Leiden und jammern

Auf einer tieferen Ebene oder tief gesetzt ist ein Leiden in mir.

Ich leide oft an irgendetwas. Doch es scheint da gar nicht um die Dinge selbst zu gehen, an denen ich scheinbar leide, sondern die Dinge tippen dieses tief gesetzte Leiden an, holen es hervor, meist unbewusst.

Ich kann das gerade bei meiner Erkältung spüren, die ich seit drei Tagen habe.

Es ist eigentlich alles okay. Ja, ich bin erkältet und habe mal mehr, mal weniger Schmerzen im ganzen Körper, im Hals und im Kopf. Das ist nicht schön und auch belastend, vor allem wenn man schlafen möchte. Aber es geht vorbei, ist zeitlich begrenzt so eine Erkältung.

Aber genau das fühle ich gar nicht. Es steigt so viel Elend in mir auf, ein Elend das ganz vergisst, dass auch Linderung möglich ist. Ein Elend das ganz doll jammern will, gerade auch dann, wenn anderen Menschen davon erzählt wird. Ich könnte der ganzen Welt mein Leiden entgegen tragen, damit es auch jeder sieht. Ein Elend, dass riesig groß ist und kein Ende hat und sich auf mein ganzes Leben ausbreiten will. Dann wird es zu einem am Leben leiden, mit dem Wunsch sich zusammenzurollen, alle Verantwortung abzugeben und nicht mehr da sein wollen.

Wie wenig das mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Ich pendel da so hin und her. Gehe ins Leiden, merke das, führe mich wieder raus, soweit das möglich ist.

Ich kümmere mich, trinke Erkältungs-Tees, gurgel Salzwasser, mache Halswickel, bade, schlafe, nutze Rotlicht und reibe mich ein.

Trotzdem kippe ich auf die Seite, dass alles nicht zu spüren und kein Ende zu sehen. Ich spüre nicht, dass immer noch alles gut ist. Ich reagiere mit viel mehr Angst darauf, dass kleine Strukturteile ausfallen, obwohl so viel auch noch stattfindet.

Ich fülle die Anträge für das Amt aus und reagiere nach ein paar Seiten mit Überforderung und kann nicht weiter machen. Ich reagiere beim Kartoffelschälen mit Überforderung und muss unterbrechen. Und ich kann das alles nicht verstehen und akzeptieren.

Ich habe noch nicht den Zugang gefunden, mich dafür, für dieses Leiden voll zu öffnen und es einfach auch da sein zu lassen, weil es seinen Grund und seine Berechtigung hat. Woher es auch immer kommt. Es ist deshalb vielleicht auch logisch, dass meine Selbstfürsorge als Gefühl nicht ankommt, wenn ich den Zugang zur anderen Seite noch versperre.

Ach Gott, ich will aber auch nicht immer leiden! Das ist echt nicht leicht.

In letzter Zeit hatte ich sehr, sehr oft das Gefühl von Leiden. Ich finde da nicht oft einen passenden Begriff, um es benennen und greifen zu können. Ist es Traurigkeit? Oder Schwermut? Niedergeschlagenheit? Als Empfindung passt oft das Gefühl bedrückt oder beschwert zu sein. Ein Gewicht, das auf meiner Seele liegt.

Ich schreibe oben so leichtfertig über Schmerzen die vorbei gehen. Vielleicht ist es aber gar nicht so leicht für mich, Schmerzen zu haben. Vielleicht ist das sogar ziemlich, ziemlich schlimm Schmerzen zu haben. Der Jammer-Bereich möchte jetzt alle Schmerzen aufzählen, um eine Bestätigung für die Schlimmheit zu bekommen. Darum geht es nicht wirklich.

Ja, ich glaube, das ist echt schlimm für mich und meine Aufmerksamkeit wird stark davon eingenommen, mit dem Warten, dass es endlich besser werden soll. Da findet kein Gedanke zu ‚begrenzt‘ und ‚hat ein Ende‘ einen Raum.

Ich habe schon am ersten Tag gedacht (oder gehofft?), dass es bestimmt nur so eine 1-Tages-Erkältung ist. Und davor habe ich noch gedacht, dass es bestimmt nur eine Reaktion auf die Pollenzunahme ist. Ich kann mich gar nicht darauf einrichten, dass das vielleicht ein paar Tage dauern wird.

Das ist auch das Schwierige an dem Planen von Struktur. Ich klammere an die Struktur, als würde es um Leben und Tod gehen. Das wiederum erhöht den inneren Druck. Ich fordere von mir, alles so weiter zu machen wie bisher, was wohl unangemessen ist und ein gelerntes Muster wiederholt, meine Grenzen zu überschreiten. Ah, vielleicht sind die Überforderungsgefühle auch deshalb größer geworden. Ein Erkenntnisblitz.

Ich kann aber auch verstehen, warum ich so an der Struktur festhalte. Sie war ein Erfolg die letzten zwei Wochen. Sie hat funktioniert und mich gehalten. Es ist schwer das loszulassen. Ich kann nicht fühlen, dass es um einen begrenzten Zeitraum geht, wo diese Struktur nicht ist und danach wieder da ist. Für mich ist das loslassen wieder ein Haltlos werden. Klar, dass das so viel Angst macht. Ich verstehe.

Krankheit → Strukturverlust außen → keine Struktur innen → Angst/Haltlosigkeit

Und die Struktur die ich mir ausgedacht habe, setzt ja genau an den Themen an, die bei Krankheit zusätzlich beeinträchtig oder verhindert werden, wie Schmerzen, Ordnung, Ernährung. Wo ich dadurch auch wieder näher an getriggerte Gefühle von Verzweiflung und Ohnmacht komme.

Hach, ist das alles kompliziert.

Hinzu kommt das Thema der Isolation. Das sollte ich mal mit bei meiner Basis beachten und versuchen sicher zu stellen, wenn es zum Bedarf kommt. Ich kann gut einige Tage alleine sein und nur oberflächliche Begegnungen haben. Doch in Situationen wie jetzt, im unfreiwilligen auf mich zurückgeworfen sein, wird es schwer aushaltbar, ja richtig bedrohlich, das niemand da ist. Deshalb fühlt es sich sehr wichtig an, heute zu einer Gruppe zu gehen, die ich sonst eher selten aufsuche.

Ach, und mir wird klar, dass ich meine Selbstfürsorge an Erwartungen geknüpft habe. Wenn ich das und das mache, dann muss es ja morgen besser oder weg sein. Blöd und enttäuschend, wenn es dann nicht so ist.

Als Idee kommt mir noch, mir vielleicht für Krankheit eine eigene Struktur zu überlegen. Z.B. morgens mit baden zu starten. Das hat die Tage immer gut getan, nach verkrampfter, verschwitzter Nacht.

Ich glaube, dass hier hat jetzt echt etwas Entlastung gebracht.

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Erkältungsmeditation

Nachts 1 Uhr. Wach liegen. Schmerzen.

Geschwollene, schmerzhafte Lymphknoten an beiden Seiten des Halses. Üben Druck aus auf den Unterkiefer, engen den Hals ein. Muskelschmerzen in den Kiefergelenken. Ziehen in den Kiefer oben und unten. Ziehen zu den Ohren. Rascheln im rechten Ohr. Schmerzhafte Muskelstränge an den Schläfen, zwischen den Augen. Zusammengezogene harte, schmerzhafte Muskeln am Nacken. Lassen nicht zu, dass der Kopf sich entspannen kann. Mein Kopf wie in einer Schraubzwinge. Leichtes Zittern im Kopf und im Körper. Geschwollene, brennende, lichtempfindliche Augen. Stetig kitzelnde, halb verschlossene Nase, mit regelmäßigem Niesreiz und Ausfluss. Schweres Atmen. Angestrengter Herzschlag. Muskelschmerzen in den Beckengelenken und inneren Oberschenkel. Heiße Füße und Hände. Schwitzen.

Widerwillige Gedanken. Schlechte-Laune-Gedanken, weil erwünschter Schlaf nicht erreicht werden kann. Weil alles so unangenehm ist. Den Ort der Gedanken ertasten. Wo ist die körperlich spürbare Energie dieses Zusammenziehens, dieser Abwehr? Auch um den Kopf herum. Löst sich beim Betasten auf.

Lächeln probieren. In die Situation lächeln. In die Symptome lächeln. In das Herz lächeln. Die Bettunterlage fühlen. Wo liegt mein Körper auf? Hinein fühlen. Hinein atmen. Hinein lächeln. Meinen Körper loben, wie toll er das alles hinbekommt. Zufrieden mit allem sein.

Ruhe, Wohlfühlen, Gelassenheit breiten sich aus und ich schlafe ein.