Auseinandersetzung mit der Diagnose

Ich stöbere gerade in einem spannenden Buch, zu dem ich geführt wurde und es tatsächlich noch in meinem, schon zweimal ausgemisteten Bücherschrank gefunden habe.

Liegt wohl am Titel: „Identitätsgrenzen des Ich. Einblicke in innere Welten schizophrenie- und borderlinekranker Menschen“. Sowas spricht mich von Natur aus an. Hatte mal ne große Weiterbildung, wo der Autor, Dr. med. Josi Rom persönlich einen Tag doziert hat. Da wusste ich noch nichts von meinem Innenleben.

Randgedanken, als ich meine alten Unterlagen dazu durchsah – hach, so viele spannende Dinge, womit ich mich damals beschäftigte und ich hatte trotzdem so gut wie von nichts eine Ahnung. Das rauschte alles durch mich durch. Kaum was blieb abrufbar. Ich fühlte mich als ewiger Anfänger/Ahnungsloser, der krampfhaft versuchte, nicht so zu wirken und immer die Angst, dass mir am Ende jemand auf die Schliche kommt, wie unsicher und unfähig ich eigentlich bin.

Das war mir natürlich alles damals nicht bewusst. Ich habe nur gemerkt, dass ich immer irgendwie hinter meinen Kollegen hinterher hinkte, die ihr erworbenes Wissen direkt in die Praxis mit einbauen konnten. Ich konnte das so gut wie nie, trotz regelmäßiger Fortbildungen. Ich saß da immer wieder frisch wie ein Baby in Klientensituationen und konnte nur aus dem Moment heraus reagieren. Keine Ahnung wie ich das gemacht habe, wo ich doch zu der Zeit noch zu mir selbst kaum Zugang hatte.

Ich weiß noch, dass ich mich immer sehr nach Handlungsvorgaben gesehnt habe. QM-Richtlinien fand ich ganz toll. Mich auf mein Bauchgefühl zu verlassen, ging gar nicht. Da gab es kaum Orientierung. Das war oft ein Gefühl von unsicherem, bebendem Boden, der jederzeit verschwinden kann. Was er ja dann auch tat, Stück für Stück.

Trotzdem habe ich keine ’schlechte‘ Arbeit gemacht. Bin aber auch schnell an meine Grenzen gestoßen.

Das was ich da gerade in dem Buch lese, passt gut in meine Erinnerungen. Ich erkenne mich da wieder und mein Fühlen von damals kommt mir logischer vor. Es geht um den Versuch, Borderline-Erleben, Identitätserleben und -organisation zu beschreiben, in Abgrenzung zur Schizophrenie.

Ich hatte in Klientenbeziehungen Abgrenzungsprobleme. Ich habe mitbekommen, dass ich mich teilweise zu freundschaftlich verhalte, mich zu nah fühle und mich mit ihnen solidarisiere. Bei einer Klientin wurde es so verschwommen und ich konnte mich nicht von ihren Gefühlen distanzieren, dass ich den Fall abgeben musste. Was ich fühlte, habe ich größtenteils versucht zu verbergen. Ich dachte, dass darf gar keiner wissen, wie ’schlecht‘, ‚unprofessionell‘ ich bin. Dann werden alle über mich herfallen und mich abwerten, verachten.

Josi Rom versucht Borderline-Erleben, Identitätserleben zu beschreiben, in Abgrenzung zur Schizophrenie. Er ist Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker.

Ich würde hier gerne etwas von dem wiedergeben. Weiß nicht ob das geht. Er verwendet viel Fachsprache und eigene Modelle, auf die er sich dann bezieht, um zu erklären. Das ist mir gerade zu aufwendig alles darzustellen. Schade. Vielleicht ein paar Brocken, in denen ich mich wiederfinde.

Also diese Aussage gefällt mir schon mal, weil ich das auch so sehe und bestimmt nicht die Einzige bin: „Die Diagnoseschlüssel DSM und ICD tragen nicht viel zum tiefen Verständnis der Erkrankungen bei. Symptome werden beschrieben und zu Gruppen zusammengestellt, die, verknüpft mit weiteren Kriterien, ein Krankheitsbild definieren sollen.“ (vgl. S. 88)

„Die Kriterien (DSM-IV der Borderline-Persönlichkeitsstörung) beschreiben zwar, was wir vom Patienten hören, wahrnehmen und nachweisen können, nicht aber, was der Patient wirklich empfindet und erlebt.“ (vgl. S. 98)

Dann versucht er darzustellen, wie das Ich funktioniert.

„Die Ich-Grenze (…) zeichnet sich (…) durch eine hohe Elastizität aus.“ „Somit ist das Ich grundsätzlich und im „Normalfall“ nicht der großen Gefahr der Fragmentation (Zersplitterung) ausgesetzt (wie bei der Schizophrenie).“ „Diese Eigenschaft wird vor allem für den Umgang mit inneren Drucksituationen im Ich kompensatorisch und regulierend eingesetzt. Die Ich-Grenze, aber auch das gesamte Ich (…) hat dank der Elastizität (…) die Fähigkeit, im hohem Ausmaß zu fluktuieren (sich verändern). Das hohe Fluktuationspotenzial stellt gleichzeitig aber auch ein Problem dar (…).“ „Das Ich ist aufgrund der Elastizität in seiner Stabilität und Konstanz der Form (Identität) geschwächt.“ (vgl. S. 91-92)

Spannend finde ich das, weil ich mich 2013 ähnlich beschrieben habe, ohne mich mit der Diagnose oder irgendwelchen Texten dazu befasst zu haben. Wie schön wäre es gewesen, wenn mir damals jemand erklärt hätte, was ich da erlebe.

„Das eindeutige und „sichere“ Zentrum des Kreises ist (…) nicht mehr garantiert. Es handelt sich also um eine sich wandelnde Ellipse, je nachdem, wie und wo der Druck im Ich gerade ansteigt und das Gesamt-Ich darauf formverändernd reagiert.“ (vgl. S. 95)

elastisches Ich der Borderline-Struktur nach Josi Rom

elastisches Ich der Borderline-Struktur nach Josi Rom

'normale' Struktur eines Ichs nach Josi Rom

’normale‘ Struktur eines Ichs nach Josi Rom

„Die Verwirrung über sich und die Welt, welche durch die Fluktuation entsteht (…), ist die Basis zum Verständnis der Identitätsdiffusion (andauernde Unfähigkeit eine Identität zu entwickeln).“ (vgl. S. 97)

„Diese Anpassungsfähigkeit (gemeint ist die Fluktuation) hat grundsätzlich eine schizopräventive und zeitweise protektive Wirkung, allerdings um den Preis der Eindeutigkeit der Identität, was zur Identitätsdiffusion oder fluktuierenden Leihidentität führt.“ (vgl. S. 97)

Also das Gute ist, es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich zusätzlich Schizophrenie-Symptome bekomme. 😉 😀

Heute fühle ich mich nicht mehr so, wie ich es 2013 beschrieben habe, dass ich mich ständig verändere. Damals war das wirklich heftig. Fast jeden Morgen war alles irgendwie anders. Hab ich mich am Tag so einigermaßen orientiert, war am nächsten Tag schon wieder alles neu in mir und ich orientierungslos.

Hmmm… oder doch. Die Veränderungen sind geblieben, aber sie sind nicht mehr neu und weniger schockierend für mich. Man lernt ja dazu. 🙂  Überraschen und Erstaunen tut mich aber auch heute noch, nach fast 5 Jahren neuem Erleben das Eine oder Andere.

Diese Identitäts-Beweglichkeit wird mir öfters nur bewusst, wenn ich im Kontakt mit Menschen bin. Das ist Gott sei Dank in überschaubaren Maßen. Ich verbringe mehr Zeit mit mir alleine, was auch gut für mich ist und wohl so eine Art Balance herstellt. Ich fühle mich alleine einheitlicher.

Die große Leere, die auch ein Kriterium für die Borderline-Diagnose ist, kenne ich nicht als Leere, sondern als Haltlosigkeit. Ich habe mich mit ihr vertraut gemacht und benötige nur selten im Außen Ablenkung, um sie nicht zu spüren. Besonders durch das Vertraut werden mit den Energien von oben und unten durch Meditation, habe ich die Möglichkeit bekommen, mich in meiner Haltlosigkeit an etwas zu wenden, was ich im Idealfall als haltend erlebe.

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Die Zeit ist reif

Meine Güte, fühle ich mich wohl gerade. So kann es auch gehen. Schön! Wusste gar nicht mehr wie es sich anfühlt, wenn alles zur Ruhe kommt, ich zur Ruhe komme.

Da waren die Pellkartoffeln mit Leinöl eben noch ein Wohlfühl-Topping. Hab ich auch schon ewig nicht mehr gegessen.

Heute ist mein freier Tag. Davon versuche ich zwei Stück die Woche einzuplanen. Erfahrungen haben mir gezeigt, dass ich das brauche, zum runterkommen, sortieren, nachfühlen, aufarbeiten, still werden, Gestautes abfühlen, starre Strukturen wieder weich machen. Diese Tage können alles beinhalten, es passiert dann das was passieren will/muss/kann/soll. Das kann super anstrengend sein, wenn die Ruhe es möglich macht, das Neues ins Bewusstsein kommt, was die vorangegangenen Tage berührt wurde. Das kann aber auch total schön sein, wenn die Ruhe es möglich macht, dass Jetzt und mein Selbst mehr zu spüren, der Moment Genuss erzeugt und ein planloses Treiben durch den Tag erlaubt, an den Dingen entlang wo Lust und Wollen entsteht.

Heute ist es schön! Heute fühle ich viel Zufriedenheit und etwas wie im Einklang sein.

Ich habe heute Vormittag auch einen kurzen, jedoch heftigen Stressmoment ziemlich schnell wieder in die Beruhigung bekommen, was mich auch freut.

Die Klinik hatte sich nämlich schon bei mir telefonisch gemeldet. Sie hätten ein leeres Bett und da ich angegeben hätte, auch kurzfristig anreisen zu können (war mir nicht bewusst), könnte ich Montag nächste Woche kommen.

Mal so auf die Schnelle, in einem Überrumpelungsmoment eine Entscheidung zu treffen, ist nicht meine Sache. Ich hatte mich auf 3-6 Monate Wartezeit eingestellt. Der Anruf kam total überraschend für mich. Ich sagte ihr, dass ich mit der Entscheidung überfordert sei. Es entstand etwas Luft zum Denken/Fühlen, als sie nach dem regulären Aufnahmetermin schaute. Es wäre zwar echt geil, gar keine Wartezeit zu haben, eine richtige Glückssache. Aber mir wurde auch klar, dass ich den Aufenthalt innerlich und äußerlich vorbereiten muss, um da gut orientiert und präpariert hin zu fahren und Frau Helferin ist gerade im Urlaub. Also habe ich abgelehnt. Da bin ich ja fast stolz drauf. Wieder eine klare Ansage gemacht, als holterdiepolter in eine neue Situation gestolpert.

Sie hat mich trotzdem als kurzfristigen Nachrücker vermerkt und ich hab mir überlegt, dass das ab dem 04.01. für mich gut möglich wäre. Regulär müsste ich 2 Monate warten. Find ich auch nicht so lang.

Seit dem Entschluss für die Klinik, fühle ich, wie sich innerlich alles ganz von selbst darauf zentriert, als wäre es das natürlichste, selbstverständlichste was jetzt als Nächstes kommt. Als hätten mich alle Krisen und Begegnungen mit dem Trauma in den letzten anderthalb Jahren auf diesen Moment vorbereitet. Genau so fühle ich mich – ziemlich gut vorbereitet. Ich habe eine ungefähre Ahnung davon, was auf mich zukommt und wie es sich anfühlen wird. Das macht es sehr unwahrscheinlich, dass mich die Ereignisse, wie damals wieder völlig überrennen.

Vor anderthalb Jahren hatte ich die Reha, wo mich Traumasymptome erstmalig in Masse unerwartet überrumpelt hatten und ich gar nicht wusste, was da eigentlich mit mir geschah. Da bekam ich auch die Diagnose komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Dort empfahl man mir zum ersten Mal eine stationäre Traumatherapie. Das habe ich aus verschiedensten Gründen nicht in die Tat umgesetzt. Aus der Perspektive von heute, glaube ich auch zu sehen, dass es einfach noch nicht der geeignete Moment war. Ich habe gerade in den letzten Monaten, seit August so viel durchlebt und für Erfahrungen ein Bewusstsein gefunden, dass ich überhaupt mit diesem Wissen erst den Anmeldebogen für die Klinik richtig gut ausfüllen konnte.

Ich hatte damals nach der Reha schon Klinikrecherche betrieben und die Ergebnisse in einer Mappe dann beiseite gelegt und vergessen. Umso erfreuter und überraschter war ich, als ich diese Mappe jetzt wieder heraus kramte und feststellte, dass ich gar nichts mehr machen musste, außer den Bogen auszufüllen und ein Blatt Papier von meiner Psychiaterin ausfüllen zu lassen. Ich hatte mich damals schon auf zwei Kliniken festgelegt, mit beiden telefoniert und alle Anmeldemodalitäten in Erfahrung gebracht. Cool! Richtig cool!

Und nun geht das alles so ratzi fatzi und fließend. Die Zeit ist einfach reif.

Und da passt auch noch so schön dazu, dass ich die Entscheidung am 01.12. traf. Am 01.12. standen Mars und Lilith in exakter Konjunktion (falls man das so ausdrückt) und ich las dazu, dass es eine gute Zeit sei, eine radikale Entscheidung zu treffen und die Initiative zu ergreifen.

Das war es wirklich für mich, eine radikale Entscheidung. Ich hatte da vorher nicht großartig drüber nachgedacht. Das ergab sich tatsächlich erst an diesem Tag.

Also bin ich auch noch zusätzlich im Einklang mit den Planeten und Sternen. Wie toll! 😀

Ich freue mich auch auf die Weihnachtszeit. Ich freue mich auf viele Tage der Ruhe und des mit mir seins. Ich freue mich auf ein schönes gemeinsames Essen mit Freunden am Weihnachtstag. Ich freue mich, diesmal die Entscheidung getroffen zu haben, nicht an den Feiertagen meine Großfamilie zu besuchen. Ich freue mich auf die Rauhnächte, diese spezielle Zeitqualität. Das fühlt sich alles dieses Jahr so an, als würde ich ganz in meinem Sinne diese Zeit verbringen und keinen aufgesetzten Konventionen mehr folgen. Nochmal schön!

Blitzlichter aus der Tagesklinik

03.09.
Ich will keine Hoffnungen mehr gemacht bekommen!

05.09.
Ich realisiere gerade, nach 4 Jahren, dass ich eine Erkrankung habe, dass ich ein Ungleichgewicht in mir trage, welches ich durch eigene Bemühungen nicht ausgleichen kann. Das ist ein Schock!

09.09.
Ich hatte in der Verbindung zum Göttlichen und zur Erde etwas gefunden, was mir alles gegeben hat, was mir als Kind fehlte.
Und nun sagt mir jemand, das sei nicht echt, es sei sogar böse und würde mich nur täuschen und manipulieren.

11.09.
Ich schäme mich dafür, dass sich das hier so zeigt, dass ich so bin.

18.09.
Rückschläge waren nicht einkalkuliert.

20.09.
Es kommt wie es kommt, doch was ich erfahren habe, kann man mir nicht nehmen.

21.09.
Soviel Weinen und Unfassbarkeit darüber, wie es sein kann, dass ein Glaube trennt und eine Beziehung nichts zählt.

22.09.
Ihre andere Sichtweise bedroht mich.

23.09.
Erkennen von chronischer Erschöpfung/Müdigkeit/Kraftlosigkeit. Erkennen von dauerhafter Grundanspannung, Verunsicherung und Ängsten im zwischenmenschlichen Kontakt. Erstmaliges identifizieren mit der Borderline-Diagnose von vor Jahren.
Ich habe das Gefühl, ich stehe ganz am Anfang.

30.09.
Ich habe so eine Scheiß-Angst diese Bindung zu verlieren, wenn ich mich abgrenze.

02.10.
Mir fehlen Erfahrungen von Grenzen setzen/Position beziehen, ohne den Anderen zu verlieren.

03.10.
Mit mir leben – nicht gegen mich. Getarnte Selbstabwehr, versteckt hinter Fürsorge.