Therapieprozesse VII

Brief an die Reha-Therapeutin:

Liebe Frau …,
ich schreibe ihnen, weil ich mich ganz dringend entlasten muss. Keine Ahnung wie sie das finden werden. Ich vertraue darauf, dass sie mir sagen werden, wenn sie etwas unangemessen finden.

Hintergrund ist auch, dass aktuell alle meine Anlaufstationen im Urlaub sind, privat, wie professionell. In mir schlägt es hohe Wellen und ich pralle immer wieder auf die nicht hilfreichen Erfahrungen in meiner Therapie und dazu das jetzige Alleine-sein.

Ich habe meiner Therapeutin alle Gedanken und Gefühle die Therapie betreffend offen gelegt. Ich bin drei harte Stunden lang immer wieder über meinen Schatten gesprungen und habe ums Verstanden-werden und Gesehen-werden gekämpft. Ich habe Parallelen zu meinen bisherigen Beziehungserfahrungen gefunden, in denen ich mich immer nur befreien konnte, wieder ich selbst sein konnte, wenn ich sie verlassen habe. Diesmal wollte ich es anders machen und mich innerhalb befreien. Ich habe geweint, ich war zum ersten Mal ‚offen‘ wütend, ich war tief enttäuscht, verzweifelt, resigniert, traurig, ich habe das Zimmer verlassen und bin wiedergekommen. Das alles vor ihr. Ich habe mir Deutungen angehört von gute Mutter/ böse Mutter. Sie die Gute, meine Therapeutin die Böse. (Wenn es mal so einfach wäre. Ich sehe das viel differenzierter) Und dass ich versuchen würde, meine Bedürfnisse zu befriedigen und das nicht ihre Aufgabe wäre. Das alles habe ich durchgehalten und mich innerlich verabschiedet, weil ein Verstehen sich nicht einstellen wollte. Und dann geschah doch noch ein Wunder, weil ich nicht locker ließ oder eher meine Wut nicht locker ließ, dass sie sich so verweigerte meine Bedürfnisse anzuerkennen. Darum ging es mir, dass sie meine Bedürfnisse anerkannte und nicht, dass sie sie befriedigte. Und das hat sie dann plötzlich doch begriffen und eingestanden, dass es in einer zurückliegenden Situation auch Teil ihrer Rolle gewesen wäre, wenn sie es erkannt hätte. Und da bleibe ich hängen. Das rückwirkende Erkennen stellt kein Vertrauen in mir her, weil ich erwarte, dass sie es hätte in dem Moment erkennen müssen. Und wenn sie es dort nicht konnte, dann kann sie es auch zukünftig nicht. Ich will meine Therapiezeit nicht darauf verwenden, immer wieder diesen Mangel zu erleben und ihn ihr sichtbar zu machen. Ich werde sie nicht ändern können oder es würde viel zu lange dauern. Vielleicht profitiert da mal ein späterer Klient von, aber für mich ist es verlorene Zeit, in denen ich nicht zu den Dingen komme die möglich wären, wenn diese Basis des Annehmens und Gesehenwerdens da wäre. Mir ist einfach nicht danach, meine Kindheitserfahrungen zu wiederholen. Ich brauche neue Erfahrungen.
Ich brauche jemanden der in der Lage ist, den Erwachsenen UND das Kind zu sehen und sich darauf einzulassen und der als Mensch spürbar ist.

Dass ich das so lange ausgehalten habe, habe ich auch als Muster meiner Vergangenheit erkannt. Das dreckige Nest nicht verlassen können, eigene Gefühle und Impulse zurückstellen, nicht als wichtig erachten, weil die Beziehung zu erhalten, egal wie sie ist, wichtiger ist, um Liebe, Aufmerksamkeit, was auch immer zu bekommen.

So, eigentlich habe ich mich schon befreit und trotzdem bleibe ich noch kleben, kann mich nicht neu orientieren, trotz all diesen Wissens und der Erfahrungen. Es kommt mir zu groß vor, es neu zu versuchen. Die Gefahr zu wahrscheinlich, dass es schief geht, die Erfahrung sich wiederholt. Das Neueinlassen zu kraftzehrend. Und ich bin wütend, immer noch. Das ist viel größer, als ich zulassen kann zu fühlen. Es ist so unglaublich groß, diese Wut! Und da ist auch meine Mutter mit drin. (Immerhin… ein Fortschritt ;)) Und dann entwischt es mir wieder. Wenn ich eine Prognose abgeben müsste, glaube ich, dass ich so lange in dieser Therapie hängen werde, bis diese Wut einen angemessenen Raum gefunden hat. Es wäre schön, wenn meine Therapeutin in der Lage wäre diesen Raum einladend zu gestalten und hilfreich dabei zu sein.

Puhhh… Na gut. Alles von der Seele geschrieben. Ist es jetzt besser? Keine Ahnung. Ich erwarte dazu keine Reaktion von ihnen (von innen hinten: schön wäre es trotzdem :)).

Danke fürs Lesen!
Freundliche Grüße

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Es wird

Es wird besser. Seit drei Tagen kann ich mich wieder an Träume erinnern, worauf ich drei Wochen verzichten musste. Der Wirkstoff der Tabletten scheint sich in die inneren Abläufe integriert zu haben. Die Einnahme habe ich auf den Abend verlegt, weil ich den Wirkbeginn stark und unangenehm spüre und ihn so mit Schlaf überbrücke. Meine Gedanken bleiben unbeständig, was auch eine gewisse Entlastung beinhaltet, weil ich mich nicht ewig an Dingen festhake. Das Gegenstück ist eine Art von Teilnahmslosigkeit. Ich gewöhne mich gerade daran und sehe es auch als Entlastung, nicht mehr so reizüberflutet zu sein. Auch das veränderte Fühlen kann ich besser annehmen. Wichtig war mir nur, dass ich überhaupt noch etwas fühle. Und das tue ich! Es ist anders und ich komme tatsächlich besser mit klar. Keine Selbstverletzungsgedanken mehr seit Einnahmebeginn und trotz heftiger Emotionen!

Heute in der Meditation kommt ein „ich-bin-da-Gefühl“ zu mir zurück. Gaaanz langsam und vorsichtig atmet es sich in mich hinein. Ich weine und lache vor… ja, vor was eigentlich? Rührung? Freude? Schmerz, über die Erkenntnis, wie weg ich war? So in der Art. Und heiße mich herzlich willkommen im Hier und Jetzt. Wie schön, im Anschluss einfach nur auf dem Boden zu liegen. Ganz da. Keine Unruhe. Kein Getrieben sein. Still. Keine Probleme im Kopf. Nichts zu tun, außer da sein. Mich in der Welt fühlen. Die Geräusche von draußen als Verbindung zu mir erleben. Alles im gleichen Raum. Ich glaub, dass hatte ich seit Rehabeginn verloren. Gut, das ich mir die letzten beiden Tage nichts vorgenommen hatte und das Unruhige, Rastlose einfach mal ausgehalten habe, um in die Ruhe zurück kommen zu können. Wäre ich weiter gehetzt, hätte sie sich nicht finden lassen.

Therapieprozesse VI

Auszüge aus Reha-Notizen und Notizen nach Rückkehr.

22.05.2014 Reha
Ich stelle fest, dass ich sofort an ihre Person (Reha-Therapeutin) angedockt bin, was ich total ungewöhnlich finde. Was war es, was mich gleich so vertrauen lässt?

Die Therapie (Analyse) bleibt im Rahmen des Erkennens und Verstehens. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass mehr möglich wäre, wenn es mehr emotionale Spiegelung gäbe und ich so vielleicht auch eher an eigene Gefühle komme.

27.05.2014 Reha
Ich bin so, so, so erleichtert verstanden zu werden, gesehen zu werden.

          Ich bekomme Zuwendung, die ich nicht verdient habe. Du übertreibst. Du lügst. Du sagst das nur, weil man sich um dich kümmern soll. Wie kindisch. Du bist erwachsen.

28.05.2014 Reha
Mich macht so vieles so wütend. Das meine Therapeutin (Analyse) mir nicht gibt, was ich brauche.

29.05.2014 Reha
Morgens Weinen. Keine Ahnung was ich fühle. Sehnsucht nach der nicht vorhandenen Mutter?

30.05.2014 Reha
Ich darf also so tun, als ob meine Therapeutin (Analyse) meine Mutter wäre und ihr sagen, was ich von ihr brauche? Die Mutter muss erst das Kind verstehen lernen? Ich habe das Gefühl, kein Recht dazu zu haben.
Mir fehlt emotionale Rückkoppelung. Die Sicherheit, dass das okay ist, was ich bin und fühle.
Hier in den Gesprächen verstanden zu werden, beruhigt mich total, reduziert emotionales Chaos und Spannung.
Sie (Reha-Therapeutin) benennt Gefühle, schlägt welche vor. Hilft mir da einzusteigen, weiterzugehen, aufzugreifen. Fühle mich eingeladen.
Es ist so ruhig in mir. Kein Ringen um Worte in meinem Kopf, weil alles angekommen und spürbar verstanden wurde. Jetzt ist Platz für Sehnsucht und Fühlen von Heimatlosigkeit.

03.06.2014 Reha
Aus dem Einzelgespräch: „Wie es aussieht, mussten sie sich das meiste selbst beibringen.“ Das trifft etwas in mir. Tränen steigen auf, obwohl ich diese Aussage nicht mit Inhalt füllen kann.
„Sie müssen sich rausnehmen, um ihre Grenzen wieder neu zu stecken. Das passiert, wenn man zu früh lernen musste, wie die Eltern funktionieren, bevor man sich selbst und seine Grenzen kennen lernt.“ Das passt und plötzlich wird etwas plausibel. Die Reizüberflutung ist eigentlich keine. Ich kann mich nur durch viele Reize selbst nicht mehr spüren. Es ist also kein depressives Symptom, sondern eine psychologische Begebenheit.
Ein weiterer Deutungsvorschlag: Es kommt zu Erschöpfungen, wegen widerstreitender Gefühle zum Thema Nähe und Distanz. Will ich mich um das Bedürfnis nach Nähe kümmern, wird die Angst so groß. Will ich mich um die Angst kümmern, wird das Bedürfnis nach Nähe nicht gestillt. Keine Klärung. Ständiger Zug.

Ich fühle mich der Reha-Therapeutin gegenüber wie ein offenes Buch. Sie scheint alles zu sehen und zu verstehen, bevor ich etwas ausspreche. Sie sieht und versteht Zusammenhänge, die mir selbst noch nicht klar waren. Dadurch kann ich mich in ihr selbst erfahren. Das tut unheimlich gut und kommt aber auch unheimlich nah, wo Angst entsteht.

Das macht mich traurig, dass ich woanders das erfahre, was ich mir in der Therapie zu Hause immer gewünscht habe. Dass man mir hilft zu verstehen. Ich habe das Gefühl, ich arbeite die meiste Zeit alleine, erarbeite mir alles selbst. Ich will ihr nicht sagen müssen, was ich brauche.

05.06.2014 Reha
Ich hatte mir damals diese Therapeutin ausgesucht, weil sie mir viel Raum gab. In den alten Erfahrungen gehe ich in diesem Raum verloren, finde keinen Halt und keine Orientierung. Als heutiger Erwachsener kann ich diesen Raum nutzen, um mich neu zu finden, selbst zu finden. Vor- und Nachteile.

Trauma-Gruppe: „Viele sind enttäuscht. Nun haben sie schon damals keine Unterstützung erfahren und nun müssen sie auch heute sich selbst helfen. Ja, wer den sonst, als sie?“ Die Wahrheit tut weh. Inneres Kind fühlt – Ich bin alleine. Ja, wer denn sonst, als ich selbst kann mir helfen. Wut! Ich muss es alleine machen. Ich wäre schon froh, wenn mich jemand anleitet und mich auffordert die Lampen zu zählen (Rückholung nach Traumaaktivierung). Das wäre Hilfe genug und ist nicht geschehen!

06.06.2014 Reha
Mir geht es nicht gut. Sehnsucht nach Blicken und Verständnis von Therapeuten. Trigger Gesprächsgruppe – ihr Blick, ihre Tonlage, ihr Mitgefühl, ihr Verständnis für meine Gefühle. Das alles schmerzt und lässt die Sehnsucht danach ins Unermessliche steigen. Es hängt in mir fest. Lastet auf mir, schwer im Herzen.

08.06.2014
Schreien, klagen wollen aus tiefsten Herzen, so sehr tut es weh. Und immer wieder wegdrücken. Sich leiden erlauben? Darf ich das?

09.06.2014
Am liebsten wäre mir, ein Termin bei ihnen wäre mir nicht wichtig. Ich kann auch ohne sie. Ich brauche das nicht zum Überleben. Ich komme zurecht. Es macht mir nichts aus, dass etwas ausgefallen ist. So habe ich es tatsächlich gefühlt, bis heute Nacht. Im Traum habe ich dann doch auf sie gewartet, mit Insektenwunden an beiden Füßen. Sie kamen nicht. Die anderen Ärzte fühlten sich belästigt durch meine Anwesenheit. Da nahm ich die Pinzette und behandelte mich selbst. Wollte nicht mehr von ihrem Kommen abhängig sein. Dann kamen sie. Ich sagte ihnen, dass sie ihr Versprechen nicht eingehalten haben. Sie behandelten die Wunden zu ende.
Ich will mich am liebsten nicht in die Terminliste einschreiben. Will ihnen zeigen, dass es mir nicht wichtig ist. Am Ende schneide ich mir damit ins eigene Fleisch. Ich hasse diese Abhängigkeit. Ich spüre Widerwillen gegen den Schmerz den ich fühle, wenn ich sie sehe. Ach wären sie doch weg geblieben.

12.06.2014 Reha
Es tut so gut Bestätigung für mein Fühlen zu erhalten. Es schmerzt hier Hilfe zu bekommen, nach der ich mich schon so lange gesehnt habe. Unterstützung die ich viel früher gebraucht hätte. So allein damals in diesem schrecklichen Chaos. Wie sehr hätte ich davon profitiert? Wie viel kürzer wäre das Leiden gewesen? So musste ich mich alleine durchwursteln. Ich spüre das Alleinsein. Die wahnsinnige Leistung, die ich erbracht habe und damit nicht gesehen worden zu sein, keine Hilfe erfahren zu haben. Wie ich das jetzt alles aufsauge. Auch wenn ich schon viel weiß und viel richtig gemacht habe, bitte hören sie nicht auf mich zu unterstützen! Lassen sie mich nicht alleine! Ich kann mir die Therapie (Analyse) gerade immer weniger vorstellen, die Passivität, die fehlende aktive Unterstützung nicht länger aushalten.

18.06.2014 Reha
Mir erlauben rauszugehen, um für mich zu fühlen und zu weinen. In der Therapie (Analyse) habe ich mir das nicht mehr gestattet.

05.07.2014
Wenn die Vorstellung die Therapie zu beenden, gleichzeitig ein Befreiungsgefühl beinhaltet und Schmerz, ist es dann nicht einfach nur eine Wiederholung dessen, was ich in all meinen Beziehungen bisher erfahren habe? Ich fühle mich unfrei, eingesperrt. Kann mich nicht frei bewegen. Doch hindere mich selbst daran und denke, diese Freiheit nur außerhalb dieser Beziehung wiedererlangen zu können?

10.07.2014
Ich brauche sie nicht mehr. Ich brauche keine Therapie mehr.

11.07.2014
Es ist eine Wiederholung zu der Beziehung zu meiner Mutter. Anpassung, um etwas zu bekommen. Dabei eigene Impulse, Gefühle zurückstellen und nicht spüren, dass es nicht passt.
Sie haben das Gefühl, dass ein weiterer stationärer Aufenthalt (Traumatherapie) mir nicht gut tut? Wie kommen sie darauf? Wissen sie was mir nicht gut tut?! Alleine gelassen zu werden, mit Symptomen, die für mich kaum zu bewältigen waren. DAS tut mir nicht gut! Und mir dann erzählen, dass sie überzeugt davon sind, mich gut in der Traumaarbeit begleiten zu können. Ich glaube ihnen nicht!
Und ja, ich versuche meine Bedürfnisse zu befriedigen. Und ich finde das auch richtig so, als ersten Schritt, sie damit überhaupt anzuerkennen und zu erkennen, dass ich sie befriedigen darf! Dass ich ein Recht auf Verstanden-werden, auf Angenommen-werden und Verbindung habe.

out of order

Es wird wohl ein Weilchen ruhig um mich werden. In meinem Kopf toben sich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer aus. Ein widerliches Gefühl, wenns da oben nicht so funktioniert, wie ich es gewohnt bin. Ich finde das extrem schwer auszuhalten, durch etwas permanent beeinflusst zu werden und das auch noch so genau zu spüren. Die Sinneswahrnehmung ist verändert. Gefühle wie hinter einer Styroporwand. Leere im Kopf. Alles irgendwie verlangsamt. Ich nicht so richtig bei mir.

Ob es hilft, kann ich noch nicht so sagen. Jeden Tag kommt der Wunsch diesen Mist wieder abzusetzen und mich lieber meiner Gefühlswelt, so wie sie ist auszusetzen. Depression hin oder her. Doch heute ist mir auch aufgefallen, dass ich die letzten beiden Gefühlsüberflutungen (während der Medikation) erstaunlich gut als Erwachsene begleiten konnte. Das war außergewöhnlich und ich war ziemlich stolz auf mich. Vielleicht wegen der Medis? Vielleicht auch nicht? Wer weiß. Ich will auf jedenfall noch ein bisschen durchhalten, weil sich die Entscheidung dafür so verdammt richtig angefühlt hatte.

Ansonsten fällt es mir schwer zu Hause anzukommen. Ich fühle mich richtungslos und aus meiner Vor-der-Reha-Spur geworfen. Alles ist irgendwie anders. Und in meinem Kern (inneres Kind) bin ich wieder stark erschüttert und verunsichert worden. Nun ist Geduld angesagt, gutes Zureden, viel Erdung und Versicherung, dass es hier sicher ist und wir uns hier zu Hause langsam wieder entspannen können.

Heimaturlaub

Tja, was soll ich schreiben? Unmöglich die Ereignisse der Reha jetzt hier zusammen zufassen. Ich habe unheimlich viele Notizen aus den bisher knapp 5 Wochen. Vielleicht halte ich davon irgendwann einen Querschnitt hier fest.

Klar ist, alles kam anders als gedacht. Ich bin stark destabilisiert und unheimlich bereichert an Wissen über mich. Aber was heißt destabilisiert. Stimmt eigentlich nicht. War ich auch schon vorher. Ich erkenne, dass es nur ruhiger in mir geworden ist, weil ich die Ereignisse in meinem Umfeld stark reduziert habe. Doch in mir war ich wohl die ganze Zeit sehr dünn. Dünn in die Vergangenheit. Das brach jetzt alles durch. Zeigte sich. Wie sehr ich Kind bin. Wie sehr überfordert. Wie sehr verletzlich. Wie sehr verletzt. Wie sehr hilflos. Wie sehr verunsichert. Wie sehr voller Angst. Ich schäme mich. Nicht nötig. Trotzdem als Gefühl da.

Am 01.07. ist geplante Entlassung. Vielleicht auch schon früher, falls ich mich emotional nicht fangen kann. Mir geht es schlecht. Das kann ich nicht verleugnen. Dieses Wochenende habe ich eine Übernachtung zu Hause, mit der Hoffnung, etwas zur Ruhe zu kommen. Alleine sein. Keine neuen Trigger. Der Start lies mich zweifeln, ob das eine gute Idee war.

Zu Hause angekommen, falle ich erstmal ins Bett und bleibe dort den ganzen Vormittag. Dunkle, sehr dunkle Gedanken. Schwere Glieder. Niedergeschlagenheit und Trauer. Die Spirale dreht sich immer weiter nach unten. Reiki hilft mir aufzustehen. Ich sitze am PC und muss mir eingestehen, dass ich zu absolut gar nichts in der Lage bin. Kein Einkaufen. Kein Essen machen. Was mache ich jetzt nur? Zurück in die Klinik scheint angebracht, aber kraftmäßig nicht vorstellbar. Hilfe holen, geht mir durch den Kopf. Ich muss Hilfe holen, wie ich es in der Klinik schon etwas gelernt habe. Jemanden anrufen und fragen, ob er kommen kann, mit mir einkaufen und kochen. Widerstände. Unglaublich große Widerstände. Plötzlich sehe ich ganz klar, wie oft ich in den letzten zwei Jahren in genau solchen Situationen war und Hilfe gebräucht hätte, sie mir aber nicht geholt habe. Nicht schwach sein. Immer den Kopf oben halten. Immer die Situation annehmen und warten bis es vorbei ist. Ich schaffe das alleine. Ich brauche niemanden. Alles ist gut. So blieb meine Versorgung tageweise mangelhaft. Und überhaupt zu sehen, dass ich regelmäßig in der Grundversorgung Hilfe gebraucht hätte, zeigt mir auch, wie instabil ich war und bin. Das habe ich verleugnet.

Hilfe holen. Okay. Ich rufe einen Freund an. Den Tränen nah, sage ich (vielleicht zum ersten Mal?) das es mir sehr schlecht geht. Er kommt. Ich bin erleichtert und schäme mich noch mehr. Wir gehen einkaufen. Er kocht, weil ich nicht mehr kann und schlapp auf der Couch liege. Übung im Annehmen, Zulassen. Danach geht es schon etwas besser, aber ich bin eindeutig, unabstreitbar depressiv. Habe kaum Einfluss auf die Situation und meine Stimmung. Vorwürfe tauchen in mir auf, dass ich selbst schuld bin, selbst diese Negativität zulasse und nur positive Gedanken denken müsste. Ich versuche wegzuhören.

Ständig der Drang mich zu betäuben. Bedarfsmedis mißbrauchen. Ich schieb seit Stunden diese Idee auf. Trotzdem ein Bier getrunken. Egal. Egalhaltung ist gefährlich.

Es muss was passieren. Ich erkenne das jetzt auch. Werde einer Medikamenteneinstellung zustimmen (Paroxetin). Ein Versuch ist es wert. Die Diagnose lautet wohl komplexe Traumafolgestörung und Borderlinetyp emotional-instabil. Ich kann es kaum glauben. Meine Vergangenheit ist doch so „normal“? Worin unterscheidet sie sich von den vielen nicht beeinträchtigten Menschen da draußen? Was ist anders? Ich bin anders. Vielleicht schon immer dünnhäutig und durchlässig.

Am Tisch im Speisesaal. Ich komme aggressiv und aufgewühlt, aus einer Gruppentherapieerfahrung dazu. Eine Mitpatientin sagt im scherzhaften Ton, aber vertiefter Stimmenlage, um die Stimmung zu entspannen: „Nun hab dich mal nicht so.“ In mir brennt irgendetwas durch und ich werde zurück katapultiert in eine andere Zeit. Starker Schmerz, dann nichts mehr. Ich springe auf und verlasse heulend und völlig verzweifelt den Tisch. Kann mich ewig nicht beruhigen. Weine und weine und weine, zusammengerollt, mit Daumen im Mund. Danach sind alle abwertenden Anteile in mir stark aktiviert. Du bist nichts! Du hast nichts drauf! Du bist wertlos! Ein einziger Satz und ich fliege völlig auseinander. Unglaublich!

Nur ein Beispiel. Solche Ereignisse reihen sich aneinander.

Eine stationäre DBTherapie wird empfohlen. Eine Perspektive. Gut. Viele Antworten bekommen, dazu wie ich bin. Das wirkt entlastend.

Meine Seele

14ter Tag der Reha.

Mich zieht es in der freien Zeit wieder in die Kreativwerkstatt. Lesen möchte ich. Ein Buch weiterlesen, über die nummerologische Bedeutung des Geburtsdatums und die spirituellen Gesetze. Dieser Ort lädt so herrlich zum Verweilen ein. Zwei kleine Räume, der eine ein Wintergarten mit Sitzbänken in den Fenstern. Vor der Tür eine kleine Terrasse, an zwei Seiten von alten Mauern umrahmt und einer kleinen Torbogenöffnung. Große alte Bäume, eine kleine Wiese, ein locker großbepflasterter Pfad der durch Büsche zur Terasse führt. Alles hat ein verwunschenes Flair. Märchenhaft.

Ich bin seit 2-3 Tagen drüber. Oft unter Strom, unruhig, Antrieb ohne Ende, der nicht weiß wohin. Ich fühl mich im Außen unterfordert und überfordert mit mir selbst. Ich fühle mich gelangweilt, will etwas erschaffen, in die Welt bringen, Pyramiden bauen. Ich laufe und laufe und laufe, durch die Gegend. Mein Körper beschwert sich, ob der ungewohnten Anstrengung. Doch etwas anderes fällt mir nicht ein. Ich bin zappelig, aggressiv, überdreht, bekomme Lachanfälle und fühle extrem viel Liebe und Freude und das alles abwechselnd oder aufeinmal.

So setze ich mich in die Kreativwerkstatt und erzähle von meinem Drüber-Zustand. Die Therapeutin bietet mir an mich erst mal zu erden. Sie stellt sich hinter mich und legt ihre Hand auf meinem Rücken. Dabei erzählt sie, welche Informationen sie zu mir empfängt.

Sie sieht eine Seele, die nicht gerne hier auf Erden ist. Die Nachts weit weg reist und nur ungerne, mit dem Erwachen zurück kommt. Eine Seele, die lieber außerhalb des Körpers und weltlichen Lebens ist. Sie bräuchte eine Einladung, dass es wirklich wichtig ist und auch ihre Aufgabe hier in der Welt zu sein und Erfahrungen zu sammeln. Deshalb ist sie ja ursprünglich gekommen.

Ich widerspreche erst einmal. Stimmt das denn? Ich fühle doch auch immer wieder soviel Liebe und Freude zum Leben. Wie passt das zusammen?

Ihr Handauflegen beruhigt mich tatsächlich ungemein und lässt mich ankommen, zur Ruhe kommen. Ich denke über ihre Sätze nach.

Will ich tatsächlich gar nicht hier sein? Ganz tief in mir drinne, auf dem Grund meines Seins kann ich das Gesagte nur bestätigen. Ich will es am liebsten nicht wahr haben. Doch spüre ich das tatsächlich. Ich will nicht hier sein, mit Haut und Haaren, ganz und gar hier sein.

Während das in mir nachklingt, finde ich immer mehr Indizien, die das bestätigen.

Zum Beispiel, dass der Wald mich so magisch anzieht, als wolle er mir das Hiersein beibringen. Bin ich in ihm, kommt das Gefühl für immer bleiben zu wollen, mich voll hinzugeben. Und dagegen eine Unruhe, die ein längeres Verweilen verhindert. Eine Angst wirklich loszulassen und mich in Sicherheit zu wiegen. In eine Imaginationsübung hier vor Ort, versuchte ich mich in die Sicherheit des Waldes zu träumen. Ich wurde immer wieder aus den Bildern herausgerissen und im entscheidenden Moment des wirklichen Hingebens an den Boden, stiegen Tränen und Schmerz in mir auf und die Vorstellung war verschwunden.

Weiter fällt mir meine früheste Gefühlserinnerung ein. Ein Gefühl in dieser Welt nicht willkommen zu sein und zurück zu wollen, dahin wo alles noch in Ordnung war.

Dann mein fehlender Ich-Bezug zu meinem Körper. Ich kann ihn fühlen, doch als etwas was nicht ich bin, wie einen Gegenstand den ich betrachte.

Dann die verschiedenen Zustände von Tagträumen, Derealisation, bodenlos fühlen. Alles körperlose Momente.

Na bitte! Es geht auch anders!

Nun bin ich seit 7 Tagen in dieser psychosomatischen Klinik und mir war so gar nicht nach schreiben. Nicht weil ich nicht gewollt hätte, sondern weil alles es nicht wert war es festzuhalten. Ich wollte mich von der Schwere und den Ereignissen nicht überwältigen lassen und ihnen nicht mehr Raum geben, als nötig.

Doch jetzt, heute ist es so weit. 🙂 Man bin ich froh, über das Erlebte. Es nährt mich.

Vorweg. Orte an denen Krankenheiten behandelt werden, wie in dieser Klinik, sind nach meinem Gefühl voller niedriger Schwingungen. So viele Menschen (140 auf dieser Station) ohne Hoffnung, mit Schmerzen, körperlich wie seelisch, unter Schock und fassungslos über den Verlust von Fähigkeiten, Resignation, Leid. So viel Leid.

Das ist für mich schwer auszuhalten. Ich hatte bisher noch kein Gespräch, aus dem ich in irgendeiner Art und Weise genährt herausgegangen bin. Ich kann mein Herz nur schwer offen halten. Eher verschliesse ich mich, obwohl es mir nicht gefällt, vor der Negativität die mir hier entgegenschlägt. Ich will mich schützen, nicht selbst wieder in die Opferrolle fallen.

Tatsächlich aber, tue ich mich bisher schwer in meine ausgeglichene Haltung zu finden. Ich glaube, es liegt nicht nur an mir. Ich glaube, die Atmosphäre macht es schwer.

Deshalb freue ich mich so dermaßen über mein Erlebnis heute. Es gibt hier eine Kreativwerkstatt, die man in seiner freien Zeit, am Abend besuchen kann. Sie liegt nicht im Haupthaus und es stellt daher eine kleine Hürde dar, dort auch mal hin zu gehen. Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was ich in solch einer Werkstatt tun sollte, aber es zog mich trotzdem hin. Vielleicht ergibt sich irgendetwas, dachte ich mir.

Als ich ankam, war die Anleiterin gerade nicht dort. Und trotz der nicht leichten Situation für mich, wieder fremder Ort, wieder fremde Leute, enger Raum, blieb ich dort, um zu warten, bis sie wieder kommt. Ganz tapfer halte ich mein Herzrasen aus und das angstvolle Durchgeschwitzt sein.

Derweil sehe ich zwei Frauen bei einer Orakelkartenlegung. Freude überkommt mich, hier doch Menschen zu treffen, die dazu einen Zugang haben. Ich erzähle ihnen das und erfahre, dass das auch das Thema der Anleiterin ist, sie gerade in einer Pendelsitzung ist und auch Energiearbeit anwendet. Wow! Mein Herz lacht. Hier bin ich richtig!

Und mein Herz lacht noch mehr, als eine Frau zu der anderen sagt: “ Es gibt keinen falschen Moment. Alles kommt immer genau zum richtigen Zeitpunkt!“ Ich stehe grinsend im Raum. Das erste Mal, dass ich hier an diesem Ort hoch schwingende Worte höre. Wie hat mir das gefehlt. Das fällt mir jetzt auf.

Dann steh ich vor einem Regal, wärend ich warte und sehe Bücher von Louise Hay, Engeltarotkarten, Zenbücher, Engel- und Buddhafiguren und mir kommen vor Rührung die Tränen. Danke, danke, danke liebes Universum, dass du mich an diesen Ort geführt hast! Das bete ich vor mich hin.

Am Ende erzähle ich strahlend genau das der Anleiterin und gehe dann glückselig wieder von dannen, weil erst mal mehr nicht nötig war.

Ich hab da soviel Energie aus dieser kleinen Begebenheit mitgenommen, dass sie immer noch in mir wirkt. Ich fühle mich viel gehaltener, optimistischer, gelassener. Wunderbar!