Schattenanteile II

Es scheint Paradox. Einerseits hole ich mir Unterstützung im Außen, was ein Bild der Selbstfürsorge entstehen lässt. Andererseits hole ich mir keine Unterstützung und lasse mich mit mir alleine. Beides gibt es und für beides liegt die gleiche Ausgangssituation vor – innere Not die einen Konflikt auslöst, und zwar, dass Diese nicht nach außen gezeigt werden will.

In diesem inneren Konflikt verbirgt sich meine Selbstablehnung, mein Selbsthass.
(Es ist schwer für mich darüber zu schreiben. Es zu sortieren. Hinein zu spüren. Das merke ich an der Länge der Nachdenkzeiten und dass ich dabei meine Fingernägel malträtiere.)

Welche Erfahrungen habe ich mit Schmerzen, mit emotionalen oder körperlichen Verletzungen in meiner Kindheit gemacht? Wie wurde auf Not reagiert? Das ist die Geburtsstunde meines heutigen Umgangs damit.
Zu oft erlebte ich ärgerliche Reaktionen, Wut, Vorwürfe, fehlende Anteilnahme, Ungeduld, fehlender Trost, Genervtheit. Ich lernte, meine Not will niemand haben, sie ist hinderlich und ich bin an der Entstehung selbst schuld.

An welcher Stelle entsteht nun die eigene Ablehnung? Das komplizierte, hier den Ursprung zu fühlen, ist, dass die Selbstablehnung eine Folgereaktion auf ein vorangegangenes Gefühl ist.
Emotionaler Schmerz.
Und zwar nicht der Schmerz, der die Not erst hervorgerufen hat, sondern der Schmerz, der entsteht, wenn die Not abgewiesen wird. Um dieses überdimensionale, schreckliche, grauenvolle Gefühl nicht fühlen zu müssen, wird es innerlich abgelehnt und dadaaa, der Deserteur ist geboren. Ein Schutzversuch.

Deshalb steigerte sich mein Selbsthass, als ich versuchte jemanden anzurufen. Die Gefahr, keine Hilfe zu erhalten und der darin liegende Schmerz wurden damit (scheinbar) abgewendet.
Das ist das Dilemma, das ist der Konflikt, dem ich immer wieder ausgesetzt bin. Das ist der Grund, warum ich schwierige Zeiten so lange wie möglich alleine bewältige, mich eher zurückziehe und in diesen Zeiten Menschen als bedrohlich erlebe.

Ich erinnere mich an etwas, was meine Mutter mir von damals berichtete. Sie habe ärgerlich reagiert, wenn die Schule sie anrief, weil jemand von uns (mein Bruder oder ich) krank war und abgeholt werden musste, weil sie dafür ihre Arbeit liegen lassen musste. Arbeit war wichtiger, als ihre Kinder. Autsch!

Nur wenn die Not länger währt und akut ist, entsteht eine andere Bewegung. Ich beschrieb das einmal mit dem Begriff „Kümmer-Autopilot“. Dieses Wort beschreibt genau was passiert. Auch hier vermeide ich die Gefahr des Schmerzes bei Zurückweisung, in dem ich mich von meiner Not innerlich abspalte. Ich kann dann noch sagen, dass ich Hilfe brauche, aber nicht mehr warum und wobei und trete dabei meist gesammelt und gefasst auf. Die ursprüngliche Wunde ist nicht zu greifen und so für andere ebenfalls nicht sichtbar. Ich bin mit Handeln beschäftigt und weg vom Fühlen.

Insgesamt eine ganz schön fiese Situation.

So wird auch etwas nachvollziehbarer, warum ich manchmal mit Verachtung auf Menschen reagiere, die sich nicht selbst um sich kümmern, die ‚schwach‘ sind und die Verantwortung abgeben. Der Deserteur reagiert: Wie können sie sich einem anderen so ausliefern, mit der Gefahr der Zurückweisung?

Zusammengefasst: Selbstablehnung = Angst vor emotionalem Schmerz

6 Kommentare zu “Schattenanteile II

  1. Zarah sagt:

    Um Hilfe zu bitten, wenn man sie braucht, bedeutet weder Schwäche noch Verantwortung abgeben. Es bedeutet zu sehen, daß Hilfe nötig ist und sich darum zu kümmern, daß man sie bekommt, und das heißt, Verantwortung zu übernehmen. Kannst du deinem Deserteuer gerne von mir ausrichten. 😉

    Hast du schon mal mit ihm gesprochen, oder versucht, ihn zu malen? Bilder von den inneren Anteilen zu malen bringt oft erstaunliche Dinge zutage.

    Liebe Grüße ❤

    • sophie0816 sagt:

      ich habe ihn heute das erste mal gefühlt. seine angst vor dem schmerz gefühlt und verständnis gehabt. dass hat ihn weich gemacht und er konnte etwas weinen.

      bilder ist immer noch nicht so mein zugang. ich fühle mehr, als das ich ’sehe‘.

      • Zarah sagt:

        Das klingt schön! 🙂 Welcher Zugang auch immer für dich stimmt, ist gut. Wenn er dein Verständnis fühlt, ist das die Hauptsache.

        Meine Bilder mach ich übrigens nicht so, daß ich vorher etwas „sehe“. Ich nehme einfach einen Stift und lasse etwas durchkommen, ohne daß ich vorher weiß, was da kommen wird. Einfach die Absicht, diesem Wesen einen Ausdruck zu geben, reicht aus. Für mich funktioniert das ganz gut.

        Aber solange du in Kontakt bist, ist es völlig egal, wie du den herstellst. 🙂

      • sophie0816 sagt:

        ich weiß 😉

      • Zarah sagt:

        Wollte nur nicht, daß du den Eindruck kriegst, ich wolle dir irgendwas aufdrücken. 😉

  2. seinswandel sagt:

    Habe ich gerade entdeckt und finde, das ist ein ermutigender Ansatz:
    „Unsere Vergangenheit ist eine Geschichte, die wir uns in vielen verschiedenen Weisen erzählen können. Wenn wir mehr Aufmerksamkeit auf die Mittel richten, durch die wir unsere schwierigen Erlebnisse bewältigt haben, können wir anfangen, uns selbst zu achten und an die schlimmen Ereignisse in der Kindheit eher mit Stolz als mit Bedauern zurückzudenken“, sagt Furmann.
    http://schreibstudioblog.wordpress.com/2014/10/23/wie-aus-unglucklichen-kindern-gluckliche-erwachsene-werden/

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