Schweres

Das Schreiben hat mich wieder gefunden. Ich schreibe wieder in mein Notizbuch.

Mich nach innen zu richten, macht mir Angst. Das ändert sich einfach nicht. Die Auseinandersetzung mit meinen Gedanken und Gefühlen, macht mir Angst. Es fällt mir nicht leicht mir zuzuhören und mich fühlen zu lassen. Das Akupressurklopfen ist dafür eine Brücke. Es bereitet einen möglichen Raum und auch der ist manchmal nicht sicher genug.

Klopfen tu ich nur morgens. Fühlen und denken tu ich den ganzen Tag. Also krampfe ich oft um mich herum.

Wie heute. Wie oft.

Die Außenzeit hat sich mit einer Innenzeit gewechselt. Viel Zeit mit mir.

Angstzustände haben den Wechsel eingeleitet.

Ich versuche die Bewegung als normale Bewegung einzusortieren – nach viel Außen, kommt viel Innen. Fällt mir schwer. Wie mir alles gerade schwer fällt.

Mir fällt es schwer, das als Geschenk zu betrachten, als Wegbereitung für etwas Neues (wie mir die Karten es sagen) und als einen neuen Lernraum. Mir fällt es schwer, breit zu denken, in Zeit zu denken – auch dies geht vorüber. Mir fällt es schwer, nachdem ich mich an das Äußere angepasst habe, alles wieder loszulassen und der inneren Ebene Raum zu geben, weil nichts anderes mehr geht. Und ich ahne schon, wenn sich der Wechsel erneut einleitet, werde ich ebenso die innere Ebene/Anbindung wieder loslassen und mich an dem im außen Erlebten orientieren.

Ich bin das, was mich umgibt, mit was ich meine Gedanken fülle. Das macht mich fertig, diese Inkonsistenz. Ich kann das Eine nicht mit ins Andere nehmen. Ich muss mich immer wieder neu suchen, in der Umgebung/Realität in der ich mich befinde. (Ich hatte den Borderline-Begriff abgelegt und nun nehme ich ihn wieder auf und lege ihn bestimmt auch wieder ab usw. usf.)

Ich erinnere mich, die angenehmsten Phasen sind die, in denen äußere Struktur bleibt, Wiederholungen einen konstanten Rahmen bilden. Sichere Orte im Außen.

Aaah… mir geht ein Licht auf. Die Ergo ist weggefallen wegen Urlaub und auch die Therapie. Dazu noch der Werkstatttermin, wegen der Tiefphase. Soviel zum konstanten Rahmen. Und die Ergo war definitiv ein sicherer Ort. Der einzige im Außen. Ich war immer ganz erleichtert, wenn ich da angekommen bin und dachte, endlich was Normales und wenig Beängstigendes.

Zurück zum Schreiben. Ich habe vorhin geschrieben, weil die Niedergeschlagenheit nicht weichen wollte und ich schon eine Weile herum krampfe. Eine Annäherung daran. Da durften die Gedanken etwas sein, die mir Angst machen. Und auch meine Angst durfte sein.

Ein paar Ausschnitte, wer es ertragen kann und will:

…Mal ist etwas Teil meines Lebens, dann existiert es nicht mehr in meiner Welt.

…Meine Spiritualität hatte ich vergessen und werde es wohl wieder tun.

…Gedanken sind so beliebig.

Es kommen immer wieder die Gleichen. Ich kann andere anstellen, neue Gedanken denken, doch bin das ich? Bin ich das wofür ich extra mein Bewusstsein brauche?

Und wenn ich das alles sein lasse und einfach denke was ich denke… dann wird es sehr dunkel. Ist das sinnvoll? Die Energie fließt mit der Aufmerksamkeit. Ich bin es so leid, immer wieder selbst diesen Gedankenkraftakt zu leisten, meine Aufmerksamkeit zu lenken, auf Dinge die ich sonst nicht sehe.

Zumindest heute/jetzt bin ich es leid.

Ich will einfach niedergeschlagen sein, aber gleichzeitig vor Endzeitgedanken geschützt.

Das passiert nämlich, ich mache mein Leben nieder. Mache mich zu etwas Gescheitertem und verliere mich in Bedeutungslosigkeit. Was hab ich schon erreicht.

…Ich wünsche mir das sehr, dass es leichter wird, dass ich wieder eine andere Realität wahrnehmen kann, dass sich meine Handlungsmöglichkeiten erweitern und Angst nachlässt.

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Verletzlichkeit und Weiblichkeit

Das Leben verlangt mir zurzeit viel ab. Leicht ist es nicht, aber auch nicht mehr sooo schwer. Anders schwer, sagte ich neulich zu jemandem.

Oft ist keine Kapazität mehr, um noch Überblick zu finden. Das erzeugt hier Wortlosigkeit. Die Energie geht in die Erlebnisse des Tages und die Verarbeitung.

Eben blitzte ein roter Faden auf.

Ich hörte Musik. Sie berührte mich. Mir liefen Tränen. Ich spürte Weichheit und Verletzlichkeit. Das ist der rote Faden.

Erinnerte mich an den Text vom 8. April – Verletzlichkeit und Selbstannahme. Arbeitete danach wirklich mit dem Thema weiter und dann arbeitete das Thema, glaube ich mit mir weiter.

Ich habe das nur einmal ganz bewusst mit dem Akupressurklopfen angegangen. Ich erinnere mich noch, dass diese Verletzlichkeit so unglaublich groß war, ein Schmerz so riesig, dass ich das Gefühl hatte, daran zugrunde zu gehen. Deshalb schaute ich nicht mehr bewusst hin.

Mir scheint so, als habe das gereicht, um es mehr ins Bewusstsein zu rücken.

Ich merke gerade, dass ich es noch gar nicht in Worte fassen kann und die einzelnen Erlebnisse auch nicht greifen kann.

Nur taucht für mich auf, dass diese Verletzlichkeit noch viel mehr ist und ein überwiegend ungelebter Teil meiner Persönlichkeit und dass das im Alltag wirklich viele Schwierigkeiten erzeugt, weil sie oft herausbricht und ich dann überfordert bin.

Ich spüre in und hinter dieser Verletzlichkeit Sanftmut, Weichheit, Weiblichkeit, Sinnlichkeit, mein Frau-sein und lauter noch unergründete, leise Dinge. Da kommen mir gleich wieder die Tränen. Das ist was ganz Neues. So habe ich mich noch nie gefühlt und es ist schwer, mich dafür offen zu halten. Es macht mir Angst. Es fühlt sich so unbekannt an und bedrohlich. Bedrohlich, weil dort der ganze Schmerz der Vergangenheit liegt. Bedrohlich, weil ich mich dann ganz offen und ungeschützt fühle. Ich weiß noch gar nicht, wie ich mich mit meiner weiblichen Seite in der Welt schützen kann.

Ich föhnte neulich meine Haare so hin und her. Dadurch blieben sie auf der anderen Kopfhälfte liegen als sonst. Ganz überrascht schaute ich mich an, weil mir arg gefiel was ich da sah. Meine linke Gesichtshälfte war frei. Ich sah plötzlich die Frau in mir. Meine linke Gesichtshälfte scheint meine Weiblichkeit auszudrücken. Die Veränderung war so stark. Total faszinierend. Und ich konnte es aushalten und bin sogar so aus dem Haus gegangen. Eine Freundin konnte es auch gar nicht glauben, wie da etwas zum Vorschein kam, was mit den Haaren in die andere Richtung vorher nicht zu sehen war.

Also es nähern sich da weiter meine unterschiedlichen inneren Aspekte an. Auf der Spirale ein schon bekanntes Thema auf einer neuen Stufe.

Es zeigt sich die Wichtigkeit der Verbindung zwischen männlicher und weiblicher Seite ganz konkret bei den nächsten Schritten die anstehen. Vor ein paar Tagen ein (für mich) kleine Missachtung eines Gefühls, mit ungeahnten riesigen Konsequenzen am nächsten Tag. Kaum Spielraum mehr. Ich sag ja, ich habs mir ins Feld gezogen, nun will es auch gesehen werden. 😉

Es überlagern sich verschiedene Modelle, fällt mir auf. Die weibliche Seite könnte auch das innere Kind sein. Die Gefühle sortiere ich dort hinein. Auch die Intuition und Kreativität siedele ich dort an. Es ist so vielfältig. Eine umfang-/ facettenreiche Kraft.

Weiblichkeit

Heute fällt es mir wieder auf, nachdem ich beim Friseur war.

Eine Frau die irritiert in die Damentoilette schaut, weil sie mich sieht und nochmal überprüft, ob sie wirklich auf der Damentoilette ist. Wir lächeln uns an, weil wir wissen, dass sie meinetwegen irritiert war.

Ein Mann in der Bahn, der genauer hinschaut und nach Anhaltspunkten sucht, ob ich männlich oder weiblich bin. Ich glaube, er blieb sich nicht sicher.

Heute sehe ich das entspannt, mit einem Lächeln.

Vielleicht, weil es mittlerweile vertraut ist.

Es kommt schon mal vor, dass Kinder mich fragen, ob ich eine Frau oder ein Mann bin. Auch wollte mich auf einer öffentlichen Toilette mal fast eine Reinigungskraft darauf hinweisen, dass ich im falschen Raum wäre. Besonders im Winter, wenn ich meine Mütze auf habe, fallen mir die suchenden Blicke in der Öffentlichkeit auf.

Komisch nur, dass ich mich mit den wieder kürzeren Haaren heute eigentlich viel weiblicher fühle. Auch wenn ich mich selbst im Spiegel betrachte.

Überhaupt fühle ich mich insgesamt mehr weiblich, auch wenn ich männliche Gesichtszüge habe, mich nicht groß feminin kleide und bewege.

Ich fühle mich natürlich weiblich.

Ich kann das nur mit meinem früheren Geschlechtsgefühl vergleichen. Das war früher, bis vor ein paar Jahren neutral, geschlechtslos. Ich wusste nicht was ich bin und sein wollte.

Heute bin ich eindeutig eine Frau, mit einem weiblichen Körper, den ich mag. Wenn ich für mich bin.

Unklarheiten und Verstrickungen

Ich fühle mich gerade traurig.

Ich habe mich heute auch schon im Widerstand gegen mich selbst und meinem Körper gefühlt und dahinter zeigte sich eine Belastung durch Widersprüchlichkeiten in mir selbst.

Das ganze wohl entstanden, durch unterschiedliche Konfrontationen mit dem Thema Zugehörigkeit/Andersartigkeit und das damit eng verknüpfte Muster, mich abzuwerten.

Ich muss sagen, dass es da ganz unterschiedliche Empfindungs- und Denkwelten in mir gibt und ich lustiger weise dabei an Biodiversität denke. Die hat zugenommen.

Ich weiß nicht so richtig, wie ich darüber schreiben soll. Es ist schwer zu greifen. Es besteht mehr aus Fragen und Unsicherheiten, die ich versuche okay zu finden.

Um den Blog herum hat sich etwas verändert. Das ist ein Thema. Ich kann es schwer greifen und ich weiß nicht, ob ich das will und ich weiß aber auch nicht, was ich will und ich weiß auch nicht, ob ich was wollen müssen soll oder ob es einfach mal auch so geschehen kann/darf.

Ich spüre mehr Verhaltensmuster von mir, wenn ich mir das anschaue. Ich schreibe weniger, bis gar nicht mehr mit dem Gefühl, ich schreibe für mich, auf mich konzentriert.

So hatte das angefangen. Ich sagte zu Beginn mal jemandem, dass ich das Blog-Schreiben so empfinde, wie nackig auf einer Bühne zu stehen, mit Händen vor den Augen und so zu tun, als wäre niemand da. Das hat lange gut funktioniert. Hat mich frei gemacht im Schreiben und von eigenen Bewertungen dessen was ich Schreiben. Voll clever, was? 😉

Die Zeiten sind vorbei. Ich kann das nicht mehr ausblenden, gelesen zu werden, weil es stetige Reaktionen gibt. Ich weiß nicht, wie es ohne wäre.

Ja und plötzlich wird das wichtig, dass Reaktionen kommen und ich bin ständig verunsichert darüber, was ich schreibe und wie das gefunden wird und das gefällt mir eigentlich nicht. Ich habe das Gefühl, obwohl man sich nicht wirklich kennt, bin ich in mir bekannte Verstrickungs-Muster, von anderen abhängig zu sein, geraten. Ich brauche plötzlich was, was ich vorher nicht gebraucht habe. Versicherung. Und fühle den verstärkten Drang Kontakt, Verbindung, Reaktion von Anderen sicherzustellen.

Oh, ich glaube, ich sehe da was. Ich scheine meine Verunsicherung, meine Selbstunsicherheit (die ich nicht merke, wenn ich für mich bin) nach außen abgegeben zu haben, also zu versuchen, dass Andere mir meine Unsicherheiten nehmen, in dem sie mir sagen, dass alles okay ist/das ich okay bin. Da das so aber nicht funktioniert, verschwinden meine Unsicherheiten nicht, sondern brauchen immer wieder die Bestätigung, dass ich okay bin. Endlosschleife.

Da bin ich glaube ich gerade drin.

Und ich fühle mich so, als müsse ich nun jedes Schreiben darauf kontrollieren, nichts zu senden, was mir eine Zurückweisung einfährt, weil das meine Unsicherheit, bis Selbsthass ja bestätigt und verstärkt.

Ach herrje, dass sich das auch in der Online-Welt abspielen kann, hätte ich nicht gedacht.

Ich habe nun schon Gedanken gehabt, zu versuchen, den alten Zustand wieder herzustellen, indem ich mich von den Reaktionen trenne. Also Kommentarfunktion aus und ein Weilchen aus dem Kontakt gehen.

Irgendwie kommt mir das aber unnatürlich vor und wiederspricht auch meinem Bedürfnis von Vernetzung/Unterstützung/Verbindung. Und ich glaube auch, dass ich immer mit diesen Muster konfrontiert sein werde, also lieber versuchen möchte, mich auch konfrontieren zu lassen.

Hier im Alltag mich von realen Kontakten immer mal wieder zurück zu ziehen, um meines, meine Grenzen wieder spüren zu können, finde ich okay, wenn es anders nicht geht. Hier im Netz, das ist neu für mich. Muss ich mir erst einmal anschauen.

Meinen Selbstwert zu fühlen, unabhängig von anderen Menschen, ist für mich eine riesen  Herausforderung und ja auch so eine Borderline-Thematik, dass eben nicht so gut zu können, sich als eigenen, abgegrenzten Raum zu empfinden.

Vielleicht wird es immer schwierig sein. Vielleicht gelingt es über die Jahre besser. Wer weiß.

Es gab auch noch an anderen Stellen zwischenmenschliche Verwirrungen.

Ich habe den Text gerade nochmal gelesen und fühle nicht, dass was klarer geworden ist und dass viele Aspekte fehlen. Ich finde das alles gerade zwischenmenschlich sehr durcheinander und bin mir meiner nicht mehr sicher.

Und da fliegen noch diese Themen Zugehörigkeit und Anders-sein herum. Wie fühlt sich Zugehörigkeit eigentlich an? Was ist das genau? Wie verhält sich das Selbst-Gefühl in einem Zugehörigkeitsraum? Muss man etwas Gemeinsames haben, um sich zugehörig zu fühlen? Kann man sich nur in Gemeinsamkeiten, bei einer Sache, bei einem Thema zugehörig fühlen? Kann man sich auch zu Menschen zugehörig fühlen?

Ja und das anders-sein. Bin ich anders? Wo bin ich anders? Ist das noch anders, wenn nicht doch auch andere Menschen das Gleiche teilen? Wo gibt es eine Grenze, zwischen mir und anderen? Was unterscheidet mich, was ist meines? Da schwirrt irgendwie auch wieder das Thema Abwertung herum. Anders-sein = schlecht sein.

Vielleicht bin ich gar nicht anders. Vielleicht bin ich ganz normal. Ach, ich kann mich wieder mal so schlecht greifen.

Ich lasse das einfach mal so stehen.

 

Schluss, Aus, Ende

Ja krass… ich bin seit 6 Jahren in therapeutischen Settings.

Angefangen mit der ambulanten Suchttherapie, mit 1 Einzel- und 1 Gruppengespräch die Woche, mehrmalige kurze Krisenstationsaufenthalte, 3 längere tagesklinische Aufenthalte, 3 Jahre Psychoanalyse, mit zwei Gesprächen die Woche, 2 stationäre Aufenthalte und als letztes knapp 1,5 Jahre Einzelfallhilfe.

Der nächste Termin ist der letzte Termin. Und dann ist Ende.

Es sind krasse Zeiten. Ich fühle mich mehrmals täglich völlig anders.

In letzter Zeit meist eher mit nicht so prickelnder Stimmung.

Heute nach langer, langer Zeit morgens Freudegefühle gehabt. Das war schön. Habe ich genossen.

Ich nutze gerade viel die Möglichkeit mir Fernreiki schicken zu lassen. Bringt lindernde Momente und Klarheit in die Prozesse.

Heute habe ich sehr komische Gefühle gehabt. Ich fühlte mich mir selbst gegenüber befremdlich, wusste/fühlte nicht mehr wer ich bin. Innerhalb von Handlungen die mir vertraut sind und im Kontakt mit Menschen verschwand dieses Gefühl. Ich lief eben herum und zündete Kerzen an, wie fast jeden Abend und da kam ich zurück. So ein ‚ah ja, das bin ich, so fühle ich mich‘ als würde ich mich über dieses Ritual wiedererkennen. Und auch als meine Mutter heute da war, fühlte ich mich wie ich, wie ich eben so bin, wenn ich mit ihr im Kontakt bin.

Ich muss an die Borderline-Strukturen denken.

So ist das vielleicht. Fällt die konstante Begegnung mit jemandem weg, über die man sein Ich-Gefühl erhalten hat, entstehen vielleicht diese Ich-fremden oder Ich-leeren Momente, bis wieder etwas kommt, was das Ich-Gefühl durch den Spiegel erzeugt.

Na da bin ich wirklich gespannt, wie es sich damit leben lässt. Es sind keine angenehmen Momente.

In mir drin ist eh alles in Bewegung. Ich habe keine Ahnung was noch passieren wird.

Mir ist aufgefallen, dass ich in den letzten Wochen stark mit der inneren Kommunikation nachgelassen habe. Es fühlt sich nach einer Reaktion auf den fehlenden Betreuungskontext an. Ich muss ja nun niemandem mehr erklären, was so in mir ist.

Auch ist mir aufgefallen, dass ich die motivierenden, freundlichen, liebevollen Stimmen wenig eingesetzt habe. Dazu brauche ich mein Bewusstsein. Das kann ich nur aktiv machen, die kommen nicht von alleine. Auch hier ahne ich, dass da Innen ein Grund fehlt. Ja für wen denn jetzt. Interessiert doch niemandem mehr. Ich habe heute etwas wieder damit angefangen, weil ich spüre, dass mir dieser Gegenpol zur Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit hilft. Doch der Elan und die Motivation sind deutlich raus.

Ich habe mich darauf eingestellt, dass das jetzt eine Phase werden wird, wo ich keine Ahnung habe, was dabei herauskommt, was funktioniert und was nicht funktioniert, was sich wohin entwickeln wird.

Tragende Säulen

Wie kommt es eigentlich, dass, wenn eine Hauptsäule meiner Stabilität/Identität ins Wanken kommt, gleich auch andere Säulen mit in Frage gestellt werden?

Ich weiß, dass mich der Abschied von Frau Helferin gerade so richtig tief trifft (obwohl noch Zeit ist, sie aber für 4 Wochen nicht da ist). Da wird ganz Grundlegendes meiner Identität angegriffen. Das rüttelt so richtig an der Basis meines Selbstwertgefühls.

Und gleichzeitig stelle ich die Medikation in Frage und bin mir sicher, mein Bauchgefühl sagt mir gerade, mit dem Seroquel etwas runter zu gehen, weil ich bereit/stark genug bin alles zu halten.

Gerade stelle ich dieses Gefühl in Frage und bin mir nicht sicher, ob das eine so schlaue Idee, zu genau diesem Zeitpunkt ist.

Und eben fange ich auch noch an am Zuverdienst zu zweifeln, ob ich da richtig bin, dass ich ja mein Potenzial gar nicht entfalten kann (wenn ich mal wüsste, was überhaupt mein Potenzial ist…). Und das, wo es noch nicht so lange her ist, dass ich genau gespürt habe, dass es nichts zu verändern gibt und alles zur Ruhe kommen darf.

Ich habe so eine Ahnung, dass ich aufgrund der Belastung in dem Beziehungs-/Bindungsthema, unbewusst andere Baustellen aufmache, um… ja… um was eigentlich? Abzuwehren? Lieber die Krisen woanders haben, als in dem Bindungs-/Verlustthema? Keine Ahnung.

Im Zuverdienst war ich heute ständig in Diskussionen verwickelt, die ich gar nicht führen wollte, aber nicht anders konnte, als sie zu führen und mich aufzuregen und mich unverstanden zu fühlen und verletzt und angespannt und super erschöpft und und und. Ich hatte im Nachhinein das Gefühl, ich wollte irgendetwas von den Anderen, ohne zu wissen was es ist und habe gezehrt und gezogen und es trotzdem nicht bekommen.

Ich glaube, ich bin gerade super sensibel und angreifbar, was meinen Wert betrifft. Und ich suche im Außen nach der Bestätigung, dass ich immer noch okay bin, richtig bin.

Das könnte passen. Weil ich erinnere mich an meine erste therapeutische Trennung, die zum Supergau wurde und mein Leben seit dem ein anderes ist. Da habe ich mich auch völlig wertlos gefühlt, als würde mein Wert nur durch die Beziehung zur Therapeutin existieren.

Okay. Also was ist heute anders.

Ich habe einen kleinen, sehr wertvollen Freundeskreis aufgebaut. Diese Menschen sind da und bleiben auch erst einmal da. Wir konnten uns einige Wochen nicht sehen, weil ich keine Kraft für nahen Kontakt hatte, dafür auch zu verletzlich war. Aber ich kann sie fühlen, die ganze Zeit. Sie sind da! Ich bin nicht alleine!

Ich habe mit dem Zuverdienst einen Ort, wo ich auch in brüchigen, desolaten Zeiten hingehen kann. Das bleibt bestehen! Die Menschen dort, die Mitarbeiter sind für mich da!

Ich habe in der Kontakt- und Beratungsstelle die Möglichkeit, bei Überforderungs-/Krisensituationen psychologische Unterstützung zu bekommen. Die Menschen dort sind für mich da!

Ich bin also auch ohne Frau Helferin nicht alleine! Ich bin in Verbindung mit unterschiedlichen Menschen und Orten. Mein Leben existiert weiter und verschwindet nicht plötzlich!

Alles ist gut!!! Ich bin okay so wie ich bin, immer noch, auch mit all den aufsteigenden Gefühlen, Verwirrungen, Verirrungen, Kämpfen und Verzweiflungen!

Auseinandersetzung mit der Diagnose

Ich stöbere gerade in einem spannenden Buch, zu dem ich geführt wurde und es tatsächlich noch in meinem, schon zweimal ausgemisteten Bücherschrank gefunden habe.

Liegt wohl am Titel: „Identitätsgrenzen des Ich. Einblicke in innere Welten schizophrenie- und borderlinekranker Menschen“. Sowas spricht mich von Natur aus an. Hatte mal ne große Weiterbildung, wo der Autor, Dr. med. Josi Rom persönlich einen Tag doziert hat. Da wusste ich noch nichts von meinem Innenleben.

Randgedanken, als ich meine alten Unterlagen dazu durchsah – hach, so viele spannende Dinge, womit ich mich damals beschäftigte und ich hatte trotzdem so gut wie von nichts eine Ahnung. Das rauschte alles durch mich durch. Kaum was blieb abrufbar. Ich fühlte mich als ewiger Anfänger/Ahnungsloser, der krampfhaft versuchte, nicht so zu wirken und immer die Angst, dass mir am Ende jemand auf die Schliche kommt, wie unsicher und unfähig ich eigentlich bin.

Das war mir natürlich alles damals nicht bewusst. Ich habe nur gemerkt, dass ich immer irgendwie hinter meinen Kollegen hinterher hinkte, die ihr erworbenes Wissen direkt in die Praxis mit einbauen konnten. Ich konnte das so gut wie nie, trotz regelmäßiger Fortbildungen. Ich saß da immer wieder frisch wie ein Baby in Klientensituationen und konnte nur aus dem Moment heraus reagieren. Keine Ahnung wie ich das gemacht habe, wo ich doch zu der Zeit noch zu mir selbst kaum Zugang hatte.

Ich weiß noch, dass ich mich immer sehr nach Handlungsvorgaben gesehnt habe. QM-Richtlinien fand ich ganz toll. Mich auf mein Bauchgefühl zu verlassen, ging gar nicht. Da gab es kaum Orientierung. Das war oft ein Gefühl von unsicherem, bebendem Boden, der jederzeit verschwinden kann. Was er ja dann auch tat, Stück für Stück.

Trotzdem habe ich keine ’schlechte‘ Arbeit gemacht. Bin aber auch schnell an meine Grenzen gestoßen.

Das was ich da gerade in dem Buch lese, passt gut in meine Erinnerungen. Ich erkenne mich da wieder und mein Fühlen von damals kommt mir logischer vor. Es geht um den Versuch, Borderline-Erleben, Identitätserleben und -organisation zu beschreiben, in Abgrenzung zur Schizophrenie.

Ich hatte in Klientenbeziehungen Abgrenzungsprobleme. Ich habe mitbekommen, dass ich mich teilweise zu freundschaftlich verhalte, mich zu nah fühle und mich mit ihnen solidarisiere. Bei einer Klientin wurde es so verschwommen und ich konnte mich nicht von ihren Gefühlen distanzieren, dass ich den Fall abgeben musste. Was ich fühlte, habe ich größtenteils versucht zu verbergen. Ich dachte, dass darf gar keiner wissen, wie ’schlecht‘, ‚unprofessionell‘ ich bin. Dann werden alle über mich herfallen und mich abwerten, verachten.

Josi Rom versucht Borderline-Erleben, Identitätserleben zu beschreiben, in Abgrenzung zur Schizophrenie. Er ist Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker.

Ich würde hier gerne etwas von dem wiedergeben. Weiß nicht ob das geht. Er verwendet viel Fachsprache und eigene Modelle, auf die er sich dann bezieht, um zu erklären. Das ist mir gerade zu aufwendig alles darzustellen. Schade. Vielleicht ein paar Brocken, in denen ich mich wiederfinde.

Also diese Aussage gefällt mir schon mal, weil ich das auch so sehe und bestimmt nicht die Einzige bin: „Die Diagnoseschlüssel DSM und ICD tragen nicht viel zum tiefen Verständnis der Erkrankungen bei. Symptome werden beschrieben und zu Gruppen zusammengestellt, die, verknüpft mit weiteren Kriterien, ein Krankheitsbild definieren sollen.“ (vgl. S. 88)

„Die Kriterien (DSM-IV der Borderline-Persönlichkeitsstörung) beschreiben zwar, was wir vom Patienten hören, wahrnehmen und nachweisen können, nicht aber, was der Patient wirklich empfindet und erlebt.“ (vgl. S. 98)

Dann versucht er darzustellen, wie das Ich funktioniert.

„Die Ich-Grenze (…) zeichnet sich (…) durch eine hohe Elastizität aus.“ „Somit ist das Ich grundsätzlich und im „Normalfall“ nicht der großen Gefahr der Fragmentation (Zersplitterung) ausgesetzt (wie bei der Schizophrenie).“ „Diese Eigenschaft wird vor allem für den Umgang mit inneren Drucksituationen im Ich kompensatorisch und regulierend eingesetzt. Die Ich-Grenze, aber auch das gesamte Ich (…) hat dank der Elastizität (…) die Fähigkeit, im hohem Ausmaß zu fluktuieren (sich verändern). Das hohe Fluktuationspotenzial stellt gleichzeitig aber auch ein Problem dar (…).“ „Das Ich ist aufgrund der Elastizität in seiner Stabilität und Konstanz der Form (Identität) geschwächt.“ (vgl. S. 91-92)

Spannend finde ich das, weil ich mich 2013 ähnlich beschrieben habe, ohne mich mit der Diagnose oder irgendwelchen Texten dazu befasst zu haben. Wie schön wäre es gewesen, wenn mir damals jemand erklärt hätte, was ich da erlebe.

„Das eindeutige und „sichere“ Zentrum des Kreises ist (…) nicht mehr garantiert. Es handelt sich also um eine sich wandelnde Ellipse, je nachdem, wie und wo der Druck im Ich gerade ansteigt und das Gesamt-Ich darauf formverändernd reagiert.“ (vgl. S. 95)

elastisches Ich der Borderline-Struktur nach Josi Rom

elastisches Ich der Borderline-Struktur nach Josi Rom

'normale' Struktur eines Ichs nach Josi Rom

’normale‘ Struktur eines Ichs nach Josi Rom

„Die Verwirrung über sich und die Welt, welche durch die Fluktuation entsteht (…), ist die Basis zum Verständnis der Identitätsdiffusion (andauernde Unfähigkeit eine Identität zu entwickeln).“ (vgl. S. 97)

„Diese Anpassungsfähigkeit (gemeint ist die Fluktuation) hat grundsätzlich eine schizopräventive und zeitweise protektive Wirkung, allerdings um den Preis der Eindeutigkeit der Identität, was zur Identitätsdiffusion oder fluktuierenden Leihidentität führt.“ (vgl. S. 97)

Also das Gute ist, es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich zusätzlich Schizophrenie-Symptome bekomme. 😉 😀

Heute fühle ich mich nicht mehr so, wie ich es 2013 beschrieben habe, dass ich mich ständig verändere. Damals war das wirklich heftig. Fast jeden Morgen war alles irgendwie anders. Hab ich mich am Tag so einigermaßen orientiert, war am nächsten Tag schon wieder alles neu in mir und ich orientierungslos.

Hmmm… oder doch. Die Veränderungen sind geblieben, aber sie sind nicht mehr neu und weniger schockierend für mich. Man lernt ja dazu. 🙂  Überraschen und Erstaunen tut mich aber auch heute noch, nach fast 5 Jahren neuem Erleben das Eine oder Andere.

Diese Identitäts-Beweglichkeit wird mir öfters nur bewusst, wenn ich im Kontakt mit Menschen bin. Das ist Gott sei Dank in überschaubaren Maßen. Ich verbringe mehr Zeit mit mir alleine, was auch gut für mich ist und wohl so eine Art Balance herstellt. Ich fühle mich alleine einheitlicher.

Die große Leere, die auch ein Kriterium für die Borderline-Diagnose ist, kenne ich nicht als Leere, sondern als Haltlosigkeit. Ich habe mich mit ihr vertraut gemacht und benötige nur selten im Außen Ablenkung, um sie nicht zu spüren. Besonders durch das Vertraut werden mit den Energien von oben und unten durch Meditation, habe ich die Möglichkeit bekommen, mich in meiner Haltlosigkeit an etwas zu wenden, was ich im Idealfall als haltend erlebe.