Nichts wissen

Ich habe keine Ahnung wie es weiter geht, was morgen kommt, was heute sein wird.

Immer wieder Angstwellen JETZT zu sein und nicht zu wissen.

Meine Gedanken denken sich weg aus JETZT, nur um JETZT nicht zu spüren.

JETZT ist Gefahr

und doch so ungefährlich.

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Jetzt ist alles richtig

Ich möchte da auch sein dürfen wo ich gerade bin, auch mit den Dingen die noch reifen, noch nicht entwickelt sind.

Ich möchte nicht, dass Entwicklung zu einem Wettkampf wird.

Ich möchte mich nicht entwickeln müssen, weil andere Entwicklungspotenzial sehen.

Mir reicht mein eigenes Inneres JA zu dem was ist, dem Folgen von Anziehung und Ablehnung und dem Beobachten wie Bewusstsein und Entwicklung geschieht.

Wie einer Pflanze beim Wachsen zuzusehen.

Meiner Pflanze. Deiner Pflanze.

Der Sinn im Augenblick

Gesprochene Sätze während der Klopfakupressur

Diese Sinnlosigkeit macht total Sinn. Wenn ich mich meist über meine Gedanken, über meine Ideen orientiert habe und da nichts mehr ist, dann macht das orientierungslos. Ohne Orientierung, scheinbar kein Sinn.

Zwangsläufig bin ich damit auf das Jetzt zurückgeworfen und das Üben, das Jetzt auch wahrzunehmen. 

Wenn sich diese Wahrnehmung festig, könnte es doch sein, dass es keine großen Ideen mehr braucht, in denen ich mich aufhalte, sondern dass das Wahrnehmen des Jetzt ausreicht zum aufhalten und orientieren. 

Mir kommt das unglaublich vor, dass das ausreichen könnte. 

Ist das nicht zu wenig? Braucht es nicht Ziele? Braucht es nicht Dinge in der Ferne, auf die ich mich zubewege? Wie ergibt sich sonst Bewegung? Und woher kommt die Motivation dazu?

Und doch erlebe ich Bewegung, jeden Tag. 

Ich bewege mich aus dem Impuls des jeweiligen Augenblick.

Und wieder der Gedanke – ist das nicht zu wenig? Kann das genug sein? Kann ich so leben? Darf ich so leben? Braucht es nicht Visionen und Bilder? Braucht es nicht eine größere Richtung? 

Ist mein Leben genug, wenn es nichts mehr zu erreichen gibt? Ist es genug mit dem was da ist?

Damit habe ich echte Schwierigkeiten. Und nicht das erste Mal.

Ist das vielleicht auch einfach nur alles Teil dieser depressiven Phase die kein anderes Fühlen und Denken zulässt? Oder ist das ein tieferer Blick, ein tieferes Erkennen?

Ich fühle eine Lebensmüdigkeit, ein Wunsch alles hinzuschmeißen und darauf herumzutrampeln. Im nächsten Moment stelle ich fest, dass mir da gar nichts mehr einfällt, was ich hinschmeißen will und ich lache auf. Ein Paradoxon. 

Ich fühle mich schon auf dem Grund, wo es nichts mehr zu schmeißen gibt.

Ich stelle fest, dass gar nichts Schlimmes passiert hier unten. Alles läuft weiter. Das Leben geht nicht kaputt und ich habe überhaupt kein Interesse daran, selbst daran etwas zu ändern.

Da ist auch kein Abgrund. Alles ist weiter da.

Und ich kann immer noch fühlen, was mir gut tut und was ich brauche. 

Ich spüre weiter, das ich bei mir bleiben möchte in diesem Leben, auch auf diesem tiefen Grund.

Was hält?

Ich bin aktuell unglaublich verletzlich und für alles empfindsam. Vieles lässt mein Herz erzittern. Vieles regt es, berührt es, schmerzt es, öffnet es. Schickt Träne um Träne, mal als kurzen Schluckauf, mal als eine große Welle, mal irgendwas dazwischen. Mal zurückgedrängt, mal offen frei raus, mal in abgehackten Portionen. Gerade heute zähle ich schon sechs dieser Momente.

Es zieht mich stark zum Feuer. Feuer als Schutz, als Wärme, als Geborgenheit, als Halt. Kerzenzeit hat angefangen. Es zieht mich zum orangefarbenen Licht. Es zieht mich zu Gerüchen. Besonders Orange, obwohl ich den Duft gar nicht hier habe und auch noch nie benutzt habe. Gerüche als Trost, als Orientierung, als Ankerpunkt.

Mein Schutzbedürfnis ist sehr groß. In der sicheren Höhle sein. Zurückziehen. Einhüllen. Warm halten. Mir nah sein.

Morgengedanke im Bett – Ich bin ein verletzlicher Mensch. Eine Feststellung. Eine Erkenntnis. Obwohl es rückblickend so offenkundig ist, dringt es erst jetzt als Gefühl in mein Herz. Okay – ich bin ein verletzlicher Mensch. Das ist wichtig zu wissen und anzuerkennen. Das hat Bedeutung für mich, wie ich mich in das Leben gebe, dass es an vielen Stellen Behutsamkeit braucht. Und auch Schutz und Abgrenzung.

Verletzlichkeit, Berührbarkeit, Empfindsamkeit – vielleicht sind das meine wahren Qualitäten.

Es bewegen sich so große Dinge.

Es geht um Abschied, um Endlichkeit, um Wut. Es geht um Anspannung, um beklemmende Angstgefühle, um Unruhe und Rastlosigkeit, um das Gefühl, um mich schlagen zu wollen. Es geht um Aushalten, um Annehmen und um radikales Akzeptieren. Es geht um Unveränderlichkeit, um Krieg, um Licht und um Schatten, um Demut. Es geht um die Sehnsucht, zurück in die Einheit zu wollen. Es geht um das alleine Klarkommen, um die Erkenntnis, dass nichts von Dauer ist, alles vergeht und nichts bleibt. Es geht um das Loslassen, um Raum und um Leere, um Sein. Es geht um Angst und um Angst und um Angst.

„Mir kommt gerade der Gedanke, wenn ich so viel loslasse, was hält mich dann eigentlich?“ „Ja, was hält sie?“ Schweigen. Spüren. „Wenn alles losgelassen ist, was ist dann noch da, was bleibt übrig? Das Leben selbst. Der Augenblick. Der Geruch des Tees der vor mir steht. Ich glaube, dass ist es was mich hält. (Und meine wiederkehrende Entscheidung hier sein zu wollen)“ „Das ist wichtig. Wenn sie erfahren würden, dass sie nur noch 20 Minuten zu leben hätten, dann gäbe es nur noch das, nur noch diesen Moment.“

Durchbruch

Ich bin ziemlich erschöpft. Es ist 11:30 Uhr, ich habe eben gefrühstückt und sitze hier nun im Schlafanzug am PC, mit dem Wunsch irgendetwas der letzten anderthalb Wochen festzuhalten. Das denke ich schon seit anderthalb Wochen.

Meine Fähigkeiten zu schreiben wie ich es gewohnt bin, stehen nicht zur Verfügung. Erfahrungen die tief und breit sind, sich verästeln in hunderte von Richtungen ins damals und heute. Vereinzelte Momente, die doch irgendwie alle zusammenhängen. Gefühlt kann ich das Bild erfassen. Sprachlich scheitere ich, mich vor anderen zu verorten. Gedanken springen hin und her, sind wirr, verlieren ihren Faden oder wollen zehn Fäden gleichzeitig aufnehmen. Ich bekomme es nicht sortiert.

Eine Freundin schrieb mir nach einem persönlichen Gespräch, dass sie mitbekommen habe, wie sehr ich gerade mit mir zu tun hätte. Sie hätte es zwischen den Zeilen erfasst, auch durch Mimik und Gestik. Es ist schön, wenn das gelingt. Hier im Schreiben schraube ich meine Erwartungen herunter. Besser ein paar Worte, als gar keine.


Die Welt hält kein warmes orangefarbenes Licht bereit, mit weichen Rändern! Sie polstert nicht alle Ecken und Kanten! Schleift nicht die groben, schroffen Stellen glatt! Polstert nicht die Tiefen, verhindert nicht den Fall! Es wird niemanden geben, der für mich sorgt! Niemand der mir Sicherheit gibt und immer für mich da ist! So ist die Welt nicht!!!
Ich habe es verstanden. Ich bin dabei es endlich zu fühlen. Es hat mich von den Füßen gehauen.
Ich habe verstanden, dass ich das nicht mehr suchen brauche. Dass ich das was verloren ist, nicht mehr finden werde. Diese Erkenntnis tut unglaublich weh. Das die Vergangenheit losgelassen werden muss, um die Verantwortung für das Heute übernehmen zu können, wird mir klar.

Ich weine sehr viel. Schmerz, Wut, Trauer. Das Verlorene wird endlich fühlbar. Kann erst gefühlt werden, wenn erkannt wird, dass es vorbei ist – wenn die Suche aufhört. Suche die ausweicht. Ich bin viel ausgewichen – vor allem dem Schmerz.

Es ist vorbei! Es ist vorbei. Es ist vorbei… Dieser Satz verfolgt mich. Mal fassungslos, mal beweinend, mal abwehrend, mal schmerzverzerrt.

Verantwortung ist das Thema. Ich bin sehr gefordert, bei all den starken Gefühlen bei mir zu bleiben, mit Mitgefühl, offenen Armen und gleichzeitig der Aufgabe auf das Heute zu begrenzen. Mir selbst beizustehen, in meinen Schmerz zu sprechen und die Jetzt-Welt sprachlich zu vermitteln, damit es mich nicht fortspült.
Ich erzähle mir von den kleinen orangenen Punkten, die es trotz alle dem gibt. Ich erzähle mir von den Verletzungen die allemal nicht so heftig sind, wie die in der Kindheit. Ich erzähle mir von meinen Fähigkeiten mit diesen viel besser umgehen zu können als damals, mich selbst schützen und wehren zu können. Ich erzähle mir von meiner Unabhängigkeit, dass ich nicht sterben werde, wenn andere mich ablehnen. Ich erzähle mir von meinem Leben in dem ich gestalte und entscheide. Ich erzähle mir wie gut ich all diese großen Gefühle bewältige, wie stolz ich auf mich bin. Ich weise mich darauf hin, dass es wirklich nicht notwendig ist, mich jetzt zu schneiden, weil das Fühlen des Schmerzes doch ausreicht, damit ich mitbekomme wie schlimm es ist.
Ich rede und rede und rede und es funktioniert. In der Dimension ist das auch für mich eine neue Erfahrung und das erste Mal so damit umzugehen.

Ich habe mich entschieden. Ich will das JETZT! Ich will die Verantwortung für mich übernehmen, in der Welt wie sie jetzt ist. Seit dem ich mir das sage, entstehen viele Reaktionen aus den unterschiedlichsten Richtungen in mir.
Zuerst kam Schuld. Unglaublich große Schuldgefühle rollten durch mich hindurch. Dann kam (und kommt) Angst. Angst vor Schmerz und Verletzung. Angst vor Menschen. Irrationale Angst, ohne den Ursprung zu kennen. Ich laufe vor einem Termin für eine ambulante DBT-Gruppe im Wartebereich hin und her, kurz vor einer Panikattacke. Ich rede mit mir. Begleite meine Angst in diesem Flur. Erzähle ihr von diesem Flur, seinem blauen Fußboden und meinen Schritten darauf. Erzähle ihr von der Gefahrlosigkeit dieses Momentes. Die Angst reduziert sich ein kleines Stück und ich komme nicht in einen Kontrollverlust.
Auch eine Reaktion – Wegsein. Zwei Stunden am helllichten Tag im Bett liegen, ohne wach zu sein und ohne zu schlafen. Eine Ecke Bewusstsein heraus kramend verstehe ich, dass das mein Widerstand gegen den Schmerz ist. Verständnis haben und es trotzdem nicht tolerieren, spreche ich mit mir, meinem Widerstand und der Schmerz zeigt sich ein kleines Stück, soviel, das ich wieder da sein und aufstehen kann.

Ich sage immer wieder JA zu all diesen Momenten. Ich werde nicht weichen, nicht von meiner Seite weichen, egal wie viel Schmerz da noch kommt, egal wo oft noch geweint werden muss, egal wie viel geschrien und gestrampelt, wie viel losgelassen werden muss und wie schwer es ist. Ich bleibe hier, will nicht mehr zurückweichen! Das alles mit Herz und so gut ich das kann.

Die Initialzündung dazu gab meine Therapeutin mit genau zwei Sätzen:
„Ich konfrontiere sie mit ihrer Verantwortung.“
„Sie wollen die Verantwortung nicht übernehmen.“
Mir war sofort klar, sie hat recht. Ich fühlte es. Ich fühle es schon immer, dass es gegenläufige Bewegungen in mir gibt, die ein Vorwärtsgehen ausbremsen. Ich habe weggeschaut, weil ich mich schuldig dafür fühlte. Auch vor dem Schuldgefühl lief ich weg und so entstand ein blinder Fleck. Deshalb kam auch als erstes Gefühl die Schuld. Zuerst musste die Schuld als Gefühl zugelassen werden und ich mir selbst verzeihen, um sie mir wieder zu nehmen.

Ich bin mir sicher, dass das keine einmalige Runde ist. Einmal durch alles durch und dann liegt es hinter mir. Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, die Verantwortung braucht mein stetiges Bewusstsein, in jedem neuen Moment mich daran zu erinnern was ich will. Und immer wieder und immer wieder. Und immer wieder Angst fühlen und immer wieder Schmerz fühlen und immer wieder weglaufen wollen und immer wieder entscheiden trotzdem weiter zu gehen. Es bleibt herausfordernd, da mache ich mir nichts mehr vor.

Alltagserlebnis (mit Nachtrag)

Bekomme eben eine SMS von einer Freundin: „Liebe …! Haben soeben den Polarkreis überfahren und sind Richtung Lappland unterwegs. Alles ist so schön. Liebste Grüße …“

Wow! Was soll ich dazu sagen. Es berührt mich. Ich freue mich für sie. Kann mitfühlen, da ich mich in meiner Vergangenheit auch schon in überwältigenden Naturlandschaften aufhalten durfte. Und es tut mal wieder auch weh. Ist es Neid? Nein, sonst könnte ich mich nicht mit ihr freuen. Ich wäre nur auch gerne dort. Oder irgendwo anders, wo mir das was ich sehe und fühle den Atem raubt. Und gleichzeitig ist es irgendwie auch okay, da wo ich gerade bin.

Nachtrag: Erstaunlich welch Erkenntnisprozesse solch eine kleine Nachricht mit sich bringt. Ich habe weiter nachgespürt, woher dieser Schmerz kommt. Und es ist mir klar geworden. Vor meinem Zusammenbruch 2011, stand jedes Jahr eine Reise an. Diese Urlaube waren von unglaublicher Bedeutung für mich. Darauf lief alles hinaus. Da fand ich alles was ich wollte. Dort war ich zu Hause. In der Natur. In den einfachen Dingen. In dem einfachen Leben, wo nur das Jetzt von Bedeutung ist. Spüren, leben, frei sein. Das ist es wofür ich lebte. Diese Urlaube. Wenn ich zurück kam, habe ich mich immer unwohl gefühlt. Fehl am Platz. Im falschen Leben. Und dieser Schmerz kommt aus dem Gefühl, all dies verloren zu haben. Solche Reisen sind für mich aus unterschiedlichsten Gründen aktuell und wohl auch noch länger nicht möglich. Wenn das damals so wichtig war, alles war, dann fehlt jetzt was. Aber stimmt das denn noch? Und da muss ich ganz klar nein zu sagen. Ich sehe eine Verlagerung. Ich sehe die Möglichkeit, das was ich damals nur woanders gefunden habe, auch hier zu finden, um mich herum. Und so ist es auch. Ich bin trotzdem unendlich dankbar, das ich 2010 noch meine Traumreise erleben durfte – Indian Summer in Kanada, Yukon Territorium. Dieses unendliche, unfassbare Land. Von diesen Erinnerungen werde ich mein Leben lang zehren. Doch jetzt ist es Zeit das Alte loszulassen. Ich habe nichts verloren. Ich habe etwas gefunden. Schaka 🙂

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