Gefühle wie ein nervöses Araber-Pferd? = Trauma?

Das ist das Bild, dem sich Marsha Linehan bedient, Entwicklerin der Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT), um die Gefühlswelt von Menschen mit der Diagnose Borderline zu beschreiben.

Wenn Menschen in ihrer Kindheit nicht gezeigt bekommen, wie sie mit dem nervösen Araber in sich umgehen können, lernen sie nicht ihre Gefühle anmutig zu tänzeln, sondern erleben das ständige ausbrechen, durchgehen und abgeworfen werden.

Meine Ärztin erzählte mir vor einigen Tagen erneut diese Geschichte, als ich ihr das Windows of Toleranz, nach Dami Charf beschrieb und meine Angst, die vor neuen Situation, immer über dieses Toleranzfenster hinaus schießt und ich die Tage danach, verständlicherweise in einem Energietief bin.

Ob diese Angst vergleichbar ist, mit der schwer zu händelnden Gefühlswelt der Borderline-Diagnose?

Keine Ahnung.

Ob DBT die Spitze der Angst senken kann, weil sie früher wahrgenommen werden kann und so auch früher reguliert werden kann?

Keine Ahnung. Ich glaube irgendwie nicht.

Das Nervensystem ist zum großen Teil unbewusst. Wenn ein Trigger kommt, dann reagiert es. Und das aus einem ganz bestimmten Grund. Eine alte Erfahrung, Erinnerung.

Ich glaube eher, dass DBT nur das ‚danach‘ erreicht. Wenn der Ausschlag passiert, dann zu regulieren.

Und das mache ich schon.

Meine Therapeutin ist keine DBT-Expertin, dafür Trauma-Erfahren. Sie sieht sie das unabhängig von mir, genauso.

Der Ausschlag passiert. Wie damit umgegangen wird, kann erlernt werden.

Ich bemerke immer mal wieder, dass meine Ärztin an ihre Erfahrungsgrenzen kommt und mir nicht helfen kann.

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Nähe, Schmerz und Distanz

Das Blog ist…

Arrrrg… ich will nicht immer ‚aktuell‘, ‚momentan‘, ‚zur Zeit‘, ‚gerade‘ schreiben, um kenntlich zu machen, dass das was ich schreibe lediglich für diesen Augenblick so ist und sich jederzeit wieder verändern kann und verändern tut. So! Hab ich das mal gesagt und versuche es loszulassen.

Das Schreiben hier verbindet mich. Ich fühle mich verbunden, wenn ich schreibe. Mit mir, mit anderen. Der Wunsch, verbunden zu sein ist riesig groß. Ich dürste jeden Tag danach.

Nicht einfach, wenn innere Verletzlichkeiten, offene Wunden reale Nähe nur begrenzt möglich machen.

Da ist es für mich auch schwer die Selbsthilfegruppen zu besuchen. Da geht fast nur noch die eine, weil sie so einen abgesteckten Rahmen und ganz klare inhaltliche Ablaufstrukturen hat. Das hält meine Emotionen etwas auf Distanz.

Auf Arbeit (Zuverdienst) geht es, weil ich jederzeit aus dem Kontakt gehen kann und mich meinen Aufgaben widme. Entstehen Gespräche, muss ich einem Blickkontakt ausweichen. Blickkontakt tut mir emotional dann weh, als würde derjenige direkt in mein offenes, wundes, verletztes Herz schauen. Nähe und Verbundenheit entstehen da nur sehr bedingt. Gehe ich also teil-hungrig nach Hause.

Nähe tut mir weh. Das heißt, der Kontakt mit Freunden tut mir automatisch auch weh. Nicht die Freunde selbst, aber sie bringen mich zu meinen Gefühlen. Ich war bisher noch nicht so weit, diesen Schmerz vor Freunden einfach zuzulassen, mich damit zu zeigen und ich weiß auch nicht, ob meine Freunde schon soweit sind, es wertschätzend (aus)halten zu können.

Also schreibe ich hier viel, um mich auf geschützte, etwas entferntere Art verbunden zu fühlen.

 

(…) Da ist ein gebrochenes Herz in mir. Wir haben nicht darüber gesprochen wie ich mit diesen Gefühlen umgehen kann. Ich nehme an wie mit allen – zulassen. (…)

Frau Helferin: „(…) Und die Trauer, das gebrochene Herz, zulassen ja, aber auch wieder loslassen. Vielleicht können Sie mit sich die Vereinbarung schließen, dass die Traurigkeit einen Platz in Ihrem Tag oder in Ihrer Woche bekommt. Einen zeitlichen Rahmen, in dem Sie sich bewusst Zeit dafür nehmen, indem Sie z.B. darüber schreiben, oder es malen, oder traurige Musik hören und es zulassen, dass Tränen kommen. Aber es dann wieder auch bewusst beenden, indem Sie sich aktiv mit etwas anderem beschäftigen. Raus gehen, Kontakt aufnehmen mit jemandem, eine andere Musik hören, die etwas anderes auslöst. (…)“

Ich weiß nicht, ob ich das so bewusst machen will, da eine Trennung. Ob das überhaupt geht. Ich kann schöne Dinge erleben und trotzdem dabei im Hintergrund die Verwundung spüren. Es ist okay so. Es ist nicht schlimm. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich es wegmachen muss, um es in einen späteren Zeitpunkt zu stecken. Das meint sie wahrscheinlich auch nicht. Eher, wenn ich jetzt Tag und Nacht tief drin stecken würde und mich gar nicht mehr daraus befreien kann. Nehme ich an.

Ich spüre eine Bereitschaft, mich einzulassen, auf diese Gefühle, auf ihre Existenz, auf ihre Entwicklung, einfach darauf, dass sie ein Teil von mir sind. Ich möchte mit ihnen verbunden sein, sie begleiten, ihnen helfen einen Platz in mir zu finden. Wow! Bin selbst beeindruckt von mir, dass ich dazu ein ‚Ja‘ finde. Dass ich den Schmerz willkommen heiße.

Heute Morgen im Bett habe ich diesen horizontalen Riss im Herzen gespürt, regelrecht physisch, ganz konkret auszumachen und ohne emotionale Entladung. Eher wie ein Zusammenziehen, wie wenn man sich kurz verbrannt hat und das Gesicht zu einem Zischen verzieht und die Hand auf die Stelle legt. So ungefähr.

Ich dachte an die letzte Stunde Körperarbeit vor 3 Tagen. Da wurde mir eine Hand auf den Rücken gelegt, in Höhe des Herzens und ich spürte wie nach vorne, also unten, weil ich lag, mein Herzfeld sich öffnete, jedoch geteilt. Also ein Strahl rechts und ein Strahl links. Da ist mir das mit dem Riss gar nicht eingefallen. Heute Morgen erst.

Das fand ich allerdings wirklich spannend, dass also eine alte emotionale Verletzung tatsächlich eine konkrete physische, feinstoffliche, dauerhafte Veränderung erzeugt.

Ich fragte da hinein, was helfen kann und sah, wie von innen, also innerhalb des Herzens (was in dem Bild übrigens immer so eine klassische Herzform hat ❤ ) etwas mit fester Substanz gegen drückte. Der Riss blieb, aber war verschlossen.

Dazu gedacht habe ich mir, dass vielleicht von Innen etwas Neues wächst – mir erschien das Neue in goldener Farbe – und das Alte ausfüllt und am Ende darüber hinauswächst. Es absorbiert.

1-Tage

Auf einen kleinen Zettel gekritzelt. Beschreibungen. Nicht die ersten dieser Art, aber doch schon eine Weile her, dass es so war.

„Fällt mir schwer mit meinem Bewusstsein hier zu bleiben, ohne Gegenüber. Konzentrieren und Handeln braucht viel Kraft. Körperschwach. Müde. Schnell überfordert. Keine Handlungsimpulse.“

Hab viel geschlafen. Mich oft wie in Trance gefühlt. Kaum Impulse mich zu bewegen. Versorgung mit Essen in diesem Zustand eine Herausforderung. Plötzlich ist wieder Brei interessant. Nur löffeln, schlucken. Alles andere zu anstrengend. Sehnsucht nach Badewanne. Sehnsucht nach Wasser – schweben – loslassen – umhüllt sein. Weinen unter der Dusche. Sonst wenig bis keine Gefühle. Viel Treiben – irgendwo weit weg. Viel liegen. Viel schlafen. Und ist jemand da zum reden, dann geht das, dann ist alles fast normal (außer das die Welt schwankt, als ich vor die Tür trete). War schon immer so. Kontakt stellt Bezug her.

Ich dachte an Regression. So kann ich es vielleicht nach außen erklären. Drehe den Begriff im Kopf hin und her. Regression. Zurückentwickeln. Eigentlich stimmt das nicht. Da bin nicht ICH, welche gerade zurückfällt. So fühlt es sich nicht an. Da ist ein Teil in mir, vielleicht ein frühkindlicher oder vorgeburtlicher Teil, der nach vorne gekommen ist. Der war und ist schon immer so. Das sind seine Merkmale. (Stelle ich mir zumindest vor.) Also ist es keine Regression. Ich kann sogar in diesem Zustand noch 2 Stunden im Laden stehen – freundlich auf Kunden reagieren und handeln (nervös und ängstlich sein). Meine Fähigkeiten sind also noch da. Auch wenn ohne Kunden und Kontakt jede Bewegung eine immense Anstrengung ist, die Müdigkeit mich wie Blei auf den Tresen drückt.

Hinzu kommen Momente von merkwürdigen Zeit-Raum-Erlebnissen.
Nach den 2 Stunden im Laden, falle ich zu Hause auf die Couch. Kann mich nicht mehr rühren. Mit geschlossenen Augen nehme ich den Raum war und es ist nicht mein zu Hause, welches ich wahrnehme, sondern immer noch der Laden. Als wenn ich in dem Moment wirklich ausgestreckt, auf den Rücken liegend auf dem Tresen liegen würde. Es ist keine Vorstellung, kein in Gedanken sein, sondern ich fühle tatsächlich anstatt meines Wohnzimmers, das andere Zimmer um mich herum. Unheimlich war das schon ein wenig.
An einem anderen Tag in dieser Woche, laufe ich zeitlos durch die Gegend und habe das Gefühl, nur noch ein Kopf zu sein. Ein schwebender Kopf, der durch den Raum gleitet – ohne Zeitbezug. Der Ortsbezug war noch vorhanden.

Ich schaue gerade mal, wann ich das letzte Mal so aus meinem Alltag rausgeflogen bin. Um den 13.06.. Hmmm… ist doch nicht so lange her. Und davor um den 21.05. herum. Das sind die sogenannten 1-Tage, die in der Diary-Card (aus dem DBT-Programm), in der Spalte für Antrieb mit 1 bewertet sind, was so viel bedeutet wie, dass nur noch Energie für Grundversorgung vorhanden.

Um den 1-Tag, gab es die 2-Tage. Ich muss vieles absagen, weil nur wenig Energie vorhanden ist, aber ich kann mich noch etwas bewegen. Und als hätte ich es geahnt oder anders gesagt, ich habe gefühlt, dass da eine schwere Woche auf mich zukommt und habe vorsorglich 2 Arbeitstage von 3en abgesagt (das viel mir gar nicht so schwer).

Wenn ich nun auf die vergangenen 5 Tage zurückschaue, habe ich mit der sehr wenigen Energie lauter schöne Dinge für mich getan. Ich war beim Friseur. Ich habe mir Barfußschuhe gekauft.

http://www.solesportsrunning.com/1229-thickbox_default/vibram-fivefingers-bikila-evo-women.jpg

Bild von http://www.solesportsrunning.com Ich liebe sie! ❤

Und ich hatte eine Knabberfisch-/ Akupressurbehandlung, was wirklich sehr, sehr viel Freude gemacht hat und ich mich fühlte wie ein kleines aufgeregtes Kind, als die kleinen Fische an meinen Füßen knabberten.

Fisch - Pedicure

Hat ganz schön gekitzelt, sag ich euch. 🙂 Bild von http://www.toxic.fm

Genau so fühlte es sich richtig an. Früher hätte ich die wenige Energie in die Arbeit gesteckt und hätte für mich nichts mehr übrig gehabt. So war viel Raum für Achtsamkeit und Selbstfürsorge.

Ich bin richtig stolz auf mich! 🙂

Nähe III

Ich weiß nicht, warum Bindung Angst auslöst und Schmerz. Vielleicht gab es Momente, wo ich eine Ahnung davon hatte oder dachte es zu verstehen. Jetzt habe ich keine Ahnung.

Es geht an der Stelle weiter, wo die Therapie nicht gegriffen hat. Und in was für einer Geschwindigkeit! Ich kann es selbst kaum glauben.

Schon als ich im Auto saß, neben ihnen. Wir waren auf dem Weg zu einem sozialen Träger, für eine Arbeitstherapie. Schon da scheinen kindliche Teile von mir viel mehr angedockt zu haben, als es mir selbst bewusst war. Ich bekam mitten im Auto, genau neben ihnen einen Angstanfall. Er begann mit einem Kribbeln im linken Handgelenk, welches sich in meinem Körper ausbreitete und am Ende zu einem inneren Wirbelsturm führte. Es wollte geweint werden. Ich konnte es nicht zulassen.

Die Angst (wenn ich zu unbekannten Orten und Menschen gehe), die ich selbst sonst so wenig oder erst spät irgendwo hinten mitbekomme, hat da entschieden sich ganz zu zeigen. Heute ist mir klar, dass das nur so ablief, weil da Vertrauen war, dass sie den Raum dafür halten können. In dem Moment selbst war ich schockiert über den Kontrollverlust, mitten vor einem anderen Menschen.

Wir hielten an. Ich war mit Stabilisierung und Aushalten beschäftigt. Sie schickten sich an, aus dem Auto zu steigen, mich alleine zu lassen, weil ich auch sonst immer das Weite suchte, wenn heftige Emotionen nach vorne drängten. Doch diesmal fragte ich, ob sie hier bleiben könnten. Ich fühlte Angst davor, damit alleine zu sein. Ich staunte selbst. Ein paar Minuten hielt ich es still neben ihnen aus, versuchte den Wirbelsturm zu meinen Füßen und in den Boden zu lenken.
Es war gut, dass sie da waren. Ich nahm wahr, dass das irgendwo in mir, für mich ganz wichtig war.

Das setzte einen Prozess in Gang. Die Angstattacke löste Erinnerungen aus. Neue Bilder, alte Gefühle drängten nach vorne und nahmen mich sehr stark ein. Viel Angst, mit der nicht umgegangen werden konnte, mit der ich alleine gelassen wurde. Situationen die völlig überforderten, mit denen ich alleine war. Überforderung, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Tiefe Einsamkeit und das unermessliche Bedürfnis, damit heute nicht alleine zu sein.

Ich könne mich jederzeit in ihrer Arbeitszeit melden, ihr Angebot. Schon etwas, was ich kaum wage in Anspruch zu nehmen. Will keine Last sein. Will nicht nerven. Will nicht zu viel sein, zu viel Raum einnehmen. Sie wiederholen es, ihr Angebot, immer wieder. Wiederholung ist gut. Ein paar Mal habe ich es schon genutzt. Immer dieser Schmerz, wenn sie wirklich helfen. Dieses innere Zerreißen.

Ich liege weinend im Bett, weil ich wie gewohnt meine Vergangenheit alleine durchfühle. Jetzt brauche ich keine konkrete Hilfe. Jetzt brauche ich jemanden der zuhört. Jemanden, der der Vergangenheit zuhört. Der Überforderung, der Hilflosigkeit und Einsamkeit zuhört. Eine SMS an sie. Die Antwort: wir können gerne telefonieren.

Ich wende mich zu meinem weinenden Innen. Es sagte mir, es sei 6 Jahre alt. Gerade befindet es sich alleine in der erinnerten Nachbarwohnung. Sie war damit einverstanden, hier in diesem Raum bis zum Telefonat zu warten. Neben sich auf der Couch einen menschengroßen Teddybären, über dessen Beine sie sich legte. Brauchst du noch etwas, fragte ich sie. Einen Stoffwürfel, mit jeweils andersfarbigen Seiten. Ruhe kehrte ein. Fast friedlich wurde es. Es war gesorgt worden.

Das Telefonat. Erst die Sorge, ob das Erzählen der alten Erinnerungen, jetzt vor dem Wochenende zu destabilisierend ist. Ich habe keine Bedenken, ist doch schon alles gefühlt voll da in mir. Es geht nur noch um das Erzählen. Aber was ich selbst überhaupt nicht bedacht habe, dass das erzählen alleine, das zeigen von so schmerzhaften Gefühlen ein ebenso starker Auslöser für weitere Ängste ist.
Ein erzählen aus der Betroffenenperspektive war gar nicht möglich. Sofort war da unglaublich viel Widerstand (wie ich jetzt weiß – Angst) und ich berichtete stockend nur noch aus der Distanz, unbeteiligt. Mit ihren anteilnehmenden Worten konnte ich überhaupt nichts anfangen.

Später am Tag, ich ging in den Wald, weil ich mich so fern fühlte, nahm ich erst überhaupt war, wie weit weg ich war, wie ausgeprägt die Derealisation. Kein Ortsbezug, kein Zeitbezug, der Wald wie im Märchen und hätte unter einem Busch eine kleine Fee hervorgeschaut, mich hätte es nicht gewundert.

Die Folge waren sehr quälende, schwierige, weltferne, körperschmerzende, dunkle, in mir eingeklemmte Tage, bis sich endlich die zugrunde liegenden Gefühle entluden.

Krach… und die aufgebaute Mauer der Therapiezeit brach in sich zusammen. All die kindliche Sehnsucht nach Nähe, gesehen werden und Bindung schütteten sich in Fluten über mir aus. Was für ein Schmerz! Und wie viel Panik, wirkliche Nähe zuzulassen.

Da schrieb ich den letzten Artikel.

Ein Termin gab es noch, bevor sie für drei Wochen in den Urlaub fuhren. Und ich sitze nun da, mit all dem Sehnen. So vieles will sich ihnen zeigen. Genauso vieles hat unglaublich viel Angst davor. Bin ich zu schnell mit dem Zeigen, überfordert zu viel Angst. Halte ich zu viel vom sehnenden Innen zurück, führt das zu riesigem Schmerz. Ein Dilemma. Schmerz oder Angst.

Gestern schreibe ich doch tatsächlich eine SMS an sie, ohne etwas zu wollen. Einfach nur, um zu zeigen wie schwierig es mir gerade geht. Auch das empfangen sie annehmend und bestärkend.

Heute war unser Termin. Ich habe den letzten Artikel ausgedruckt.
Tatsächlich sitze ich um Worte ringend da und bekomme keinen Satz formuliert. Wo soll ich anfangen? Was kann gesagt werden? Was kann gezeigt werden? Was halte ich aus zu zeigen?
Wir sitzen. Ich ringe. Sie sind wie immer unglaublich präsent und aufmerksam. (Senken sie tatsächlich mal kurz ihren Blick, weil ich ihnen mal sagte, dass ich diese brutale Aufmerksamkeit manchmal kaum aushalte? Nehmen sie mich ein weiteres Mal ernst?)
In den Minuten des Ringens, spüre ich, dass ich keine Distanz mehr aufrecht erhalten kann. In mir ist es nah. Dadurch ist der Raum nah. Dadurch sind sie nah. So unglaublich nah. Das spreche ich aus. Da beginnt auch schon der Wirbelsturm in mir. Der Raum um mich herum wird immer tiefer, dichter, dreidimensionaler, berührt meine Haut. Ihre Präsenz berührt meine Haut, brennt auf meiner Haut. Zu der Angst gesellt sich der Schmerz. Das sie da sind tut weh. Vorne übergebeugt halte ich meinen Kopf in den Händen, versuche so gut ich kann da zu bleiben, atme heftig mit der Angst und dem Schmerz. Halte aus, das sie dabei sind. Halte aus, halte aus, halte aus… Nebenbei schaffe ich es sogar noch daran zu denken, dass ich vielleicht auch mal irgendetwas sagen sollte, damit sie wissen was bei mir gerade ab geht.

Ihre beruhigende, sanftmütige Stimme kommt bei mir an… „atmen ist gut, einfach immer weiter atmen.“ Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas aus mir gleich in den Raum bricht, ich die Kontrolle verliere. Der Punkt, an dem ich abbreche, ins Bad flüchte, um mir kaltes Wasser über die Arme und Hände laufen zu lassen. Dort kommt das Weinen (das war wahrscheinlich das, was in den Raum brechen wollte).

Ich kehre zurück, mit Decke und Kühlakku, keine Gefühle mehr, aber innerlich sehr aufgelöst, wirbelnd, sprachstolpernd und durcheinander. Und sie sind immer noch da, immer noch nah. Es hört nicht auf Jetzt zu sein. Sie: „Sie sind immer noch da, ich bin immer noch da, wir sitzen zusammen in ihrer Küche.“ Ich: „Ohhh mein Gott.“ Sie helfen bei der Stabilisierung. In mir ein stetiges Ringen. Widerstand, zulassen, Nähe fühlen, aushalten, ausweichen.

Ich gebe ihnen tatsächlich den ausgedruckten Artikel. Und wieder: „Oh mein Gott.“ Hände vor das Gesicht. Es käme rüber, wie heftig das alles für mich ist. Wieder ein Zeigen ausgehalten, mit einer annehmenden Reaktion.

„Wie geht es ihnen mit meinem Urlaub?“ Immer noch sind die kindlichen Anteile vorne und können sprechen (ich bin baff). „Ich bin wütend.“ „Ich bin verzweifelt. Ich habe Angst, nicht halten zu können, dass sie trotzdem noch da sind.“ Sie: „Kann ich etwas für diese Empfindungen in ihnen tun?“ Wieder Schmerz. Sie reagieren tatsächlich darauf, nehmen es ernst. Ich kann es nur ganz schwer annehmen, das wert zu sein. „Hilft es vielleicht, wenn ich ihnen auf einen Zettel schreibe, wie lange ich weg bin, das ich trotzdem da bin und das ich dann auf jeden Fall wieder komme?“ „Ich glaube, ich kann es evtl. auch gar nicht aushalten, sie über den Zettel die ganze Zeit so nah zu spüren.“

Sie schlagen vor, mir vor ihrem Abflug einen Brief per Post zu schreiben. Den kann ich dann öffnen, wenn ich es brauche oder zu lassen, wenn nicht. Damit können alle Teile von mir leben. Ein Mittelweg zwischen nah und fern.

Puhhh… ich bin so dermaßen erschöpft. Das war krass.

Daten

Ich führe seit einigen Monaten täglich eine Liste, in welcher ich meinen Tag bewerte. Die Diary-Card. Ist aus dem DBT-Programm und habe ich für mich ein wenig angepasst.

2015_06_15 Diary-Card

Ich finde das ziemlich spannend, weil es einen Blick ermöglicht, den ich sonst nicht habe. Ich habe die Daten in eine Exel-Tabelle übertragen und versuche verschiedene Parameter übereinander zu bringen. Zum Beispiel fände ich es spannend zu schauen, ob sich die Menstruation auf die Stimmung auswirkt oder auch der Mondzyklus. Ich weiß noch nicht, wie ich das grafisch in Exel umsetze. Bin da nicht so bewandert. Mal sehen.

Ich habe bisher die Werte für Freude und Antrieb in ein Diagramm gebracht. Das alleine war schon spannend, zu sehen wieviel Auf und Abs es gibt.

2015_06_15 Diagramm Antrieb

Ende April ist eine deutliche Veränderung im Gesamtbild erkennbar. Man glaubt es kaum, aber es ist die veränderte Medikation. Warum man es kaum glaubt, ist, weil ich lediglich um 1 mg Paroxetin (von 6 mg auf 7 mg), wo die übliche Anfangsdosis eigentlich bei 20 mg liegt, nach oben gegangen bin. So eine minimale Veränderung wirkt sich so deutlich aus. Ich finde das erstaunlich.

2015_06_15 Diagramm Antrieb 2

Ich selbst spüre diese Veränderung auch deutlich. Es gibt weniger Freudespitzen, was mir wirklich auch fehlt, dafür gibt es auch weniger Antriebstiefs. Die Stimmungswechsel sind auch weniger geworden. Wohl fühle ich mich damit nicht, weil die Gefühle trotzdem da sind, nur lediglich für mein Bewusstsein vernebelter. So fühle ich mich auch öfters, leicht vernebelt, wo ich nicht richtig weiß, was ist denn jetzt eigentlich los mit mir, wie geht es mir, wie fühle ich mich.

Auf den täglichen Alltag wirkt sich das eher gut aus. Ich kann kontinuierlicher an Dingen dran bleiben. Trotzdem juckt es mir schon seit 3 Wochen in den Fingern, wieder auf 6 mg zu gehen, weil ich nicht mehr so gut mit meinen Gefühlen sein kann, für mich zu wenig Zugang habe.

Morgen ist Neumond. Nach Neumond ist eine gute Zeit für Neubeginne aller Art. 🙂

Geschenke

Mir geht es momentan so unglaublich gut!

Ich kann mich nicht erinnern, wann das das letzte Mal so war oder ob es überhaupt schon mal so war, wie es jetzt ist.

Ich fühle mich weit. Ich fühle mich voller Liebe, Hingabe, Fürsorge und Kraft. Ich habe viel zu geben.

Ich fühle mich verbunden mit mir und dem Leben. Ich fühle mich mir nah. Emotionale Schwankungen erfasse ich schnell und durchlebe sie innerhalb kürzester Zeit. Ich gebe mir die Zeit dafür. Ich schenke mir Aufmerksamkeit, wenn ich merke irgendetwas stimmt nicht.

Mich hat das Leben unerwarteter Weise mit einem Geldsegen beschenkt. Dadurch kann ich meinen Impulsen besser folgen.

Ich habe auf meinen Körper gehört und mir eine energetische Massage gegönnt. Die letzte war ca. ein dreiviertel Jahr her. Ich war so beeindruckt über den Unterschied. Wie nah ich mir teilweise sein konnte. Wie liebevoll zugewandt meinem Körper gegenüber. Das rückte die Sehnsucht ins Bewusstsein. Ich spürte dadurch, wie sich mein Körper nach mir sehnte und wie sehr ich mich nach ihm sehnte.

Beim Yoga habe ich mich auch wieder angemeldet. Das letzte Mal ist ebenso lange her. Gestern war ich das erste Mal wieder dort und ich war genauso berührt. Glasklar konnte ich meine fortgeschrittene Entwicklung wahrnehmen. Viel mehr Achtsamkeit und bei mir sein. Viel mehr liebevolle Gedanken und Selbstfürsorge.

Mein Antrieb ist super, seit dem das Lyrica-Experiment beendet ist. Das hat mich meiner Sucht noch mal sehr nah gebracht, so nah wie seit 2011 nicht mehr. Ich missbrauchte Medikamente, schaltete mich für zwei Tage völlig aus. Eine lehrreiche Erfahrung, besonders die, dass ich es schaffen kann unvorstellbar großes Verlangen auszuhalten und mir wieder ins Bewusstsein zu rücken – ich bin süchtig, auch wenn ich es nicht immer merke.
Jeden Tag habe ich Lust das Haus zu verlassen und kann mehrere Dinge tun. Mein Körper lechzt nach Bewegung. Ich fühle viel Freude.

Am Arbeitsplatz läuft es gut. Es ist herausfordernd, ich spüre sehr deutlich die Bereiche, an denen ich dran bleiben muss und jedes Mal läuft etwas gut.

Die Abschiedsthematik in der Therapie treibt Früchte. Ich konnte das frühkindliche Verlassen-werden-Ereignis neu durchleben und integrieren. Was für eine Befreiung! Am Ende habe ich gelacht und geweint und gewütet gleichzeitig. Ich bin immer noch kein ‚Herz und eine Seele‘ mit meiner Therapeutin und spüre weiterhin sehr deutlich, dass es gut ist, dass sich unsere Wege trennen. Noch 10 Termine.

Die Unterstützung hier zu Hause brauche ich gerade gar nicht.

Nächstes Wochenende bekomme ich die Einweihung zum 2. Reiki-Grad, worauf ich mich schon wahnsinnig freue. Die Woche drauf habe ich einen Handlese-Termin, der mich auch ganz neugierig macht.

Die DBT-Gruppe ist insoweit ein Geschenk, dass ich spüre, was ich alles in den letzten Jahren erreicht habe. Ich lerne dort nicht mehr so viel Neues, aber kann mich jedes Mal gut verorten, in dem wie ich es schon mache und das stärkt mich ungemein. Ich bekomme auch das Gefühl endlich damit gesehen zu werden.

Ich fühle mich von allen Seiten getragen und unterstützt. Ich fühle mich vom Leben getragen und unterstützt. Ich vertraue dem Leben und dem Wandel.

In tiefer Dankbarkeit für diese Phase, verneige ich mich.