Da ist ein leerer Ort in meiner Brust

Momentan ist es nicht leicht. Schon länger nicht. Und immer wieder anders nicht leicht, mit anderen schweren Themen im Hintergrund, die sich die Türklinke reichen. Es ist okay, aber es ist schwer. Ich versuche jeden dieser Momente zu nutzen, um nachzuspüren, um bei mir zu bleiben, den Raum zu öffnen, dass alles sein darf was sich zeigen will. Doch es ist schwer. Ich laufe auch Irrwege. Ich verlasse mich auch. Es ist schwierig zu fühlen, was man braucht, wenn man sich selbst gefühlsmäßig schwer verorten kann.
Seit fast einer Woche schwebend. Zweigeteilt. Weg und da. Losgelöst. Schwebend zwischen Himmel und Erde. Der Körper funktioniert. Das Funktionieren funktioniert. Aber viel von mir ist nicht da. Oder ist da, aber nicht hier, sondern woanders. Wo ist das? Ein regelfreier Raum. Ein kontrollfreier Raum. Ein bodenloser Raum. Ich habe Alkohol getrunken in diesem Raum, in dem Glauben mir damit näher zu kommen. In dem Glauben, in diesen Raum damit Trost fließen lassen zu können. Erst die Wirkung ließ mich erkennen, dass ich anstatt zu mir, von mir weg kam. Erst da sah ich, dass ich mir so nah war wie näher nicht ging. Nah bedeutete die Leere zu spüren. Die Leere in mir. Die Unverbundenheit zum Leben. Ich stand am Bahnhofsgeländer. Lehnte mich an, den Blick in die Tiefe und stellte mir vor, wie es wäre zu fallen. Einfach loslassen. Frei schweben. Ungehalten. Ein Blick in meine Gefühlswelt.
Heute Morgen wache ich auf. Und wieder dieses wahnsinnige Verlangen etwas zu konsumieren. Etwas in diesen Raum in mir zu füllen. Wieder die Herausforderung nachzuspüren. Wo ist dieser Raum? Wie fühlt er sich an? Was fehlt ihm? Ein leerer Ort in meiner Brust. Da bin ich alleine. Da bin ich niemand mehr. Da bin ich verloren, haltlos. Da soll etwas hin, was es lindert, was es hält, was es tröstet.
Es scheint der Ursprung meiner Suchterkrankung zu sein. Die Suche nach der Linderung der Leerheit, der Haltlosigkeit. Die Suche nach einem haltenden Rahmen. Etwas was es umschließt und trägt, damit ich mich nicht mehr so verloren fühle. Ich komme immer wieder auf Trost. Mich trösten lassen. Nie von außen erhalten. Darauf angewiesen, es selbst zu tun. Wie kann ein Kind sich selbst trösten? Deshalb vielleicht das sehr lange Daumenlutschen, was mit sieben Jahren überging ins Nägelkauen und bis heute anhält. Deshalb vielleicht der Drogenkonsum.
Es ist so anstrengend. Das Nachspüren. Das Fühlen. Oder auch Nichtfühlen. Das Verlangen aushalten. Schlafe sofort nach dem Frühstück wieder ein. Außen existiert kaum, kann ich kaum wahrnehmen. Versuche mir Trost und Spüren auf andere, angemessene Art zu geben. Essen, schmecken, Duftbad, Rückzug gewähren, Mütze auf dem Kopf für das Sicherheitsgefühl, Daumen in den Mund, ein kleiner Spaziergang. Und immer wieder zulassen, dass es im Moment so ist wie es ist. Nicht dagegen ankämpfen. Hab ich schon gesagt, dass es anstrengend ist?

Befreiung

Es treibt mich wieder so stark um, diese Unruhe in mir, dieser unspezifische Drang alle Hindernisse, alle Beschränkungen zu durchbrechen und frei zu sein. Ich kann nicht genau benennen, was damit gemeint ist. Es ist ein tiefes Verlangen, körperlich spürbar. Es ist etwas was mich enorm antreibt, mir immer wieder neue Selbsterforschungsmöglichkeiten und Erfahrungen zu suchen.

Ich lese, sehe, höre etwas und es zieht mich an. Ich fühle, `das will ich machen!‘, `dem will ich mich stellen!‘. Am besten schon gestern und alles auf einmal.

Ich sah mir gestern die Dokumentation „Buddha’s Lost Children“ an und blieb weinend zurück. Ich hatte das intensive Gefühl von tiefer Dankbarkeit und Demut, ja das Bedürfnis mit gesenktem Haupt und aneinander gelegten Händen vor meinem Gesicht darin zu verweilen. Ich spürte so viel Sehnsucht in meinem Herz. Ich habe keine Ahnung was da ausgelöst wurde. Es blieb das Bedürfnis mich irgendetwas voll hinzugeben.

In Wellen überkommt mich das Verlangen mir meine Haare abzurasieren. Nach dieser Doku musste ich wieder daran denken. Es hat auch etwas mit Befreiung zu tun.

Regelmäßig sehne ich mich in eine einfache, spirituelle Gemeinschaft, inmitten von Natur. Immer spüre ich dabei auch die Flucht vor den Auseinandersetzungen, Konflikten und Herausforderungen meines Lebens.

Doch ich kann mir meinetwegen ein ruhiges, ländliches Leben in Gemeinschaft, in dem die spirituelle Arbeit das ist, was ich „arbeite“, wirklich gut vorstellen.

Bevor ich mir die Doku gestern ansah, lag ich im Nebel, handlungs- und bewegungsunfähig. Am Rande meines Wachbewusstseins bekam ich ärgerliche Gedanken mit. Ich wollte sie mir unbedingt merken, weil ich es interessant fand. Mal schauen, was ich noch zusammen bekomme.

Wie subtil es sich einschleicht, nur schwer zu identifizieren. Wie oft ich aus der Vergangenheit handle, anstatt aus dem Jetzt, aus der Vergangenheit fühle, anstatt aus dem Jetzt, aus der Vergangenheit denke, anstatt aus dem Jetzt. Wer bitte hat sich diesen Scheiß ausgedacht, dass ich ein Produkt meiner Vergangenheit bin? Wer bitte ist auf die Idee gekommen, den Menschen so zu konstruieren, dass er aus seinen vergangenen Erfahrungen heraus lebt, anstatt ihn von Hause aus mit dieser großartigen Möglichkeit der Jetzt-Präsenz zu versehen? Und wer hat diese Idee umgesetzt, den Prozess des Erwachens, des Loslösens aus der Vergangenheit mit so viel Schmerz, Leid, Irrwegen und Umwegen zu versehen? Das ist doch alles total kompliziert und umständlich. Ich finde das unfair. Wenn ich wüsste bei wem, würde ich eine Beschwerde einreichen.

Meine Gedanken belustigen mich 🙂 . Wieder geht es um das Thema Befreiung.

Jeden Tag ein Schlückchen aus diesem Glas, mit der Hoffnung das es wirkt :)

Jeden Tag ein Schlückchen aus diesem Glas, mit der Hoffnung das es wirkt 🙂

Ich bin einfach verdammt ungeduldig. Ich erinnere mich daran, wie ich nach einem ¾ Jahr Analyse ein „ernstes Wörtchen“ mit meiner Therapeutin sprach, weil sie sich meines Erachtens zu sehr zurückhielt, zu wenig rein gab. Ich bedrängte sie, dass wir jetzt wirklich anfangen könnten, sie keine Rücksicht nehmen bräuchte. Ich wäre soweit. Ich könne die nackte, brutale Wahrheit verkraften. Ich will sie sogar unbedingt um die Ohren gehauen bekommen. Nach 1 ¾ Jahr kam es dann dazu, im Dezember 2013 und ich frage mich immer noch, worauf sie so lange gewartet hat. 🙂

Ich nehme meine Ungeduld gerade nicht so ernst. Da will etwas die harte, schnelle Methode, obwohl ich auch schon schmerzhaft gelernt habe, dass ich nicht alles verkrafte und der langsame Weg oftmals der gesündere ist.

Der neuste Streifen mit dem Titel „Bodenlos“

Erstes Bild

Jetzt. Eine aufgeklappte Leiter in der Raummitte. Darüber eine Lampe die nur noch an ihren Stromkabeln hängt. Radiomusik. Eine Frau die bäuchlings mit angezogenen Beinen und Armen auf dem Boden liegt. Sie schmunzelt und dann fängt sie an zu weinen. Schnitt.

Nächste Szene

Ein Sommertag in einer Kleingartenkolonie. Ein kleines Mädchen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, rennt lachend einen Weg in einem Garten entlang. Hinter ihr ihre Freundin. Plötzlich ist der Boden weg. Schnitt.

Nächste Szene

Vor zwei Wochen. Die Frau liegt nachts schlafend in ihrem Bett. Sie wacht auf, weil sie etwas gehört hat und schläft dann wieder ein. Am nächsten Morgen entdeckt sie in ihrem Wohnzimmer, dass die Deckenlampe nicht mehr an der Decke hängt. Sie baumelt nur noch an zwei Kabeln. Sie hadert mit dem Gedanken es selbst zu reparieren oder sich Hilfe zu holen und verschiebt diese Klärung auf später. Schnitt.

Nächste Szene

Das kleine Mädchen liegt auf einer Hollywoodschaukel. Darum herum stehen Menschen. Darunter sind ihre Oma und die Eltern der Freundin. Sie pullert in ihre Hose und kann nichts dagegen machen. Sie hofft, dass es niemand sieht. Wahrscheinlich steht sie unter Schock. Schnitt.

Nächste Szene

Am Tag zuvor. Die Frau liegt auf ihrer Couch. Musik läuft. Sie versucht zu entspannen oder zu schlafen, weil es ihr elend geht. Aufstehen ist nicht möglich. Sie erinnert sich an einen Sommertag in einer Kleingartenkolonie, wo sie damals in ein Kellerloch gestürzt ist. Sie erinnert sich, wie sie auf dem Rücksitz des Autos ihrer Eltern sitzt, auf dem Weg ins Krankenhaus. Vater fährt den Wagen, Mutter sitzt auf dem Beifahrersitz. Sie erinnert sich, dass sie während sie da sitzt nur aus Schuld besteht. Sie fühlt sich schuldig für den Sturz, für ihre Verletzungen. Darüber fängt sie an zu weinen. Und dann wird sie kurz zornig und fragt sich, wie dass sein kann, dass sie sich für etwas schuldig fühlt wofür sie nichts kann. Sie erinnert sich wie sie beim Arzt sitzt, mit diesem riesigen Schuldgefühl. Der ist der Richter. Er wird entscheiden was wahr ist. Er wird ihr nicht glauben. Er wird sagen, dass doch alles nicht so schlimm ist, sie übertreibe und doch nichts passiert ist. Schnitt.

Nächste Szene:

Vor ca. 10 Minuten. Die Frau liegt auf ihrer Couch. Musik läuft. Sie öffnet die Augen und spürt, dass Aufstehen jetzt möglich wäre. Dabei fällt ihr Blick auf die Deckenlampe. Heute ist es soweit, denkt sie sich. Heute werde ich es anpacken. Sie kramt das bisschen Glauben an sich selbst zusammen, was sie sich in den letzten zwei Wochen erarbeitet hat. Ich kann das auch alleine. Was soll schon passieren. Ein Schritt nach dem anderen. Das Ziel außer Acht lassen. Dazwischen ist genügend Zeit zum überlegen. Also rauf auf die Leiter und erst mal nur die gebrochenen Dübel von den Schrauben drehen. Unsicher richtet sie sich auf der obersten Stufe der Leiter auf und fängt an am Dübel zu drehen. Sie spürt wie ihr komisch wird. Ihr Herz fängt an zu rasen und ihre Atmung wird kurz und hektisch. Oje, doch nicht etwa ein Panikanfall. Dann mal lieber runter von der Leiter und auf den Boden legen. Dort wartet sie. Der Boden fühlt sich sicher an und es beruhigt sich in ihr. Sie betrachtet die Situation von außen und muss schmunzeln. Wie das für einen Beobachter wohl ausgesehen haben mag? Im nächsten Moment fängt sie an zu weinen. Was ist hier los? Was passiert hier? Schnitt.

Nächste Szene:

Am Tag davor. Die Erinnerungen laufen weiter, gehen zurück zu dem Sturz. Die Bilder sind lückenhaft. Die Perspektive von oben auf die Situation, außerhalb des Mädchens. Dann wieder sie selbst, spürbar. Das Loch. Die Schwärze. Die Tiefe. Mauerwand an ihrem Gesicht. Jemand steht unten. Sie stürzt auf ihn. Das Gefühl zu fallen. Ihr fällt ihre Höhenangst ein. Nicht die Angst vor der Höhe, sondern die Angst zu fallen. Schnitt.

Nächste Szene:

Die Frau steht auf. Sie gibt sich nicht geschlagen, setzt sich an den Küchentisch und versucht schreibend die Situation zu erfassen. Vor was habe ich Angst? Was könnte im schlimmsten Fall passieren? Ich falle von der Leiter. Ich bekomme einen Stromschlag. Ich mache die Lampe kaputt. Ich schaffe es nicht, sie an der Decke zu befestigen. Während des Schreibens beschleunigt sich erneut die Atmung. Wo war bei diesen Dingen die Angst am größten? Ich glaube es war die Leiter. Dieses unsichere Gefühl. Die Entfernung vom Boden. Sie steht auf, schaltet den Strom ab und stellt sich dann erneut, ganz bewusst der Situation. Schon ein Fuß auf der ersten Stufe der Leiter bringt ein Weingefühl hervor. Als sie sich mit beiden Füßen auf die erste Stufe stellt, steigt sofort der Angstpegel, Atmung und Puls spulen sich hoch, mit einem bodenlosen, haltlosen Drehgefühl. Okay, das reicht. Mehr Auseinandersetzung muss nicht sein. Also es ist tatsächlich die Leiter. In dem Moment fällt ihr ihre Erinnerung von gestern ein. Sturz. Fallen. Bodenlos. Höhenangst. Angst.

Ist das heute also eine Reaktion auf die Reaktivierung der Erinnerung von gestern? Interessant.

Dann hole ich mir wohl doch mal Hilfe für die Reparatur. Will vielleicht jemand meine Rolle in diesem Streifen übernehmen? Ich gebe die gerne mal für ein paar Wochen ab 😉