Es ist vorbei

Es ist vorbei.

Es ist vorbei!

Es ist vorbei?

es ist vorbei

ES IST VORBEI!!!

Es ist vorbei!

Macht das was?

Was macht das?

Kommt es in mir an?

Die Tür hat sich hinter mir geschlossen. Davor ein letzter Blick, ein letzter Händedruck (eine Millisekunde länger als sonst), ein Lächeln, ein sich alles Gute wünschen. Mein Versuch bewusst zu bleiben.

Die Tür ist zu. Die Tür ist jetzt zugegangen. Bleib hier. Nimm wahr. Die Tür ist zu und dieser Abschnitt beendet. Rein, raus. Da, weg. Mehr da, als weg. Das ist gut. Überall Fortschritte.

Wie ist das?

Was macht das?

Was passiert jetzt?

Ich bin voller Zuversicht alles tragen zu können. Mich tragen zu können.

Es ist gut.

Es ist GUT!

Wir können weiter gehen! Wir können das. Ein phantastischer, überdimensionaler Fortschritt. Wir können fliegen.

Es ist gut. Wir schaffen das – mit weinen, mit Verzweiflung, mit Wut, mit Freude, mit Erleichterung, mit Angst, mit Trauer, mit Wehmut, mit Vorfreude, mit Zuversicht, mit Lust und Kraft.

Mehr jetzt, als damals.

Überall Fortschritte.

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Kein/Ein schönes Gefühl

(Drittletzte Therapiestunde)

Kein schönes Gefühl, aus dem Nest geschupst zu werden, wenn man es sich so gerne gemütlich gemacht hätte.

Kein schönes Gefühl aus dem Nest geschupst zu werden, mit der Aufforderung zu fliegen, wenn man selbst keine Vorstellung davon hat, fliegen zu können.

Mir blieb keine andere Wahl. Ich musste es probieren. Zwangsläufig. Ich war nicht in der Lage mir ein anderes Nest zu suchen, eines wo man nicht schupst oder weniger schupst.

Es half kein Herumgehüpfe am Rand, kein Versuch wieder in die Mitte zu kommen und sich zu setzen, kein Meckern und Zetern, kein Aufplustern oder klein machen. Die Aufforderung blieb. Flieg!

Und wie scheiße ich das Schupsen auch empfunden habe, wie sehr ich das Gefühl hatte, man will mich hier nicht. Wie sehr ich geglaubt habe, gar nicht fliegen zu können. Ich musste es probieren. Immer und immer wieder.

Ich war so sehr mit der Ungerechtigkeit des Schupsens beschäftigt, mit der Kränkung, das man mich vertreiben wollte, mit dem Schmerz, nicht gewollt zu sein, dass ich gar nicht bemerkte, das ich gerade fliegen lernte.

Ich lernte fliegen.

Ich bin zwar immer noch eingeschnappt, weil man mich nicht im Nest bleiben ließ, aber ich habe fliegen gelernt.

Anstatt aus dem Nest zu fallen, fliege ich davon.

(So ist der Plan.)

Ein Hoch auf mich selbst

Damit es fühlbar wird, was ich da geleistet habe.
Damit es fühlbar wird, wie schwer mir Selbstwertschätzung/-fürsorge vor Anderen fällt.

Zu Hause alleine hast du dir diesen Plan zurechtgelegt. Du hast gefühlt, was dir im nächsten Therapiegespräch helfen könnte. Du hast gefühlt, wie schwer es werden wird, ihr all deine Empfindungen, Emotionen, Erkenntnisse mitzuteilen. Du hast geahnt, dass du dabei Unterstützung brauchst und dich darauf vorbereitet, sie dir zu geben.

Du hast Zitronenöl eingepackt, um dir bei Dissoziationen zu helfen.
Du hast dir einen Notizzettel gemacht, damit alle Dinge die dir wichtig sind zur Sprache kommen.
Du hast einen Stressball eingepackt, damit du etwas zum festhalten hast und die Anspannung einen Weg findet, über den Körper hinaus.
Und das Wichtigste! Du hast dir einen Zettel geschrieben, mit den Worten „Es ist okay. Ich bin bei dir.“, welchen du vor dir auf den Boden legen willst, damit du dich nicht alleine gelassen fühlst und einen Zugang zu deinen Emotionen stabilisierst.
Das alles hast du so zum ersten Mal gemacht. Ich bin stolz auf dich!

Du hast geahnt, dass es sein kann, dass du trotzdem diese Dinge dort nicht nutzen kannst. Du hast das mit Frau Helferin besprochen. Sie hat die Wahrnehmung auf die Selbstfürsorge verstärkt, so dass du mit dem Satz „ich tu das für mich“ losgegangen bist.

Auf dem Weg dorthin hast du viel Angst gespürt und dafür Verständnis gehabt. Du hast dir Sätze überlegt, wie du deine Selbstfürsorge mitteilst.

Dort im Raum, kommt dir die gelockerte Atmosphäre entgegen, weil Frau Therapeutin noch mit Zimmerlüften beschäftigt ist. Du fragst, wie vorher ausgedacht, ob sie der Geruch von Zitronenöl stört und erklärst dann, warum du es auf ein Taschentuch tropfst und neben dich legst. Du bist furchtbar nervös, unsicher und angespannt.

Eine Sache ist geschafft. Du hast das ganz toll gemacht!

Dann willst du die anderen Dinge aus deinem Rucksack holen und kommst ins Stocken. Es geht nicht. Eine starke Verkrampfung setzt ein. Vielleicht Scham. Vielleicht Angst. Du weißt nicht weiter. Dann sprichst du es einfach aus, nach vorne gebeugt, mit verborgenem Gesicht hinter den Händen. Du sagst, dass du etwas zur Unterstützung geplant hast und es jetzt nicht nutzen kannst. „Was würde helfen? Was ist die Befürchtung?“ Dir fällt wieder der Satz ein, dass du es für dich tust. Und du fühlst, dass du jetzt Mut brauchst, auszuhalten wie es sich anfühlt. Das macht es möglich, sich wieder zu bewegen. Gegen starken Widerstand, aber du bewegst dich. Du holst deinen Notizzettel und versteckst ihn erst einmal unter deinem Bein. Der Stressball ist dir plötzlich peinlich, doch du steckst ihn trotzdem schnell zwischen deine Beine (doch ganz schnell landet er in deiner Hand, weil es sich so hilfreich anfühlt und die Anspannung so groß ist). Und nun das Schwierigste. Der Zettel für den Boden. Es ist so wahnsinnig schwer für dich, weil da etwas so sichtbar wird. Du schämst dich. Dein Magen ist ein Stein. Doch du schaffst es trotzdem den Zettel vor dir auf den Boden zu legen und die Worte die da stehen, die deinen Blick sofort auffangen, helfen prompt mit dir in Verbindung zu bleiben und dich etwas weicher zu machen.

Ich bin so dermaßen stolz auf dich, dass du das getan hast! Nimm wahr, wie hilfreich das war! Nimm wahr, dass DU es warst, der es etwas leichter gemacht hat! Das DU es warst, der da gesorgt hat. Erfolgreich gesorgt. Nimm wahr, dass es sich GUT angefühlt hat!
Und ich nehme wahr, wie viel Kraft dich das gekostet hat, wie schwer es für dich wahr.

Puhhh…

Therapieprozesse IX

Tief eingetaucht, bis auf den Grund von Schmerz, Trauer, irgendwas schlimmen Frühkindlichem und Selbsthass. Durchmanövriert mit allen Ressourcen die mir zur Verfügung standen, innerem Beistand, Verständnis, äußerer Selbstfürsorge. Bei mir geblieben. Alles durchgelassen. Aus Dissoziation mal zurückgeführt, mal zum verschnaufen dort geblieben. Hilfe geholt. Hilfe bekommen. Gute Erfahrungen gemacht.

Heute liege ich hier, erschöpft, wund, verletzt und fühle mich nackt. Bin mir nah – meiner Existenz, meinem Ursprung, meinem Körper. Werde immer wieder müde. Es war sehr anstrengend.

Alles in allem war es gut. Reinigend. Klarheit bringend. Das Wort Katharsis fiel mir immer wieder zu.

 

17.02.2015

Ein Missverständnis führt dazu, dass ich es aufgegeben habe von ihnen verstanden zu werden.

Ein Missverständnis! Tragisch!

Ihre Deutung hat das verhindert, hat keinen Platz mehr gelassen.

All die Momente des Ringens, Kämpfens, Bemühens, Erklärens um verstanden zu werden, um emotional erfasst zu werden. All das Scheitern, gegen Widerstände stoßen. Ich fühle jeden einzelnen dieser Momente, der letzten 2-3 Jahre.

Was für ein Unrecht! Was für ein Schmerz!

Ich verstehe es endlich, dieses Missverständnis mit so tragischen Auswirkungen.

18.02.2015

Ich wollte einfach nur gesehen und verstanden werden. Natürlich ist das auch ein frühkindlicher Wunsch. Aber es ist kein unerfüllbarer Wunsch aus der ungestillten Vergangenheit.
Wäre es so, würde ich eine Vorstellung integrieren, dass es im Heute nie möglich wäre emotional erfasst zu werden. Das wäre schrecklich!
Und so ist nicht die Wirklichkeit. Es ist möglich! Das habe ich außerhalb dieser Therapie erfahren. Für sie hieß diese Erfahrung, dass ich eine alte Sehnsucht nicht loslassen würde. Und nun sagen sie, das war ein Missverständnis!

Eine neue Erfahrung führt ebenso in die ursprüngliche Wunde wie die Wiederholung der alten Erfahrung. Sie ist über die alte Erfahrung nur schwieriger zu erkennen, finde ich.

Das nicht alle Menschen sich verstehen ist normal. Auch das sich Menschen trennen, wenn das nicht Gesehen werden zu groß ist, ist normal. Aber das es so verdammt weh tut, nicht erkannt zu werden, kommt aus der Vergangenheit.

Das Bedürfnis gegenüber meinen Eltern, speziell meiner Mutter aufzugeben war plausibel und stellte sich auch ein. Das Bedürfnis gegenüber ihnen einzustellen, kam mir nicht richtig vor und führte am Ende dazu, dass sich keine tragende Beziehung entwickelte und ich die Therapie beenden will.

Methoden verengen den Blick auf die Wirklichkeit.

Es wäre möglich gewesen, wenn sie in meinen Worten nicht immer ihre Deutung gesucht hätten. Oh mein Gott! Es wäre möglich gewesen! Ich habe es so oft versucht zu erklären. Wenn sie doch nur geschafft hätten loszulassen. Ihres für einen Moment loszulassen. Ihr Ziel loszulassen.

So hatte ich keine Chance.

Ich habe immer wieder meine Abwehr losgelassen, bin neutral und aufgeschlossen in den Prozess gegangen, doch sie haben mich in dieser Abwehr festgehalten.

Es ist so unfair! Es tut so weh!

20.02.2015

Sie (Mutter) hat mich nie nicht gewollt, nur fehlte ihr das emotionale Werkzeug, um mir das zu vermitteln.
Eigentlich ist es nicht meine Bindungsstörung, sondern die meiner Mutter.

Bindungstrauma
= gescheiterte Kommunikation (emotionale Spiegelung) in der frühkindlichen Entwicklung zwischen meiner Mutter und mir
= erzeugt das Gefühl von ‚ich werde abgelehnt‘
= erzeugt den Glauben ‚ich bin falsch‘, ‚ich habe keine Existenzberechtigung‘, ‚ich bin nichts wert‘

Es ist ein Missverständnis. Eine Fehlinterpretation des kindlichen Geistes.

Eine unbewusste Weitergabe eines Traumas. Weil ihre Kindheit dazu führte, sich von ihren Gefühlen abzuschneiden, stand sie für meine Gefühle auch nicht mehr zur Verfügung. Völlig unwissend und nichts ahnend über die Auswirkungen.

Nun stehe ich hier und habe ein Bindungstrauma. Die misslungene frühkindliche Kommunikation, die erlebten Zurückweisungen, der mangelhafte Körperkontakt… das alles hat gar nichts mit mir zu tun. Es ging nie wirklich um mich. Ich war gar nicht gemeint. Nicht ich wurde zurückgewiesen.
Ihre Erfahrungen machten unsere Bindung nicht möglich. Welch Tragik!
Vielleicht hilft diese Erkenntnis, wenn mich der Selbsthass das nächste Mal überrollt.

Meine Mutter ist diejenige die konkrete Gewalt, Demütigung, Erniedrigung erfahren hat.

Über die Grundversorgung hinaus scheint es nicht möglich in ein emotionales Gespräch zu kommen. Außer ich bin gut drauf, lache, freue mich. Darauf kann sie reagieren, lacht und freut sich mit, schäkert mit mir.

Ich habe so krasse Sehnsucht danach, dass da jetzt jemand sein soll. Jemand der für mich da ist. Ich weiß was das ist, woher es kommt und das es in dieser gefühlten, gesehnten Form nicht existiert. So ehrlich muss ich mit mir sein, damit sich keine Illusion aufbaut. Damit ich jetzt nicht hilflos werde und Helfer aktiviere, in dem Glauben sie könnten mir das Fehlende geben.

Ich leide gerade an der inneren Abgeschlossenheit, der fehlenden Möglichkeit dieses riesen Paket jemandem sichtbar zu machen. Wie damals – innere Isolation.

Neue Wege suchen

Frau Helferin sieht meinen Krisenanruf von gestern Abend (ich erreichte sie nicht, dafür aber die Krisenstation die half) und ruft von sich aus zurück. Ich werfe aus der inneren Abgetrenntheit heraus lauter Fachwörter in das Telefon – Dissoziation, Handlungsunfähig, Flashback usw.. Ein Versuch mich mitzuteilen. Sie versteht. Ich fühle, dass sie versteht. Wir kreisen ein was ich brauche und ich erlaube mir, ihr zu sagen, dass ich eine neue Erfahrung von erfasst werden brauche, mit dem was gerade so viel in mir ist, was gerade schlimm ist. „Hilft es ihnen wenn ich komme?“ Keine Worte und auch Wahrnehmung um zu beschreiben, was dieser Satz in dem Moment mit mir machte. Wenn man gleichzeitig ‚NEIN‘ und ‚JA‘ hinausschreien will. Wenn das ‚Nein‘ zu lautem inneren Schreien führt und das ‚Ja‘ zu lautem inneren Schreien führt. Ich sagte ‚Ja‘. Ich legte den Hörer auf und etwas in mir rastete aus. Ich fühlte nichts und doch schrie ich fast, weinte heftig, fing mein ganzer Körper an zu zittern. Ich ließ es zu, sprach zu mir, dass das okay ist, dass ich bei mir bin, dass ich da bin und mich halte. Es hörte nach kurzer Zeit von alleine auf und danach tauchte ich bewegungsunfähig ab. Frau Helferin schickte zwischen durch immer mal wieder Ideen die jetzt meinem inneren Kind helfen könnten. Das trug mich, holte das Jetzt zurück.
Eine so neue Erfahrung! Ich bin dankbar, dass ich das zulassen und annehmen konnte.

21.02.2015

Ich bin wütend was dieses Missverständnis mit mir gemacht hat, welche Lernerfahrungen es mir in dieser Therapie brachte, welche Wiederholungen meiner Kindheit, welche Glaubenssätze über mich selbst. Wie viel Verunsicherung meinen eigenen Gefühlen gegenüber. Wie viel in Frage stellen meines Handelns, besonders wenn es darum ging mir Hilfe zu holen.

Ich finde mich nicht wieder in ihrem Gefühl, ich wäre die ganze Zeit gegen diese Therapie gewesen. Es gab Phasen, ja. Es gab aber auch viel Bereitschaft meinerseits.

Durchbruch

Ich bin ziemlich erschöpft. Es ist 11:30 Uhr, ich habe eben gefrühstückt und sitze hier nun im Schlafanzug am PC, mit dem Wunsch irgendetwas der letzten anderthalb Wochen festzuhalten. Das denke ich schon seit anderthalb Wochen.

Meine Fähigkeiten zu schreiben wie ich es gewohnt bin, stehen nicht zur Verfügung. Erfahrungen die tief und breit sind, sich verästeln in hunderte von Richtungen ins damals und heute. Vereinzelte Momente, die doch irgendwie alle zusammenhängen. Gefühlt kann ich das Bild erfassen. Sprachlich scheitere ich, mich vor anderen zu verorten. Gedanken springen hin und her, sind wirr, verlieren ihren Faden oder wollen zehn Fäden gleichzeitig aufnehmen. Ich bekomme es nicht sortiert.

Eine Freundin schrieb mir nach einem persönlichen Gespräch, dass sie mitbekommen habe, wie sehr ich gerade mit mir zu tun hätte. Sie hätte es zwischen den Zeilen erfasst, auch durch Mimik und Gestik. Es ist schön, wenn das gelingt. Hier im Schreiben schraube ich meine Erwartungen herunter. Besser ein paar Worte, als gar keine.


Die Welt hält kein warmes orangefarbenes Licht bereit, mit weichen Rändern! Sie polstert nicht alle Ecken und Kanten! Schleift nicht die groben, schroffen Stellen glatt! Polstert nicht die Tiefen, verhindert nicht den Fall! Es wird niemanden geben, der für mich sorgt! Niemand der mir Sicherheit gibt und immer für mich da ist! So ist die Welt nicht!!!
Ich habe es verstanden. Ich bin dabei es endlich zu fühlen. Es hat mich von den Füßen gehauen.
Ich habe verstanden, dass ich das nicht mehr suchen brauche. Dass ich das was verloren ist, nicht mehr finden werde. Diese Erkenntnis tut unglaublich weh. Das die Vergangenheit losgelassen werden muss, um die Verantwortung für das Heute übernehmen zu können, wird mir klar.

Ich weine sehr viel. Schmerz, Wut, Trauer. Das Verlorene wird endlich fühlbar. Kann erst gefühlt werden, wenn erkannt wird, dass es vorbei ist – wenn die Suche aufhört. Suche die ausweicht. Ich bin viel ausgewichen – vor allem dem Schmerz.

Es ist vorbei! Es ist vorbei. Es ist vorbei… Dieser Satz verfolgt mich. Mal fassungslos, mal beweinend, mal abwehrend, mal schmerzverzerrt.

Verantwortung ist das Thema. Ich bin sehr gefordert, bei all den starken Gefühlen bei mir zu bleiben, mit Mitgefühl, offenen Armen und gleichzeitig der Aufgabe auf das Heute zu begrenzen. Mir selbst beizustehen, in meinen Schmerz zu sprechen und die Jetzt-Welt sprachlich zu vermitteln, damit es mich nicht fortspült.
Ich erzähle mir von den kleinen orangenen Punkten, die es trotz alle dem gibt. Ich erzähle mir von den Verletzungen die allemal nicht so heftig sind, wie die in der Kindheit. Ich erzähle mir von meinen Fähigkeiten mit diesen viel besser umgehen zu können als damals, mich selbst schützen und wehren zu können. Ich erzähle mir von meiner Unabhängigkeit, dass ich nicht sterben werde, wenn andere mich ablehnen. Ich erzähle mir von meinem Leben in dem ich gestalte und entscheide. Ich erzähle mir wie gut ich all diese großen Gefühle bewältige, wie stolz ich auf mich bin. Ich weise mich darauf hin, dass es wirklich nicht notwendig ist, mich jetzt zu schneiden, weil das Fühlen des Schmerzes doch ausreicht, damit ich mitbekomme wie schlimm es ist.
Ich rede und rede und rede und es funktioniert. In der Dimension ist das auch für mich eine neue Erfahrung und das erste Mal so damit umzugehen.

Ich habe mich entschieden. Ich will das JETZT! Ich will die Verantwortung für mich übernehmen, in der Welt wie sie jetzt ist. Seit dem ich mir das sage, entstehen viele Reaktionen aus den unterschiedlichsten Richtungen in mir.
Zuerst kam Schuld. Unglaublich große Schuldgefühle rollten durch mich hindurch. Dann kam (und kommt) Angst. Angst vor Schmerz und Verletzung. Angst vor Menschen. Irrationale Angst, ohne den Ursprung zu kennen. Ich laufe vor einem Termin für eine ambulante DBT-Gruppe im Wartebereich hin und her, kurz vor einer Panikattacke. Ich rede mit mir. Begleite meine Angst in diesem Flur. Erzähle ihr von diesem Flur, seinem blauen Fußboden und meinen Schritten darauf. Erzähle ihr von der Gefahrlosigkeit dieses Momentes. Die Angst reduziert sich ein kleines Stück und ich komme nicht in einen Kontrollverlust.
Auch eine Reaktion – Wegsein. Zwei Stunden am helllichten Tag im Bett liegen, ohne wach zu sein und ohne zu schlafen. Eine Ecke Bewusstsein heraus kramend verstehe ich, dass das mein Widerstand gegen den Schmerz ist. Verständnis haben und es trotzdem nicht tolerieren, spreche ich mit mir, meinem Widerstand und der Schmerz zeigt sich ein kleines Stück, soviel, das ich wieder da sein und aufstehen kann.

Ich sage immer wieder JA zu all diesen Momenten. Ich werde nicht weichen, nicht von meiner Seite weichen, egal wie viel Schmerz da noch kommt, egal wo oft noch geweint werden muss, egal wie viel geschrien und gestrampelt, wie viel losgelassen werden muss und wie schwer es ist. Ich bleibe hier, will nicht mehr zurückweichen! Das alles mit Herz und so gut ich das kann.

Die Initialzündung dazu gab meine Therapeutin mit genau zwei Sätzen:
„Ich konfrontiere sie mit ihrer Verantwortung.“
„Sie wollen die Verantwortung nicht übernehmen.“
Mir war sofort klar, sie hat recht. Ich fühlte es. Ich fühle es schon immer, dass es gegenläufige Bewegungen in mir gibt, die ein Vorwärtsgehen ausbremsen. Ich habe weggeschaut, weil ich mich schuldig dafür fühlte. Auch vor dem Schuldgefühl lief ich weg und so entstand ein blinder Fleck. Deshalb kam auch als erstes Gefühl die Schuld. Zuerst musste die Schuld als Gefühl zugelassen werden und ich mir selbst verzeihen, um sie mir wieder zu nehmen.

Ich bin mir sicher, dass das keine einmalige Runde ist. Einmal durch alles durch und dann liegt es hinter mir. Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, die Verantwortung braucht mein stetiges Bewusstsein, in jedem neuen Moment mich daran zu erinnern was ich will. Und immer wieder und immer wieder. Und immer wieder Angst fühlen und immer wieder Schmerz fühlen und immer wieder weglaufen wollen und immer wieder entscheiden trotzdem weiter zu gehen. Es bleibt herausfordernd, da mache ich mir nichts mehr vor.

Therapieprozesse VIII

Ich fühle mich alleine gelassen. Sie wehren mein Sicherheitsbedürfnis ab. Sind damit beschäftigt, die Grenzen der Therapie klarzumachen, mit dickem Rotstift nachzuzeichnen und immer wiederkehrend zu sagen was nicht geht. Als wäre es ihnen egal was mit mir passiert, ob ich mich destabilisiere, Hauptsache ich wahre ihre Grenzen. Als hätten sie Angst vor mir. Habe ich jemals Anlass gegeben für solch ein Verhalten? Ich glaube das ist eher ihr Thema, als meines. Ich verstehe ihr Verhalten nicht.

„Sie haben recht damit, dass sie dort ein ‚Nein‘ gehört haben. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe Notfalltermine zu geben. Da müssen andere Dinge greifen.“
„…einen erwachsenen Umgang zu lernen.“

„…aber ich biete ihnen etwas anderes an. Verstehen.“

Von Anfang an aktive Hilfe verweigert, damit ich von Anfang an in keine Abhängigkeit gerate. Scheint zu funktionieren. Ich kenne niemanden, der so konsequent ist wie sie, wirklich niemanden. Es macht Sinn wie sie sich verhalten, auch wenn es knüppelhart ist. Die Auswirkungen der Reduzierung der Therapie nicht mit den Mitteln zu kompensieren, die sie auslösen. Es ist wie mit der Abhängigkeit von Drogen. Es ist ebenso eine Sucht. Die Entzugserscheinungen nicht mit dem Stoff beschwichtigen, die sie ausgelöst haben.

Trotzdem bleibt eine Abhängigkeit. Abhängigkeit von Hilfe von außen. Nur ist sie an keine Person mehr gebunden, sondern verstreut auf Institutionen. Ist vielleicht besser so. Verringert persönliche Verwicklung.

„Ich freue mich über ihre Erfahrungen, die sie mit Herrn [Helfer] sammeln, welche sie hier nicht sammeln können.“

BÄNG! Oh Gott… das heißt… das heißt ja… das heißt sie finden es okay, dass ich mir woanders die Hilfe hole, die ich hier nicht bekomme? Sie verurteilen mich nicht deshalb? Sie schauen nicht abschätzig auf mich herab und denken ich hätte es nicht drauf, wäre zu unfähig alleine klar zu kommen? Sie lehnen mich und meine Bedürfnissen nicht ab? Oh mein Gott… ich denke, fühle seit zweieinhalb Jahren, dass sie mich deswegen schlecht finden, dass sie überall dort wo sie Grenzen ziehen und meine Bedürfnisse nicht befriedigen, diese ablehnen und damit mich ablehnen. Dabei ist das gar nicht so. Krass! Erkenntnisschmerz. Lachen und Weinen gleichzeitig. Das Gefühl mein Verstand expandiert, drückt gegen die Schädelwand. Kopfschmerzen.

„Natürlich mache ich mir Sorgen, wenn sie so etwas vom Dienstag erzählen. Und ich bin froh, dass sie die Krisenstation angerufen haben.“

Plötzliches Loslassen. Körperentspannung, wie erlöst sein. Fühlen dass es wahr ist. Heftige Schmerzwelle. Tränen wollen. Gegenschreien: Sie machen sich keine Sorgen! An die Atmung erinnern. Bei der Atmung bleiben. Alles verschwindet. „Können sie mir sagen, was eben passiert ist?“ Mit Blick auf den Boden und den Versuch Innen etwas zu greifen, kommt es mir vor, als würde ich im Wechsel im Millisekundentakt da und weg sein, den Teppich und Raum immer wieder neu erleben.

Ich bin zwei. Ich bin ihnen nah und ich bin ihnen fern. Sie haben mich verlassen und sie sind bei mir geblieben. Sie sind da und sie sind es auch nicht. Zerrissen. Paradoxes gegenüberstehen.

Richtung Ende

Vorfreude und Angst.

Ab nächste Woche beginnt die Reduzierung auf eine Therapiestunde die Woche. Ich wollte es so. Es fühlt sich richtig an. Es ist die richtige Zeit.

„Ein Teil von Ihnen will das. Was ist mit dem anderen Teil?“
„Der ist gerade nicht da. Der ist mir egal (nicht ganz ernst gemeinte Worte).“

Sie stimmt der Reduzierung zu und besiegelt es damit. Ab nächster Woche. Ich spüre ein Wegdriften, Benommen werden. Ah, okay, da ist der andere Teil oder einer von den anderen Teilen.

Angst, dass sich das Drama aus 2011 wiederholt, dass ich nicht fest genug geworden bin, um die aus der Trennung resultierenden Gefühle halten zu können. Soviel Entwicklung ist zumindest passiert, dass ich akzeptiert und angenommen habe, bei solch zwischenmenschlichen Ereignissen heftig zu reagieren, aufgrund meiner Vergangenheit.

Vielleicht wird es weniger heftig als damals, wer weiß. Aber es wird definitiv eine emotionale Reaktion geben, die in Richtung Haltlosigkeit, Ohnmacht, Todesangst geht. Da bin ich mir relativ sicher. Darauf sollte ich mich gut vorbereiten.

Oh man, drückt mir die Daumen, dass ich das schaffe. Ich wünsche es mir so sehr. Ich lass mich gerne vom aktuellen Engel-Orakel motivieren. 🙂