Eigene Grenzen akzeptieren und innerhalb dieser wachsen und Sinn finden

Ich fühle mich richtig stolz auf mich. 🙂 Das ist es wert, es festzuhalten und damit noch ein wenig zu verstärken und auszukosten. 🙂

In meinem Alltag in dem es keine Berufstätigkeit gibt, taucht in mir immer wieder die Frage nach Sinn auf. Wie kann ich diesen Tag sinnvoll gestalten? Wie kann ich Tag für Tag für mich Sinn finden? Was ist mir wichtig und was ist mir etwas wert? Für was kann und möchte ich meine Zeit schenken?

Lange waren es nur Ideen. Meine Interessen. Keine Kraft und zu wenig Selbstwert um sie umzusetzen.

Nachbarschaftsvernetzung/ -arbeit stand mit auf dem Zettel. Etwas fürs Gemeinwesen und Zusammenleben tun.

Als ich mir das wünschte, tauchte dann irgendwann eine Nachbarschafts-App auf, in der sich Nachbarn online vernetzen konnten. Ich war total begeistert!

Ich dachte daran Nachbarschaftsflohmärkte zu organisieren, merkte aber schnell, dass ich dafür nicht genügend Kapazitäten und Verbindlichkeit mitbrachte und auch das in der Öffentlichkeit sichtbar werden nicht aushielt.

Aber in diesem Jahr sind mir schon zwei Aktionen über dieses Netzwerk über den Weg gelaufen, wo ich doch etwas mehr Verantwortung übernahm. Und DAS ist ein megaaa Fortschritt!!!

Und es war beides mal seeehr herausfordernd, weil immer wieder abwertende Gedanken meine Vorhaben kreuzten und die online-Interaktion mit Anderen meine Grenzen verschwimmen ließen, was ich leisten kann und was nicht.

Aber ich habe dadurch auch gelernt! Ich weiß nun, in welchem Rahmen ich etwas geben kann. Das ich lokal, also sehr wohnortnah aktiv sein kann, alleine für mich gut meine Ressourcen und Grenzen wahren kann und super von zu Hause aus planen kann.

Andersherum vermeide ich große Aktionen, Öffentlichkeitssichtbarkeit und Gruppenaktionen, sowie Terminvorgaben. Diese Dinge machen mir zu viel Stress, lösen zu viel Angst aus und ich springe ab.

Die erste Aktion die ich angeregt habe, ist, die Kleingartenanlagen mit ihren Überschüssen und die umliegende Nachbarschaft zu vernetzen, um Lebensmittel zu retten. Dafür habe erst das Interesse der Nachbarn online erfragt und dann drei Kleingartenanlagen angeschrieben. Mit einer Anlage bin ich im Kontakt, warte auf deren Stand der Dinge. Mehr ist da gerade nicht zu tun.

Die andere Aktion ist ein Online-Aufruf, dass jeder Nachbar eines Hauses vor seiner Tür die Natur gießt (die Trockenheit ist extrem hoch hier), damit Büsche und Bäume grün bleiben und nicht sterben. Dafür habe ich auch einen Aushang gefertigt. Auf Nachfrage wurde er mir zusätzlich in Türkisch und Arabisch übersetzt, damit mehr Nachbarn es lesen können.

Dann habe ich mich getraut diese Zettel gestern mitten am helllichten Tage!!! (siehe Öffentlichkeitsangst) an 11 Haustüren zu kleben und mich darin mit Vornamen zu outen, plus Hinweis, dass ich nun auch jeden Tag gieße (oooohhhh Verbindlichkeit – *grusel*).

Ständig die Stimme im Kopf, die mir sagt, ‚du bist doch bescheuert, das bringt doch gar nichts, die Leute werden dich auslachen, mach dich nicht zum Horst, ist doch albern diese Gießerei‘.

Geschickter weise habe ich dieser Stimme schon im Aushang selbst die Luft aus den Segeln genommen, indem ich sie dort aufgegriffen habe –

„Falls Ihr glaubt, das bringt doch gar nichts, nicht so schlimm, weil schaden tut es auf keinen Fall. Versprochen. :D“

Bin ich schlau. *stolz auf die Schulter klopf* 😀

Das sage ich mir jetzt selbst immer, wenn ich jeden Tag die Büsche hinterm Haus gieße (da sieht man mich am wenigsten 😉 ). Es schadet ja nicht.

Und ich erinnere mich an mein eigenes Gefühl der Verbundenheit mit der Natur und wie gerne ich ihr helfe. Diese Freude am Tun bleibt, egal was jemand anderes darüber denkt!

Merkt ihr was? Ich kann ein eigenes gutes Gefühl halten, obwohl andere es vielleicht doof finden und ich sogar selbst doofe Gedanken dazu habe! WOW!!! Das ist Megaentwicklung!

Und das superschöne ist auch noch, dass zwar 4 Zettel heute schon wieder abgenommen sind (Futter für negative Gedanken – siehst du… blabla), aber dafür 7 noch hängen und ich von demjenigen, der mir den Text ins Arabische übersetzt hat, eine super Bestärkung erhalten habe. Er sei stolz auf mich und bedanke sich, dass ich mich um die Natur kümmere und bitte weiter machen soll (Futter für positive Gedanken – jubel, freu, freu).

Als mich meine abwertenden Gedanken noch von jeder öffentlichen Tat abgehalten haben, gab es in meiner Vorstellung nur negative Szenarien. Mir kam nie der Gedanke, dass es andere Menschen auch gut finden könnten. (Deshalb habe ich z.B. auch 4 Jahre lang nicht meine Barfußschuhe tragen können – dieses Jahr konnte ich und habe echt viel Zuspruch erhalten – natürlich neben den kritischen Blicken)

Und nun erlebe ich wahrscheinlich etwas ganz natürliches im Tun. Es gibt immer Leute die finden scheiße was ich tu und Leute die finden das toll und bestimmt ganz viele dazwischen. Wesentlich ist meine eigene Haltung. Und wenn ich Dinge tue, die mit meinen Werten zusammenhängen, die mir also aus sich heraus schon ganz viel geben, dann ziehe ich daraus meine Motivation, meine guten Gefühle, meinen Mut es zu tun und erlebe dann eben auch Sinn.

Und sei es in diesen ganz kleinen Dingen vor meiner Haustür!

Ich habe jetzt keinen Krieg verhindert und wahrscheinlich machen auch zu wenig Nachbarn mit bei der Wasseraktion, so dass sie nachhaltig wirkt, aber das ist bedeutungslos, weil ich etwas getan habe, was mir wichtig war und dieses Gefühl bleibt und wirkt in mir, wenn ich es erlauben kann.

Nachtrag:

Und die Jubelgefühle gehen gerade weiter, weil es mir gelungen ist, diese Erfahrungen festzuhalten und mit der Welt zu teilen. Wieder etwas was sich für mich sinnvoll anfühlt. 🙂

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Fortschritte und Schritte

Die nebenan.de-Seite macht Spaß. Schön zu sehen, wie Menschen etwas suchen und beim Nachbarn finden oder Sachen verschenkt werden und einen Glücklichen finden. Ich habe jemandem ne Tischlampe für schmales Geld abgekauft. Endlich keine Dunkelheit mehr am Schreibtisch.


Unerwartet schöner Tag. Bin froh mich auf den Weg gemacht zu haben, trotz Hürden-Gedanken. Mal wieder Stadt von seiner schönen Seite gespürt. Menschen. Leben. Gerüche, Gerüche, Gerüche. Bunte Geschäfte. Endlich ein paar Bücher Second-Hand verkauft. Das steht schon länger als ein halbes Jahr auf meiner to-do-Liste. Sonnenschein. In der Nähe vom Büro von Fr. S.. Alles so vertraut, weil hier jahrelang zur Therapie gegangen. Lächeln. Lächeln. Das tat gut, dieser Tag.


Ich sehe so viele Fortschritte, anderes Umgehen, andere Verläufe. Bin tief Dankbar. Scheine alles richtig gemacht zu haben. Jetzt bloß nicht die Spur verlieren und immer schön locker bleiben. Nicht verkrampfen. Keinen neuen Wettkampf aufmachen. Alles ist jetzt erst einmal da, darf da sein. Darf da-sein-zulassen geübt werden. Nicht leicht mit ‚ich_bin_es_nicht_wert-/ ich_habe_es_nicht_verdient,_dass_jemand_für_mich_da_ist-Mustern im Kopf.

Ich mache das ganz gut, finde ich. Jeden Tag, ob oben, ob unten. Mit Angst und Freude und Trauer und Lähmung und Lebenslust.


Ich miste weiter aus. Viele, sehr viele Papiere – vom Studium, von der damaligen Arbeit. So viel Wissen. Die Zusatzausbildung. Wo ist das hin? Alles umsonst? Schade eigentlich. Aber ich glaube, fühle nicht, jemals wieder mit von Schizophrenie betroffenen Menschen arbeiten zu können/wollen. Psychologie interessiert mich weiterhin, stelle ich fest. Von allem kann ich mich nicht trennen. Lese alte Texte, die ich damals garantiert nicht verstanden habe. Heute die eigenen Erfahrungen im Gepäck, ergibt alles viel mehr Sinn.

Ein Text vom Prof. Dr. Christian Scharfetter über das Un-Gleichgewicht von Vulnerabilität (Verletzlichkeit) und Resilienz (Widerstandskraft) und die mögliche Folge der psychischen Dekompensation. Sehr spannend. Da taucht seine Idee zu einem Gesamtbehandlungsplan auf, wo er auch dem spirituellen Aspekt Beachtung schenkt (da er auch Spiritualität als Risikofaktor sieht). Ich glaube er bezieht sich hauptsächlich auf Schizophrenie-Betroffene, erwähnt aber auch die Borderline-Diagnose:

„Auch im religiös-spirituellen Bereich ist eine Kultur der Achtsamkeit, Vorsicht, behutsamen Bescheidenheit, die Erfahrungen kommen zu lassen, das Leitmotiv – entgegen dem Erzwingen-wollen „spirituellen Erwachens“, Erleuchtung, Ekstasen, Erlösung als Befreiung von der Alltagslast des Lebens, der doch niemand ausweichen kann.“

Sehe da meinen eigenen Entwicklungsprozess.

Vulnerable Gefährdungspunkte

Ein schönes Wort. So treffend für mich. Alles kann ganz ruhig und normal laufen und dann – Peng – sagt, tut jemand oder ich selbst etwas und berührt bei mir einen vulnerablen Gefährdungspunkt und plötzlich verändert sich über Stunden und Tage mein gesamtes Selbstgefühl. Ich bin jemand anderes und werde dann irgendwann wieder ‚ich‘.

Es spricht mich sehr an, wie er mit Fragen diese Vulnerabilität respektiert und anregt, ein Leben zu finden, in dem psychohygienischen Bedingungen der Selbstüberwachung und -steuerung, Bewältigungs- und Ausweichstrategien erlernt werden, um die Resilienz zu verbessern.

Was vermeiden, was suchen? Welches ist das rechte Maß von Sozialkontakt und Isolation? Welche Techniken des „Apspacens“ sind gefährlich? Worin liegt eine vermeidbare Überforderung, z.B. im Sozial- und Berufsbereich, in den Zielsetzungen, im intellektuellen Anspruch? Wie gefährlich sind für einen Patienten starke Liebesgefühle? Wie kann er lernen, damit umzugehen, darüber mit der Therapeutin zu sprechen und so auch in diesem Bereich sozialen Lernens an sich arbeiten? Welches Maß an Schonung ist nötig, welches schädlich, weil es zu Überbetreuung, Abkapselung in der Infirmität, Hospitalismus, Institutionalismus führt? Welche Medikamente in welcher Dosis bewirken bei einem Patienten Abschirmung, Beruhigung, Befreiung von Wahn und Halluzination – welche dämpfen ihn zu viel und treiben ihn in Inaktivität, Apathie?


Ein neues Gutachten vom Medizinischen Dienst der Agentur für Arbeit steht an. Ich bin gelassen. Habe der Frau im Jobcenter aus der Reha-Abteilung ganz offen meinen Prozess geschildert. Das ich fertig bin mit dem Leistungsgedanken. Das erst einmal etwas anderes dran ist. Sie hat mir doch tatsächlich fast gratuliert, sich mit mir gefreut, dass ich Druck loslassen kann und mich um mich kümmere. Da war ich echt baff.

Ich gehe davon aus, dass der Medizinische Dienst die Arbeitsunfähigkeit bestätigt. Ob für 6 Monate oder darüber hinaus, bleibt abzuwarten. Wenn darüber hinaus, steht mir der Papierkram für einen Antrag auf EU-Rente bevor. Fühle mich damit gerade auch gelassen. Es ist wie es ist. Ich muss mich nicht mehr rechtfertigen und beweisen. Bleibt abzuwarten, ob mir diese Haltung bewahrt bleibt, wenn ich vor den Gutachtern sitze.

Überraschung

Als ich heute in meinen Briefkasten schaute, fand ich dieses hier.

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Das finde ich mal so richtig cool! Damit beschäftige ich mich schon seit Jahren immer mal wieder, Überlegungen von Vernetzung, Suche nach Nachbarschaftstreffs, die sich nicht ausschließlich aus Senioren und Initiativen für oder gegen etwas zusammensetzen.

Und dada! Nun ist es zum mir gekommen. Vielleicht ist jetzt eine Realisierung eines Hinterhoftrödels gar nicht mehr so weit weg.

Danke an Mike und Katalin, die hier wohl echt in alle Briefkästen im Bezirk diese Zettel geworfen haben. Das ist echtes Engagement!

Neulich in der Nachbarschaft

Ich treffe im Hausflur meine Nachbarin, welche unter mir wohnt. Nach dem freundlichen Hallo, fragt sie mich doch tatsächlich wie es mir geht. Das kam noch nie vor und hat mich völlig überrumpelt. Da ich in diesem Moment tatsächlich sehr erschöpft war, lies ich mich als Spontanreaktion zu einem körperlichem Zusammensacken und einen Seufzer hinreißen, worauf schon mittendrin ihre Antwort folgte: „Nicht so gut, hmm.“ Eher als Feststellung, als eine Frage. Oh je, mir fällt mein Weinen von heute Morgen ein, welches schon im Bett begann und mich ein Weilchen begleitet hat. Für mich nicht mehr ungewöhnlich.

Hat sie es gehört? Hat sie all das Weinen der vielen, vielen Monate gehört? Immer lebe ich mit der Furcht, was wohl meine Nachbarn von meinen emotionalen Ausbrüchen mitbekommen und welches Bild bei ihnen von mir entsteht. Die Wände sind sehr dünn.

So, da bin ich nun in dieser Situation, wo klar wird, ich werde gehört. Und in der Reaktion meiner Nachbarin wird für mich deutlich, dass sie glaubt, mir würde es schlecht gehen. Unmöglich ihr nun zu erklären, dass ich eben weine, wenn ich weine (und das öfter) und danach auch wieder ganz glücklich und zufrieden bin. Da dieser Moment so unglaublich schnell und kurz ist und ich spüre, dass sie ihr Bild von mir hat und gar nicht mehr wissen möchte und ich auch nicht mein Wissen mit ihr teilen will, sage ich diesen völlig unüberlegten, blödsinnigen, leeren Satz: „Man muss ja.“, weil mir nichts besseres einfällt. Hach, ich könnt mich jetzt ärgern. Aber ich kann es auch lassen, weil ich weiß, dass ich damit einfach nur gesagt habe: „Vielen Dank für die Nachfrage. Das möchte ich gerne für mich behalten.“ Nur habe ich spontan die Sprache benutzt, die üblicher ist.