Traum

Ein bis ins Mark erschütternder Schrei einer Katze, die um ihr Leben kämpft. Nein, ich darf sie nicht retten, auch wenn sie sich noch am Fenstersims festkrallt, um nicht 7-8 Stockwerke in die Tiefe zu fallen. Es schnürt mir das Herz zusammen. Ich dachte, als sie vor mir und dem Staubsauger, in dieser fremden Wohnung voller Katzen, durch das angekippte Fenster floh, dass sie sofort in die Tiefe stürzen und sterben würde, was schon schwer genug war zu akzeptieren. Aber das sie sich doch noch festkrallen konnte, ich ihre 4 Pfoten sehen konnte und dieser schrille Todesangstschrei… Es treibt mir jetzt noch beim Aufschreiben Tränen in die Augen. Diese Verzweiflung dieses Tieres und ich konnte, durfte nichts tun, musste es seinem Kampf und dem unausweichlichen Sturz und Zerschellen überlassen.

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Hier ist die Hölle los

Ich registriere, dass ich die meiste Zeit so dermaßen verstrickt und im Chaos bin und versuche händeringend nicht verstrickt und im Chaos zu sein, die Panikspirale nicht weiter zu füttern. Das ist so unglaublich anstrengend, weil ich so unglaublich viele Verstärkergedanken habe. Da können sonst gute Skills plötzlich zu Panikverstärkern werden, wenn sie aus dem Gefühl der Panik heraus angewandt werden. Ich bekomme mit und erinnere mich auch, dass an diesen Punkten das Sinnvollste ist, gar nichts mehr zu tun. Nur liegen, sitzen und den Atem beobachten. Oder passender, beobachten, welcher Sturm in einem ist, vor dem man weglaufen will. Das ist die große Hürde, weil die Panik genau das verhindern will. Bloß da nicht wieder hin. Bloß nicht noch mal DAS fühlen. Ich hatte einen Traumagefühlsflashback. Die vollen 100%, würde ich sagen. Ich benenne mal nichts weiter, weil ich Abstand brauche. Traumatherapie ohne Therapeut ist nicht so schlau.

Gleichzeitig projiziere ich die ganze reaktivierte Vergangenheit auf Frau Helferin. Zerre an ihr herum. Sie muss unbedingt da sein. Fühle so unglaubliche Verzweiflung, Not und Verwundet sein. Fange an sie zu hassen und will das alles aber gar nicht.

Das ist so überfordernd, wenn ich da in diesem Gefühlschaos herum agiere und überhaupt nicht mehr fühlen und entscheiden kann, was davon heute, jetzt relevant ist, was zu tun ist, was zu entscheiden ist, weil gar keine Orientierung mehr da ist.

Der riesen Rettungsimpuls lautet – Abstand. Abstand von allen triggernden Sachen, also auch von Frau Helferin. Das kindliche Geschrei dazu ist sehr groß. Die Abhängigkeit, Verwicklung wird da stark sichtbar. Wieder heißt es, mich für den Schmerz der Vergangenheit zu öffnen. Weil da niemand war, weil da Not war und niemand linderte, weil da Ungerechtigkeit passiert ist. Es ist gerade echt viel, dass ich nicht weiß, ob ich dazu bereit bin.

In einem klaren Moment vorhin, habe ich mir einen Text aufgeschrieben, für den Fall, dass ich in der Notaufnahme lande, für eine Krisenintervention.

„Zu viele Auslöser/Trigger, zu viele Gefühle, zu viel Vergangenheit, von der ich es nicht schaffe mich zu distanzieren. Zu stark der Wunsch nach Betäubung und Selbstverletzung. Überforderung, Panik, Schmerz. Schaffe mich nicht zu beruhigen.“

Das hat mir einerseits das Gefühl gegeben, dass es da eine Notlösung gibt, die ich auch nutzen darf, wenn die Situation wirklich so ist, wie ich sie dort aufgeschrieben habe. Gleichzeitig habe ich mir damit auch einen Maßstab gegeben, ab wann es legitim ist, Hilfe zu holen. Find ich gerade total gut, weil ich diesen Maßstab im Chaos gar nicht mehr habe. Und es beruhigt mich gleichzeitig, weil so lange es nicht durchgängig so ist, wie dort aufgeschrieben, ist noch alles okay und ich kann abwarten, wie es sich weiter entwickelt.

Ironie des Schicksals

Oder, das Universum traut mir große Aufgaben zu.

Frau Helferin (ambulante Betreuung) wollte doch eine Karte schicken, bevor sie hier in den Flieger steigt, Richtung 3 Wochen Urlaub.

Keine Karte kam.

Ich hatte deshalb eine richtig fette Krise, heftige Verzweiflung und Not, viel Krisenintervention, auch um selbstverletzendes Verhalten zu verhindern. Und zusätzlich erlebte ich den Wechsel der Betreuung von ihr zu einer Vertretung, als so heftigen Bruch, der im Inneren gar nicht verstanden werden konnte. Warum da vorher Nähe war und dann plötzlich nicht mehr, wo doch so viel alleine nur wegen dieser Nähe nach vorne gekommen ist und nun ganz schrecklich, ohne Halt in der Luft hing, ohne Gegenüber.

 

Notizen vom 26.06.2015

„Wissen sie, ich habe mich da eingelassen, auf ihre Idee vom Nachreifen. Und jetzt sitze ich hier, voller Schmerz und Verzweiflung, ganz alleine und weiß nicht mehr, ob das eine gute Idee ist. Ob ihnen eigentlich klar ist, was sie da auslösen.

Da werde ich wütend, wenn ich Herrn … (Vertretung) frage, auf welchem Stand er ist, was er weiß und er mir erzählt, dass es gut laufen würde, ich mir näher komme. Und er aber nicht weiß, was dieses Näherkommen für Türen aufstößt, Dinge auslöst, Emotionen hervorholt. Ich weiß nicht mal, ob sie das überhaupt wissen. Ich fühle mich alleine gelassen. Ich fühle mich alleine.

Dass sie nicht da sind, tut unglaublich weh. Und ihr Brief ist auch nicht gekommen. Haben sie mich vergessen? Liegt es an der streikenden Post?

Ich sitze hier in meiner Verzweiflung, heule herum. Hab in meiner Not in ein Diktiergerät gesprochen und geweint, damit ich überhaupt festhalten kann, was ich fühle. Damit es vielleicht doch jemand mitbekommt, dass da noch mehr läuft, als das gute Bewältigen von Panikattacken.

Ich fühle mich armselig, weil ich so fühle. Habe mich deshalb ziemlich stark geboxt.

War es richtig sich auf Nähe einzulassen? Wo führt das jetzt hin? Sie fehlen mir. Da ist ein riesen Schmerz. Das soll gut sein? Das soll hilfreich sein? Wie geht es weiter? Was soll ich damit tun? Ist es gut, diese Abhängigkeitsgefühle zuzulassen? Ist es gut, es überhaupt aktiviert zu haben? Wissen sie, auf was sie sich da einlassen? Können sie mir versprechen, dass es am Ende gut ausgeht?

Diesen Prozess alleine zu tragen ist unfair. Damit jetzt alleine dazusitzen ist unfair.“

 

So nach 1,5 – 2 Wochen klangen die Gefühle ab. Die Karte wurde nicht mehr wichtig. Ich weiß nicht, was dazu im Inneren los war, aber ich richtete mich darauf ein, dass ich alleine war und bin. Wut florierte unkonkret herum.

Die Urlaubszeit war um. Heute hätten wir unseren ersten regulären Termin gehabt, welchen ich absagte. Immer noch keine Karte da. Viel Wut. Angst vor der Begegnung und Klärung. Überforderung, zu den bisherigen täglichen Anstrengungen, mich auch noch mit dieser Beziehung auseinander setzen zu müssen. Deshalb die Absage. Auch ein Gefühl, momentan sehr gut ohne Betreuung klar zu kommen, sie nicht mehr zu brauchen. Und Wegstoßen wollen, Abstand halten wollen. Bloß nicht wieder so nah kommen und wieder mit solchen heftigen Gefühlen konfrontiert zu sein. Eine Bindung fühlte ich nicht mehr. Kein Vertrauen und kein Gefühl mehr, mich bei ihr entlasten zu können.

Gerade heute, wo wir uns eigentlich das erste Mal wiedergesehen hätten, mache ich abends den Briefkasten auf und ein Brief von ihr ist darin. Verschickt am 18.06.. Ich bin in Tränen ausgebrochen, hab gelegentlich mal fassungslos gelacht und war unglaublich wütend. Ich habe das Universum beschimpft, wie es mir so etwas antun kann, all dieses Leiden und gleichzeitig war mir klar, dass ich Riesiges bewältigt habe und diese Situation mich dort hin geführt hat. Trotzdem… soviel Schmerz. Das hätte alles nicht sein gemusst.

Und dazu ist diese Karte auch noch so liebevoll gemacht und so nah, dass ich deswegen noch mehr weinen musste. Sie hatte extra ein Bild kopiert und darauf geklebt, welches mir mal sehr gefiel und diesen Text dazu geschrieben: „Liebe Frau …, liebe kleine Sophie, ich bin im Urlaub, aber nicht weg von der Welt. Ich bin immer noch da und ich komme auch wieder und freue mich darauf, sie wiederzusehen. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Lieben Gruß …“

Nichts ist umsonst, ich weiß. Aber diese Sache hatte einen hohen Preis. Ich weiß noch nicht, wie sich das auf die weitere Beziehung auswirkt. Es tat so weh und das irgendwie alles umsonst. Versteh das mal einer.

Ich bin hin und her gerissen. Habe aber nicht mehr das Gefühl, sie wegstoßen zu müssen.

 

Kämpfen ums Nichtkämpfen und sogar das Universum lacht mich aus

Die letzten beiden Therapiestunden erlebte ich als Stillstand. Schlimmer noch, als Rückschritt. Die Mauer war undurchdringlich. Dinge wurden verborgen, zurückgehalten, nicht ausgesprochen. Gefühle nicht preisgegeben und wenn doch, als leere Worthülsen, ohne fühlbaren Inhalt. Ich verließ den Raum, mit dem Eindruck, dass über nichts wirklich gesprochen wurde und ich nicht wirklich anwesend war. Unnütz vertane Zeit. Immer noch geht es um Wut. Ich bin traurig, enttäuscht und resigniert. Es bringt alles nichts. Ich kann es nicht fühlen. Ich kann es nicht zum Ausdruck bringen. Wozu denn dann alles, wenn die Erfolge von vor ein paar Wochen keine Wirkung zeigen, keinen Bestand haben.
Einen Tag später gesellen sich Verzweiflung und Anspannung dazu. Ich muss doch etwas tun können? Ich muss doch einen Weg finden können, meine Wut auszudrücken? Ich weiß wo sie ist. Ich weiß um welches Thema es geht. Druck baut sich auf. Ich gehe ständig alle Möglichkeiten durch, die ich an Ausdrucksformen so kenne. Zeichnen. Passt nicht. Schreiben. Passt nicht. Schreien. Passt, geht aber nicht. Toben. Passt, geht aber nicht. Ausrasten. Passt, geht aber nicht. Es wird immer enger und enger. Ich immer verzweifelter und getriebener. Mir ist so klar, wie mein Verstand mich kontrolliert, wie er diese Empfindungen kontrolliert, wie er Angst erzeugt. Ich fange an ihn zu hassen. Verzweifelt tigere ich durch die Wohnung und richte mich ans Universum mit der dringenden Bitte, mich meinen Verstand verlieren zu lassen. Im Hintergrund leise Bedenken, ob es wirklich das ist was ich will. Ist mir in dem Moment jedoch egal. Ich leide. Ich will, dass die Mauern nieder gerissen werden. Ich will die Grenzen des Verstandes brechen. Lass mich toben! Lass mich schreien! Lass mich rasend sein! Tu irgendetwas Universum! Lass mich nicht in diesem unerträglichen Gefängnis meines Geistes! Das schreibe ich auf und sofort kommt von innen eine Antwort.
Nur du selbst kannst dieses Gefängnis verlassen.
Wie mich diese Weisheiten in diesem Moment ankotzen. Ich will sie nicht hören. Ich weiß, dass sie wahr sind und ich werde noch verzweifelter und auch wütend, weil ich mich so ohnmächtig fühle. Ich weine. Ich will ja das Gefängnis verlassen, aber kann es nicht. Ich versuche es. Ich versuche es, wütend zu sein. Ich versuche einen entsprechenden Ton aus meinem Körper zu bringen, der auch nur irgendwie diese Wut und Verzweiflung zum Ausdruck bringt. Ich spreche weiter zum Universum. „Ich schaffe es nicht! Ich schaffe es nicht! Ich schaffe es einfach nicht!“ Dabei schmeiße ich mich mehrmals auf meine Couch. Schlage darauf. Quieke kurz ins Kissen, bei dem Versuch zu schreien (hier muss ich jetzt selbst lachen, aber in dem Moment war es echt nicht lustig). Das einzige was funktioniert, ist heftig zu weinen. Es ist so aussichtslos. Da vernehme ich doch tatsächlich innen im Hintergrund ein Lachen. Nicht unfreundlich. Eher freundlich belustigt. „Ja, lach nur über mein Leiden, damit ich mich mit meinem Gebaren hier wie ein Trottel fühle.“ Ich bin irritiert, weil ich so ein doppeltes Erleben noch nie hatte, leicht gekränkt, weil ich mich in meiner Verzweiflung nicht ernst genommen fühle und erstaunlicher Weise auch besänftigt, weil ich mir selbst mit meinen Gefühlen gerade übertrieben vorkomme. Der Druck ist dann erst mal raus.
Am nächsten Morgen bin ich jedoch wieder im Thema. Wir fallen all meine kleinen Kontrollverhaltensweisen auf und ich empfinde sie plötzlich als extrem einengend. Wie z.B. beim An- oder Ausziehen fürs Bett, mich immer auf eine andere Stelle zu setzen, damit die Matratze nicht an einer Stelle ausbeult oder warmes Essen immer von außen nach innen zu essen, damit das äußere abgekühlte Essen zuerst weg kommt oder auch die Zutaten ausgewogen auf dem Teller zu verteilen, damit bei jedem Bissen immer alle Zutaten gleichermaßen auf meinem Löffel sind usw.. Ich hasse es! Ich hasse wieder meinen Verstand, der mich so quält und wünsche mir, dass er zerbricht. Dass er mich frei lässt aus seinem Gefängnis aus Angst und Kontrolle. Ich erkenne die Illusion und trotzdem bleibt sie bestehen. Ich könnte wahnsinnig werden, wenn ich es könnte. Aufgeben. Loslassen würde helfen. Doch auch da lässt mich mein Verstand immer weiter kämpfen. Ich kenne die Lösung für alles und es bringt mir gar nichts.
Das Wünschen entspringt ebenso dem Verstand, ich weiß. Es beinhaltet Ablehnung, ich weiß. Mein Verstand kämpft Schlachten. Am Kampf komme ich nicht vorbei. Er gehört dazu. Mein Verstand muss sich erst wundkämpfen, bis er nicht mehr kann. Erst dann gibt er auf. Und mit diesem einen Mal ist es nicht getan. Irgendwoher nimmt er seine Kraft immer wieder von neuem auf, um sich erneut in den Kampf zu stürzen. Es ist nie gleich. Auch jetzt wieder anders. Ich habe mich bei jemanden (begrenzt) ausweinen können, dafür Worte finden können, was viel wert ist. Ich habe weinen können, über die Ungerechtigkeit die mein Kopf empfindet. Die Ungerechtigkeit, dass er weiß warum ich depressive Symptome habe. Das er weiß, dass er Wut unterdrückt. Das er weiß, dass er die Wut nicht über den Willen herausholen kann. Das er weiß, er kann nichts tun, keinen Einfluss nehmen, nur zuschauen. Und komischerweise hilft mir die Wut meines Verstandes über seine Ohnmacht dabei, meiner wirklichen universalen Wut näher zu kommen. Alles ist gut!

Regression und Trauer

Immer wieder sehe ich mein Baby in meinen Armen, spüre es schreien, spüre seine Verzweiflung und realisiere, wie in einer Endlosschleife, ich kann NICHTS machen! Immer und immer wieder erlebe ich voller Entsetzen diese Erkenntnis. ICH KANN NICHTS TUN!

Weinend vergehen die Tage. Schmerz! Mein Schmerz und ihr Schmerz. Sie will zurück. Sie fühlt, die Welt heißt sie nicht willkommen. Sie will zurück, wo alles in Ordnung ist. In der Badewanne, will ich mich loslassen, will ich mich abgeben, vertrauen, dass ich getragen werde. Ich bin bodenlos traurig. Stehe an meinem Grab und beerdige meine Hoffnung. Werfe missmutig ein paar Blumen oben drauf. Unsere Gefühle vermischen sich. Ich will schreien, sie will schreien. Das Kissen vors Gesicht gedrückt, gehe ich unter. Ich habe keine Kraft. Ich habe Hunger und mag nichts essen. Ich will, dass das Essen seinen Weg in mich findet, ohne dass ich es zuführen muss.

Trauern ist gut. Es bedeutet loslassen und zulassen. So nah war ich mir wohl noch nie.

Am vergangenen Wochenende kündigte sich schon einiges an. Ich erlebte regressive Momente, den Verlust von Fähigkeiten, da aber ohne Emotionen. Der Kopf war nicht einzusetzen. Er war sprunghaft und vergesslich. Alle Entscheidungen wurden auf der niedrigsten Bedürfnisebene getroffen. Fühlt sich gut an, also muss so bleiben. Decke ist warm. Decke kann nicht verlassen werden. Schlafanzug ist weich, wird nicht ausgezogen. Beine sind schwach und das Laufen unsicher. Liegen bleiben fühlt sich gut an. Die Augen funktionieren nur, um unklar in den Raum zu blicken. Dabei änderte sich die Farbe der Wand bei Dämmerlicht in wechselnden Pastelltönen. Essen hat keinen Zweck, ist wenn überhaupt eine Sinneserfahrung. Komplexe Handlungen funktionieren nicht. Viel wegdriften und unbewusst sein. Ein Tag lang war es sehr ausgeprägt. Danach ging wieder mehr.