Therapieprozesse VII

Der erste Anlauf nach ihrem Urlaub mich selbst zu behaupten, eine Rückmeldung zu geben, was mich stört, läuft direkt in eine Panikattacke. Ich kam gar nicht dazu den Satz auszusprechen. Legte meinen Notizzettel beiseite, rückte unruhig auf meinem Stuhl nach vorne, nahm eine stabilisierende Handposition ein (Mudra)und informierte sie, dass es jetzt losginge und ich ihre Hilfe bräuchte. Alles fiel stockender und unsicherer, als wie es hier wirkt.

Gemeinsam hangelten wir uns so durch, bis ich mich wieder stabilisiert hatte. Ich hatte schon am Morgen mit der Kontrolle von Angstsymptomen zu tun, so dass ich sie zum Stundenbeginn darauf vorbereitet und äußerte, was ich mir wünschen würde, wie sie sich dann verhält. Dazu war viel Überwindung nötig. Gut, dass ich das getan habe. Es ließ sich eine erneute Alleingelassensein-Erfahrung vermeiden und die Symptome gingen in relativ kurzer Zeit zurück. Puhhh, einfach war es nicht, jemanden in meiner Nähe dabei zuzulassen.

Die Konfrontation geht von Stunde zu Stunde weiter. Beim nächsten Mal viel Angst, aber diesmal ohne Panikattacke. Dafür Wahrnehmungsveränderungen den restlichen Tag. Wieder dieses unverbundene, zeitlose Weltgefühl. Ich nahm es war, konnte trotzdem alle Dinge machen und es ängstigte mich nicht mehr.

Heute wagte ich mich noch mehr hervor. Immer mehr Sachen wollten endlich mal angesprochen werden. Sich Luft machen. Wage dabei einen Blick in ihre Richtung. Sie schaut mich direkt an. Sehr ernst. Dieser Blick dringt in mich ein und vernichtet mich von innen. Erschrecken. Kein Wort mehr. Angst. Warten auf Strafe.

Sie hasst mich. Sie verachtet mich. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bin zu weit gegangen.

Nach der Stunde bleiben ängstliche Gefühle. Gefühle eine Grenze überschritten zu haben, die nicht hätte überschritten werden dürfen. Mit Konsequenzen rechnen. Auf sie warten.
Dazu das Besprechen des Therapieendes. Von mir eingebracht, greift sie es heute auf und sagt ebenfalls, dass sie sich darauf einstellt. Es ist besiegelt. Ausgesprochen. Von beiden Seiten. Kein Zurück mehr.

*erschrocken*Es ist vorbei! Bin ich schuld? Habe ich es kaputt gemacht? Ich habe Angst.

Alles ist gut! Es läuft genau so, wie es richtig für uns ist. Ich wollte es so. Vertraue mir. Ich bin bei dir!

Sie hat gesagt, sie hätte Mitgefühl. Warum wir das nicht sehen könnten.

Ich weiß es auch nicht.

Ich bin traurig. Ich hätte es gerne gehabt, dieses Mitgefühl.

Ich auch.

Ist es meine schuld? Habe ich es versaut?

Sie gibt uns zumindest das Gefühl, als hätten wir nicht genau hingeschaut. Als läge es an uns, dass wir es nicht sehen würden. Ich bin auch verunsichert, aber tendiere dazu, auch wenn sie Mitgefühl hat, was ich ihr auch glaube, hat sie es zu wenig gezeigt. Für uns ist es besser, wenn jemand diese Gefühle sichtbar machen kann, damit wir sie spüren können. Da sind die Menschen wohl unterschiedlich.

Kennenlerngespräch mit einer Einzelfallhelferin:

Sie gefällt mir nicht. Sie ist nicht ideal. Sie kann uns nicht führen. Ist selbst teilweise unklar und verliert sich in Gedankengängen. Sie ist uns nicht gewachsen. Wir müssen sie strukturieren.

Ja, das stimmt. Aber schau mal, wir suchen ja auch niemanden der uns führt. Das ist gar nicht ihre Aufgabe. Das machen ich und du jetzt. Sie soll uns nur zuhören. Und während wir ihr unsere ganzen beruflichen Gedanken erzählen, können wir uns vielleicht besser strukturieren, bekommen mehr Klarheit, Übersicht, neue Ideen. Das würde ich gerne mit ihr ausprobieren. Ich find sie nett.

Na gut. *skeptisch* Aber wenn sie sich in den Mittelpunkt drängt und so viel von sich erzählt, das mag ich nicht.

Das sehe ich auch so. Ist ja auch nicht Sinn der Einzelfallhilfe, dass wir der Einzelfallhelferin bei ihrer Geschichte zuhören. 🙂 Super, dass wir sie schon darauf hingewiesen haben. Da bin ich echt stolz auf uns, dass wir gleich im ersten Gespräch so offen und direkt waren. Sie war zwar etwas irritiert, als wir sie fragten, ob wir sie gegebenenfalls auch mal begrenzen dürften, hat es aber mit Humor und gleicher Offenheit angenommen. Ich glaube sie ist sehr ehrlich und aufgeschlossen und hat 30 Jahre Berufserfahrung. Das gefällt mir.

Ich hatte große Angst, dass sie uns nicht mögen würde, als du sie das fragtest.

Dann wäre sie wohl auch nicht die Richtige für uns gewesen.

Werbeanzeigen