Therapie, weil ich gesehen werden will?

Ich sehne mich auf der Beziehungsebene so sehr nach dem gesehen werden. Das ist wie ne Sucht.

Ein paar Wochen ohne Raum nur für mich und ich fühle mich einsam und noch irgendwas unangenehmes.

Rechtfertigen tu ich meinen Wunsch nach therapeutischen,  haltendem Rahmen mit, es ist noch nicht alles gesehen worden.

Wieder ausschlagen tu ich mir diesen Wunsch, diese Sehnsucht mit dem Argument, dass ich lernen will (muss) mich selbst zu halten, mich selbst zu sehen. Und das es nicht richtig ist, zu versuchen diese Sehnsucht im Außen zu stillen.

Und trotzdem fehlt mir was. Ja was eigentlich? Nähe? Liebe? Und ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll und ob es richtig ist, mich alleine darum zu kümmern.

Herr, bitte führe mich in dieser Frage. Ich bin bereit Unterstützung anzunehmen, wie sie gebraucht wird und zu welcher Zeit sie gebraucht wird, um in meinem Herzen Frieden zu finden. Danke!

Advertisements

Update II

Ich habe den Artikel gestern nicht fertig geschrieben, weil ich so müde geworden bin. Mein Schlafrhythmus hat sich durch die Medis gut eingepegelt.

Ich bin dabei, mich erneut mit meiner alten Selbsthilfegruppe zu verknüpfen. Das geschah von ganz alleine. Plötzlich war sie mir unheimlich wichtig und ich spürte das starke Verlangen, mich nach langer Zeit wieder mit einzubringen, um den Erhalt, die Kontinuität und Verlässlichkeit weiterhin zu gewährleisten. Ich will mit Verantwortung übernehmen, was ich dort auch mitgeteilt habe und für mich etwas Besonderes ist, weil Verantwortung mir bisher enorme Angst eingejagt hat. Vielleicht kann ich besser meine Grenzen wahrnehmen, dass ich dafür bereiter geworden bin. Es ist ein spannender Prozess.

Bestimmt speist sich das auch aus der Suche nach Halt.

Und eine neue Runde Heilpraktiker-besuche hat begonnen. 😀 Und jetzt ratet mal warum… Allergiezeit beginnt. Nach meinen umfangreichen Investitionen im letzten Jahr, hatte ich ja gedacht, mit diesem Thema durch zu sein. Ich war selbst überrascht, dass mich ein Flyer einer Heilpraktikerin so ansprang.

Zwei Termine hatte ich bereits und für eine Sache hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Sie war die erste, die mir ins Gesicht sagte: „Sie werden wahrscheinlich immer mit Symptomen zu tun haben“. Das hat mir meine Idee, von, nie wieder Beschwerden und ich suche so lange, bis ich geheilt bin, genommen. Wie erleichternd. Es geht also um den Versuch zu lindern, mit einer 30%-40% Chance. Es wird, wie auch in der Medizin an den Symptomen angesetzt. Das Muster, dass ich übersensibel reagiere, wenn von außen etwas eindringt (und das nicht nur auf Pollen bezogen), werde ich wahrscheinlich mein Leben lang haben. Damit kann ich doch mal was anfangen und mich darauf einstellen.

Die Behandlung besteht aus Eigenbluttherapie in Kombi mit Homöopathie, Selenzugabe, Vitamin C Depot (was wohl das gleiche macht, wie die üblichen Allergiemedikamente – das Histamin fressen) und griechischer Bergtee.

 

Heute war ja auch das Vorgespräch zur Verhaltenstherapie. Einige Stunden danach, nach viel Verwirrung, Gedankenkreisen, emotionalen Zerwürfnissen, dachte ich mal wieder – oh wie krass – ich reguliere das alles ganz alleine, mit einer Unentschlossenheit, ob ich das scheiße finden soll oder gut. Ich glaube, ich finde es beides.

Das hat mich wieder so aufgewühlt, so ein Termin, soviel Sehnsucht nach Bindung nach oben geholt und es erschwert zu spüren, ob es das richtige ist, ob sie die richtige ist. In der Bahn nach Hause war ich so durch den Wind, regelrecht benommen von dem hin und her in meinem Kopf. Etwas Neues ist dann passierte. Ich dachte plötzlich – es müssen sich alle einig sein und habe aufgehört, für mich alleine abzuwägen und bedürftige Gefühle wegzudrücken. Stattdessen habe ich mich irgendwie nach innen aufgemacht und Raum gelassen. Es war keine Konferenz, wie ich von gehört hatte, dass man das machen kann. Also ich habe nicht alle Anteile bewusst ‚gehört‘ und verfolgen können. Aber es bewegte sich und war etwas stressfreier und dann kam der Satz in meinem Kopf – ich bin zu verletzlich für sie. Ich fand das ein sehr stimmiges Ergebnis, wo ich ohne das Einbeziehen meiner Bedürftigkeiten/Empfindlichkeiten selbst nicht drauf gekommen wäre. Sie war in ganz vielen Dingen super. Direkt. Klar. Ehrlich. Kannte ihre Grenzen und hat sie mir auch gesagt. Zugewandt. Jung und dynamisch. Und auch lustig. Sie kannte die Ego-State-Theorie.

Als ich sie fragte (nicht Wortlaut), ob all meine Gefühle hier gewertschätzt werden, war sie sehr ehrlich und sagte, sie gibt sich große Mühe und wies noch auf kulturelle Unterschiede hin. Erst nach dem Gespräch sah ich auf der Visitenkarte einen zusätzlichen fremdsprachigen Hinweis. Sieht nach polnisch aus. Jetzt weiß ich nicht wie die Polen so mit ihren Emotionen umgehen, aber ich habe im Gespräch da ein Gefühl bekommen. Ihr fehlte emotionale Weichheit. Ich glaube, ich brauche so etwas ganz unbedingt, damit sich alle Anteile trauen zu zeigen.

Nachtrag: dänisch ist das, nicht polnisch.

Und wenn ich einen Impuls von vor ein paar Tagen aufgreife, ist es gut, dass ich das noch nicht mache mit der Therapie. Da spürte ich, erst einmal im BEW ankommen und mich zu Recht finden, schauen was dabei herauskommt und auch an Bedarf übrig bleibt.

Trotzdem eine spannende, lehrreiche Erfahrung. Verhaltenstherapie ist definitiv passend für mich.

 

Sie sind noch da

Ich dachte, Sie wären schon weit weg, würden nicht mehr so eine Rolle spielen für mich.
Ich dachte, dass das zum Lösungsprozess dazu gehört, der Wunsch Sie weniger zu sehen, die Abstände von zwei Wochen auf noch weiter auseinander zu ziehen. Vielleicht ist das auch ein Teil davon.

Doch dann war ich auf der Weihnachtsfeier für Klienten und Sie waren da und Ihre Klienten waren da und Ihr Vorgänger, Herr Helfer war da und auch seine kleine Tochter war da und ich habe den Nebel gar nicht verstanden und auch als unbedeutend abgetan, der mich schnell umschlang. Auch die Traurigkeit ganz weit hinten, wollte ich so weit wie möglich hinten lassen. Da war kein Raum, um mit solchen Gefühlen zu sein, dachte ich. Die sollten das dort nicht kaputt machen, weil es doch irgendwie auch schön war.

Mir war nach meiner Zusage klar, dass ich sie gab, weil Sie mich einluden, Herr Ex-Helfer auch da sein würde und es sich anfühlte, wie von Wunsch-Eltern eingeladen zu werden. Was Beziehungen ausmachen können, wo ich ja von Einrichtungsweihnachtsfeiern sonst nichts halte.

Irgendwann beschloss ich zu gehen, obwohl es mir schwer fiel. Ich hätte gerne noch dazu gehört. Doch weder das Atmen, das Körper-spüren, das Ruhe suchen in der Küche lichteten den Nebel. Ich war so nicht mehr in der Lage Informationen aufzunehmen.

Auf dem Weg nach Hause, auf dem letzten Stück Straße zu meiner Wohnung, drang dann sachte dieser Schmerz zu mir durch und ein Weinen wollte sich entrollen. Es hatte irgendetwas mit Ihnen zu tun und all den Dingen, die ich dort gespürt hatte.
Es hatte etwas mit der Nähe zu tun, die Sie auch Ihren anderen Klienten entgegen brachten und wie sich dort sanfte Fäden woben. Es hatte etwas damit zu tun, dass ich bei anderen sah, wie sie auch zu mir waren und dass ich mich trotzdem draußen fühlte. Es hatte etwas damit zu tun, dass sie mir Ihre Gesellschaft anboten, Fragen stellten und ich nicht in der Lage war, mich Ihnen zuzuwenden. Es hatte etwas damit zu tun, dass ich diejenige bin die geht, während Sie dies alles weiter tun, in der Gemeinschaft Ihrer Kollegen sind, mit Klienten die Sie umgeben.

Zu Hause angekommen brach es so heftig aus mir heraus, dass ich meine Jacke, Rucksack an Ort und Stelle fallen ließ, halb blind meine Öle heraus kramte und mich auf den Küchenboden weinen ließ.

Das ist jetzt zwei Tage her und es arbeitet immer noch und immer weitere Empfindungen, die ich während dieses Treffens hatte, steigen ins Bewusstsein. Jetzt verstehe ich auch besser den Nebel.

Es ist das erste Mal, dass ich Sehnsucht nach einem liebevollen Vater fühlen kann, welcher damals nie existierte. Es ist das erste Mal, dass sich da ein Bezug zu meiner Vergangenheit herstellt, was die väterliche Seite angeht, dass ich es als MEIN Gefühl fühle. Der Auslöser dafür war ganz simpel Herrn Helfer mit seiner Tochter zu sehen.

Wie die Dinge dann manchmal nach Jahren entscheiden an die Oberfläche zu kommen.

Nähe III

Ich weiß nicht, warum Bindung Angst auslöst und Schmerz. Vielleicht gab es Momente, wo ich eine Ahnung davon hatte oder dachte es zu verstehen. Jetzt habe ich keine Ahnung.

Es geht an der Stelle weiter, wo die Therapie nicht gegriffen hat. Und in was für einer Geschwindigkeit! Ich kann es selbst kaum glauben.

Schon als ich im Auto saß, neben ihnen. Wir waren auf dem Weg zu einem sozialen Träger, für eine Arbeitstherapie. Schon da scheinen kindliche Teile von mir viel mehr angedockt zu haben, als es mir selbst bewusst war. Ich bekam mitten im Auto, genau neben ihnen einen Angstanfall. Er begann mit einem Kribbeln im linken Handgelenk, welches sich in meinem Körper ausbreitete und am Ende zu einem inneren Wirbelsturm führte. Es wollte geweint werden. Ich konnte es nicht zulassen.

Die Angst (wenn ich zu unbekannten Orten und Menschen gehe), die ich selbst sonst so wenig oder erst spät irgendwo hinten mitbekomme, hat da entschieden sich ganz zu zeigen. Heute ist mir klar, dass das nur so ablief, weil da Vertrauen war, dass sie den Raum dafür halten können. In dem Moment selbst war ich schockiert über den Kontrollverlust, mitten vor einem anderen Menschen.

Wir hielten an. Ich war mit Stabilisierung und Aushalten beschäftigt. Sie schickten sich an, aus dem Auto zu steigen, mich alleine zu lassen, weil ich auch sonst immer das Weite suchte, wenn heftige Emotionen nach vorne drängten. Doch diesmal fragte ich, ob sie hier bleiben könnten. Ich fühlte Angst davor, damit alleine zu sein. Ich staunte selbst. Ein paar Minuten hielt ich es still neben ihnen aus, versuchte den Wirbelsturm zu meinen Füßen und in den Boden zu lenken.
Es war gut, dass sie da waren. Ich nahm wahr, dass das irgendwo in mir, für mich ganz wichtig war.

Das setzte einen Prozess in Gang. Die Angstattacke löste Erinnerungen aus. Neue Bilder, alte Gefühle drängten nach vorne und nahmen mich sehr stark ein. Viel Angst, mit der nicht umgegangen werden konnte, mit der ich alleine gelassen wurde. Situationen die völlig überforderten, mit denen ich alleine war. Überforderung, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Tiefe Einsamkeit und das unermessliche Bedürfnis, damit heute nicht alleine zu sein.

Ich könne mich jederzeit in ihrer Arbeitszeit melden, ihr Angebot. Schon etwas, was ich kaum wage in Anspruch zu nehmen. Will keine Last sein. Will nicht nerven. Will nicht zu viel sein, zu viel Raum einnehmen. Sie wiederholen es, ihr Angebot, immer wieder. Wiederholung ist gut. Ein paar Mal habe ich es schon genutzt. Immer dieser Schmerz, wenn sie wirklich helfen. Dieses innere Zerreißen.

Ich liege weinend im Bett, weil ich wie gewohnt meine Vergangenheit alleine durchfühle. Jetzt brauche ich keine konkrete Hilfe. Jetzt brauche ich jemanden der zuhört. Jemanden, der der Vergangenheit zuhört. Der Überforderung, der Hilflosigkeit und Einsamkeit zuhört. Eine SMS an sie. Die Antwort: wir können gerne telefonieren.

Ich wende mich zu meinem weinenden Innen. Es sagte mir, es sei 6 Jahre alt. Gerade befindet es sich alleine in der erinnerten Nachbarwohnung. Sie war damit einverstanden, hier in diesem Raum bis zum Telefonat zu warten. Neben sich auf der Couch einen menschengroßen Teddybären, über dessen Beine sie sich legte. Brauchst du noch etwas, fragte ich sie. Einen Stoffwürfel, mit jeweils andersfarbigen Seiten. Ruhe kehrte ein. Fast friedlich wurde es. Es war gesorgt worden.

Das Telefonat. Erst die Sorge, ob das Erzählen der alten Erinnerungen, jetzt vor dem Wochenende zu destabilisierend ist. Ich habe keine Bedenken, ist doch schon alles gefühlt voll da in mir. Es geht nur noch um das Erzählen. Aber was ich selbst überhaupt nicht bedacht habe, dass das erzählen alleine, das zeigen von so schmerzhaften Gefühlen ein ebenso starker Auslöser für weitere Ängste ist.
Ein erzählen aus der Betroffenenperspektive war gar nicht möglich. Sofort war da unglaublich viel Widerstand (wie ich jetzt weiß – Angst) und ich berichtete stockend nur noch aus der Distanz, unbeteiligt. Mit ihren anteilnehmenden Worten konnte ich überhaupt nichts anfangen.

Später am Tag, ich ging in den Wald, weil ich mich so fern fühlte, nahm ich erst überhaupt war, wie weit weg ich war, wie ausgeprägt die Derealisation. Kein Ortsbezug, kein Zeitbezug, der Wald wie im Märchen und hätte unter einem Busch eine kleine Fee hervorgeschaut, mich hätte es nicht gewundert.

Die Folge waren sehr quälende, schwierige, weltferne, körperschmerzende, dunkle, in mir eingeklemmte Tage, bis sich endlich die zugrunde liegenden Gefühle entluden.

Krach… und die aufgebaute Mauer der Therapiezeit brach in sich zusammen. All die kindliche Sehnsucht nach Nähe, gesehen werden und Bindung schütteten sich in Fluten über mir aus. Was für ein Schmerz! Und wie viel Panik, wirkliche Nähe zuzulassen.

Da schrieb ich den letzten Artikel.

Ein Termin gab es noch, bevor sie für drei Wochen in den Urlaub fuhren. Und ich sitze nun da, mit all dem Sehnen. So vieles will sich ihnen zeigen. Genauso vieles hat unglaublich viel Angst davor. Bin ich zu schnell mit dem Zeigen, überfordert zu viel Angst. Halte ich zu viel vom sehnenden Innen zurück, führt das zu riesigem Schmerz. Ein Dilemma. Schmerz oder Angst.

Gestern schreibe ich doch tatsächlich eine SMS an sie, ohne etwas zu wollen. Einfach nur, um zu zeigen wie schwierig es mir gerade geht. Auch das empfangen sie annehmend und bestärkend.

Heute war unser Termin. Ich habe den letzten Artikel ausgedruckt.
Tatsächlich sitze ich um Worte ringend da und bekomme keinen Satz formuliert. Wo soll ich anfangen? Was kann gesagt werden? Was kann gezeigt werden? Was halte ich aus zu zeigen?
Wir sitzen. Ich ringe. Sie sind wie immer unglaublich präsent und aufmerksam. (Senken sie tatsächlich mal kurz ihren Blick, weil ich ihnen mal sagte, dass ich diese brutale Aufmerksamkeit manchmal kaum aushalte? Nehmen sie mich ein weiteres Mal ernst?)
In den Minuten des Ringens, spüre ich, dass ich keine Distanz mehr aufrecht erhalten kann. In mir ist es nah. Dadurch ist der Raum nah. Dadurch sind sie nah. So unglaublich nah. Das spreche ich aus. Da beginnt auch schon der Wirbelsturm in mir. Der Raum um mich herum wird immer tiefer, dichter, dreidimensionaler, berührt meine Haut. Ihre Präsenz berührt meine Haut, brennt auf meiner Haut. Zu der Angst gesellt sich der Schmerz. Das sie da sind tut weh. Vorne übergebeugt halte ich meinen Kopf in den Händen, versuche so gut ich kann da zu bleiben, atme heftig mit der Angst und dem Schmerz. Halte aus, das sie dabei sind. Halte aus, halte aus, halte aus… Nebenbei schaffe ich es sogar noch daran zu denken, dass ich vielleicht auch mal irgendetwas sagen sollte, damit sie wissen was bei mir gerade ab geht.

Ihre beruhigende, sanftmütige Stimme kommt bei mir an… „atmen ist gut, einfach immer weiter atmen.“ Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas aus mir gleich in den Raum bricht, ich die Kontrolle verliere. Der Punkt, an dem ich abbreche, ins Bad flüchte, um mir kaltes Wasser über die Arme und Hände laufen zu lassen. Dort kommt das Weinen (das war wahrscheinlich das, was in den Raum brechen wollte).

Ich kehre zurück, mit Decke und Kühlakku, keine Gefühle mehr, aber innerlich sehr aufgelöst, wirbelnd, sprachstolpernd und durcheinander. Und sie sind immer noch da, immer noch nah. Es hört nicht auf Jetzt zu sein. Sie: „Sie sind immer noch da, ich bin immer noch da, wir sitzen zusammen in ihrer Küche.“ Ich: „Ohhh mein Gott.“ Sie helfen bei der Stabilisierung. In mir ein stetiges Ringen. Widerstand, zulassen, Nähe fühlen, aushalten, ausweichen.

Ich gebe ihnen tatsächlich den ausgedruckten Artikel. Und wieder: „Oh mein Gott.“ Hände vor das Gesicht. Es käme rüber, wie heftig das alles für mich ist. Wieder ein Zeigen ausgehalten, mit einer annehmenden Reaktion.

„Wie geht es ihnen mit meinem Urlaub?“ Immer noch sind die kindlichen Anteile vorne und können sprechen (ich bin baff). „Ich bin wütend.“ „Ich bin verzweifelt. Ich habe Angst, nicht halten zu können, dass sie trotzdem noch da sind.“ Sie: „Kann ich etwas für diese Empfindungen in ihnen tun?“ Wieder Schmerz. Sie reagieren tatsächlich darauf, nehmen es ernst. Ich kann es nur ganz schwer annehmen, das wert zu sein. „Hilft es vielleicht, wenn ich ihnen auf einen Zettel schreibe, wie lange ich weg bin, das ich trotzdem da bin und das ich dann auf jeden Fall wieder komme?“ „Ich glaube, ich kann es evtl. auch gar nicht aushalten, sie über den Zettel die ganze Zeit so nah zu spüren.“

Sie schlagen vor, mir vor ihrem Abflug einen Brief per Post zu schreiben. Den kann ich dann öffnen, wenn ich es brauche oder zu lassen, wenn nicht. Damit können alle Teile von mir leben. Ein Mittelweg zwischen nah und fern.

Puhhh… ich bin so dermaßen erschöpft. Das war krass.

Nähe II

Erst ein verzweifeltes um mich Schlagen und dann explodiert die Sehnsucht in mir drin.

Die Sehnsucht nach ihrer Nähe, nach ihrem Da-sein.

Ich sehe uns beide in der Küche sitzend. Ich bin zusammengekauert auf meinem Stuhl, sprachlos und verzweifelt, ob der Wortlosigkeit. Fühle mich ungeschützt, roh, wie eine offene Wunde. Hole mir vielleicht eine Decke aus dem Nachbarraum, wenn ich mich denn bewegen kann.

Ich bin eingeschlossen, abgesperrt in mir. Kein Weg führt zu ihnen. Bin alleine mit dem Schmerz der Isolation.

Die verzweifelte Sehnsucht in mir drin, ob sie es machen können, dass ich sie spüre, dass ich sie wahrnehme. Die stumme, drängende Bitte einen Weg zu mir zu suchen.

Die Furcht und Gewissheit, dass könnte alles schon zu viel sein.

Und der Schmerz, sie doch schon ganz nah zu spüren.

Nähe

Soviel da. Soviel Nähe und Körper, das es wehtut. Soviel Sehnsucht nach dieser Nähe, nach Versicherung, da zu sein, dass ich nicht aufhören kann mich abzutasten, festzuhalten und riesigen Schmerz zu fühlen.

Ich beginne ihre Nähe zu spüren (zuzulassen). Sie nähern sich an. Es nähert sich an. Ein Teil von mir, will sich ganz unbedingt versichern, dass sie wirklich da sind. Das sie wirklich, wirklich da sind.

Sie, Ich, mein Körper ganz real, ihr Körper (ihre Hände) in meiner Vorstellung – alles vermischt sich. Das ist wohl Nähe. So fühlt sie sich an. Wenn man gleichzeitig im Raum ist. Gleichzeitig sich und jemand anderen spürt.

Ich fühle mich von innen, spüre die Berührungen, die ich mir gebe. Ich spüre mich selbst!!! Ich spüre Liebe zu mir selbst, ich spüre meine Lippen die über den Oberarm wandern, ich spüre meine Nähe, ich spüre mein Halten, ich spüre mein Festhalten. Ich spüre Berührungsschmerz, wo vorher nur taube Hülle war. Immer wieder wandern meine Hände meinen Körper ab. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Ich bin da. Ich bin da. Ich bin da! Meine Hände versichern mir das immer wieder. Streichen liebevoll, halten, greifen, drücken. Ich kann es von innen fühlen. Realisiere immer wieder – mein Körper, meine Beine, meine Haut – ICH BIN DA!

Ich halte es aus. Ich halte es aus. Ich halte es aus und wenn ich die ganze Nacht weine und wenn es die ganze Nacht emotional so weh tun sollte. Da fehlt so viel davon in mir. Da wird so viel gebraucht. Da war so gar nichts dagewesen.

Hat mir das nie einer gegeben? Kann das wirklich sein? Wurde ich nie gehalten? Wurde ich nie körperlich getröstet? War man mir nie so richtig nah?

Wenn man nicht berührt wird (oder zu wenig), verliert man sich.

Du und Ich – Wir

Ich konnte mit dir eine Nähe zulassen, wie seit dem nie wieder und vorher niemals. Wir waren uns so nah, so offen wie man sich näher und offen nicht sein kann. Es gab kein ICH, es gab nur WIR.

Ich ließ zu viel zu, kannte keine Grenzen die es zu schützen galt. Wusste nichts von Grenzen in mir, von Rändern meines ICHs. Du konntest ein- und ausgehen in mir. Ich gab mich dir ganz und das mit Leidenschaft. Mein Herz war offen, solange, bis es zu sehr weh tat und es sich verschloss.
Ich begriff gar nichts.

Da war nur plötzlich diese Kälte in mir. Kälte und Leere. Kälte, Leere und Schuld. Ich konnte keine Berührung mehr von dir ertragen. Alles war zu viel, zu nah. Du warst zu viel, zu nah. Ich wollte nur noch weit weg von dir und gleichzeitig fühlte sich die Distanz an, als würde ich mir ein eigenes Stück meines Körpers herausreißen.
Ich verstand gar nichts.

Bis heute (bis zu diesem Moment) steht auf meinem Herzen Zutritt verboten. Beziehung unvorstellbar. Auch wenn es in den letzten 2-3 Jahren weicher geworden ist, langsam und stetig auftaut.

Ja und nun sitze ich hier und schaue mir alte Fotos von uns an. 6 Jahre sind vergangen. Die Bilder treffen mich, treffen auf mein weicher gewordenes Herz. Ich kann sie anschauen, ohne Widerstand, ohne sie wegklicken zu müssen, ohne Verlangen sie alle zu löschen. Fotos aus dem ersten gemeinsamen Jahr. Wir waren so glücklich. Hin und weg voneinander strahlen wir uns an. Ich war glücklich von oben bis unten, wie nie zuvor und niemals wieder. Niemals wieder so (dafür anders).

Wir gaben uns einander ganz, zeigten uns unsere hellsten und dunkelsten Ecken. Nichts blieb verborgen. Das Glück des totalen Gesehenwerdens. Schamgrenzen wurden gesprengt. Alles war okay. Wir waren bereit uns bedingungslos anzunehmen (zu Anfang). Wir vergrößerten uns gegenseitig, wuchsen aneinander zu ungeahnter Größe.

Diese Erinnerungen treffen heute auf mein aufgetautes Herz und ich begreife, was wir da miteinander hatten und was wir uns damit gleichzeitig angetan haben.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so über uns schreiben, nachdenken kann, uns erneut in mir zulassen kann. Ich hatte es mir auch nicht vorgenommen. Es tut weh und ist schön – dass ich das was war nicht mehr abwehren muss. Unverarbeiteter Schmerz der sich nun bewegen darf – 6 Jahre später!

Verschmelzung. Wir versuchten beide unsere Urwunde zu heilen, aneinander zurück in die totale Einheit zu flüchten – ins Heil-Sein. Ganz sein durch den anderen. Vollständig sein, weil du da bist und nur deswegen.

Mein Herz, noch weit offen, war deinen großen Gefühlen völlig erlegen. Ungebremst schlugen sie mit voller Wucht, wie die Brandung an den Fels, durch mich hindurch. Nur war ich kein Fels. Du ergossest dich über das Land in mir. Flutetest alles. Trugst Land ab, risst Stücke von mir aus meinem Grund und trugst sie fort. Liebe, Vergötterung, Eifersucht, Zorn, Vorwürfe, Angst, Ekel, Habsucht, Hingabe, Macht, Lust, Schmerz, Freude. Alles ganz und total. Ich taumelte darin hin und her, ritt mit deinen Gefühlen (vielleicht weil meine zu weit weg und zu leise waren) bis ich keine Kraft mehr hatte, bis ich erstarrte. Die einzige Möglichkeit zu entrinnen. Kalt und leer werden. Ich verstand gar nichts.

Verschmelzung. Der Tod.
So kann es nie wieder sein. Und trotzdem sitze ich hier und verzehre mich danach. Eine Sehnsucht – so tief! Sie lässt mich weinen, weiß ich doch, dass sie das Verlorene markiert und nicht das, was es zu finden gilt.

Als Ausdruck verzehre ich mich nach all den Helfer-Menschen und Herzen-Menschen um mich herum. Laut ruft es – sei da für mich, genau jetzt! Sei nah! Lass mich deine Haut spüren! Ich halte es nicht länger ohne aus.