Nähe III

Ich weiß nicht, warum Bindung Angst auslöst und Schmerz. Vielleicht gab es Momente, wo ich eine Ahnung davon hatte oder dachte es zu verstehen. Jetzt habe ich keine Ahnung.

Es geht an der Stelle weiter, wo die Therapie nicht gegriffen hat. Und in was für einer Geschwindigkeit! Ich kann es selbst kaum glauben.

Schon als ich im Auto saß, neben ihnen. Wir waren auf dem Weg zu einem sozialen Träger, für eine Arbeitstherapie. Schon da scheinen kindliche Teile von mir viel mehr angedockt zu haben, als es mir selbst bewusst war. Ich bekam mitten im Auto, genau neben ihnen einen Angstanfall. Er begann mit einem Kribbeln im linken Handgelenk, welches sich in meinem Körper ausbreitete und am Ende zu einem inneren Wirbelsturm führte. Es wollte geweint werden. Ich konnte es nicht zulassen.

Die Angst (wenn ich zu unbekannten Orten und Menschen gehe), die ich selbst sonst so wenig oder erst spät irgendwo hinten mitbekomme, hat da entschieden sich ganz zu zeigen. Heute ist mir klar, dass das nur so ablief, weil da Vertrauen war, dass sie den Raum dafür halten können. In dem Moment selbst war ich schockiert über den Kontrollverlust, mitten vor einem anderen Menschen.

Wir hielten an. Ich war mit Stabilisierung und Aushalten beschäftigt. Sie schickten sich an, aus dem Auto zu steigen, mich alleine zu lassen, weil ich auch sonst immer das Weite suchte, wenn heftige Emotionen nach vorne drängten. Doch diesmal fragte ich, ob sie hier bleiben könnten. Ich fühlte Angst davor, damit alleine zu sein. Ich staunte selbst. Ein paar Minuten hielt ich es still neben ihnen aus, versuchte den Wirbelsturm zu meinen Füßen und in den Boden zu lenken.
Es war gut, dass sie da waren. Ich nahm wahr, dass das irgendwo in mir, für mich ganz wichtig war.

Das setzte einen Prozess in Gang. Die Angstattacke löste Erinnerungen aus. Neue Bilder, alte Gefühle drängten nach vorne und nahmen mich sehr stark ein. Viel Angst, mit der nicht umgegangen werden konnte, mit der ich alleine gelassen wurde. Situationen die völlig überforderten, mit denen ich alleine war. Überforderung, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Tiefe Einsamkeit und das unermessliche Bedürfnis, damit heute nicht alleine zu sein.

Ich könne mich jederzeit in ihrer Arbeitszeit melden, ihr Angebot. Schon etwas, was ich kaum wage in Anspruch zu nehmen. Will keine Last sein. Will nicht nerven. Will nicht zu viel sein, zu viel Raum einnehmen. Sie wiederholen es, ihr Angebot, immer wieder. Wiederholung ist gut. Ein paar Mal habe ich es schon genutzt. Immer dieser Schmerz, wenn sie wirklich helfen. Dieses innere Zerreißen.

Ich liege weinend im Bett, weil ich wie gewohnt meine Vergangenheit alleine durchfühle. Jetzt brauche ich keine konkrete Hilfe. Jetzt brauche ich jemanden der zuhört. Jemanden, der der Vergangenheit zuhört. Der Überforderung, der Hilflosigkeit und Einsamkeit zuhört. Eine SMS an sie. Die Antwort: wir können gerne telefonieren.

Ich wende mich zu meinem weinenden Innen. Es sagte mir, es sei 6 Jahre alt. Gerade befindet es sich alleine in der erinnerten Nachbarwohnung. Sie war damit einverstanden, hier in diesem Raum bis zum Telefonat zu warten. Neben sich auf der Couch einen menschengroßen Teddybären, über dessen Beine sie sich legte. Brauchst du noch etwas, fragte ich sie. Einen Stoffwürfel, mit jeweils andersfarbigen Seiten. Ruhe kehrte ein. Fast friedlich wurde es. Es war gesorgt worden.

Das Telefonat. Erst die Sorge, ob das Erzählen der alten Erinnerungen, jetzt vor dem Wochenende zu destabilisierend ist. Ich habe keine Bedenken, ist doch schon alles gefühlt voll da in mir. Es geht nur noch um das Erzählen. Aber was ich selbst überhaupt nicht bedacht habe, dass das erzählen alleine, das zeigen von so schmerzhaften Gefühlen ein ebenso starker Auslöser für weitere Ängste ist.
Ein erzählen aus der Betroffenenperspektive war gar nicht möglich. Sofort war da unglaublich viel Widerstand (wie ich jetzt weiß – Angst) und ich berichtete stockend nur noch aus der Distanz, unbeteiligt. Mit ihren anteilnehmenden Worten konnte ich überhaupt nichts anfangen.

Später am Tag, ich ging in den Wald, weil ich mich so fern fühlte, nahm ich erst überhaupt war, wie weit weg ich war, wie ausgeprägt die Derealisation. Kein Ortsbezug, kein Zeitbezug, der Wald wie im Märchen und hätte unter einem Busch eine kleine Fee hervorgeschaut, mich hätte es nicht gewundert.

Die Folge waren sehr quälende, schwierige, weltferne, körperschmerzende, dunkle, in mir eingeklemmte Tage, bis sich endlich die zugrunde liegenden Gefühle entluden.

Krach… und die aufgebaute Mauer der Therapiezeit brach in sich zusammen. All die kindliche Sehnsucht nach Nähe, gesehen werden und Bindung schütteten sich in Fluten über mir aus. Was für ein Schmerz! Und wie viel Panik, wirkliche Nähe zuzulassen.

Da schrieb ich den letzten Artikel.

Ein Termin gab es noch, bevor sie für drei Wochen in den Urlaub fuhren. Und ich sitze nun da, mit all dem Sehnen. So vieles will sich ihnen zeigen. Genauso vieles hat unglaublich viel Angst davor. Bin ich zu schnell mit dem Zeigen, überfordert zu viel Angst. Halte ich zu viel vom sehnenden Innen zurück, führt das zu riesigem Schmerz. Ein Dilemma. Schmerz oder Angst.

Gestern schreibe ich doch tatsächlich eine SMS an sie, ohne etwas zu wollen. Einfach nur, um zu zeigen wie schwierig es mir gerade geht. Auch das empfangen sie annehmend und bestärkend.

Heute war unser Termin. Ich habe den letzten Artikel ausgedruckt.
Tatsächlich sitze ich um Worte ringend da und bekomme keinen Satz formuliert. Wo soll ich anfangen? Was kann gesagt werden? Was kann gezeigt werden? Was halte ich aus zu zeigen?
Wir sitzen. Ich ringe. Sie sind wie immer unglaublich präsent und aufmerksam. (Senken sie tatsächlich mal kurz ihren Blick, weil ich ihnen mal sagte, dass ich diese brutale Aufmerksamkeit manchmal kaum aushalte? Nehmen sie mich ein weiteres Mal ernst?)
In den Minuten des Ringens, spüre ich, dass ich keine Distanz mehr aufrecht erhalten kann. In mir ist es nah. Dadurch ist der Raum nah. Dadurch sind sie nah. So unglaublich nah. Das spreche ich aus. Da beginnt auch schon der Wirbelsturm in mir. Der Raum um mich herum wird immer tiefer, dichter, dreidimensionaler, berührt meine Haut. Ihre Präsenz berührt meine Haut, brennt auf meiner Haut. Zu der Angst gesellt sich der Schmerz. Das sie da sind tut weh. Vorne übergebeugt halte ich meinen Kopf in den Händen, versuche so gut ich kann da zu bleiben, atme heftig mit der Angst und dem Schmerz. Halte aus, das sie dabei sind. Halte aus, halte aus, halte aus… Nebenbei schaffe ich es sogar noch daran zu denken, dass ich vielleicht auch mal irgendetwas sagen sollte, damit sie wissen was bei mir gerade ab geht.

Ihre beruhigende, sanftmütige Stimme kommt bei mir an… „atmen ist gut, einfach immer weiter atmen.“ Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas aus mir gleich in den Raum bricht, ich die Kontrolle verliere. Der Punkt, an dem ich abbreche, ins Bad flüchte, um mir kaltes Wasser über die Arme und Hände laufen zu lassen. Dort kommt das Weinen (das war wahrscheinlich das, was in den Raum brechen wollte).

Ich kehre zurück, mit Decke und Kühlakku, keine Gefühle mehr, aber innerlich sehr aufgelöst, wirbelnd, sprachstolpernd und durcheinander. Und sie sind immer noch da, immer noch nah. Es hört nicht auf Jetzt zu sein. Sie: „Sie sind immer noch da, ich bin immer noch da, wir sitzen zusammen in ihrer Küche.“ Ich: „Ohhh mein Gott.“ Sie helfen bei der Stabilisierung. In mir ein stetiges Ringen. Widerstand, zulassen, Nähe fühlen, aushalten, ausweichen.

Ich gebe ihnen tatsächlich den ausgedruckten Artikel. Und wieder: „Oh mein Gott.“ Hände vor das Gesicht. Es käme rüber, wie heftig das alles für mich ist. Wieder ein Zeigen ausgehalten, mit einer annehmenden Reaktion.

„Wie geht es ihnen mit meinem Urlaub?“ Immer noch sind die kindlichen Anteile vorne und können sprechen (ich bin baff). „Ich bin wütend.“ „Ich bin verzweifelt. Ich habe Angst, nicht halten zu können, dass sie trotzdem noch da sind.“ Sie: „Kann ich etwas für diese Empfindungen in ihnen tun?“ Wieder Schmerz. Sie reagieren tatsächlich darauf, nehmen es ernst. Ich kann es nur ganz schwer annehmen, das wert zu sein. „Hilft es vielleicht, wenn ich ihnen auf einen Zettel schreibe, wie lange ich weg bin, das ich trotzdem da bin und das ich dann auf jeden Fall wieder komme?“ „Ich glaube, ich kann es evtl. auch gar nicht aushalten, sie über den Zettel die ganze Zeit so nah zu spüren.“

Sie schlagen vor, mir vor ihrem Abflug einen Brief per Post zu schreiben. Den kann ich dann öffnen, wenn ich es brauche oder zu lassen, wenn nicht. Damit können alle Teile von mir leben. Ein Mittelweg zwischen nah und fern.

Puhhh… ich bin so dermaßen erschöpft. Das war krass.