Sie sind noch da

Ich dachte, Sie wären schon weit weg, würden nicht mehr so eine Rolle spielen für mich.
Ich dachte, dass das zum Lösungsprozess dazu gehört, der Wunsch Sie weniger zu sehen, die Abstände von zwei Wochen auf noch weiter auseinander zu ziehen. Vielleicht ist das auch ein Teil davon.

Doch dann war ich auf der Weihnachtsfeier für Klienten und Sie waren da und Ihre Klienten waren da und Ihr Vorgänger, Herr Helfer war da und auch seine kleine Tochter war da und ich habe den Nebel gar nicht verstanden und auch als unbedeutend abgetan, der mich schnell umschlang. Auch die Traurigkeit ganz weit hinten, wollte ich so weit wie möglich hinten lassen. Da war kein Raum, um mit solchen Gefühlen zu sein, dachte ich. Die sollten das dort nicht kaputt machen, weil es doch irgendwie auch schön war.

Mir war nach meiner Zusage klar, dass ich sie gab, weil Sie mich einluden, Herr Ex-Helfer auch da sein würde und es sich anfühlte, wie von Wunsch-Eltern eingeladen zu werden. Was Beziehungen ausmachen können, wo ich ja von Einrichtungsweihnachtsfeiern sonst nichts halte.

Irgendwann beschloss ich zu gehen, obwohl es mir schwer fiel. Ich hätte gerne noch dazu gehört. Doch weder das Atmen, das Körper-spüren, das Ruhe suchen in der Küche lichteten den Nebel. Ich war so nicht mehr in der Lage Informationen aufzunehmen.

Auf dem Weg nach Hause, auf dem letzten Stück Straße zu meiner Wohnung, drang dann sachte dieser Schmerz zu mir durch und ein Weinen wollte sich entrollen. Es hatte irgendetwas mit Ihnen zu tun und all den Dingen, die ich dort gespürt hatte.
Es hatte etwas mit der Nähe zu tun, die Sie auch Ihren anderen Klienten entgegen brachten und wie sich dort sanfte Fäden woben. Es hatte etwas damit zu tun, dass ich bei anderen sah, wie sie auch zu mir waren und dass ich mich trotzdem draußen fühlte. Es hatte etwas damit zu tun, dass sie mir Ihre Gesellschaft anboten, Fragen stellten und ich nicht in der Lage war, mich Ihnen zuzuwenden. Es hatte etwas damit zu tun, dass ich diejenige bin die geht, während Sie dies alles weiter tun, in der Gemeinschaft Ihrer Kollegen sind, mit Klienten die Sie umgeben.

Zu Hause angekommen brach es so heftig aus mir heraus, dass ich meine Jacke, Rucksack an Ort und Stelle fallen ließ, halb blind meine Öle heraus kramte und mich auf den Küchenboden weinen ließ.

Das ist jetzt zwei Tage her und es arbeitet immer noch und immer weitere Empfindungen, die ich während dieses Treffens hatte, steigen ins Bewusstsein. Jetzt verstehe ich auch besser den Nebel.

Es ist das erste Mal, dass ich Sehnsucht nach einem liebevollen Vater fühlen kann, welcher damals nie existierte. Es ist das erste Mal, dass sich da ein Bezug zu meiner Vergangenheit herstellt, was die väterliche Seite angeht, dass ich es als MEIN Gefühl fühle. Der Auslöser dafür war ganz simpel Herrn Helfer mit seiner Tochter zu sehen.

Wie die Dinge dann manchmal nach Jahren entscheiden an die Oberfläche zu kommen.

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Merkwürdigkeiten

Ironie des Schicksals. Wo ich heute für den Notfall eine Krisenaufnahme durchdenke, hab ich doch von der Tagesklinik Post im Briefkasten.

Was wollen die denn? Ich wundere mich. Bekomme ich jetzt noch einen verspäteten Kurzarztbrief als Entlassungsbericht? Oder hat vielleicht eine ehemalige Mitpatientin um Kontaktaufnahme gebeten, weil sie meine Adresse nicht hat und die TK die nicht rausgeben darf und sie sich freundlicherweise bereit erklärt haben, für sie den Kontakt herzustellen. Ja, solche Gedanken kommen mir. 🙂

Nein. Ganz anders. Eine Einladung zu einer Weihnachtsfeier!

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Hähhh? Wieso lädt mich eine Tagesklinik zu einer Weihnachtsfeier ein? Ähhh, ich weiß nicht, ob ich mich darüber jetzt freuen soll. Gehöre ich jetzt zum festen Bestand? Bin ich so ein Drehtürpatient, mit drei Aufnahmen in 5 Jahren und man freut sich, wenn ich wieder mal ‚Hallo‘ sage? Wir haben uns doch so lang schon nicht mehr gesehen.

Schicken sie etwa jedem mal aufgenommenen Klienten so eine Einladung? Adresse handgeschrieben. Karte selbstgebastelt, bestimmt in der Ergotherapie von irgendjemandem.

Eigentlich will ich mein Leben ohne psychiatrische Institutionen planen und mich mit gesunden Orten verankern.

Das kommt mir ganz schräg vor.

Und wie soll das da dann sein? Lauter Menschen die mal dort waren. Über was spricht man? „Ach und du, wann warst du hier?“ „Und geht’s dir jetzt besser?“

Och nö, da schwingt doch nur Leid und Krankheit, Niederlagen und Einsamkeit mit.

Ich werd mal etwas… ja was ist das denn eigentlich… überheblich? Ich bin nicht so einsam, dass ich eine Weihnachtsfeier mit ehemaligen Patienten einer Tagesklinik brauche. Grusel…