Weinen in der Öffentlichkeit

Seit einer Woche Tagesklinik. Anspannung ist hoch Tag für Tag. Permanente Bewegung um mich herum, verursachen, das ich mich selbst kaum spüre. Abgrenzungen kaum möglich. Grenzüberschreitungen am laufenden Band. Ich lasse mehr zu als ich kann, als ich schaffe, als ich aushalte.

Hab um Ausgang gebeten. Alleine sein. Bin in den Park geflüchtet. Das Grün welches mich umschließt, trägt die erste Schicht Anspannung ab.

Ein großer Baum. Als wäre es die letzte Rettung, laufe ich zu ihm und umarme ihn. Egal wer es sieht. Ich spüre sofort sein Umschließen und mich Halten. Ich bitte um Durchströmung und Reinigung, um Verbindung zum Boden und die nächste Schicht Anspannung fällt und fällt und fällt. Bis ich weinend unter ihm sitze. Endlich Anspannung abweinen können.

Ein Mann läuft mit Hund vorbei. „Alles okay?“ „Ja, ich weine nur ein bisschen. Alles okay. Danke fürs Fragen.“ „Keine Ursache.“ Und dann weine ich weiter.

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Wer gesehen werden will, braucht auch den Mut sich zu zeigen

Sooo! Neben den ganzen Herzeleid- und Dramageschichten, auch mal ein Blick auf ganz andere Entwicklungen.

Nämlich was schlussendlich aus meiner Allergiebehandlung entwachsen ist.

Vorab, die Allergiesymptome habe ich immer noch, aber dafür sind ganz andere Dinge geschehen.

Die letzte Übung dazu bestand aus dem täglichen Ritual, mich mit Mutter Natur zu verbinden. Das tat ich drei Wochen lang.

Ich stellte fest, dass ich mich nur mit ihr verbinden konnte, wenn auch mein Herz offen war. Was mir wiederum deutlich machte, wie oft mein Herz verschlossen war. Ich war echt erschrocken darüber. War ich wirklich so oft verschlossen? Ja, war ich.

Ich übte also fast mehr, täglich mein Herz zu öffnen. Das Verbinden mit Mutter Natur fühlte sich irgendwann an, als würde ich üben, mich mit dem Leben zu verbinden, so ganz grundsätzlich.

Das hat wahrnehmbare Auswirkungen. Ich trete seit dem wirklich offener in die Welt, vor allem offener in Kontakt. Mir war das erst gar nicht bewusst, bis mir dann auffiel, dass in der Kontakt- und Beratungsstelle plötzlich Menschen viel mehr meine Nähe suchten, auf mich zu kamen. Ich selbst hab mich sonst eher immer am Rand herumgedrückt. Freundlich, aber distanziert.

Ich aß dort mit anderen Mittag. Als alle fertig waren, plauderten wir so über die Tische hinweg, als sich plötzlich drei Menschen unabhängig voneinander um mich herum sammelten und jeder ein Gespräch mit mir führte, oder führen wollte, getrennt von den anderen. Das hat mich erst einmal überfordert, da drei Menschen wie eine Mauer um mich herum und jeder will was. Dann hat es mich erstaunt, weil das noch nie so war. Dann hat es mir auch geschmeichelt.

Die Überforderung geht einher mit Angst, dass ich dem Kontakt nicht gewachsen bin, das Menschen meine Grenzen überrennen.
Wohl auch der Grund, warum ich die letzten Jahre so viel im Rückzug war und in Kontakten eher distanziert aufgetreten bin. So nach dem unbewussten Motto, lieber die äußeren Grenzen ganz weit stecken, dann kann keine innere Grenze überschritten werden.
Nun gut, anscheinend verhalte ich mich nach dieser Übung anders und es stimmt, wenn ich genau hinschaue, wehre ich weniger ab und wende mich weniger ab, stelle mehr Blickkontakt her, fühle mich aufgeschlossener, trete herzlicher auf, verteile mehr Berührungen und fühle auch mehr Zuneigung und das Bedürfnis Menschen zu umarmen (jetzt nicht jeden 😉 ).
Meine alten Glaubensmuster hinken noch hinter her. „Oh Gott, oh Gott, die ganze Menschen die da kommen und so nah sind. Was wollen die denn alle? Ich will weglaufen.“ Da ist noch nicht angekommen, dass es gar nichts zu befürchten gibt. Das fühlt sich erst einmal auch paradox an. Nach vorne verhalte ich mich offen, einladend und im Inneren entsteht Angst und ein zurückweichen wollen. So ein bisschen hin und her jetzt oder viel hin und her.

Das hat sich ganz wunderbar in meiner letzten Körperarbeitssitzung gezeigt.
Sie: „Wollen deine Arme auch berührt werden?“
Ich, unsicher, ängstlich: „Ich weiß nicht so genau. Ich glaube schon. Aber ich weiß nicht, ob ich das eigentlich will.“
Sie legt ihre Hände auf meine Arme.
Ich, überrascht, unruhig: „Ahhh, ich kann dich spüren! Oh, bist du nah!
Sie, an meinen Armen: „Wie offen dein Körper die Berührung empfängt.“
Ich: „Wie fühlst du das?“
Sie: „Ich fühle ein großes ‚Ja‘, wenn ich dich berühre, wie eine weiche, grüne Wiese.“
Ich: „Oh, wie schön! Hmmm… mein Körper ist schon viel weiter als ich. Das erzeugt einen Konflikt, weil mein Verstand noch Angst hat. Deshalb die Kopfdruckschmerzen.“

Das hat auch die Qualität sichtbar zu werden. Ein heißes Eisen für mich. Da gibt es will Ringen in mir. Hier wird mir bewusst, wenn ich gesehen werde, erfordert das auch, das aushalten zu können, mich zeigen zu können.

Ich lernte vor ca. anderthalb Jahren Reiki und wende es die meiste Zeit bei mir selbst an.
In einer Meditation bekam ich den Impuls, Reiki zu verbreiten und in der Kontakt- und Beratungsstelle einen Aushang dazu zu machen.
Das Schöne an Impulsen in einer Meditation ist, dass ich da so verbunden bin mit allem, mit dem Höchsten, mit Vertrauen und Weisheit. Das fühlt sich dann immer alles sonnenklar und richtig an, ohne Zweifel oder Unsicherheiten. Ich bin dann Feuer und Flamme. Hatte bei der Gestaltung des Flyers viel Freude.

Aushang

Aushang

Ja, nun hängt der Flyer dort. Als ich ihn anbrachte, spürte ich, was das mit mir auf persönlicher Ebene macht. Ich zeige mich öffentlich. Ich bin nun für jeden sichtbar und ansprechbar und das macht mir Angst. Ich war seit dem zweimal dort und war nicht in der Lage, an die Infowand zu schauen und wahrzunehmen, dass da mein Zettel hängt. Die Angst möchte ihn am liebsten wieder abnehmen und flüstert mir die ganze Zeit ins Ohr, dass das eh eine blöde Idee war.
Ich will das aushalten. Ich will mich für diese noch unklaren Gefühle öffnen, ihnen Raum geben, damit sie sich weiterentwickeln können. Hat irgendwas mit Selbstabwertung zu tun.

Eine zweite so klare, brennende Idee entstand während eines Dösens auf der Couch. Sofort sprang ich auf, weil da so viel Kraft drin war und fing an einen Brief an die Reha-Klinik, Abteilung Psychosomatik zu schreiben, wo ich selbst vor einem Jahr Patientin war. Ich schrieb von Reiki, welche Bedeutung es für mein Leben hat und wie überzeugt ich davon bin, dass so etwas unbedingt in einen Klinikrahmen gehört. Ich komme mir jetzt noch ganz verrückt vor, wo ich es hier aufschreibe. Da schreibe ich einfach mal dem Chef einer Klinik einen Brief. Über die Konsequenzen will ich gar nicht nachdenken. Und ich hab mich auch noch für ein Gespräch angeboten. Oh Gott!

An dem geschützten Arbeitsplatz habe ich bisher an zwei Tagen für 3 Stunden Reinigungsarbeiten übernommen. Ich will aufstocken auf drei Tage, aber fand noch einen Tag Reinigung irgendwie langweilig und nicht so ganz meinem Potential entsprechend. Es gibt noch die Nähwerkstatt oder Kochen. Alles nicht mein Ding.
Dann ist da noch der Laden, der Secondhand-Kinderkleidung verkauft und die Produkte des Trägers. Das würde heißen, im Team arbeiten – nicht mehr alleine, mich abstimmen müssen – nicht mehr unabhängig arbeiten, festgelegte Aufgaben – viel weniger freies Einteilen der Tätigkeiten, Kundenkontakt, öffentlich sein – nicht mehr versteckt hinter dem Staubsauger. Und was sagt mein Herz? Ja, ich will das.
Zwei Stunden Probearbeiten hab ich schon hinter mir. Ich war reizüberflutet, hab mich ausgeliefert gefühlt und war schnell völlig überfordert. Ich hatte Angst vor den Kunden und den ganzen Tag und Folgetag noch Panik in mir drin, was auf Trigger deutet. Und was sagt mein Herz? Ja, ich will das weiter machen. Verrückt!

Und das alles als Folge einer Allergiebehandlung, damit ich eigentlich in die Gärtnerei kann. Das hat sich nun erledigt. Und ich fragte noch meine innere Führung, was es denn dann ist, wenn nicht die Gärtnerei. „Verkaufen.“ Nur dieses eine Wort. Hab ich gar nicht verstanden. Da habe ich noch nicht den Hauch eines Gedankens gehabt, mich für den Ladenbereich zu bewerben.

Soviel zum Thema Offenheit und in die Welt treten. Huijuijui…

Diese Metapher von einer Raupe die zum Schmetterling wird, ist doch weit verbreitet. Ob der Schmetterling, wenn er das erste Mal frei von dem Kokon ist, sich auch denkt:
„Ach du scheiße! Das ist mir zu heftig hier. Ich geh wieder zurück!“ 😉

Therapeutische Beziehung II

… aus den letzten zwei Wochen.

Mir fehlen die Worte. Was passiert hier? Ich verstehe es nicht. Ich bin misstrauisch.

Das Geschehen der letzten Therapiestunden zerfliegt immer wieder in Bruchstücke, die verstreut um mich herum kreisen und sich nicht als Ganzen greifen lassen wollen. Na dann eben Bruchstücke.

Wo hat es angefangen? Wo ist das erste Teil? Nebel in der Erinnerung. Warum will sich nicht erinnert werden? Erinnern tue ich mich schon. Ich weiß wo es angefangen hat. Nur die Worte weigern sich es greifbar zu machen. Vielleicht ist es nicht mit Worten zu beschreiben? Mein Kopf kribbelt. Dann mal der Versuch über das Gefühl einzusteigen.

Es ist drei Sitzungen her. Fassungslosigkeit. „Das wundert mich. Wenn ich sie richtig verstanden habe, bringen meinen Fragen sie von sich weg.“ Ich: „Ja!“. Innere Jubelrufe. Oh mein Gott! Ist es wirklich bei ihr angekommen? Hat sie es wirklich verstanden? Hat sie MICH wirklich verstanden? Hat sie wirklich mit ihren eigenen Worten ausgesprochen, was mich schon so lange quält? Dass ich mich verlassen fühle, immer wieder? Eine wahnsinnige Freude überkommt mich. Die Freude, endlich, endlich gesehen zu werden, verstanden zu werden, mich begreifbar machen zu können. Unglaublich!

Danach. Wieso wundert sie das? Das wundert mich. Habe ich es nicht schon so oft angesprochen? Immer wieder in unterschiedlichen Worten und Situationen? Und was passiert jetzt? Wie wird sie damit umgehen? Ich dachte immer, ich bin ausschließlich alleine für dieses Gefühl der Trennung verantwortlich. Ist das gar nicht so? Räumt diese Situation jetzt die Möglichkeit ein, dass auch sie einen Teil dazu beiträgt und dass es vielleicht sogar überwindbar ist? Da werden meine inneren Augen ganz ungläubig groß. Kann das möglich sein? Wirklich?

Die nächste Stunde. Ich kann es kaum abwarten. Will unbedingt am Thema dran bleiben. Ursachenforschung diesmal nicht ich für mich, sondern wir bei uns. Das ist neu. Brandneu! Es sprudelt nur so aus mir heraus. Freudig, verlegen, unsicher, aufgedreht. Es entsteht etwas Gemeinsames.

Ich: „Warum hat sie das erstaunt? Ich dachte, dass hätte ich schon öfter hier gesagt.“

Sie: „Es hat mich erstaunt, weil das nicht meine Absicht ist. Das ist nicht das was ich will.“

Ich, beschwichtigend: „Es ist auch nicht immer so.“

Sie, lächelnd: „Gott sei Dank.“

Ich, nachdenklich: „Sonst hätte ich hier auch ganz schön was ausgehalten.“

Sie, erleichtert: „Na und die Frage, was machen wir hier eigentlich die ganze Zeit?“

Wir lachen beide über die Vorstellung 2 Jahre aneinander vorbei zu reden.

Wir finden einiges darüber heraus, wie es zu diesen Situationen gekommen ist.

Sie: „Da hätten sie mehr Raum gebraucht?“

Ich, ungläubig, freudig über das entgegenkommen: „Ja!“

Sie: „Dann wäre es vielleicht gut, wenn ich weniger Frage?“

Ich: „Ja, manchmal schon. Oder anders fragen.“

Das Gefühl aus der letzten Stunde setzt sich fort. Oh mein Gott, sie sieht mich! Ich strahle wahrscheinlich über das ganze Gesicht.

Traum aus der folgenden Nacht: Aufnahme in ein Krankenhaus. Ich liege draußen auf einer Wiese, kann vor Schwäche kaum noch Laufen. Man kümmert sich, informiert mich über das bevorstehende Sport- und Ernährungsprogramm, um mich wieder aufzupäppeln. Man stützt mich bis ins Zimmer zu meinem Bett. Ich denke, dass ich erst noch mein Bett beziehen muss, aber es wurde schon für mich getan und ich bin unendlich dankbar, dass ich so versorgt werde, ich mich einfach nur noch völlig entkräftet ins Bett legen brauche und man liebevoll eine Decke über mir ausbreitet. Endlich bin ich angekommen.

Genau so fühle ich mich gerade!

Die nächste Stunde. Mir sind veränderte Körperbewegungen aufgefallen. Kopfdrehungen nach rechts. Mit dem Wissen aus der Cranio-Sacral-Sitzung erkenne ich die tiefere Bedeutung. Ich zeige nicht mehr nur die rechte Schulter, die für Widerstand, Kontrolle und Verschlossenheit steht, sondern es wird ganz neu die linke Schulter preisgegeben, die für das Gegenteil steht. Ich erzähle ihr davon. Komme beim Erzählen ins Stocken, werde zögerlicher, langsamer. Beende es trotzdem. Und schwups, ist die Wand nicht mehr da, an die ich mich bisher immer lehnen konnte. Die mir Sicherheit gab. Die das Außen draußen ließ. Entsetzen in mir. Was gebe ich da Preis? Jetzt kann sie, ohne dass ich etwas sagen muss an meiner Körperhaltung erkennen, wo ich mich gerade befinde. Kindlich nervöses spielen an Kleidungsstücken. Pullover über das Kinn ziehen. Klein machen. Nach vorne beugen. Fluchtimpuls. Mit dem Blick hin und her irren. Schützen wollen. Schutzlos fühlen. Keine Mauer! Es kann eingedrungen werden! Angst.

Wir tauchen in die Thematik ein. Übergriffiges Verhalten in der Vergangenheit. Erstmals fühle ich die Grenzüberschreitungen. Machtmissbrauch. Vertrauensbruch. Verlust von Sicherheit. Sie ist die ganze Zeit für mich spürbar da, bei meinem Gefühl, bei mir! Sie sagt hilfreiche Dinge, gibt Sicherheit und Orientierung. Warum ist das auf einmal so? Ich bin misstrauisch. Warum ist sie auf einmal so anders?

Sie stellt den Bezug zum Jetzt her. „Sie können die aktuelle Situation [mit Mister X] nutzen, um neu zu erfahren, dass sie ihre Grenzen schützen können.“ Ich reagiere überraschend heftig auf diese Aussage. Ohren wollen zugehalten werden, inneres panisches Schreien: „NEIN, ich will nicht, ich will nicht, ich will das nicht tun!“. Ohnmachtsgefühle. Gefühle zu etwas gezwungen zu werden. Das Gefühl zieht sich erst zurück, als sie sagt: „Sie müssen gar nichts tun.“