Das Leben endet

Sterben. Das Thema verfolgt mich. Seit dem eine Freundin von mir an Krebs erkrankt ist.
Erfolgreich behandelt.
Doch immer steht das Thema einer Wiederkehr im Raum. An Krebs zu sterben, steht im Raum. Unausweichlich. In mir selbst, fast schon als Wahrheit. Als würde ich mich seit dem versuchen darauf einzustellen, vorzubereiten. Dass das passieren kann. Das ein Mensch sterben kann. Ein Mensch den ich kenne. Der mir nah ist.

Ihre Angst begleitet sie und mich.
Sie unmittelbar. Todesangst. Mal mehr, mal weniger nah. „Ich will nicht sterben“, sagte sie einmal. Und dieser Ausdruck in den Augen. Hilflosigkeit. Nackte Panik.
Und ich? Ich fühle keine Angst, außer ihre Angst.
Ich fühle eher Gewissheit. Wenn es kommt, dann kommt es, ob sie will oder nicht, ob ich will oder nicht. Ich habe immer wieder den Drang, ihr das zu sagen. Fühle mich jedoch unsensibel und herzlos dabei. Frage mich, ob es meine eigene Abwehr des Themas ist, dass ich so denken kann.
Ihre Angst wehre ich nicht ab. Sie ist natürlich, verständlich und nicht zu umgehen. Ich warte regelrecht darauf, dass sie sie einmal so richtig durchlebt und aufhört, gegen sie zu kämpfen. Vielleicht ist es das, was ich ihr eigentlich sagen will. Erst wenn ich den Gedanken an den Tod zulassen kann, kann ich der Angst die darauf folgt begegnen.

Morgens im Bett. Ich male mir den Gedanken aus. Ich sterbe. Wie wäre das, wenn ich das wüsste. Spontane Gefühlsreaktion ist Vorfreude. Wie ein Ereignis, auf das sehnsüchtig gewartet wird. Interessant. Das ist neu. Ich leide momentan nicht unter meiner Existenz. Also keine Reaktion aus den Umständen heraus. Vielleicht habe ich einfach wirklich keine Angst zu gehen. Es fühlt sich so verdammt normal an.

Würde ich irgendetwas anders machen, wenn ich wüsste ich hätte nicht mehr viel Zeit?
Klar! Ich würde in meinem Umfeld, um finanzielle Unterstützung bitten und überhaupt versuchen, soviel Kohle ran zu bekommen wie geht, damit ich noch so viel Zeit wie möglich in der Natur verbringen kann, mir selbst nah und ich würde so oft wie möglich mit Menschen zusammen sein wollen, die mir nah sind und gut tun.
Und gerade tut sich das Bedürfnis auf, ganz viel Liebe verteilen zu wollen, an gewisse Menschen, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe. Hab da eben mal eine E-Mail verschickt. Muss ich nicht warten, bis der Tod nah ist.

Ansonsten habe ich das Gefühl, dass ich schon ziemlich nah am authentisch leben bin, also nicht mehr allzu viel verändern würde.
Vielleicht würde der innere Druck der Behörden wegfallen, irgendetwas zu ‚müssen‘. Vielleicht würden mir auch so einige Gesetze/Regeln egal werden, wie zum Beispiel Gelder beim Jobcenter anzugeben.

Wenn ich jetzt sterben würde, hätte ich auch nicht das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. Die letzten Jahre waren so intensiv. Ich habe unglaublich viel erlebt, ausgelebt, über mich erfahren. Bin mir tief begegnet. Habe viel geklärt. Meine ganzen Beziehungen, zu den Eltern, Großeltern, Freunden sind ins rechte Licht gerückt, authentischer, echter geworden. Was nicht mehr gepasst hat, hat sich entfernt.
Und ich darf jetzt, noch ganz frisch, eine wunderschöne, mir bisher unbekannte Art von Freundschaft erleben. Sich wahrhaftig zu begegnen ist ein Geschenk.

Ich habe so viele gute Dinge erlebt. Mein Traumurlaub, Indian Summer in Kanada. Die Kanureisen in Schweden. Das verspätete Entdecken meiner Sexualität (auch wenn die jetzt wieder eingeschlafen ist 🙂 ). Das Entdecken des Lebens ohne Rauschmittel. Das Entdecken des Lebens mit Rauschmitteln. Das Entdecken von emotionaler Tiefe und Vielfalt. Das Entdecken von bedingungsloser Liebe. Das Entdecken von bedingungslosen Glückzuständen. Das Erleben von Gefühlen geliebt zu werden, unterstützt zu werden, einfach weil man da ist. Umarmungen zulassen und spüren können. Nähe. Nähe zu Kindern. Nähe zu Hunden. Nähe zur Natur. Nähe zu Menschen. Kreativität. Verspieltheit. Ein erster Arbeitsplatz unter Idealbedingungen. Mich nie lange und groß für irgendetwas bewerben müssen, da immer schnell ausgewählt.
So betrachtet, fühle ich mich wie ein Glückskind. Was will ich da noch mehr. Alles Weitere ist Bonus. 🙂

Das Leben loslassen. Vielleicht ist es dann doch nicht so leicht, wenn der Tod real wird, den Raum der Vorstellungen verlässt. Wer weiß.

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Umwälzungen

Ich greife hier mal auf eine unübliche Methode zurück, um einen Artikel zu schreiben. Die Ereignisse der letzten Woche wirbelten so um mich herum, dass es mir unmöglich ist, daraus einen zusammenhängenden Text zu formulieren, noch mich an alles zu erinnern. Und ich bin im Moment auch extrem wirr und zerfranst im Kopf. Trotzdem will ich es festhalten. Ich habe in der Zeit einigen E-Mail-Austausch gehabt und da auch über mich geschrieben. Ich stelle davon Auszüge rein, welche durch Kursivschrift zu erkennen und nummerisch voneinander abgegrenzt sind.
Und… von wegen Rückschritte… es geht in Meilenschritten voran.

29.03.2014
1. „Wenn Sie mit aller Macht jede Aggression unterdrücken, geht auch die nötige Aggression für die Bewältigung des Alltags verloren.“ (Therapeutenaussage)
Ich kann das bestätigen. In den letzten drei Wochen hing ich ordentlich durch. Aber immer in kurzen Momenten (3 waren es), wo meine Gedanken und Erinnerungen mich an eine Stelle führten, an der Wut aufstieg, im Körper fühlbar, war es mir plötzlich möglich aufzustehen und kurz Kraft zu fühlen für den Alltag. Da muss also was dran sein.

31.03.2014
2. Oh ja, wer hat schon Bock zu erkennen, dass er selbst die “Störung” verursacht. Da stehe ich gerade. Ich erkenne die Ursache. Ich will es auf Teufel komm raus ändern. Ich erfahre, dass ich keinen bewussten Einfluss darauf habe. Ich zerbreche an meiner Ohnmächtigkeit. Und eigentlich sollte folgen, dass ich wieder mehr den Umständen und dem Prozess vertraue, egal wie er ist und ob ich ihn verstehe, aber da bin ich noch nicht. Bin noch in der Kopfdepression, nichts wirklich machen zu können, außer zuzuschauen. Und was ich sehe, will ich nicht haben. Ich hasse es! (hallo Wut :))

3. „Lieber Kopf von Sophie, was du bekämpfst, wird nur noch größer und stärker. Warum kämpfst du denn? Oder womit?“
Ich greif´ das auf und steig mal ein, weil ich schon beim Lesen deiner Fragen ´nen Heulkrampf bekomme. Vielleicht auch assoziativ…
Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will das nicht! Ich will das nicht haben. Das will ich nicht haben. Das bin ich nicht. Das will ich nicht sein. Ich hab Angst! Ich hab Todesangst! Es tut weh. Ich muss was tun. Ich muss unbedingt was tun. Ich muss ganz dringend was tun, damit es besser wird. Weil ich es nicht aushalte. Weil ich es verurteile. Weil ich es hasse! Ich will mich nicht klein fühlen! Ich will mich nicht ohnmächtig fühlen! Ich muss da etwas ganz unbedingt in mir schützen. Niemals, Niemals, Niemals wieder soll es weh tun. Ich hasse ihn! Ich darf ihn nicht hassen!
Okay. Stopp. Weiter nicht in diesem Rahmen.

02.04.2014
4. Meine Turbulenzen laufen noch (und wie den Texten zu entnehmen ist, wohl auch noch bis Ostern?). So heftig, das auch mein Verstand daran scheitert. Soviel Wut ist in meinem Leben noch brandneu. Und Todesangst. Die kenne ich schon, aber sie ist so nah wie noch nie. Es ist wie ein Orkan. Und wenn das Herumgeschleudere nicht schon genug wäre, habe ich auch an einigen Stellen zwanghaft beschlossen dagegen anzukämpfen. Das war heftig, mit viel
Verzweiflung und irgendwie auch wieder gut, weil etwas von meinem Verstand wohl „gebrochen“ ist. Momentan liege ich im Auge des Orkans. Da ist alles still. Ich fühl mich groß und klein gleichzeitig. Ganz und zerbrochen. Wissend und mit null Ahnung. Angekommen und verloren. Gelegentlich auch irre, wie kurz vorm Wahnsinn.

5. Wow! Das ist nicht nur einfach mal irgend so eine Geschichte die ich las. Der Inhalt hat sich beim Lesen mit mir verschmolzen. Es ist das persönlichste Buch was ich jemals las. So nah an meinem Sein. Das Sein selbst. Ich find nicht die passenden Worte. Du schriebst oben „die eine Seele erkennt sich“. So ist es. Ich bin du und du bist ich. Igor ist ich und ich bin Igor. Alle sind wir eins. Zellen eines Organismus, den wir nur erahnen können.
Ich lag vorhin im Wald, auf dem Boden und war mir sehr nah. Hätte ewig verweilen können, wenn da nicht mein unruhiger Geist wäre. Ruhe und Unruhe in einem. Kreis und Dreieck in einem.
(Es geht um das Buch „Der unsichtbare Apfel“ von Robert Gwisdek)

Interessant, dass du es Ausgeglichenheit nennst. Aber du hast recht damit, obwohl es ein Paradox ist, zu meiner bisherigen Vorstellung von Ausgeglichenheit. Ausgeglichenheit ist gar nicht die ruhige Nulllinie, sondern die Gleichzeitigkeit von allem. Wieder eine neue Einsicht.
Ich hab in den letzten 6 Tagen so viel erfahren, gesehen, erkannt, geschaut, dass ich nicht weiß, ob mir davon übel sein soll, weil mein System überlastet ist oder ich irre kichern soll oder irgendwas anderes komisches machen soll. 😉

Synchronitäten verschaffen mir auch oft dieses „weh tun“, weil es so unglaublich ist. Eine Fassungslosigkeit, von der mir auch manchmal schlecht wird. Erst der Tag gestern. Der ist schon wieder Milliarden Jahre her und kaum greifbar von seiner Intensität. Vielleicht auch wegen der Intensität.
In der Therapiestunde war ich sehr überrascht, wie fein und tief meine Sinneswahrnehmungen nach innen waren. Das war neu. Und dann sehe ich einen Menschen in der Bahn, den ich kenne und denke deshalb an einen anderen Menschen und überlege mir, das ich mich nicht gut fühlen würde, wenn ich diesem Anderen begegnen würde. Und nach der Therapie begegne ich diesem Menschen wirklich! Diese 5 Minuten Kontakt, klären ein ganzen Jahr, in dem ich etwas mit mir herumgeschleppt habe.
Und dann noch die Cranio-Sacral-Behandlung, in der ich niemals damit gerechnet habe, dass ich der ursprünglich erlebten Angst begegnen kann und auch noch den Rahmen im Außen als haltend erlebe.
Schon beim Schreiben hier bekomme ich das Gefühl im Geist durchzubrennen, weil es so viel ist. Aber bitte liebes Universum, höre nicht auf damit! 🙂 Ich bin bereit!

In der Cranio-Sacral-Behandlung stoße ich sehr schnell (unerwartet) auf das Keller-Trauma und erlebe zum ersten Mal, die damalige Angst aus der Ich-Perspektive. Mein Körper reagiert heftig, mit Zittern und Krampfen, Kribbeln, gefühlten Verdrehungen, Schwindel, Auseinanderfliegen. Ich will nicht bis zum Ende gehen und komme mit viel Hilfe wieder aus der Erfahrung hinaus.
6. Bisher konnte ich alles gut Händeln und ich bin guter Dinge, es auch weiterhin zu können.
Es ist ziemlich herausfordernd. Ich bin gestern zu meiner Selbsthilfegruppe gegangen, weil ich im Kontakt bleiben wollte. Permanent liefen Angstwellen durch meinen Körper, ich am schwitzen und unruhig sein, kurz so stark, dass ich raus musste, um mich wieder erden und beruhigen zu können.
Hab im Bett noch einen “sicheren Ort” gesucht (auf dem Waldboden liegen), um dem latenten Angstgefühl einen Halt geben zu können. So bin ich doch tatsächlich, ohne Medikamente nehmen zu müssen, eingeschlafen. Das freut mich selbst sehr. Ich hab mit meinen Gefühlen im letzten Jahr so viel Drama hinter mir, das ich gerade wirklich, wirklich dankbar bin, zu erleben, dass es auch anders geht, das ich es halten kann, dass ich bei mir bleiben kann.
Und ich habe es schon auf die eine oder andere Art gesagt, aber werd nicht müde es zu wiederholen, weil es so ungewöhnlich für mich ist. Deine Art und Weise (vielleicht auch deine Energie) gibt mir und allen ängstlichen, schüchternen Teilen in mir so viel Vertrauen darin, sein zu dürfen. Sie können wahrnehmen und zulassen! das da jemand ist der helfen will und Hilfe gibt und da ist, achtsam ist und niemanden in mir überrennt.

03.04.2014
Ich bin schon mit dem Aufwachen völlig überdreht. Meine Gedanken überschlagen sich. So sitze ich auch in der Therapie. Meine Gedanken sind schneller ausgesprochen, als meine Angst Zeit hat sie zu sortieren und zurückzuhalten. Ich halte mir erschrocken die Hände vor den Mund und sage leise, dass ich die ganze Zeit Dinge sagen, die sich so anfühlen, als hätten sie nicht gesagt werden dürfen.
Ich spreche darüber, dass ich die erlebte Angst von damals gerne hier, bei ihr zu Ende bearbeiten möchte. Dazu müsste ich aber liegen – auf der Couch. Oh mein Gott! Habe ich das wirklich gesagt, dass ich das möchte? Die Couch, die mir seit 2 Jahren Angst einjagt? Die Couch, auf der ich mir nie vorstellen konnte zu liegen, ihr ausgeliefert zu sein? Da will ich jetzt wirklich hin? Scheint so. Ängstlich stelle ich weiter merkwürdige Fragen.
Ich: „Haben sie Erfahrung mit Trauma-Arbeit? Haben sie Klienten darin schon begleitet?“
Sie: „Ja.“
Ich, mehr im Spaß: „Geht es denen gut? Darf ich die Telefonnummer haben, und sie fragen?“
Sie schweigt und lächelt.
Ich: „Fühlen sie sich sicher darin?“
Sie, lächelnd: „Ja“
Ich: „Würden sie ‚Nein‘ sagen, wenn es so wäre? Wären sie ehrlich?“
Sie, kurz nachdenkend: „Ja.“
Ich: „Sicher?“
Sie, lachend: „Ja. Ich traue uns beiden zu, da gemeinsam hindurch zu gehen. Sie hindurch zu begleiten.“

Arrrgh… Ich hab so Angst!

Therapieprozesse IV (Triggergefahr?)

(Ich habe so eine Ahnung, dass der Hinweis auf Triggergefahr, Leser besonders anzieht… Das gefällt mir eigentlich nicht, weil ich Sensationslust damit assoziiere, doch finde ich den Hinweis unerlässlich, für all jene die dadurch Schutz erfahren)

Seit drei Sitzungen versuche ich an dem Vater-Keller-Trauma zu arbeiten. Ich war innerhalb der Sitzungen noch nie so unmittelbar in allem was in mir dazu hochkommt.  Meine Empfindungen landen immer wieder anstatt bei meinem Vater, bei der Therapeutin und mir. Zwischen diesen drei Personen geht es hin und her. Selbstverurteilend werfe ich mir verächtlich vor, viel zu schwache Worte für diese Erlebnisse zu finden. Ich schlage mir innerlich ins Gesicht. Verachte mich für meine Schwäche, für meine Feigheit, für mein Kleinsein. Dann übermannt mich Hass auf meinen Vater. Das Gefühl verschwindet. Bilder bleiben in meinem Kopf, wie ich auf ihn einschlage, so lange bis kein Gesicht mehr zu erkennen ist. „Ihn töten?“ „Keine Ahnung. Zumindest seine Form zerstören.“ Dann hasse ich die Therapeutin. „Was hassen sie an mir?“ „Das sie existieren.“ „Ich frage mich, was ich ihnen zumute?“ „Das es immer nur weh tut. Immer und überall!“ Mein Körper ist Anspannung in Höchstform. Ich kralle mich in meine Hände, in meine Arme und merke es erst, wenn es anfängt weh zu tun. Alles zittert. Zwischendurch flammt Angst auf, die Todesangst aus der Erinnerung. Sie verschwindet ebenso schnell wieder. Da will es nicht weiter gehen. Will es nicht näher ran. So nehme ich sie zwangsläufig im Untergrund arbeitet mit nach Hause. Sie generalisiert sich. Ich kann das Haus stundenweise, tageweise nicht verlassen. Überall droht Gefahr. Die Welt da draußen ist Gefahr. Nur noch in mir ist es sicher. Nur noch zu Hause. Ablenkungsprogramm, damit der Kopf nicht ständig rattert und sich an den Erlebnissen festbeißt. Phasenweise total gelähmt, müde, weggedriftet stundenlang auf der Couch liegen, zu nichts mehr fähig. Bilder, wie ich mit den Fingern eine Waffe imitiere und sie erst an meinen Kopf halte und sie dann auf die Therapeutin richte. Bilder, wie diese Waffe eine echte ist und ich mich für sie entscheide und danach zum ersten Mal befreit im Raum herum laufen kann. Ich oder sie. Es kann nur einer existieren. Wenn sie existiert, kann ich es nicht. Ich weiß, damit ist der Vater meiner Kindheit gemeint. Ich will ihn am Boden sehen, klein, ohnmächtig und hilflos. Unter mir. Ich spüre Genugtuung und tiefe Befriedigung bei diesem Gedanken. „Das er sich dann so fühlt, wie sie sich damals gefühlt haben?“ „Mir gefällt diese Genugtuung gerade zu sehr, als das ich die Seiten wechseln könnte.“ „Wenn Kinder unterdrückt werden, dann wird das Leid manchmal so groß, dass sie als Ventil andere quälen (ich erzählte von Tierquälerei) oder eben ihre Therapeuten erschießen wollen.“ Wahnsinn, wie leicht sie mit meinen für mich doch irgendwie abscheulichen Gedanken umgeht. Ich muss lachen. „Das wäre doch ein super Titel für einen nächsten Text – wie ich meine Therapeutin erschießen wollte.“

Eine Reiki-Austauschgruppe muss ich ausfallen lassen. Obwohl ich so unbedingt da hin wollte, löste die Vorstellung, mich in diesen Räumen (liegen in einem Kellergeschoss) zu befinden unglaubliche Panik in inneren Bereichen aus. Ich habe es erst gar nicht verstanden, mir unterschiedliche Lösungen angeboten. Mir meine neue Ausrichtung „ich bin zu jeder Zeit in Sicherheit“ gesagt. Mir versichert, dass ich jederzeit gehen könnte. Sogar dort angerufen (war leider keiner zu erreichen), um zu fragen, ob man auch mittendrin gehen könne. Es half alles nichts. Mein Gefühl blieb im Ausnahmezustand und war überzeugt, dass es dort nicht sicher sei, dass wenn ich erst mal dort wäre, nie wieder raus kommen würde. Ich gefangen wäre. Eingesperrt. „Wie damals, als man sie einsperren wollte?“ Alles daran schreit nach dem Kellererlebnis, doch ich komme nicht in die tatsächlich erlebte Angst. Ich fühle mich da auf dem Stuhl vor ihr unglaublich schutzlos und ängstlich und will es irgendwie raus lassen, zeigen. Es wird mir eine Decke angeboten, die ich mir nehmen könnte. Ich bin völlig steif, unbeweglich. Eine unglaublich schwer auszuhaltende Zwickmühle. Wenn ich mir die Decke nehme, müsste ich den Raum und sie einen Moment unbeobachtet lassen. Und wenn ich dann die Decke hätte und schützend um mich legen würde, wäre ich mit meiner Schutzlosigkeit auf einmal sichtbar und angreifbar. Es ist unmöglich. Ich kann mich nicht verhalten. Ich kann mich ihr nicht zeigen. Sie nicht anders sehen als eine Gefahrenquelle. „Die Angst darf nicht gezeigt werden, auch wenn der Preis dafür ist, sich schutzlos zu fühlen.“ Ja, so ist es. Es geht auf meine Kosten. Der Mechanismus mich vor anderen mit „schwachen“ Gefühlen unsichtbar zu machen, erhöht in mir das Leiden. Lässt jemanden in mir damit alleine. *Seufz*

Ein Wort MUSS gehalten werden!

Mein Ehrenwort in kindlicher Sorglosigkeit. Eine ausgesprochene Konsequenz, wenn ich mich nicht daran halte.

Ich habe mich nicht daran gehalten. Mir nichts dabei gedacht. Die Konsequenz, dann in den Keller gebracht zu werden, nicht ernst genommen. Es war ein Spiel für mich. Ich war zu klein, für so viel Ernsthaftigkeit. Ich hatte noch das Urvertrauen, dass du das nicht wirklich tun wirst. Das du, mein Vater mir das nicht antun wirst, weil Väter dafür nicht da sind. Weil Väter so etwas nicht machen. Ich hatte mich geirrt.

Du wolltest, dass ich dir glaubte. Das ist das Schlimmste was passieren konnte, dass ich dir glaubte. Deutlicher konntest du mir diese Lektion nicht zeigen. Ein Wort MUSS gehalten werden. Dein Wort, wie mein Wort. Deine eigene Regel hat mir den Boden aus Vertrauen, Sicherheit und Halt weggezogen. Ich habe Todesangst erlebt. Dort auf deinen Armen. Auf dieser Kellertreppe. Schritt für Schritt in die Dunkelheit. Ich habe geweint und gewimmert. Ich habe dich angefleht, immer wieder. Ich habe dir immer wieder versichert, dass ich dir nun glaubte. Ich glaubte dir, dass du mir das antun wirst. Ich hatte es verstanden, bis in die tiefsten Tiefen. Dir hat das gereicht. Das ich dir glaubte. Du hast deine Tat nicht bis zum Ende vollzogen. Für mich hat es gereicht, um alles zu zerstören, was zwischen uns gehalten hat.

Du, der Mann den ich vergöttert habe. Du, mein Vater der die Aufgabe hatte mich auf seinen starken Armen durchs Leben zu tragen, mich zu beschützen vor der Welt. Du wurdest selbst zu einer Gefahr.

Das ist meine Lektion die ich gelernt habe. Das ich dir nicht mehr vertrauen kann. Dass es bei dir nicht sicher ist. Das du mich immer und zu jeder Zeit gefährden kannst. Urplötzlich. Unvorhersehbar. Das du nicht auf meiner Seite stehst. Mir nichts Gutes tust.

Also war ich auf der Hut. War vorsichtig. War misstrauisch. Habe Abstand gehalten. Beobachtet. Das war meine Lektion.

Daraus folgt heute eine zwanghafte Ehrlichkeit jedem und allem gegenüber. Eine übertriebene Furcht vor Konsequenzen. Meinen eigenen Worten nicht vertrauen zu können, da sie falsch sein könnten. Und der tief verwurzelte Glaube, die Welt ist nicht sicher.

Schade. Sehr schade…