Nähe, Schmerz und Distanz

Das Blog ist…

Arrrrg… ich will nicht immer ‚aktuell‘, ‚momentan‘, ‚zur Zeit‘, ‚gerade‘ schreiben, um kenntlich zu machen, dass das was ich schreibe lediglich für diesen Augenblick so ist und sich jederzeit wieder verändern kann und verändern tut. So! Hab ich das mal gesagt und versuche es loszulassen.

Das Schreiben hier verbindet mich. Ich fühle mich verbunden, wenn ich schreibe. Mit mir, mit anderen. Der Wunsch, verbunden zu sein ist riesig groß. Ich dürste jeden Tag danach.

Nicht einfach, wenn innere Verletzlichkeiten, offene Wunden reale Nähe nur begrenzt möglich machen.

Da ist es für mich auch schwer die Selbsthilfegruppen zu besuchen. Da geht fast nur noch die eine, weil sie so einen abgesteckten Rahmen und ganz klare inhaltliche Ablaufstrukturen hat. Das hält meine Emotionen etwas auf Distanz.

Auf Arbeit (Zuverdienst) geht es, weil ich jederzeit aus dem Kontakt gehen kann und mich meinen Aufgaben widme. Entstehen Gespräche, muss ich einem Blickkontakt ausweichen. Blickkontakt tut mir emotional dann weh, als würde derjenige direkt in mein offenes, wundes, verletztes Herz schauen. Nähe und Verbundenheit entstehen da nur sehr bedingt. Gehe ich also teil-hungrig nach Hause.

Nähe tut mir weh. Das heißt, der Kontakt mit Freunden tut mir automatisch auch weh. Nicht die Freunde selbst, aber sie bringen mich zu meinen Gefühlen. Ich war bisher noch nicht so weit, diesen Schmerz vor Freunden einfach zuzulassen, mich damit zu zeigen und ich weiß auch nicht, ob meine Freunde schon soweit sind, es wertschätzend (aus)halten zu können.

Also schreibe ich hier viel, um mich auf geschützte, etwas entferntere Art verbunden zu fühlen.

 

(…) Da ist ein gebrochenes Herz in mir. Wir haben nicht darüber gesprochen wie ich mit diesen Gefühlen umgehen kann. Ich nehme an wie mit allen – zulassen. (…)

Frau Helferin: „(…) Und die Trauer, das gebrochene Herz, zulassen ja, aber auch wieder loslassen. Vielleicht können Sie mit sich die Vereinbarung schließen, dass die Traurigkeit einen Platz in Ihrem Tag oder in Ihrer Woche bekommt. Einen zeitlichen Rahmen, in dem Sie sich bewusst Zeit dafür nehmen, indem Sie z.B. darüber schreiben, oder es malen, oder traurige Musik hören und es zulassen, dass Tränen kommen. Aber es dann wieder auch bewusst beenden, indem Sie sich aktiv mit etwas anderem beschäftigen. Raus gehen, Kontakt aufnehmen mit jemandem, eine andere Musik hören, die etwas anderes auslöst. (…)“

Ich weiß nicht, ob ich das so bewusst machen will, da eine Trennung. Ob das überhaupt geht. Ich kann schöne Dinge erleben und trotzdem dabei im Hintergrund die Verwundung spüren. Es ist okay so. Es ist nicht schlimm. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich es wegmachen muss, um es in einen späteren Zeitpunkt zu stecken. Das meint sie wahrscheinlich auch nicht. Eher, wenn ich jetzt Tag und Nacht tief drin stecken würde und mich gar nicht mehr daraus befreien kann. Nehme ich an.

Ich spüre eine Bereitschaft, mich einzulassen, auf diese Gefühle, auf ihre Existenz, auf ihre Entwicklung, einfach darauf, dass sie ein Teil von mir sind. Ich möchte mit ihnen verbunden sein, sie begleiten, ihnen helfen einen Platz in mir zu finden. Wow! Bin selbst beeindruckt von mir, dass ich dazu ein ‚Ja‘ finde. Dass ich den Schmerz willkommen heiße.

Heute Morgen im Bett habe ich diesen horizontalen Riss im Herzen gespürt, regelrecht physisch, ganz konkret auszumachen und ohne emotionale Entladung. Eher wie ein Zusammenziehen, wie wenn man sich kurz verbrannt hat und das Gesicht zu einem Zischen verzieht und die Hand auf die Stelle legt. So ungefähr.

Ich dachte an die letzte Stunde Körperarbeit vor 3 Tagen. Da wurde mir eine Hand auf den Rücken gelegt, in Höhe des Herzens und ich spürte wie nach vorne, also unten, weil ich lag, mein Herzfeld sich öffnete, jedoch geteilt. Also ein Strahl rechts und ein Strahl links. Da ist mir das mit dem Riss gar nicht eingefallen. Heute Morgen erst.

Das fand ich allerdings wirklich spannend, dass also eine alte emotionale Verletzung tatsächlich eine konkrete physische, feinstoffliche, dauerhafte Veränderung erzeugt.

Ich fragte da hinein, was helfen kann und sah, wie von innen, also innerhalb des Herzens (was in dem Bild übrigens immer so eine klassische Herzform hat ❤ ) etwas mit fester Substanz gegen drückte. Der Riss blieb, aber war verschlossen.

Dazu gedacht habe ich mir, dass vielleicht von Innen etwas Neues wächst – mir erschien das Neue in goldener Farbe – und das Alte ausfüllt und am Ende darüber hinauswächst. Es absorbiert.

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Wer gesehen werden will, braucht auch den Mut sich zu zeigen

Sooo! Neben den ganzen Herzeleid- und Dramageschichten, auch mal ein Blick auf ganz andere Entwicklungen.

Nämlich was schlussendlich aus meiner Allergiebehandlung entwachsen ist.

Vorab, die Allergiesymptome habe ich immer noch, aber dafür sind ganz andere Dinge geschehen.

Die letzte Übung dazu bestand aus dem täglichen Ritual, mich mit Mutter Natur zu verbinden. Das tat ich drei Wochen lang.

Ich stellte fest, dass ich mich nur mit ihr verbinden konnte, wenn auch mein Herz offen war. Was mir wiederum deutlich machte, wie oft mein Herz verschlossen war. Ich war echt erschrocken darüber. War ich wirklich so oft verschlossen? Ja, war ich.

Ich übte also fast mehr, täglich mein Herz zu öffnen. Das Verbinden mit Mutter Natur fühlte sich irgendwann an, als würde ich üben, mich mit dem Leben zu verbinden, so ganz grundsätzlich.

Das hat wahrnehmbare Auswirkungen. Ich trete seit dem wirklich offener in die Welt, vor allem offener in Kontakt. Mir war das erst gar nicht bewusst, bis mir dann auffiel, dass in der Kontakt- und Beratungsstelle plötzlich Menschen viel mehr meine Nähe suchten, auf mich zu kamen. Ich selbst hab mich sonst eher immer am Rand herumgedrückt. Freundlich, aber distanziert.

Ich aß dort mit anderen Mittag. Als alle fertig waren, plauderten wir so über die Tische hinweg, als sich plötzlich drei Menschen unabhängig voneinander um mich herum sammelten und jeder ein Gespräch mit mir führte, oder führen wollte, getrennt von den anderen. Das hat mich erst einmal überfordert, da drei Menschen wie eine Mauer um mich herum und jeder will was. Dann hat es mich erstaunt, weil das noch nie so war. Dann hat es mir auch geschmeichelt.

Die Überforderung geht einher mit Angst, dass ich dem Kontakt nicht gewachsen bin, das Menschen meine Grenzen überrennen.
Wohl auch der Grund, warum ich die letzten Jahre so viel im Rückzug war und in Kontakten eher distanziert aufgetreten bin. So nach dem unbewussten Motto, lieber die äußeren Grenzen ganz weit stecken, dann kann keine innere Grenze überschritten werden.
Nun gut, anscheinend verhalte ich mich nach dieser Übung anders und es stimmt, wenn ich genau hinschaue, wehre ich weniger ab und wende mich weniger ab, stelle mehr Blickkontakt her, fühle mich aufgeschlossener, trete herzlicher auf, verteile mehr Berührungen und fühle auch mehr Zuneigung und das Bedürfnis Menschen zu umarmen (jetzt nicht jeden 😉 ).
Meine alten Glaubensmuster hinken noch hinter her. „Oh Gott, oh Gott, die ganze Menschen die da kommen und so nah sind. Was wollen die denn alle? Ich will weglaufen.“ Da ist noch nicht angekommen, dass es gar nichts zu befürchten gibt. Das fühlt sich erst einmal auch paradox an. Nach vorne verhalte ich mich offen, einladend und im Inneren entsteht Angst und ein zurückweichen wollen. So ein bisschen hin und her jetzt oder viel hin und her.

Das hat sich ganz wunderbar in meiner letzten Körperarbeitssitzung gezeigt.
Sie: „Wollen deine Arme auch berührt werden?“
Ich, unsicher, ängstlich: „Ich weiß nicht so genau. Ich glaube schon. Aber ich weiß nicht, ob ich das eigentlich will.“
Sie legt ihre Hände auf meine Arme.
Ich, überrascht, unruhig: „Ahhh, ich kann dich spüren! Oh, bist du nah!
Sie, an meinen Armen: „Wie offen dein Körper die Berührung empfängt.“
Ich: „Wie fühlst du das?“
Sie: „Ich fühle ein großes ‚Ja‘, wenn ich dich berühre, wie eine weiche, grüne Wiese.“
Ich: „Oh, wie schön! Hmmm… mein Körper ist schon viel weiter als ich. Das erzeugt einen Konflikt, weil mein Verstand noch Angst hat. Deshalb die Kopfdruckschmerzen.“

Das hat auch die Qualität sichtbar zu werden. Ein heißes Eisen für mich. Da gibt es will Ringen in mir. Hier wird mir bewusst, wenn ich gesehen werde, erfordert das auch, das aushalten zu können, mich zeigen zu können.

Ich lernte vor ca. anderthalb Jahren Reiki und wende es die meiste Zeit bei mir selbst an.
In einer Meditation bekam ich den Impuls, Reiki zu verbreiten und in der Kontakt- und Beratungsstelle einen Aushang dazu zu machen.
Das Schöne an Impulsen in einer Meditation ist, dass ich da so verbunden bin mit allem, mit dem Höchsten, mit Vertrauen und Weisheit. Das fühlt sich dann immer alles sonnenklar und richtig an, ohne Zweifel oder Unsicherheiten. Ich bin dann Feuer und Flamme. Hatte bei der Gestaltung des Flyers viel Freude.

Aushang

Aushang

Ja, nun hängt der Flyer dort. Als ich ihn anbrachte, spürte ich, was das mit mir auf persönlicher Ebene macht. Ich zeige mich öffentlich. Ich bin nun für jeden sichtbar und ansprechbar und das macht mir Angst. Ich war seit dem zweimal dort und war nicht in der Lage, an die Infowand zu schauen und wahrzunehmen, dass da mein Zettel hängt. Die Angst möchte ihn am liebsten wieder abnehmen und flüstert mir die ganze Zeit ins Ohr, dass das eh eine blöde Idee war.
Ich will das aushalten. Ich will mich für diese noch unklaren Gefühle öffnen, ihnen Raum geben, damit sie sich weiterentwickeln können. Hat irgendwas mit Selbstabwertung zu tun.

Eine zweite so klare, brennende Idee entstand während eines Dösens auf der Couch. Sofort sprang ich auf, weil da so viel Kraft drin war und fing an einen Brief an die Reha-Klinik, Abteilung Psychosomatik zu schreiben, wo ich selbst vor einem Jahr Patientin war. Ich schrieb von Reiki, welche Bedeutung es für mein Leben hat und wie überzeugt ich davon bin, dass so etwas unbedingt in einen Klinikrahmen gehört. Ich komme mir jetzt noch ganz verrückt vor, wo ich es hier aufschreibe. Da schreibe ich einfach mal dem Chef einer Klinik einen Brief. Über die Konsequenzen will ich gar nicht nachdenken. Und ich hab mich auch noch für ein Gespräch angeboten. Oh Gott!

An dem geschützten Arbeitsplatz habe ich bisher an zwei Tagen für 3 Stunden Reinigungsarbeiten übernommen. Ich will aufstocken auf drei Tage, aber fand noch einen Tag Reinigung irgendwie langweilig und nicht so ganz meinem Potential entsprechend. Es gibt noch die Nähwerkstatt oder Kochen. Alles nicht mein Ding.
Dann ist da noch der Laden, der Secondhand-Kinderkleidung verkauft und die Produkte des Trägers. Das würde heißen, im Team arbeiten – nicht mehr alleine, mich abstimmen müssen – nicht mehr unabhängig arbeiten, festgelegte Aufgaben – viel weniger freies Einteilen der Tätigkeiten, Kundenkontakt, öffentlich sein – nicht mehr versteckt hinter dem Staubsauger. Und was sagt mein Herz? Ja, ich will das.
Zwei Stunden Probearbeiten hab ich schon hinter mir. Ich war reizüberflutet, hab mich ausgeliefert gefühlt und war schnell völlig überfordert. Ich hatte Angst vor den Kunden und den ganzen Tag und Folgetag noch Panik in mir drin, was auf Trigger deutet. Und was sagt mein Herz? Ja, ich will das weiter machen. Verrückt!

Und das alles als Folge einer Allergiebehandlung, damit ich eigentlich in die Gärtnerei kann. Das hat sich nun erledigt. Und ich fragte noch meine innere Führung, was es denn dann ist, wenn nicht die Gärtnerei. „Verkaufen.“ Nur dieses eine Wort. Hab ich gar nicht verstanden. Da habe ich noch nicht den Hauch eines Gedankens gehabt, mich für den Ladenbereich zu bewerben.

Soviel zum Thema Offenheit und in die Welt treten. Huijuijui…

Diese Metapher von einer Raupe die zum Schmetterling wird, ist doch weit verbreitet. Ob der Schmetterling, wenn er das erste Mal frei von dem Kokon ist, sich auch denkt:
„Ach du scheiße! Das ist mir zu heftig hier. Ich geh wieder zurück!“ 😉

sich zeigen und gesehen werden

Das Universum um Hilfe zu bitten hat insofern geholfen, dass ich endlich weinen konnte und etwas in mir in Fluss kam. So lag ich heute Morgen, nach zwei Tagen absoluter Leere und Abtrennung von mir, in meinem Bett und weinte so eine Stunde vor mich hin. Endlich! Endlich wieder etwas fühlen!
Ich weiß nicht über was ich weinte. Irgendetwas aus der Herzgegend und irgendetwas was mit viel Schmerz und Trauer zu tun hatte und bestimmt auch irgendetwas zum Thema Abschluss der Therapie und irgendetwas zum Thema innere Einsamkeit.

Immer wieder ein Blick auf die Uhr. Bald kommt der Helfer. Wie soll ich damit umgehen? Wie viel Zeit brauche ich, um mich vorzeigbar zu machen? Will ich mich überhaupt vorzeigbar machen? Wie viel halte ich aus von mir zu zeigen? Wie viel Nähe ist möglich? Meine Sehnsucht gesehen zu werden ist riesig groß. Sie hält mich ab diesen Termin abzusagen, obwohl klar ist, dass es inhaltlich nicht so laufen wird wie gedacht, wie geplant. Wieder eine völlig neue, nicht vorhersehbare Situation.

Ein absolut authentisches Verhalten wäre, ich bleibe liegen, überlasse mich einfach weiter meinen Gefühlen, gebe ihnen Raum, weine um all die Dinge die zu beweinen sind und wenn es klingelt, stehe ich auf, werfe mir etwas warmes über und lasse Herrn Helfer in meine Wohnung. Platziere ihn irgendwo, weine dann weiter so wie es aus mir heraus kommt.
Tatsächlich hielt ich es bis 30 Minuten bevor er kam aus, mich um nichts zu kümmern. Dann stand ich weinend auf. Machte mich weinend frisch. Wusch mir weinend die Haare. Zog mir weinend Alltagskleidung an. Beim Blick in den Spiegel jammerte es in mir, oh Gott ich sehe doch so schrecklich verheult aus. Eine sehr laute, konsequente, nicht unfreundliche Stimme in mir erwiderte ‚ja, du siehst scheiße aus.‘ Ich weinte kurzfristig noch mehr, weil es einfach die Wahrheit war und gleichzeitig entlastete es mich, weil es die Wahrheit war und ich sie nicht mehr versuchen musste auszublenden (verstanden? 😉 ). Man darf sich also auch scheiße-aussehend präsentieren. Na gut.

Die Tränen rutschten auf knapp unter die Oberfläche zurück. Wie wird der Termin verlaufen? Was will ich heute? Was kann helfen? Halte ich ihn aus? Muss ich ihn nach kurzer Zeit wieder wegschicken? Halte ich das aus?
Ich stehe apathisch in der Küche und es kommt der Impuls, dass ich in diesem Zustand heute Probleme hätte mir Essen zu kochen. Das wäre also das naheliegenste und das hilfreichste, wenn wir vorkochen würden für den Tag. Oh mein Gott! Ich soll ihn fragen, ob er mit mir kocht? Unvorstellbar!

Es klingelt. Er kommt. Ich lasse ihn herein. Halte Mega Abstand und kann kaum Blickkontakt aufnehmen. Beschäftige mich erst einmal mit Kaffee kochen. Ihn gleichzeitig da sein lassen und ausweichen. Unglaublich anstrengend. Ich versuche zu reden. Sofort kommen die Tränen. Ich kann nicht vor ihm weinen. Ich kann meine Gefühle nicht vor ihm zulassen. Ich versuche nicht mehr zu erklären und fokussiere wieder das Kaffeekochen, zur Beruhigung. Das klappt, bekomme etwas Abstand. Kann mich auch mit an den Tisch setzen, natürlich immer schon das Blickfeld nach unten lassen. Er sieht und sagt, dass er sieht, es ginge mir nicht gut. Das tut mir gut und reicht erst mal aus.

Ja, was machen wir heute? Ich kündige mein aufwallendes Schamgefühl an. Er, freundlich: “Immer noch?“. Ich: „Ja, und wahrscheinlich auch noch länger.“ Erkläre etwas von alten Erfahrungen und inneren Kindern, die auf verächtliche, abweisende Reaktionen warten. Dann schleudere ich schnell das Wort „Vorkochen“ hin. Die Scham wird riesig. So riesig wie ich sie noch nie hatte. Ich muss kurz aus dem Raum gehen, weil ich es nicht aushalte. Viele Kämpfe im Inneren. Dinge müssen weggedrückt werden, um weiter machen zu können. Ich habe keine Ahnung, welche Gedanken und Glaubenssätze hinter dieser Scham stehen.

Ich gehe zurück in die Küche. Dann folgt ein sehr anstrengendes Umgehen mit der Situation, mit all meinen Unsicherheiten. Wo soll, kann, darf er sich aufhalten? Soll er mitmachen oder nur dabei sitzen? Was ist er bereit zu tun und wo sind seine Grenzen? Will ich ihn lieber im Nebenzimmer? Darf ich all die Dinge sagen? (Wahrscheinlich viel Angst vor Zurückweisung)
Ich wünschte mir die Küche doppelt so groß, mit je einem Tisch an den gegenüberliegenden Seiten, damit es besser aushaltbar wäre, damit mehr Abstand zwischen uns wäre. Das sag ich ihm, er lächelt und erwidert freundlich: „So ist es aber leider nicht. Also wie machen wir es.“

Naja, und am Ende sitzt er also am Tisch und schneidet Zwiebeln und Knoblauch. Ich steh am Herd und mache die anderen Dinge. Ich bekomme wenig mit, von dem was ich da tue. Hangel mich an Gesprächen entlang. Blende ihn dabei weiter mit Vermeidung des Blickkontaktes aus und dann ist es getan. Das Essen für heute ist fertig. Ich bin sehr dankbar dafür.

Das macht so unglaublich heftige Sachen in mir, dass ich gerade auch irgendwie dankbar bin, dass alles nicht so richtig fühlen zu können.

Mama V

Schau mich an! Verdammt, schau mich an! Reagiere auf mich! Warum reagierst du nicht auf mich!? Warum verhältst du dich nicht!? Warum kommt da nichts!? Wo bist du!?

Ich versuche deinen Blick einzufangen, suche den Kontakt mit den Augen. Ich suche deine Augen die mich halten, die bei mir bleiben. Es gelingt mir nicht. Du weichst aus. Du schaust nicht hin. Du schaust mich nicht an! Du lässt mich alleine. Du reagierst nicht. Ich kann weinen, ich kann schreien und du reagierst einfach nicht! Ich kann toben und du senkst den Blick. Verlässt mich, verlässt die Situation, lässt mich alleine. Lässt mich alleine, mit dem was ich fühle. Ich schreie dich an! Ich will an dir rütteln, doch kann ich mir keine Berührung vorstellen. So rüttele ich aus der Entfernung, ohne Gesten mit meinem Geist. (Hat ein Säugling schon einen Geist?)

Du hast mich alleine gelassen. Du warst da und doch nicht da.

Ich sollte wütend sein, so richtig. Viel mehr als dieses wellenartige kleine Schütteln in meinem Inneren. Ich sollte extrem wütend sein und toben und vor Schmerzen schreien. Tue ich auch, unsichtbar. In meinem Geist ein Bild von einem kleineren Sportraum, mit Matten. In meiner Phantasie bin ich in diesem Raum und schaue mir beim Toben, Schreien und Weinen zu. In der Ecke des Raumes, an der Tür steht meine Mutter. Gesenkter Blick und ohne Reaktion.
Dabei sitze ich still und schildere zumindest mit lebhaften Worten dieses Szenario der Frau Therapeutin, dabei ein Lächeln im Gesicht.