Gelbe Post…

… vom Jobcenter???

Und ne handgeklebte Briefmarke?

Ich hatte fast das Gefühl, da müssten Weihnachtsgrüße drin sein.

War dann aber doch nur die Einladung zur ärztlichen Untersuchung, zur Abklärung der Erwerbsfähigkeit. 

Am 28.12. …. pfffff… mitten in meiner ruhigen Zeit zwischen den Jahren.

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Reflexion zum Thema Arbeit

Wann habe ich denn damit angefangen, mir als Ziel zu setzen, dreimal die Woche ‚arbeiten‘ zu gehen? Und was war mein Beweggrund? Wie bin ich denn darauf gekommen, mir solch ein Ziel zu stecken?

Ich muss jetzt echt mal überlegen und in alten Texten stöbern, damit ich einen Anfang finde.

So kann ich mich erinnern, dass ich den Impuls für die Gärtnerei gespürt habe. Da wollte ich hin und will es auch immer noch. Ganz unabhängig von Länge und Häufigkeit – einfach weil es mich glücklich macht, draußen im Grünen zu sein.

Irgendwie scheine ich aus diesem Impuls dann mehr gemacht zu haben.

Wenn ich so was lese, vom 09.05.2016:

Wieder Motivation erhalten, weiterhin zwei Tage die Woche im Zuverdienst – Hauswirtschaft zu bleiben. Ich gehe gerne hin. Wahrscheinlich, weil ich gerade dort alles schaffe. Die letzten beiden Tage war ich für 3,5 h da und brauchte kaum Pausen.

Ein Tag die Woche im Gartenprojekt – Arbeitstherapie. Ich war das letzte Mal 1,5 h da und steigere beim nächsten Mal auf 2,5 h.

Gerade funktioniert alles zusammen – Haushalt, Arbeit, Erholungspausen, Termine, Hobbys, emotionale Verarbeitung.

bin ich erschrocken, wie daneben ich lag. Das war genau die Woche, wo ich mich massiv überfordert habe und so gar kein Bewusstsein dafür hatte.

Ich glaube, da entstand die Idee, dass dreimal die Woche ‚arbeiten‘ kein Problem sein würde.

Der Gedanke wurde zusätzlich angefeuert von der Idee der Heilpraktikerin, dass mein Körper mit freien Radikalen (Abfallprodukt der Zellaktivität) überschwemmt sei (durch jahrelangen Extremstress), weshalb die Zellen bei kleinster Belastung ein Arbeitsstop-Signal bekämen (weshalb ich so schnell erschöpft sei) und regelmäßige Einnahme von Vitamin C diese Überschwemmung abbaut.

Daraus hatte ich mir die Lösung für all meine Erschöpfungsprobleme gebastelt, was natürlich völlig fern ab der Realität war, wie mir später bewusst geworden ist. Ein Großteil meiner Erschöpfung speist sich aus der Art und Menge meiner Gedanken, die sich, man höre und staune, nicht mit Vitamin C beeinflussen lassen. 😉

So gepimpt mit guter Laune so viel zu schaffen (jaja) und voller Hoffnung, in Zukunft noch mehr schaffen zu können (tolltoll), saß ich am 19.05. bei der Beratung zur Arbeitstherapie und schloss diesen ‚Vertrag‘ (Verordnung) für 3 Tage die Woche ab, der über die Krankenkasse läuft.

Tja… ständig muss ich meinen verzapften Scheiß korrigieren. 😉

Seit gestern frage ich mich, ob dieses Ziel für mich überhaupt erreichbar ist. Ich sage seit Wochen mehr ab als zu. Maximal zweimal die Woche habe ich es geschafft und bin im Anschluss immer unglaublich erschöpft.

Heute frage ich mich, worum es mir dabei eigentlich geht? Wozu ist es wichtig, mehr leisten zu wollen? Ist dieses Ziel überhaupt ein ‚Gutes‘ Ziel für mich.

Nö. Ist es nicht. Der Druck den ich mir mache, genau wegen dieses Ziels, ist enorm und vielleicht sogar mit verantwortlich für noch mehr Erschöpfung.

Ich fühle es nur kaum mehr, dass es auch anders sein darf. Vermutlich wegen der äußerlichen Verbindlichkeit die ich eingegangen bin – Krankenkasse und so.

Da bin ich jetzt wieder mal abhängig von der Bestätigung anderer, um das was ich fühle – Ziel wieder loslassen – auch umsetzen zu können und mich damit nicht falsch zu fühlen.

So ist das nämlich. Ich fühle mich schlecht ohne Ende (immer ganz stark, wenn ich dort anrufe, um mein Kommen abzusagen) und kralle mich immer noch an dem Gedanken fest, es schaffen zu müssen.

Mich damit so bewusst auseinander zu setzen wie jetzt, entstand, weil ich beim Kartenziehen, mit der Frage, welche Karten mir in der aktuellen Lebenslage helfen, folgende Karten gezogen habe. Ach quatsch – nicht gezogen, sondern sie sind heraus gefallen:

21 Das Feld der Träume (umgekehrt)

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9 Der Berg

"...denke daran, Schritt für Schritt vorzugehen und dabei deine Route immer wieder zu prüfen."

„…denke daran, Schritt für Schritt vorzugehen und dabei deine Route immer wieder zu prüfen.“

Die Berg-Karte lässt mich überlegen, das Ziel nicht für unerreichbar zu erklären, aber den Druck, es jetzt erreichen zu wollen/müssen, loszulassen und mich wieder mehr führen zu lassen.

Jetzt und auch an jedem kommenden Tag ist das oberste Ziel, für mich zu sorgen, alles zu tun, damit ich ent-stresst bin oder werde, Druck abbaue, Spaß und Freude am Sein empfinde und gerne in dieser Welt bin.

Frohe Botschaften

Frohe Weihnachten.

Mal eine Sache, die ich seit ca. anderthalb Wochen schaffe.
Jeden Tag einmal raus, ob mit Ziel oder ohne Ziel. Soviel und so lange es eben geht und sei es nur eine Runde um den Block.
Gefühlt ist es das erste, was ich seit 2011 durchhalte (bisher) und mir zu Gute kommt.
Ich habe wohl immer meine Ziele zu hoch gesetzt.
Zaghaft erlaube ich mir etwas Stolz.
Verächtlich schaut etwas auf diese erbärmliche Leistung, die als Leistung nicht anerkannt werden kann. So tief bist du gesunken.

Ich habe herausgefunden, dass ich mich in einem Cafe in der Nähe in Gesellschaft fühlen kann. Ich bin da einfach, lausche dem Stimmengewirr, spüre die Menschen um mich herum, lasse mich von der heimeligen Atmosphäre tragen – lese, trinke, spüre, schaue, höre, esse, denke und bin nicht alleine. Das fühlt sich schön an.

Seit zwei Tagen spüre ich Inseln von Nähe und Mitgefühl zu mir. Ein Sein-Zustand, in dem jedes autoaggressive Verhalten unvorstellbar wird.
Da freue ich mich wirklich drüber. Es gibt mir Hoffnung, dass ich Anteile wiederfinden kann, die Vertrauen und liebevolle Selbstannahme üben.
Ich habe auch Angst, dass diese Inseln nichts über den weiteren Verlauf aussagen.

Die Symptom-Ausweglosigkeit, die ich fühle, bis in alle Ewigkeit erschöpft und wenig belastbar durch die Welt zu laufen, rückt ein Stück und lässt Platz für Möglichkeiten. Ja super…- Medikamente. Ganz tolle Sache.

Das Gefühl, versagt zu haben und schuld an den Symptomen zu sein, rückt ebenso ein Stück und lässt Raum für einen Prozess der Akzeptanz von Begrenzungen/Behinderungen, die meiner Person inne wohnen und der Erkenntnis, trotzdem wertvoll zu sein. Ist das so?

Aus dem Verlust der alten Ausrichtung – ein stetiges Arbeiten an der eigenen Person, um besser zu sein, fitter zu sein, leistungsfähiger zu sein – entwickelt sich eine neue Ausrichtung, auf der Grundlage, „mir darf es gut gehen“.
Auch wenn ich das noch überhaupt nicht fühlen kann.
Wiedereingliederung/Arbeit wird zurückgestellt und Ressourcenaktivierung (Bewegung, Tanzen, Singen, Gruppe/Gemeinschaft/mitteilen) an erste Stelle gesetzt, weil da ein großes Loch ist.

(Dass das Ausgraben von energiespenden Dingen in jede Richtung mit Angst besetzt ist, ist ein anderes Thema.)

Überblick verschaffen

Nach der Panik-Not-Überforderungs-Phase, bin ich direkt in eine mittelschwere depressive Phase gerutscht und bin es immer noch. Auch die längste seit letztem Jahr September.

Trotz allen Wissens und Verstehens und Gegenwirkens, muss ich erkennen, dass ich mich da nicht aus eigener Kraft herausholen kann. Das ist hart.

Die Positivpunkte die ich immer wieder setze, erreichen keine Tiefe mehr, schwenken das Ruder wenn, nur für Sekunden um. Sobald ich den Fokus darauf loslasse, rutsche ich sofort wieder in eine Schwere, Gedrücktheit, Ummantelung, Innenschau, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schwäche. Ohne Ablenkung von außen, ist das ein in sich geschlossenes selbstverstärkendes System.

Ich habe gestern die Medikation schweren Herzens wieder hochgesetzt. Nach zweimaligem Auspendeln, ob das jetzt wirklich hilfreich ist.

Stimmt schon. Warum soll ich mich quälen. Ich versuche es als Unterstützung zu betrachten. Und trotzdem ist es mir auch zuwider, von etwas abhängig zu sein. Vor allem, weil ich immer noch im Hinterkopf eine Antwort von den Engeln auf meine Frage, wie lange ich sie noch nehmen soll, habe: „Immer.“ Das ist inakzeptabel. Momentan. Diesen Gedanken schiebe ich weg.

Mir drängt sich auch die Überlegung auf, ob die Reduzierung von vor ca. 2 Monaten zu diesen starken Tiefen des letzten Monats geführt hat. Ich sträube mich dagegen. Schuldgefühle tauchen auf. In zwei Tagen der Termin bei der Psychiaterin. Am liebsten Verschweigen wollen, damit sie keine Gelegenheit hat diesen Schluss zu ziehen.

Ich will mir selbst nichts vorwerfen. Auch die Reduzierung hatte ich mit ‚oben‘ abgesprochen. Wird schon alles seinen Sinn haben. Auslöser im Außen wären auch so gekommen, mit meinen entsprechenden emotionalen Reaktionen. Vielleicht wäre der Antrieb geblieben und die Freude nicht so dauerhaft verloren. Vielleicht. Vielleicht.

Vielleicht sollte ich mal eine Weile nicht beim erstbesten Gefühl reduzieren. Schadet ja nicht. Mit 6 mg fahre ich eigentlich ganz gut. Das müsste ich ein Weilchen aushalten. Fühlen tu ich damit noch ausreichend. Tiefgreifende Schädigungen sind bei so geringer Dosierung vielleicht auch nicht zu erwarten. Gut, die Orgasmusfähigkeit ist stark eingeschränkt. Das werde ich überleben.

Die letzten zwei Wochen waren wirklich hart. Durch die Antriebs- und Freudlosigkeit, habe ich den Anschluss an alles im Außen verloren (Arbeit, Freizeitsachen, Ordnung der Wohnung). Das tut mir überhaupt nicht gut, wie ich feststellen musste. Sinnlosigkeitsgefühle breiteten sich aus. Perspektiven die ich arbeitstechnisch gesehen hatte, brachen in sich zusammen. Ein Gefühl, wieder von vorne anzufangen. Ein Gefühl, auch in Zukunft alle paar Monate immer wieder aufs Neue von vorne anfangen zu müssen. Nie vorwärts zu kommen. War es das jetzt? Ist es das jetzt? Depressionstunnelblick.

Es sind weitere Auslöser dazugekommen, die zu meiner aktuellen Verfassung führen. Ich kann momentan keine Worte für finden. Muss aber immer wieder an die rückläufige Venus denken und den Artikel von Sabine Bends, auf den HeckenWicke in ihrem Beitrag zu rückläufigen Planeten hinwies.

Bei mir geht es um Bewusstwerdung meines Bindungstraumas und Reaktivierung frühkindlichem und überhaupt kindlichem Trennungsschmerz, Verlustangst, Abschiedsschmerz, tiefe Trauer. In dieser Art und Weise und Dimension sehr neu für mich. Ich hatte keine Ahnung, dass ich so auf Menschen reagieren kann, wenn ich zu ihnen eine Verbindung habe und sie aus meinem Leben gehen.

Nachtrag:

Ich überlege noch, dass die Medikamente eigentlich in den natürlichen Verlauf eingreifen. Was wäre, wenn ich weiter darauf vertraut hätte, dass sich die Psyche, der Geist, der Körper von selbst regulieren, dass dies eine Phase ist, die gebraucht wird und vorbei geht, wenn die Zeit gekommen ist, wenn alle Emotionen gefühlt wurden. Dann hätte ich noch anders sorgen müssen. Dann hätte ich mich nach mehr vorgegebener Struktur im Außen umschauen müssen, außerhalb von Arbeit. Was mich wieder darauf aufmerksam macht, dass Arbeit in meinem Leben schnell einen vordergründigen Stellenwert erhält und eine große Lücke entsteht, wenn sie nicht da ist. Ich hätte mir Ergotherapie verschreiben lassen können. Ich nutze schon die offenen Zeiten einer Kontakt- und Beratungsstelle. Ich hätte konkretere Tagesstruktur mit der Betreuung absprechen müssen, um mehr Verbindlichkeit herzustellen.

Naja, nun hab ich es anders gemacht. Vielleicht ist das alles nun nicht mehr nötig. Mal abwarten.

Beschäftigung

Tatsächlich. Es ist geschafft. Liegt schwarz auf weiß vor mir. „Beschäftigungsvereinbarung“. Ich habe gefunden, wonach ich seit 1,5 Jahren gesucht habe und ich habe es an einer Stelle gefunden, wo ich gar nicht damit gerechnet habe.

Alles ging dann auch sehr schnell und völlig unkompliziert. So schnell, dass ich jetzt erst, nachdem schon dritten Arbeitstag realisiere, dass ich wo angekommen bin und nicht mehr suchen brauche. Das ich etwas tue, wo ich mich sinnvoll fühle, Verantwortung übernehmen kann, unabhängig und selbstständig arbeiten kann, inhaltlich nichts Neues lernen brauche und somit gleich Erfolgserlebnisse habe und zusätzlich in ein soziales Gefüge eingebunden bin.

Es passt wirklich alles. Dass es ein Zuverdienstprojekt für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ist und somit der Arbeitsrahmen an die Befindlichkeiten angepasst werden kann, ohne anzuecken. Dass ich mich von den anderen Beschäftigten vor Ort nicht zu sehr abhebe (psychische Einschränkung ist nicht gleich psychische Einschränkung) und bisher alle nett und sympathisch finde. Das die Beschäftigung nicht angeleitet und betreut ist (außer man hat natürlich Fragen) und damit arbeitsweltnah gestaltet.
So habe ich gleich das Gefühl, dass man erst mal davon ausgeht, dass ich das kann. Es wurden keine großartigen Fragen gestellt zur Vorgeschichte und Einschränkungen. Ich war eine halbe Stunde zum Gespräch, um herauszufinden, in welchem Bereich ich es mir vorstellen könnte und konnte dann sofort loslegen. Kein Amt musste involviert werden, keine Kostenübernahme geklärt. Es gilt auch nicht als Arbeit, sondern als tagesstrukturierende Maßnahme, mit einem Euro Motivationspauschale die Stunde und muss damit auch nirgendwo angegeben werden.

Hauswirtschaft. Das ist es nun. Ich war wirklich selbst überrascht, dass ich dabei ein gutes Gefühl bekam. Vorher hatte ich nie die Idee oder den Gedanken, dass das etwas für mich wäre. Das ich damit zurecht kommen würde, solche Tätigkeiten auszuüben. Es fühlt sich tatsächlich richtig gut an. Ordnung und Sauberkeit halten kann ich tatsächlich ziemlich gut. Und das jetzt auch noch für ein Soziales Projekt mit Verkaufseinrichtung zu tun, gibt mir ein sinnvolles Gefühl. Ich tue etwas Gutes. Ich mache, dass es sauber aussieht, die Kunden und Mitarbeiter sich wohl fühlen. Ich fühle mich jetzt schon mit dieser Einrichtung verbunden.

Ich hatte Vorstellungen, dass ich mich minderwertig fühlen würde, in einem Zuverdienstprojekt zu arbeiten und damit einsortiert als psychisch krank. Das ist nun überhaupt nicht der Fall. Ich fühle mich unter Gleichgesinnten. Ich fühle mich geschützt und gleichzeitig frei, mich zu entwickeln. Und da man auch nichts von meinen Defiziten wissen wollte, sondern lediglich sagte, machen sie es so wie es sich für sie gut anfühlt, fühle ich mich auch nicht krank und gleichzeitig in meiner Selbstfürsorge bestärkt.

Es ist wieder einmal Fügung. Genau an dem Tag wo ich mein Vorstellungsgespräch hatte, hat der einzige andere Mitarbeiter der für die Hauswirtschaft zuständig ist, sich für 3 Wochen krank gemeldet und es ist unklar, ob er wieder kommt.

Ich bin an zwei Tagen die Woche für jeweils 2 Stunden eingeplant. Knall hart bekomme ich meine Grenzen gespiegelt. Ich darf ganz deutlich spüren, warum ich nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt gehöre, damit überfordert wäre. Die ersten beiden Tage habe ich nach einer Stunde aufgehört. Die neue Umgebung, fremde Menschen, Menschen die mich beim arbeiten sehen, Verantwortungsgefühle die Überhand nehmen, starke Ängste vor Abwertung, Ablehnung, etwas falsch zu machen, zu stören, innerer Zeit- und Leistungsdruck, Schwierigkeiten Tätigkeitsprioritäten zu setzen, haben mich dermaßen überflutet.
Viele, viele Lernfelder. Bestimmt auch viele Übungsfelder zur Selbstannahme.

Arbeitsfähigkeit

Wie passe ich in die Vorstellung des Systems in den Bereichen Gesundheit und Arbeit? Wie ordnet das System mich ein? Wie ordne ich mich ein? Was erfahre ich mit mir? Welche Relevanz hat das für das System? Was bedeutet Leistungsfähigkeit für mich und was bedeutet es für das System?
Diese Fragen beschäftigen mich immer wieder und momentan etwas mehr.

Über den ganzen Zeitraum der laufenden, von der Ärztin ausgeschriebenen Arbeitsunfähigkeit, also seit April 2013, sehe ich Verbesserungen. Schritt für Schritt wird es besser. Was wird da besser? Die Lebendigkeit, die Aktivität nimmt insgesamt zu und die schweren, handlungsunfähigen Zeiten nehmen insgesamt ab. Aber was genau bedeutet das? Das bedeutet, dass es wochenweise Zeiten gibt, wo ich spüre, dass da Kapazitäten frei sind. Das ich wohl ein paar Stunden arbeiten gehen könnte und auch wollen würde. Und dann kommt es alle paar Wochen dazu, dass ich null Reserven habe und verdammt froh bin, nicht mit einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit belastet zu sein, weil mich der Alltag schon unheimlich anstrengt und kaum zu bewältigen ist.

Was heißt das jetzt für meine Arbeitsfähigkeit? Die Bescheinigung der Ärztin attestiert immer wieder die Arbeitsunfähigkeit. Im System bedeutet das, dass ich an keinem Tag arbeitsfähig bin. Für mich stimmt das nicht. Ich bin tageweise arbeitsfähig. Im System bedeutet das, dass ich keine mindestens 6 h täglich arbeiten kann. Das kann ich auch momentan nicht. Nach meiner eigenen Einschätzung, könnte ich trotzdem sehr wohl, in der Form des freien Arbeitens einige Stunden schaffen. Um das zu tun, muss ich aber arbeitsfähig geschrieben werden. Doch im System heißt Arbeitsfähigkeit 100%. Darunter ist eben arbeitsunfähig. Die Zwischenbereiche sind im System nicht geregelt und existieren so einfach nicht. Da heißt es arbeitsfähig oder nicht arbeitsfähig. Ganz oder gar nicht. Mit meiner Realität hat das wenig zu tun.

Und dann kommen eine oder zwei oder drei Behörden dazu, die meine Realität einschätzen wollen. Die aus einer „Außerhalb-Perspektive“ einschätzen wollen, wie arbeitsfähig ich bin. Das ist doch schon mal total schräg. Da werden dann zwar, im Gegensatz zu dem ganz-oder-gar-nicht-Prinzip, Abstufungen zugelassen, von unter 3 h täglich, über 3 h und mehr als 6 h. Doch es bleibt skurril, denn wer erlebt denn am eigenen Leib die Leistungsfähigkeit? Wer kann denn am besten durch seine Erfahrungen einschätzen, wie und welches Arbeiten möglich ist? Meine Erfahrungen haben hier keinen Wert. Das ist das, was ich erlebe. Der Rententräger hat mich in seiner Begutachtung als voll arbeitsfähig eingestuft, obwohl ich zu der Zeit, während der ehrenamtlichen Arbeit in der Friedhofsgärtnerei etwas ganz anderes erlebt habe. Da blieb mir nur verständnisloses Kopfschütteln. Ich bin relativ ruhig geblieben, weil mir klar war, dass diese behördliche Einschätzung nichts an meiner Realität verändert. Bloß weil einer sagt, du kannst arbeiten, mit den damit verbundenen Vorstellungen des Systems, wie oben beschrieben, kann ich nicht auf einmal arbeiten. Wenn ich das könnte, würde ich es doch schon längst tun.

Was ich so schade finde, ist, dass ich mich gerne in der Zeit wo ich das kann, wo Reserven da sind einbringen möchte, aber dafür keinen Ort finde.

Was es gerade wieder so hochaktuell macht, ist ein Schreiben der Krankenkasse, mit ‚nur‘ bewilligten 40 h für die Fortsetzung der Therapie, von beantragten 80 h. Mit der Begründung des Gutachters, dass keine Verbesserungen in der Leistungsfähigkeit zu erkennen ist und sich die Frage ergibt, wofür das dann eigentlich gut sein soll. Das sind meine Worte, die es kurz zusammenfassen.
Ich persönlich sehe so viele Verbesserungen mein ganzes Leben betreffend. Zwar sehr langsam, aber stetig und nicht unbedingt nur auf die Leistungsfähigkeit bezogen. Ist eine Therapie nur sinnvoll, wenn sie die Verbesserung oder sogar Wiederherstellung der Leistung beinhaltet und nicht die Verbesserung der Lebensqualität? Hat Lebensqualität nicht einen viel höheren Wert? Was ist wenn meine Leistungsfähigkeit eingeschränkt bleibt? Darf ich dann trotzdem den Anspruch haben, in meinem Leben damit eine Zufriedenheit herzustellen? Mir diese Möglichkeit zu nehmen und mich auf Leistung zu reduzieren, finde ich extrem unmenschlich.

40 h sind für mich nichts, wenn ich sehe, dass ich fast 2 Jahre gebraucht habe, um mich (noch ganz unsicher) auf eine Beziehung einzulassen. Und nun soll ich innerhalb von 5 Monaten darauf etwas aufbauen? Auch hier haben meine Erfahrungen keine Relevanz für die Entscheidungen des Systems.

Lange und viel wird schon darüber geredet, dass das System krank ist und am Menschen vorbei geht. Jetzt sammle ich selbst ganz persönliche Erfahrungen dazu und sehe das für diese speziellen Bereiche in meinem Empfinden bestätigt.
Dazu passt auch ein Kommentar von Alexander Wagandt aus der 55. Tagesenergie-Sendung (http://www.youtube.com/watch?v=uSuc-nKuNsY, ca. 53 Min.).
„Und wenn ich verstanden habe, das der Staat, dass das Rechtssystem, das Gesundheitssystem, das juristische System, all das was ich an Systemen vorfinde, immer dazu dient mich in eine bestimmte Struktur zu pressen, […]. Immer dann, wenn sie eine bestimmte Struktur aufrechterhalten, geht gleichzeitig die wahre Qualität verlustig. Weil die Struktur für sich in Anspruch nimmt Stabilität aufbauen zu wollen, aber das Leben ist Wandel im Ausdruck. Und wenn ich den Wandel nicht zulasse, dann mache ich etwas was richtig ist automatisch für die Zukunft Tod und damit unwahr.“

Ab Minute 2:32:55 spricht es mich auch sehr an, in meinen aktuellen Erkenntnissen und Empfindungen.