unglaublich viel Widerstand (wie ich jetzt weiß – Angst) und ich berichtete stockend nur noch aus der Distanz, unbeteiligt. Mit ihren anteilnehmenden Worten konnte ich überhaupt nichts anfangen.

Später am Tag, ich ging in den Wald, weil ich mich so fern fühlte, nahm ich erst überhaupt war, wie weit weg ich war, wie ausgeprägt die Derealisation. Kein Ortsbezug, kein Zeitbezug, der Wald wie im Märchen und hätte unter einem Busch eine kleine Fee hervorgeschaut, mich hätte es nicht gewundert.

Die Folge waren sehr quälende, schwierige, weltferne, körperschmerzende, dunkle, in mir eingeklemmte Tage, bis sich endlich die zugrunde liegenden Gefühle entluden.

Krach… und die aufgebaute Mauer der Therapiezeit brach in sich zusammen. All die kindliche Sehnsucht nach Nähe, gesehen werden und Bindung schütteten sich in Fluten über mir aus. Was für ein Schmerz! Und wie viel Panik, wirkliche Nähe zuzulassen.

Da schrieb ich den letzten Artikel.

Ein Termin gab es noch, bevor sie für drei Wochen in den Urlaub fuhren. Und ich sitze nun da, mit all dem Sehnen. So vieles will sich ihnen zeigen. Genauso vieles hat unglaublich viel Angst davor. Bin ich zu schnell mit dem Zeigen, überfordert zu viel Angst. Halte ich zu viel vom sehnenden Innen zurück, führt das zu riesigem Schmerz. Ein Dilemma. Schmerz oder Angst.

Gestern schreibe ich doch tatsächlich eine SMS an sie, ohne etwas zu wollen. Einfach nur, um zu zeigen wie schwierig es mir gerade geht. Auch das empfangen sie annehmend und bestärkend.

Heute war unser Termin. Ich habe den letzten Artikel ausgedruckt.
Tatsächlich sitze ich um Worte ringend da und bekomme keinen Satz formuliert. Wo soll ich anfangen? Was kann gesagt werden? Was kann gezeigt werden? Was halte ich aus zu zeigen?
Wir sitzen. Ich ringe. Sie sind wie immer unglaublich präsent und aufmerksam. (Senken sie tatsächlich mal kurz ihren Blick, weil ich ihnen mal sagte, dass ich diese brutale Aufmerksamkeit manchmal kaum aushalte? Nehmen sie mich ein weiteres Mal ernst?)
In den Minuten des Ringens, spüre ich, dass ich keine Distanz mehr aufrecht erhalten kann. In mir ist es nah. Dadurch ist der Raum nah. Dadurch sind sie nah. So unglaublich nah. Das spreche ich aus. Da beginnt auch schon der Wirbelsturm in mir. Der Raum um mich herum wird immer tiefer, dichter, dreidimensionaler, berührt meine Haut. Ihre Präsenz berührt meine Haut, brennt auf meiner Haut. Zu der Angst gesellt sich der Schmerz. Das sie da sind tut weh. Vorne übergebeugt halte ich meinen Kopf in den Händen, versuche so gut ich kann da zu bleiben, atme heftig mit der Angst und dem Schmerz. Halte aus, das sie dabei sind. Halte aus, halte aus, halte aus… Nebenbei schaffe ich es sogar noch daran zu denken, dass ich vielleicht auch mal irgendetwas sagen sollte, damit sie wissen was bei mir gerade ab geht.

Ihre beruhigende, sanftmütige Stimme kommt bei mir an… „atmen ist gut, einfach immer weiter atmen.“ Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas aus mir gleich in den Raum bricht, ich die Kontrolle verliere. Der Punkt, an dem ich abbreche, ins Bad flüchte, um mir kaltes Wasser über die Arme und Hände laufen zu lassen. Dort kommt das Weinen (das war wahrscheinlich das, was in den Raum brechen wollte).

Ich kehre zurück, mit Decke und Kühlakku, keine Gefühle mehr, aber innerlich sehr aufgelöst, wirbelnd, sprachstolpernd und durcheinander. Und sie sind immer noch da, immer noch nah. Es hört nicht auf Jetzt zu sein. Sie: „Sie sind immer noch da, ich bin immer noch da, wir sitzen zusammen in ihrer Küche.“ Ich: „Ohhh mein Gott.“ Sie helfen bei der Stabilisierung. In mir ein stetiges Ringen. Widerstand, zulassen, Nähe fühlen, aushalten, ausweichen.

Ich gebe ihnen tatsächlich den ausgedruckten Artikel. Und wieder: „Oh mein Gott.“ Hände vor das Gesicht. Es käme rüber, wie heftig das alles für mich ist. Wieder ein Zeigen ausgehalten, mit einer annehmenden Reaktion.

„Wie geht es ihnen mit meinem Urlaub?“ Immer noch sind die kindlichen Anteile vorne und können sprechen (ich bin baff). „Ich bin wütend.“ „Ich bin verzweifelt. Ich habe Angst, nicht halten zu können, dass sie trotzdem noch da sind.“ Sie: „Kann ich etwas für diese Empfindungen in ihnen tun?“ Wieder Schmerz. Sie reagieren tatsächlich darauf, nehmen es ernst. Ich kann es nur ganz schwer annehmen, das wert zu sein. „Hilft es vielleicht, wenn ich ihnen auf einen Zettel schreibe, wie lange ich weg bin, das ich trotzdem da bin und das ich dann auf jeden Fall wieder komme?“ „Ich glaube, ich kann es evtl. auch gar nicht aushalten, sie über den Zettel die ganze Zeit so nah zu spüren.“

Sie schlagen vor, mir vor ihrem Abflug einen Brief per Post zu schreiben. Den kann ich dann öffnen, wenn ich es brauche oder zu lassen, wenn nicht. Damit können alle Teile von mir leben. Ein Mittelweg zwischen nah und fern.

Puhhh… ich bin so dermaßen erschöpft. Das war krass.

Es ist vorbei

Es ist vorbei.

Es ist vorbei!

Es ist vorbei?

es ist vorbei

ES IST VORBEI!!!

Es ist vorbei!

Macht das was?

Was macht das?

Kommt es in mir an?

Die Tür hat sich hinter mir geschlossen. Davor ein letzter Blick, ein letzter Händedruck (eine Millisekunde länger als sonst), ein Lächeln, ein sich alles Gute wünschen. Mein Versuch bewusst zu bleiben.

Die Tür ist zu. Die Tür ist jetzt zugegangen. Bleib hier. Nimm wahr. Die Tür ist zu und dieser Abschnitt beendet. Rein, raus. Da, weg. Mehr da, als weg. Das ist gut. Überall Fortschritte.

Wie ist das?

Was macht das?

Was passiert jetzt?

Ich bin voller Zuversicht alles tragen zu können. Mich tragen zu können.

Es ist gut.

Es ist GUT!

Wir können weiter gehen! Wir können das. Ein phantastischer, überdimensionaler Fortschritt. Wir können fliegen.

Es ist gut. Wir schaffen das – mit weinen, mit Verzweiflung, mit Wut, mit Freude, mit Erleichterung, mit Angst, mit Trauer, mit Wehmut, mit Vorfreude, mit Zuversicht, mit Lust und Kraft.

Mehr jetzt, als damals.

Überall Fortschritte.

Innere Schichten

Diese internalisierte scharfe, herablassende, kalte Stimme, die so stark ist, dass sie mir die Gefühle ausredet, sie verleugnet, sie für mich kaum, bis gar nicht greifbar macht.

Nun hab dich nicht so. Sei nicht so erbärmlich. Das ist Nichts was du hast, im Vergleich zu manch Anderen. Das ist auch ohne Vergleich Nichts. Was heulst du herum. Mach nicht so ein Drama.

Diese Stimme, die so stark ist, dass sie mir glaubhaft vermittelt, auch andere Menschen würden so über mich denken, so dass ich mich nicht mehr traue, mich jemandem mit meinen Gefühlen mitzuteilen.

Man wird dich auslachen, wegen deiner Probleme die keine sind, wenn du da jetzt anrufst. Man wird sich über dich lustig machen.

Diese Stimme, die meine Einsamkeit verstärkt, weil sie mich nach außen nicht mehr mitteilen lässt.

Aber es zählt doch, wie es sich für mich damals angefühlt hat! Ob es sich für mich schlimm angefühlt hat. Das ist der Maßstab dafür, ob da etwas ist was Bedeutung hat oder nicht.
Ich glaube, das hat es, sich schlimm angefühlt. Dieses ständige Bedrohungsgefühl. Diese ständige Angst. Diese Enge zu Hause. Nicht falsch verhalten. Vorsichtig sein. Immer in Deckung bleiben, um nichts abzubekommen.

Du bist Nichts mit deiner Einsamkeit. Du bist NICHTS. Wertlos. Selbst daran schuld. Hast nichts anderes verdient. Es dir selbst eingebrockt. (Verlangen nach Bestrafung, körperliche Zerstörung)

Ich bin schuld. Ich bin zu keiner Verbindung fähig. Ich verlasse, ohne vorher jemals da gewesen zu sein. Bin nicht in der Lage etwas Haltendes daraus zu machen. Es liegt an mir, dass ich einsam bin. Ich bin nichts wert. 😥 (Verlangen nach Betäubung, Verschwinden)

Du konntest nichts dafür. Es war nicht deine Schuld. Es lag nicht an dir, dass da damals so viel Abschottung war, die du noch heute weiterlebst. Du warst nicht die Ursache! Du bist wertvoll. Herz-Menschen haben dich heute wirklich gern.

Ich liebe dich, Sophie.

Du bist genau so richtig wie du bist! Du kannst mir glauben.

Therapieprozesse IX

Tief eingetaucht, bis auf den Grund von Schmerz, Trauer, irgendwas schlimmen Frühkindlichem und Selbsthass. Durchmanövriert mit allen Ressourcen die mir zur Verfügung standen, innerem Beistand, Verständnis, äußerer Selbstfürsorge. Bei mir geblieben. Alles durchgelassen. Aus Dissoziation mal zurückgeführt, mal zum verschnaufen dort geblieben. Hilfe geholt. Hilfe bekommen. Gute Erfahrungen gemacht.

Heute liege ich hier, erschöpft, wund, verletzt und fühle mich nackt. Bin mir nah – meiner Existenz, meinem Ursprung, meinem Körper. Werde immer wieder müde. Es war sehr anstrengend.

Alles in allem war es gut. Reinigend. Klarheit bringend. Das Wort Katharsis fiel mir immer wieder zu.

 

17.02.2015

Ein Missverständnis führt dazu, dass ich es aufgegeben habe von ihnen verstanden zu werden.

Ein Missverständnis! Tragisch!

Ihre Deutung hat das verhindert, hat keinen Platz mehr gelassen.

All die Momente des Ringens, Kämpfens, Bemühens, Erklärens um verstanden zu werden, um emotional erfasst zu werden. All das Scheitern, gegen Widerstände stoßen. Ich fühle jeden einzelnen dieser Momente, der letzten 2-3 Jahre.

Was für ein Unrecht! Was für ein Schmerz!

Ich verstehe es endlich, dieses Missverständnis mit so tragischen Auswirkungen.

18.02.2015

Ich wollte einfach nur gesehen und verstanden werden. Natürlich ist das auch ein frühkindlicher Wunsch. Aber es ist kein unerfüllbarer Wunsch aus der ungestillten Vergangenheit.
Wäre es so, würde ich eine Vorstellung integrieren, dass es im Heute nie möglich wäre emotional erfasst zu werden. Das wäre schrecklich!
Und so ist nicht die Wirklichkeit. Es ist möglich! Das habe ich außerhalb dieser Therapie erfahren. Für sie hieß diese Erfahrung, dass ich eine alte Sehnsucht nicht loslassen würde. Und nun sagen sie, das war ein Missverständnis!

Eine neue Erfahrung führt ebenso in die ursprüngliche Wunde wie die Wiederholung der alten Erfahrung. Sie ist über die alte Erfahrung nur schwieriger zu erkennen, finde ich.

Das nicht alle Menschen sich verstehen ist normal. Auch das sich Menschen trennen, wenn das nicht Gesehen werden zu groß ist, ist normal. Aber das es so verdammt weh tut, nicht erkannt zu werden, kommt aus der Vergangenheit.

Das Bedürfnis gegenüber meinen Eltern, speziell meiner Mutter aufzugeben war plausibel und stellte sich auch ein. Das Bedürfnis gegenüber ihnen einzustellen, kam mir nicht richtig vor und führte am Ende dazu, dass sich keine tragende Beziehung entwickelte und ich die Therapie beenden will.

Methoden verengen den Blick auf die Wirklichkeit.

Es wäre möglich gewesen, wenn sie in meinen Worten nicht immer ihre Deutung gesucht hätten. Oh mein Gott! Es wäre möglich gewesen! Ich habe es so oft versucht zu erklären. Wenn sie doch nur geschafft hätten loszulassen. Ihres für einen Moment loszulassen. Ihr Ziel loszulassen.

So hatte ich keine Chance.

Ich habe immer wieder meine Abwehr losgelassen, bin neutral und aufgeschlossen in den Prozess gegangen, doch sie haben mich in dieser Abwehr festgehalten.

Es ist so unfair! Es tut so weh!

20.02.2015

Sie (Mutter) hat mich nie nicht gewollt, nur fehlte ihr das emotionale Werkzeug, um mir das zu vermitteln.
Eigentlich ist es nicht meine Bindungsstörung, sondern die meiner Mutter.

Bindungstrauma
= gescheiterte Kommunikation (emotionale Spiegelung) in der frühkindlichen Entwicklung zwischen meiner Mutter und mir
= erzeugt das Gefühl von ‚ich werde abgelehnt‘
= erzeugt den Glauben ‚ich bin falsch‘, ‚ich habe keine Existenzberechtigung‘, ‚ich bin nichts wert‘

Es ist ein Missverständnis. Eine Fehlinterpretation des kindlichen Geistes.

Eine unbewusste Weitergabe eines Traumas. Weil ihre Kindheit dazu führte, sich von ihren Gefühlen abzuschneiden, stand sie für meine Gefühle auch nicht mehr zur Verfügung. Völlig unwissend und nichts ahnend über die Auswirkungen.

Nun stehe ich hier und habe ein Bindungstrauma. Die misslungene frühkindliche Kommunikation, die erlebten Zurückweisungen, der mangelhafte Körperkontakt… das alles hat gar nichts mit mir zu tun. Es ging nie wirklich um mich. Ich war gar nicht gemeint. Nicht ich wurde zurückgewiesen.
Ihre Erfahrungen machten unsere Bindung nicht möglich. Welch Tragik!
Vielleicht hilft diese Erkenntnis, wenn mich der Selbsthass das nächste Mal überrollt.

Meine Mutter ist diejenige die konkrete Gewalt, Demütigung, Erniedrigung erfahren hat.

Über die Grundversorgung hinaus scheint es nicht möglich in ein emotionales Gespräch zu kommen. Außer ich bin gut drauf, lache, freue mich. Darauf kann sie reagieren, lacht und freut sich mit, schäkert mit mir.

Ich habe so krasse Sehnsucht danach, dass da jetzt jemand sein soll. Jemand der für mich da ist. Ich weiß was das ist, woher es kommt und das es in dieser gefühlten, gesehnten Form nicht existiert. So ehrlich muss ich mit mir sein, damit sich keine Illusion aufbaut. Damit ich jetzt nicht hilflos werde und Helfer aktiviere, in dem Glauben sie könnten mir das Fehlende geben.

Ich leide gerade an der inneren Abgeschlossenheit, der fehlenden Möglichkeit dieses riesen Paket jemandem sichtbar zu machen. Wie damals – innere Isolation.

Neue Wege suchen

Frau Helferin sieht meinen Krisenanruf von gestern Abend (ich erreichte sie nicht, dafür aber die Krisenstation die half) und ruft von sich aus zurück. Ich werfe aus der inneren Abgetrenntheit heraus lauter Fachwörter in das Telefon – Dissoziation, Handlungsunfähig, Flashback usw.. Ein Versuch mich mitzuteilen. Sie versteht. Ich fühle, dass sie versteht. Wir kreisen ein was ich brauche und ich erlaube mir, ihr zu sagen, dass ich eine neue Erfahrung von erfasst werden brauche, mit dem was gerade so viel in mir ist, was gerade schlimm ist. „Hilft es ihnen wenn ich komme?“ Keine Worte und auch Wahrnehmung um zu beschreiben, was dieser Satz in dem Moment mit mir machte. Wenn man gleichzeitig ‚NEIN‘ und ‚JA‘ hinausschreien will. Wenn das ‚Nein‘ zu lautem inneren Schreien führt und das ‚Ja‘ zu lautem inneren Schreien führt. Ich sagte ‚Ja‘. Ich legte den Hörer auf und etwas in mir rastete aus. Ich fühlte nichts und doch schrie ich fast, weinte heftig, fing mein ganzer Körper an zu zittern. Ich ließ es zu, sprach zu mir, dass das okay ist, dass ich bei mir bin, dass ich da bin und mich halte. Es hörte nach kurzer Zeit von alleine auf und danach tauchte ich bewegungsunfähig ab. Frau Helferin schickte zwischen durch immer mal wieder Ideen die jetzt meinem inneren Kind helfen könnten. Das trug mich, holte das Jetzt zurück.
Eine so neue Erfahrung! Ich bin dankbar, dass ich das zulassen und annehmen konnte.

21.02.2015

Ich bin wütend was dieses Missverständnis mit mir gemacht hat, welche Lernerfahrungen es mir in dieser Therapie brachte, welche Wiederholungen meiner Kindheit, welche Glaubenssätze über mich selbst. Wie viel Verunsicherung meinen eigenen Gefühlen gegenüber. Wie viel in Frage stellen meines Handelns, besonders wenn es darum ging mir Hilfe zu holen.

Ich finde mich nicht wieder in ihrem Gefühl, ich wäre die ganze Zeit gegen diese Therapie gewesen. Es gab Phasen, ja. Es gab aber auch viel Bereitschaft meinerseits.