Spiritueller Mensch

Ich mag es gerade die Stille in meiner Wohnung wahrzunehmen. Die Stille, die eigentlich keine ist, weil da der PC rauscht, die Tastatur klackert, Stimmen aus der Nachbarwohnung, Motorengeräusche von einem vorbeifliegendem Flugzeug. Es ist die Stille des Wahrnehmens, die Stille die entsteht, wenn die Gedanken zur Ruhe kommen und stattdessen wieder wahrgenommen werden kann. *tiefes ein- und ausatmen* Wie wohltuend. Wie entspannend.

Wie anstrengend so oft so viel zu denken. Wie ermüdend. Wie getrieben, wenn die Gedanken von ihrem steten Fluss zu einer Raserei wechseln. Nichts kann zu Ende gedacht werden. Jeder Reiz löst den nächsten Gedanken aus. Und im schwierigsten Fall fordert jeder Gedanke zu einer wieder neuen Handlung auf. Da laufe ich einmal durch die Wohnung und durch das was ich sehe und an was ich denke, kann ich bis zu 5, 10, 15 verschiedene Handlungsimpulse bekommen, ohne Zusammenhang und Sinnhaftigkeit. Das ist echt erschöpfend. Da passt doch irgendwie der Begriff Geistes-krank. Oder müsste man sagen Gedanken-krank oder Verstandes-krank?

Ich komme gerade aus der Meditation. Deshalb die Ruhe. Also ruhiger als vorher. Natürlich denke ich noch viel. Habe ich auch während der Meditation. Klare Gedanken. Darüber wollte ich eigentlich schreiben. Ich will eigentlich über so viel schreiben.

Wo fange ich an? Vielleicht was mir während der Meditation so als Erkenntnis kam.

Wenn ich so meine Übungen mache, wie das meditieren, die Körperarbeit oder auch das Hände-auflegen, dann bemerke ich, wie ich oft Klarheit und Orientierung finde. Ich weiß dann z.B. plötzlich, welche Worte ich wähle, um jemanden etwas zu sagen. Ich weiß dann überhaupt erst, worum es eigentlich bei dem Thema geht, was mein Anteil daran ist und wie ich das dann in Worte packe, die den anderen auch annehmen.

Das ist ein häufiges Alltagsthema bei mir. Ich will irgendwas nicht oder etwas anders oder muss jemandem etwas von mir sagen und ich habe keine Ahnung wie ich das machen soll, wie es angemessen ist. Meistens habe ich eine riesen Angst etwas falsch zu sagen oder falsch zu sein, mit unbedachten Worten jemanden zu verlieren oder von ihm zurückgewiesen zu werden und meine Gedanken dazu nehmen viel Raum ein.

Ich dachte eben beim Sitzen, dass das zwei Menschen sind. Wenn ich in Praktiken meine Energie anhebe, dann bin ich mehr der spirituelle Mensch. Im Alltag fällt dann meine Energie wieder ab und ich bin der, ich nenne es mal ‚persönliche‘ Mensch.

Als spiritueller Mensch bekomme ich mein Leben gut geregelt. Ich finde Lösungen, ich schaffe Klarheit, ich kann mich orientieren, ich sehe nächste Schritte, ich fühle was wahr für mich ist und was nicht, ich komme zur Ruhe, ich tanke Kraft.

Als ‚persönlicher‘ Mensch bekomme ich mein Leben nicht so gut auf die Reihe. Begegnungen, egal welcher Art bringen fast immer irgendeine Verwirrung mit sich.  Ich fühle mich dabei fast immer unsicher und habe viel Angst. Ich bin unklar und weiß oft nicht, was als nächstes zu tun ist. Ich fühle mich orientierungslos, unfähig und ratlos.

Ich möchte natürlich am liebsten immer in meinem spirituellen Zustand sein. Immer die richtigen Worte finden. Keine Fehler machen. Keine Konflikte. Und wenn, mich damit trotzdem sicher fühlen. Immer und zu jeder Zeit wissen, wann es wo lang geht, was als nächstes zu tun ist. Überhaupt mich mit mir selbst immer sicher fühlen. Kein Kopfkino. Keine sinnlosen Gedankenschleifen.

Hach jaaa… hier könnte die Realitätsflucht beginnen. Ich könnte jeden Kontakt vermeiden und mich in mein spirituelles Ich versenken und glauben, das bin ich.

Bin ich aber nicht.

Bin ich auch. Aber ich bin auch der Alltagsmensch, der Ahnungslose, der Überforderte, der Hilfesuchende, der Beziehungslegastheniker.

Ich könnte ja in jedem Gespräch, wenn ich unsicher werde, sagen: „Moment mal, ich muss eben ins Nebenzimmer und über diese Sache meditieren. Bin gleich wieder da.“ 😀

Eigentlich sind es nicht zwei Menschen. Es ist ein und der Selbe, nur in unterschiedlichen Energieniveaus.

Ich denke da an ein Video von Bodo Deletz, wo er zum mitmachen demonstriert, wie ein Gedanke sich von ganz alleine verändert, wenn man ihn mit seinem Bewusstsein ‚anhebt‘. Fand ich sehr spannend, das zu erleben. In dem Video will er natürlich seine Methode bewerben, weshalb es auch so lang ist. Ab Minute 2:10 beginnt er mit dem ‚Experiment‘, falls es jemanden interessiert.

Energie anheben ist keine große Zauberei, bei der man etwas ganz Spezielles tun muss (auch wenn Herr Deletz das in dem Video so tut), sondern sie geschieht durch Bewusst-sein oder auch Achtsamkeit.

Und das wünsche ich mir in Begegnungen. Dass ich es zulassen kann (immer mehr) mein Bewusstsein bei mir zu halten, während jemand anwesend ist. Das heißt auch, dass ich zulassen kann den Raum zu spüren, in dem Begegnung geschieht und meine Angst darin bewusst zu erleben, die diesem Da-sein immer voran geht.

Das würde dann heißen, dass ich mein spirituelles Sein in Beziehungen mit hineinnehme und nicht nur außerhalb lebe.

Ooooh, ich weiß nicht wann ich das kann. (hier steht nicht ‚ob‘ 🙂 )

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Brief an Dich

Liebe …,

nun ist etwas Zeit vergangen und es war hilfreich für mich.

Was so an mir gerüttelt hat, waren die Erfahrungen aus der Zeit meines Klinikaufenthaltes.

In dieser Zeit, beginnend mit dem Wunsch, dass du mit mir in die Notaufnahme fährst, habe ich gefühlt dich zu brauchen, anwesend zu brauchen.

Du sagtest am Telefon, du seist in …. Du hast nichts weiter erklärt.

Du sagtest auch, dass du mich dort erst mal auf Station ankommen lassen wolltest, dass das gut wäre. Ich habe mir das nicht gewünscht. Ich hätte es anders gewollt.

Du hast dich die folgenden zwei Tage, für andere Dinge entschieden, als vorbei zu kommen.

Ich respektiere deine Entscheidungen. Du hast dich so verhalten, wie es sich für dich richtig angefühlt hat.

Ich hatte das Gefühl, du hältst meine Not und damit auch mich auf Abstand.

Für mich waren deine Entscheidungen ein riesen Schmerz.

Mein Gefühl dich zu brauchen, bauten auf die wiederholten Aussagen von „ich bin immer für dich da“ auf. In mir wuchs dadurch eine Vorstellung, dass du alles stehen und liegen lässt, wenn es hart auf hart kommt und versuchst da zu sein.

Das ist nicht geschehen und ließ mich im Ungewissen darüber, wie schlimm es sein muss, damit deine Worte wahr werden.

Zum Schluss bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass deine Worte nicht das waren, was ich dachte, dass sie sind, sondern etwas anderes meinten. Wir sprachen kurz darüber.

Liebe …, was bleibt, ist, dass ich dich liebe, auch wenn mir deine Entscheidungen weh taten und mich auch heute noch traurig machen.

Ich möchte Wahrheit zwischen uns.

Was ich mir von dir wünsche, ist dein Eingeständnis oder dein Bewusstsein darüber, dass du zukünftig nicht immer für mich da sein wirst, wie ich es vielleicht fühle zu brauchen.

Das ist auch mein Eingeständnis an mich.

Wahrheit bedeutet auch, dass ich mir die Grundlage meiner Beziehung zu dir anschaue und da Bedürftigkeit finde.

Ich will lernen diese Bedürftigkeit zu mir zurück zu nehmen.

Ich weiß nicht, wie sich das auf meine Beziehung zu dir auswirken wird, was noch bleibt, was sich anderes entwickeln kann.

Da bleiben erst einmal ein großes Fragezeichen und eine große Beziehungsunsicherheit, die dir wahrscheinlich auffallen wird.

Ich wünsche mir, dass du weißt, egal wie ich mich dir gegenüber verhalte, vielleicht zurückhaltend oder abweisend, vielleicht angespannt oder gereizt, im Kern liebe ich dich und kann es nur gerade nicht anders.

Ich übe.

Ich umarme deine Seele und dein Sein.

Das Böse in mir

Ich erinnere mich, da gab’s doch schon mal so etwas. Da habe ich doch schon einmal drüber geschrieben. Alles kehrt wieder und wird weiter bearbeiten, von einem neuen Standpunkt aus.

Überheblichkeit, Arroganz um mich nicht unsicher zu fühlen? Mich erfahrener, weiser, reifer fühlen, um mich über andere zu erheben, um mich nicht so klein zu fühlen?
Mich ungefragt als Lehrer aufführen, lehren wo niemand um Lehre gebeten hat. Der Wunsch, dass zu mir aufgeschaut wird, damit ich hinabschauen kann und mich größer fühle?
Macht ausüben. Unrecht ausüben. Durch meine Haltung. Die Größe, die Buddha-Natur jedes einzelnen nicht wahrnehmen. Die Richtigkeit jeder anderen Erfahrungen nicht anerkennen, würde sie mich doch in Frage stellen, mich mit meiner Selbstunsicherheit innerhalb dieser Beziehung konfrontieren.

Ich muss die ‚Kinderwelt‘ loslassen, die Vorstellung, dass alles ‚gut‘ wäre. Die Flucht in eine Welt, von Engeln behütet, in der, wenn ich mich nur stark genug auf mein Herz konzentriere, alles ‚dunkel‘ draußen bleibt.
Das ‚Böse‘ nicht verleugnen. Das ‚Böse‘ in mir. Zulassen. Fühlen. Verstehen. Mitgefühl auch für diese Seiten in mir, die letztendlich aus der Angst erwachsen. Das ‚Böse‘ entsteht im Grunde immer aus Angst.
Macht, Gier, Hass, Geltungsbedürfnis (alles in mir vorhanden) – im Ursprung Angst. Angst als ein Teil von mir. Der Gegenpol zur Liebe. Beides ist ein und dieselbe Energie.
Habsucht, Neid, Gewalt, Missbrauch – alles in unterschiedlicher Ausdrucksform (oft subtil oder nur im inneren verborgen) in mir vorhanden.
Es gibt das ‚Böse‘ in der Welt. Es gibt das ‚Böse‘ in mir. Alles ist Ausdruck dieser Welt, alles entspringt aus dem gleichen Stoff, der gleichen Quelle. Alles ist miteinander verbunden.
Gehässigkeit, Schadenfreude. All das finde ich auch in mir.

Es tut weh dort hinzuschauen. Es löst Selbstverurteilung aus. Wie schlecht bin ich. Verurteilung. Auch dieses ‚Böse‘ ist in mir. So viel Dunkelheit.

Und so viel Licht.

Ich stelle mir die ‚Quelle‘ als eine Kugel vor, die aus einem Nadelteppich besteht, wie diese Zimmerdekorationen, wo man z.B. seine Hand gegen die Nägel drückt und auf der Gegenseite dann die Form der Hand erscheint.
Jede erdenkliche Form bildet sich aufdieser Kugel ab – Häuser, Bäume, Gefühle, Menschen, Gedanken, Religionen, Kriege, Gemeinschaft, Liebe, Angst, Gewalttaten, Wetter, Planeten, Kometen, Sonnen – einfach alles. Die Formen empfinden sich selbst als getrennt voneinander, doch sind sie alle aus dem gleichen Material und alle über das Material miteinander verbunden. So ist alles was sich um mich herum abbildet, auch in mir vorhanden. Wenn ich mich nun hinsetze und mich ganz bewusst für dieses Material öffne, mich damit verbinde, erfahre ich auf noch direktere Art die Erscheinungen im Außen auch in mir. Nichts unterscheidet sich mehr voneinander. Alles ist eins. Irgendwie klingt das verrückt. Das ist doch tatsächlich das, wie ich es wahrnehme und erfahre. Unglaublich!

Da war viel Angst die Tage. Ich konnte ihr zuschauen, wie sie mich halsabwärts abtrennte von mir. Wie sie Gedanken-, Vorstellungstürme um meinen Kopf herum erschuf und das das Vertrauen nicht zu ihren Eigenschaften zählte.
Angst kontrolliert zu werden, selbst keine Kontrolle mehr zu haben. Angst vor dem Ungewissen, dem Unsichtbaren, dem Namenslosen, welches sich unbemerkt in mir einschleicht und von innen manipuliert, die Herrschaft übernimmt. Angst vor der Unberechenbarkeit des Lebens.
Ja. Kontrolle ist eine Illusion. Wenn ich mich dem Leben (der ‚Quelle‘) öffne, öffne ich mich ALLEM. Dass mir das angst macht, finde ich nun absolut nachvollziehbar.

All die ‚dunklen‘ Anteile in mir zulassen. Mit dem Herzen sehen. Vielleicht zeigt sich diese gewaltige, dahinterliegende Urangst. Ich bin bereit sie zu fühlen. Ich bin bereit mich in Beziehungen klein zu fühlen. Ich bin bereit mich in Beziehungen unsicher zu fühlen. Ich bin bereit mich zu zeigen. Ich bin bereit, dass meine panische Angst gesehen wird. Oh, da kommt mehr… ich bin bereit mich der Angst, der totalen Vernichtung zu stellen, sie zu fühlen. Vernichtungsangst scheint die Urangst zu sein.

sich zeigen und gesehen werden

Das Universum um Hilfe zu bitten hat insofern geholfen, dass ich endlich weinen konnte und etwas in mir in Fluss kam. So lag ich heute Morgen, nach zwei Tagen absoluter Leere und Abtrennung von mir, in meinem Bett und weinte so eine Stunde vor mich hin. Endlich! Endlich wieder etwas fühlen!
Ich weiß nicht über was ich weinte. Irgendetwas aus der Herzgegend und irgendetwas was mit viel Schmerz und Trauer zu tun hatte und bestimmt auch irgendetwas zum Thema Abschluss der Therapie und irgendetwas zum Thema innere Einsamkeit.

Immer wieder ein Blick auf die Uhr. Bald kommt der Helfer. Wie soll ich damit umgehen? Wie viel Zeit brauche ich, um mich vorzeigbar zu machen? Will ich mich überhaupt vorzeigbar machen? Wie viel halte ich aus von mir zu zeigen? Wie viel Nähe ist möglich? Meine Sehnsucht gesehen zu werden ist riesig groß. Sie hält mich ab diesen Termin abzusagen, obwohl klar ist, dass es inhaltlich nicht so laufen wird wie gedacht, wie geplant. Wieder eine völlig neue, nicht vorhersehbare Situation.

Ein absolut authentisches Verhalten wäre, ich bleibe liegen, überlasse mich einfach weiter meinen Gefühlen, gebe ihnen Raum, weine um all die Dinge die zu beweinen sind und wenn es klingelt, stehe ich auf, werfe mir etwas warmes über und lasse Herrn Helfer in meine Wohnung. Platziere ihn irgendwo, weine dann weiter so wie es aus mir heraus kommt.
Tatsächlich hielt ich es bis 30 Minuten bevor er kam aus, mich um nichts zu kümmern. Dann stand ich weinend auf. Machte mich weinend frisch. Wusch mir weinend die Haare. Zog mir weinend Alltagskleidung an. Beim Blick in den Spiegel jammerte es in mir, oh Gott ich sehe doch so schrecklich verheult aus. Eine sehr laute, konsequente, nicht unfreundliche Stimme in mir erwiderte ‚ja, du siehst scheiße aus.‘ Ich weinte kurzfristig noch mehr, weil es einfach die Wahrheit war und gleichzeitig entlastete es mich, weil es die Wahrheit war und ich sie nicht mehr versuchen musste auszublenden (verstanden? 😉 ). Man darf sich also auch scheiße-aussehend präsentieren. Na gut.

Die Tränen rutschten auf knapp unter die Oberfläche zurück. Wie wird der Termin verlaufen? Was will ich heute? Was kann helfen? Halte ich ihn aus? Muss ich ihn nach kurzer Zeit wieder wegschicken? Halte ich das aus?
Ich stehe apathisch in der Küche und es kommt der Impuls, dass ich in diesem Zustand heute Probleme hätte mir Essen zu kochen. Das wäre also das naheliegenste und das hilfreichste, wenn wir vorkochen würden für den Tag. Oh mein Gott! Ich soll ihn fragen, ob er mit mir kocht? Unvorstellbar!

Es klingelt. Er kommt. Ich lasse ihn herein. Halte Mega Abstand und kann kaum Blickkontakt aufnehmen. Beschäftige mich erst einmal mit Kaffee kochen. Ihn gleichzeitig da sein lassen und ausweichen. Unglaublich anstrengend. Ich versuche zu reden. Sofort kommen die Tränen. Ich kann nicht vor ihm weinen. Ich kann meine Gefühle nicht vor ihm zulassen. Ich versuche nicht mehr zu erklären und fokussiere wieder das Kaffeekochen, zur Beruhigung. Das klappt, bekomme etwas Abstand. Kann mich auch mit an den Tisch setzen, natürlich immer schon das Blickfeld nach unten lassen. Er sieht und sagt, dass er sieht, es ginge mir nicht gut. Das tut mir gut und reicht erst mal aus.

Ja, was machen wir heute? Ich kündige mein aufwallendes Schamgefühl an. Er, freundlich: “Immer noch?“. Ich: „Ja, und wahrscheinlich auch noch länger.“ Erkläre etwas von alten Erfahrungen und inneren Kindern, die auf verächtliche, abweisende Reaktionen warten. Dann schleudere ich schnell das Wort „Vorkochen“ hin. Die Scham wird riesig. So riesig wie ich sie noch nie hatte. Ich muss kurz aus dem Raum gehen, weil ich es nicht aushalte. Viele Kämpfe im Inneren. Dinge müssen weggedrückt werden, um weiter machen zu können. Ich habe keine Ahnung, welche Gedanken und Glaubenssätze hinter dieser Scham stehen.

Ich gehe zurück in die Küche. Dann folgt ein sehr anstrengendes Umgehen mit der Situation, mit all meinen Unsicherheiten. Wo soll, kann, darf er sich aufhalten? Soll er mitmachen oder nur dabei sitzen? Was ist er bereit zu tun und wo sind seine Grenzen? Will ich ihn lieber im Nebenzimmer? Darf ich all die Dinge sagen? (Wahrscheinlich viel Angst vor Zurückweisung)
Ich wünschte mir die Küche doppelt so groß, mit je einem Tisch an den gegenüberliegenden Seiten, damit es besser aushaltbar wäre, damit mehr Abstand zwischen uns wäre. Das sag ich ihm, er lächelt und erwidert freundlich: „So ist es aber leider nicht. Also wie machen wir es.“

Naja, und am Ende sitzt er also am Tisch und schneidet Zwiebeln und Knoblauch. Ich steh am Herd und mache die anderen Dinge. Ich bekomme wenig mit, von dem was ich da tue. Hangel mich an Gesprächen entlang. Blende ihn dabei weiter mit Vermeidung des Blickkontaktes aus und dann ist es getan. Das Essen für heute ist fertig. Ich bin sehr dankbar dafür.

Das macht so unglaublich heftige Sachen in mir, dass ich gerade auch irgendwie dankbar bin, dass alles nicht so richtig fühlen zu können.

Auslösersuche

Heute Morgen. Aufstehen. Alles ist anders. Nach fünf Tagen Symptomfreiheit, verbunden mit viel Freude am Leben, Bewegung, Energie, alles Schaffen.
Heute Morgen ist es sehr ernst in mir. Seeehr ernst. Besorgt, fühlt es sich an. Sehr in Gedanken. Denken und denken und denken. Und müde, antriebslos.

Was ist passiert? Was ist los?

Ich erinnere mich an meinen Traum vor dem Aufwachen. Ein männliches Wesen, vorne Mensch übergehend nach hinten in einen Skorpion. Riesiger Stachel, erhoben zum Angriff. Schwarz. Bedrohlich. Der Mensch selbst weiß nichts von seinem verwandelten Hinterteil. Treffe mit anderen Menschen in einer Halle Vorkehrungen, um einen Angriff abzuwehren, wenn er kommt. Ich halte ein Feuerzeug in der Hand, um im richtigen Moment eine Flamme zur Verteidigung zu entzünden. Das Feuerzeug fällt auseinander. Ich suche weitere in meinen Taschen. Ich fühle mich nicht ausreichend vorbereitet, um mich schützen oder wehren zu können.

Mir ist sofort klar, dass der Traum sich auf die Frau von gestern bezieht. Ich kenne sie nicht. Habe sie in einer Gruppe sprechen hören. Nach vorne freundlich, habe ich hinten herum in mir Angst gespürt. Sie machte mir Angst. Ich fürchtete mich vor ihr. Vor einem Angriff, vor meiner Vernichtung. Mit Worten zerstören. Mit Worten Verachtung ausdrücken. Es gab keinen Austausch zwischen uns, aber zwei kleine Situationen, in denen sie auf jemand anderes reagiert, reichten aus, um Angst zu erzeugen. So schnell geht das. Ich habe mich mit der Wahrnehmung nicht weiter beschäftigt. Doch das muss ich wohl, wenn es so starke Auswirkungen hat.

Der Traum. Dort ist es männlich, das Wesen. Mein Vater. Ich spüre den Zusammenhang. Verachtung kenne ich von meinem Vater. Mit Worten vernichten können, kenne ich von meinem Vater. Sein Sternzeichen ist Skorpion. Ich verstehe nur die Angst nicht. Ich finde keinen erlebten, gefühlten, erinnerten Zusammenhang.

Heute dann das Gutachtergespräch beim Sozialpsychiatrischen Dienst, für den Antrag auf Einzelfallhilfe. Ich werde wieder nach Traumata gefragt. Ich werde nicht sehr konkret. Da ist ja auch nicht viel konkret. Aber erzähle schon von Symptomen, einzelnen Triggerbeispiele, Vermutungen aus der Kindheit. Ich kann sehr leicht darüber sprechen. Alles fühlt sich okay an.

Dann bin ich wieder zu Hause. Und es ist doch nicht so okay. Der Dunst ist stärker geworden, in dem ich verschwinde. Kraftlosigkeit. Apathisches Dasitzen, sich nicht aufraffen können und immer wieder kreisende Gedanken um die Frau, um den Traum, um Gefühle von Vernichtung.

Ein Freund ruft an, kommt vorbei. Auch da habe ich ein verändertes Gefühl, obwohl mir sehr nach Entlastungsgespräch ist. Ich habe Angst vor Nähe. Ich habe auch wieder Angst vor der Welt da draußen. Ich fühle mich verletzlich, wie eine offene Wunde.

Im Kontakt spüre ich eine starke Verunsicherung. Wie ist was gemeint, der Blick, der Satz, der Witz? Ich brauche es klar, eindeutig, sicher. Kannst du dich neben mich setzen, anstatt gegenüber, damit ich nicht so in deinem Blickfeld bin? Kann er. Zulassen, dass sich jemand auf mich einstellt. Nicht leicht.

Ich rede einfach. Erzähle alles. Schwitze stark. Als ich aufstehe und ins Bad gehe, spüre ich Schwindel und da ist sie, die Angst. Sehr da, sehr spürbar. Nimmt mehr von mir ein. War Reden überhaupt gut?
Zwanghaftes Wiederholen der Frage, welcher Tag heute ist, als würde im inneren immer wieder Orientierung gesucht. Ich weiß es sofort und dann wieder nicht.

Lass uns mal raus gehen, ein bisschen laufen. Bin die ganze Zeit verunsichert, ob der Kontakt mir jetzt gut tut oder nicht. Spüre, dass ich Angst vor ihm habe, aber schiebe es weg. Will mich nicht von ihr steuern lassen. Schwitzen und Schwindel bleiben. Als wir uns trennen, geht sie runter. Das überzeugt mich, dass tatsächlich der Kontakt ebenso getriggert hat. Verdammt. Naja, wieder dazu gelernt.

Ich bekomme meine Gedanken kaum von der Thematik weg. Ich bin getrieben nach der Warum-Frage. Es fällt mir schwer die Symptome ernst zu nehmen und als etwas zu erkennen, was mir sagt, hier erst mal nicht weiter. Ich sollte mich ablenken. Vertiefung ist alleine nicht sinnvoll. Ja okay, ich sehe es ein.

Ein Wort MUSS gehalten werden!

Mein Ehrenwort in kindlicher Sorglosigkeit. Eine ausgesprochene Konsequenz, wenn ich mich nicht daran halte.

Ich habe mich nicht daran gehalten. Mir nichts dabei gedacht. Die Konsequenz, dann in den Keller gebracht zu werden, nicht ernst genommen. Es war ein Spiel für mich. Ich war zu klein, für so viel Ernsthaftigkeit. Ich hatte noch das Urvertrauen, dass du das nicht wirklich tun wirst. Das du, mein Vater mir das nicht antun wirst, weil Väter dafür nicht da sind. Weil Väter so etwas nicht machen. Ich hatte mich geirrt.

Du wolltest, dass ich dir glaubte. Das ist das Schlimmste was passieren konnte, dass ich dir glaubte. Deutlicher konntest du mir diese Lektion nicht zeigen. Ein Wort MUSS gehalten werden. Dein Wort, wie mein Wort. Deine eigene Regel hat mir den Boden aus Vertrauen, Sicherheit und Halt weggezogen. Ich habe Todesangst erlebt. Dort auf deinen Armen. Auf dieser Kellertreppe. Schritt für Schritt in die Dunkelheit. Ich habe geweint und gewimmert. Ich habe dich angefleht, immer wieder. Ich habe dir immer wieder versichert, dass ich dir nun glaubte. Ich glaubte dir, dass du mir das antun wirst. Ich hatte es verstanden, bis in die tiefsten Tiefen. Dir hat das gereicht. Das ich dir glaubte. Du hast deine Tat nicht bis zum Ende vollzogen. Für mich hat es gereicht, um alles zu zerstören, was zwischen uns gehalten hat.

Du, der Mann den ich vergöttert habe. Du, mein Vater der die Aufgabe hatte mich auf seinen starken Armen durchs Leben zu tragen, mich zu beschützen vor der Welt. Du wurdest selbst zu einer Gefahr.

Das ist meine Lektion die ich gelernt habe. Das ich dir nicht mehr vertrauen kann. Dass es bei dir nicht sicher ist. Das du mich immer und zu jeder Zeit gefährden kannst. Urplötzlich. Unvorhersehbar. Das du nicht auf meiner Seite stehst. Mir nichts Gutes tust.

Also war ich auf der Hut. War vorsichtig. War misstrauisch. Habe Abstand gehalten. Beobachtet. Das war meine Lektion.

Daraus folgt heute eine zwanghafte Ehrlichkeit jedem und allem gegenüber. Eine übertriebene Furcht vor Konsequenzen. Meinen eigenen Worten nicht vertrauen zu können, da sie falsch sein könnten. Und der tief verwurzelte Glaube, die Welt ist nicht sicher.

Schade. Sehr schade…

Hinsehen

Therapieverlängerung? Ich stehe an einer Stelle, wo jeder weitere Schritt ins Ungewisse führt. Ich will nicht weitergehen. Was ich mir nicht vorstellen kann, macht mir Angst. „Wenn sie nicht die Fäden in der Hand haben.“ Genau. Schwer auszuhalten. Sich in den Sitzungen mit dem „Jetzt“ zu beschäftigen rückt bedrohlich nahe. Mich anschauen. Hinsehen. Mich aushalten. Den Raum aushalten. Aushalten was in ihm passiert.

Bin mit der Frage der Therapieverlängerung in den Wald gegangen:

„Soll ich verlängern?“

                „Ja.“ Ein klares, deutliches JA. Ein JA, das sicher, endgültig, nicht anzuzweifeln klingt.

Ich, völlig überrascht über diese Sicherheit, weil voller Zweifel: „Aber warum?“

„Weil du Angst davor hast.“

Damit schien das Zwiegespräch beendet. Ja, es stimmt. Ich habe Angst davor. Also werde ich meiner inneren Führung vertrauen und verlängern.

Einen Tag nach der Therapiestunde, in der wir all dies besprachen und auch schon vermehrt meine Jetzt-Gefühle einflossen, landete ich in einem ordentlichen Gefühls- und Stimmungschaos. Ich bin mir sicher, dass das eine Reaktion auf Nähe und damit Angst ist.

Der Morgen begann mit tiefer Verzweiflung und heftigem Weinen.

                Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich weiß nicht wie ich mich verhalten soll. Was ich noch darf und was nicht mehr. Jeder Schritt ist falsch. Es wird ganz eng. Vorgaben und Richtlinien, an die ich mich nicht schaffen werde zu halten. Wenn ich mich immer wieder gleich verhalte, fehlerhaft verhalte, halten sie das aus? Wollen sie mich dann noch? Und wenn ich wieder und wieder vor dem Jetzt flüchte, zwanghaft ausweiche, obwohl wir darüber gesprochen haben, halten sie das aus? Ertragen sie das? Ertragen sie mich? Bin ich dann nicht ein hoffnungsloser Fall, keine Mühe wert? Lasen sie mich dann fallen und gehen?

Diese Stimmung ging über in starke Unruhe, Anspannung, Aggression. Danach landete ich in Leere, Antriebsarmut und Erschöpfung. Der Tag endete mit stundenlanger hoher Aktivität, rasenden Gedanken und Ideen, Euphorie und Freude, positiver Getriebenheit und einem unglaublichen Freiheitsgefühl.

Einiges im zwischenmenschlichen Bereich kann ich mehr fühlen. Ich stolpere über so unbekannte Gefühle, dass es mich erstaunt, erschrickt, erfreut, fassungslos macht und befreit.

Das ich zum Beispiel dauerhaft in der Angst lebe abgewertet, abgelehnt zu werden, egal von wem. Sei es ein Fremder, ein Bekannter, ein Freund, Familie. Ich fühle diese Angst viel öfter im Alltag. Als Gegenpol dazu, fühle ich viel stärker, wenn Menschen mich durch Worte annehmen, sich mir zuwenden, mich dazu einladen ich selbst zu sein, meine Empfindungen akzeptieren, sich nicht abwenden. Das erschüttert mich regelmäßig. Lässt mich berührt, weinend, ungläubig, erlöst zurück. Wie kann das sein? Es passt nicht zusammen mit dem was ich erwarte, befürchte. Damit rechne ich nicht. Ich werde gesehen! Unglaublich das zu fühlen. Ich wurde bestimmt auch schon vorher gesehen. Anscheinend hab ich es gefühlsmäßig nicht zulassen können, um den Schmerz zu vermeiden.

Ich fühle, was hinter meinem Verlangen steckt, so unbedingt den Therapiebericht lesen zu wollen. Bisher begründete ich dieses Bedürfnis, mit dem Erlangen wollen von weiteren Erkenntnissen. Wissen wollen, was ein Außenstehender sieht und wahrnimmt, um meine blinden Flecken zu finden. Doch fühlen tue ich eine Sehnsucht, fast eine Gier mich zu versichern, den Beweis in den Händen zu halten, dass jemand sich doch tatsächlich ausgiebig mit mir beschäftigt, sich die Mühe macht und so viele Gedanken, die alle mich betreffen.

Dabei hebe ich mich selbst in eine wertvolle Position. Phantasiere, dass die Therapeutin mich für meine erstaunlichen Erkenntnisprozesse bewundert. Dass sie in mir etwas Besonderes sieht, etwas Einzigartiges. Etwas, dem sie folgen will.

Dann fühle ich, dass mir all meine tollen Erkenntnisse überhaupt nichts bringen. Weil ich trotzdem immer noch der gleiche Mensch bin, der ich bin. Und das sich das nicht durch ein Erkennen einfach verändert. Mein Größenwahn, das mit dem Erkennen alles anders wäre, weil ich doch nun wüsste wie es läuft.

Ich erkenne auch deutlicher, dass ich mir anscheinend Lernprozesse nur schwer zugestehen kann. Das man natürlicherweise über Versuch und Irrtum lernt, ist bei mir nicht als etwas Normales, Erlaubtes, Gewolltes abgespeichert. Fehlversuche lösen heftige Frustrationsgefühle aus und eine große Hürde weiter zu machen. Viele Dinge sind erschwert überhaupt begonnen zu werden, da die Angst zu scheitern so enorm ist.