Gefühls-Erkenntnis-Krise – Fühlen in Gegensätzen

Kurz nach 8 Uhr morgens im Bett. Maximal überfordert mit Verbindung. Verschmelzung unerträglich. Gleichzeitig Bindungsschrei. Einsamkeit unerträglich.

Nähe unerträglich. Rückzug unerträglich. (Reaktion auf die letzte Therapiestunde)
Ich weiß nicht was ich machen soll, wie ich für das Leiden und diese Qual sorgen soll. Verzweifelt. Ich weiß nicht, wie ich das mit dem BEW-Termin (Betreutes Einzelwohnen) heute lösen soll, wenn das eine nicht geht und das andere auch nicht. Auf wen soll ich hören?

Weinkrampf. Kann nicht aufhören. Gefühl, unter der Bettdecke versteckt, in dieser Ausweglosigkeit zu sterben.

8:26 Uhr. Anruf BEW. Handy aus. Büro geht der AB nicht ran. Verzweifelt.

8:36 Uhr. Anruf Sozialpsychiatrischer Dienst – Tagesdienst. Im Moment geht kein Gespräch. Bietet an 9 Uhr zurückzurufen. Ich weiß dann nicht, ob das Thema noch da ist.

Verzweifelt wieder alleine, keine Ahnung wie ich die 24 Minuten rum bekommen soll. Selbstverletzungsgedanken. Immer noch weinend lege ich mich auf den Boden, Decke über den Kopf und fange an mit ER/SIE/ES zu sprechen, um Hilfe zu bitten, die Hände vor der Stirn – „danke, das du mir hilfst, für all das da zu sein“. Das Weinen hört auf. Ruhe entsteht. So geht es. So kann ich bleiben.

8:48 Uhr. Rückruf SpD. Gefühlserkenntnisse loswerden. Der Einfall, mit dem BEW zu telefonieren, wenn Sehen nicht geht. Urgs… peinlich… sowas fällt mir dann selbst nicht ein. Empfehlung, nicht wieder hinlegen, ablenken bis Kontakt zum BEW da.

Weinen hat aufgehört. Bin nicht sonderlich gut orientiert. Erreiche telefonisch niemanden im Büro und auf dem Handy im BEW.

9:05 Uhr SMS ans BEW. „Können Sie mich zurückrufen? Ich brauche Hilfe, Orientierung. Große schlimme Gefühle. Termin zu nah und unerträglich heute.“

9:07 Uhr. Versuche Morgenroutine. Frühstück vorbereiten geht.

9:35 Uhr. Anruf vom BEW. Klären ihre telefonische Erreichbarkeit heute ab. Kontaktaufnahme jederzeit möglich. Telefontermin für 13 Uhr verabredet. Kurzes, weinerliches Umreißen der Gefühlslage. Berichte von den nächsten geplanten Schritten. Dann gibt’s nichts mehr zu sagen. Doch ploppt eine riese Bedürftigkeit auf, das Telefonat nicht beenden zu wollen. „Können Sie mir noch irgendetwas erzählen?“ Sie beschreibt ihre Sicht auf einen Baum, wie die Sonne hindurch scheint, als würde der Baum strahlen und warm sein. Schöööne Geschichte. Mir fällt auch eine ein und dann beenden wir das Telefonat.

Ab 9:44 Uhr. Duschen, anziehen, frühstücken. Alles wie besprochen geschafft. Schritt für Schritt. Beim Essen geht Anspannung runter. Werde sehr, sehr, sehr müde.

11:10 Uhr. Auf die Couch zum geplanten Entspannungsteil. Angeleitet. In diese bestimmte seitliche Position, Stoffbären unterm Kinn, eine Hand vor die Stirn, die andere auf dem Becken, Gesicht zur Couchrückseite, Couch-Decke fast über dem Kopf. Anspannung senkt sich nur bedingt. Leiden innen spürbar, im Herzen, im Kopf. Etwas Erholung ist das trotzdem.

12:10 Uhr. Die Gedanken kreisen wieder. Spielen in Endlosschleife Varianten des Termins heute durch. Kontakt heute oder nicht? Keine Lösung in Sicht. Entweder zu viel oder zu wenig Kontakt.

12:34 Uhr SMS ans BEW. „Bis jetzt habe ich mich so durchgeschlängelt. Geduscht. Angezogen. Frühstück gegessen. Versucht ne Stunde lang zu entspannen, weil so sehr müde, erschöpft. Und seit 20 Minuten kreise ich um das verabredete Telefonat, ob ich es brauche oder nicht. Eiern zwischen Kontaktbedürfnis und es wegschieben. Ich weiß nicht was ich brauche. Ich schaue mal aufs JETZT. Ok. Erst mal Zähne putzen.“

Dann die Erinnerung an meine Idee in der Therapie, Gedanken/Gefühle auszulagern, auf runden Kärtchen, um sie besser sehen, hören zu können und Abstand zu finden. Immer wenn ich denke, dass mir der Termin heute zu viel Nähe ist, kommt Angst. Stelle mir diese Angst als Karte vor, die vor mir liegt. Geht sofort gut, die Angst zu ‚sehen‘ und sie zu fragen, wovor sie Angst hat. Und ganz einfach kommt ein weinender Gedanke von dort: Wenn ich sie heute nicht sehe, dann geht sie verloren!

Oh, das wusste ich nicht! Das ist schlimm, so zu fühlen! Es berührt mich sehr, diese Angst und plötzlich habe ich Verständnis für alles Festhalten an dem Termin und dem Kreisen, wie es doch möglich sein kann, sich zu sehen, obwohl es nicht aushaltbar ist. Ich erreiche sie mit meinen Gedanken, dass Fr. W. auch nach heute noch da ist und sofort beruhigt es sich und die nächsten Schritte sind klar.

12:43 Uhr Antwort. „Sie machen das genau richtig. Vielleicht können Sie das innere Gefühl fragen, was es benötigt.“

Tut gut zu lesen. Hab ich ja so ähnlich gemacht. 🙂

13 Uhr Telefonat mit BEW. Erzähle von der Angst. Wir sind beide berührt von dieser kleinen Begegnung und dem Finden einer Lösung. Ihr ebenso berührt-sein tut mir gut. Mich im Spiegel zu erkennen. Kann das Treffen loslassen. Was  mir gut tut, ist die Wohnung verlassen und einen leckerer Kaffee trinken, am Bahnhof eine Station entfernt.

14:59 Uhr SMS ans BEW. „Mit Kaffee auf der Wiese an einem Baum, ist die Anspannung etwas weniger geworden. Mit Bratwurst auf der Hand zurück nach Hause, merke ich, dass das auch für heute an Außenaktion reicht. Mal sehen, ob ich mich zu Hause entspannen kann.“

15:23 Uhr SMS ans BEW. „Hier zu Hause einrollen auf der Couch, am Stofftier festhalten, die Verlust-Geschichte spüren. Ein paar Tränen und Verständnis von mir. Es bleibt EINE Geschichte in mir, nicht MEINE Geschichte, auch wenn ich mich mit ihr verbunden fühle.“

Ich habe keine Ahnung um welchen Verlust es geht.

Therapie und Kontrollverlust

Ich würde gerne diese letzte Therapiestunde mit Worten greifen können. Die Einzelteile vernetzen. Das ganze Bild sehen.

Es geht gerade nicht.

Nach einem Weinkrampf, der aus der Erkenntnis rührte, dass ich das Leiden das ich fühle nicht verhindern kann. Nichts daran ändern kann.

Diese letzte Stunde hat Neues berührt und Neues in mein Bewusstsein gebracht.

Es hat irgendwas mit meinem ausgeprägten Bedürfnis nach Kontrolle und vor anderen nicht auffallen zu tun. Nicht-funktionieren darf nicht gesehen werden.

Das wurde in der Stunde durchbrochen und ich, mit meinem Kontrollbedürfnis leide darunter.

Es war nicht mehr möglich, über alles hinwegzulächeln. Es war nicht mehr möglich die Abwehr, Angst und Verzweiflung im Hintergrund zu halten.

Ich war gezwungen mich anders zu verhalten.

Das war die Hölle für mich!

Danach gab es trotzdem ganz viel Dankbarkeit von Innen, dass da Bedürfnisse von Abgrenzung und Distanz berücksichtigt, ernst genommen wurden.

Ich bin mir nicht sicher, ob das der innere Hauptaufregungsgrund ist, der hier etwas aus den Fugen bringt, aber es scheint das Schlimmste gewesen zu sein, dass ich unmöglich in der Lage war, mich ihr gegenüber in den Stuhl zu setzen, sondern stattdessen verzweifelt auf dem Boden zum sitzen kam.

Die Hände vors Gesicht geschlagen, weil so unaushaltbar, dort auf dem Boden zu sitzen. Wie auf einem Präsentierteller. Ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.

Gleichzeitig hat es sich dort viel sicherer angefühlt, als auf dem Sessel.

Im zwischenmenschlichen Alltag hätte ich mich nie solch einer Situation ausgesetzt. Wenn ich mich im Vorhinein einer Verabredung nicht sicher fühle und sie auch nicht so gestalten kann, dass Sicherheit eintritt, würde ich immer absagen.

Im Therapiesetting setze ich mich dem aus. Das ist sehr, sehr gruselig, extrem angstmachend und auch extrem mutig.

Fühlt sich an, als ob Muster aufbrechen wollen. Und Auf-Brechen fühlt sich erstmal scheiße an.

Kontrollverlust = Sterben.

Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass es mich bereichert und auch befreit.

Ich will diese Art Verbindung nicht

Ich ertrage Sie nicht in mir drin.

Diese Verbindung löst Schmerzen aus.

Diese Verbindung fühlt sich falsch und unecht an.

Im Solarplexus.

Diese Verbindung macht Tränen und Leid.

Ich frage, welches Wesen diesen Tränen heute helfen kann. Sehe eine vertikale Schnur, mit unterschiedlich großen Kreisen aufgefädelt. Fühle Verbindung. Vertikale Verbindung. Vielleicht als Gegenstück zur horizontalen Verbindung, vom Solarplexus zur Therapeutin?

Ich will diese Verbindung nicht, die Horizontale. Ich will sie kappen. Ich muss sie kappen, um da sein zu können. Als ‚Ich‘, als eigenständiges, unabhängiges, freies Wesen.

Ich ertrage es nicht mehr so mit Ihnen da zu sein, unfrei. In dem Sie mich ständig mit Ihren Worten, mit Ihrer Anteilnahme und Aufmerksamkeit berühren. Wo diese Berührungen weh tun oder unglaublich gut tun, so dass ich mehr davon will. Oder beides gleichzeitig.

Ich will nicht wie eine Ähre im Wind von Ihren Reaktionen abhängen, dieser Macht unterliegen, die mich zerstören oder auf Händen tragen kann.

Ich will Sie nicht als Substanz in mir drin, um die ich kreise, nach der ich greife, Tag für Tag versuche mich an ihr festzuhalten.

Ich will nicht, dass Sie diese Bedeutung haben.

Ich will frei davon sein! Ich will frei von Ihnen sein und herausfinden, dass ich das überlebe.

Ich will Ihnen nicht alles erzählen wollen. Mich nicht umstülpen wollen und bis in den letzten Winkel ausschütten.

Ich will nicht die ganze Woche auf diesen Termin mit Ihnen warten, als wäre es das einzig Bedeutsame, das einzige was mich retten und weiter tragen kann.

Ich möchte Geheimnisse haben können, die ich nur in mir selbst erzähle und wahrnehme. Unausgesprochen. Still betrachten.

Ich will mich auf diesem verdammten Stuhl Ihnen gegenüber spüren können, meine beiden Füße auf dem Boden, unabhängig von Ihnen!

Ich möchte frei sein von Ihnen.

Elternbeziehung

Mail an die Wunsch-Therapeutin:

„Hallo Frau …,

bisher gab es keine weitere Info von der TK. Ich habe heute eine Anfrage per Mail, zum Stand der Dinge gestellt.

Ich war öfters in innerer Bedrängnis in letzter Zeit und habe mehrmals überlegt, ob ich mich schriftlich bei Ihnen entlasten kann. Habe es immer verworfen, 1. wegen dem Entstehen von Nähe und dann wird es doch nicht finanziert und 2. weil sie dafür nicht bezahlt werden, per Mail zu arbeiten.

Ich rahme es jetzt trotzdem kurz ein, weil, wenn wir arbeiten, dann gehört das genau da hin – die Elternbeziehung.

Es gab einen Auslöser, der meine Beziehung zu meinen Eltern aktuell in den Fokus gerückt hat und mir bewusst geworden ist, dass ich mich oft unwohl fühle, nach Begegnungen leide oder mir Begegnungen zu nah sind. Der Wunsch nach Abgrenzung, auf Distanz gehen und auch mit Verantwortung konfrontieren und auch die Erkenntnis, dass meine Eltern von damals die gleichen Menschen von heute sind (mein Verstand hat das irgendwie immer getrennt gehalten), haben Krisen ausgelöst. Ich war auch 10 Tage stationär zur Stabilisierung und habe momentan ein engmaschigeres Netz an BEW-Kontakten. Es ist gerade ein Drahtseilakt die inneren Bewegungen, Verschiebungen zuzulassen, Änderungen im Verhalten auszuprobieren und gleichzeitig mit der Angst (die riesige ist und sich manchmal Schock-nah anfühlt) klarzukommen und die Auseinandersetzung auch zu begrenzen und die grenzenlos zu werden.

Ja damit habe ich zur Zeit enorm zu tun.

Mit freundlichem Gruß

…“

Dämonen

Manchen Dämonen schaue ich lieber nicht ins Gesicht. Gebe ihnen lieber keine Worte, keine Gedanken, kein Gesicht durch meinen Blick.

Die Nächte reichen.

Die Tage dienen dem Licht, um den Kopf über den Sumpf zu halten. Wenn alles nach unten zieht, schulterabwärts, wird die Kraft für das Licht gebraucht.

Keine Kraft in die Dämonen verschwenden. Sie werden nur größer dadurch.

Das lasse ich nicht zu, ihnen noch mehr Gebiet zu überlassen. Bis zu den Schultern ist genug.

Ich spiele auf Zeit.

Die Erkenntnis, dass das eine Wiederholung ist, mit einem Auslöser und einer inneren Reaktion darauf, dass das bekannt ist, erst im Dezember auch so lief, hat heute Distanz geschaffen.

Einmal Luft schnappen bitte und schön weiter atmen, den Schlamm von den Augen streifen. Puhhh… war das knapp oder nicht?

Beim letzten Mal hat es sich auch nach ein paar Tagen abgeschwächt. Vielleicht war das heute der Zenit. Vielleicht ist es morgen schon wieder heller. Vielleicht verzieht sich der Sumpf, mit seiner verlockenden Verheißung, einfach loszulassen und unterzugehen, wie auch beim letzten Mal.

Ich bin mir sicher, dass das passieren wird. Ziemlich sicher.

Nähe, Schmerz und Distanz

Das Blog ist…

Arrrrg… ich will nicht immer ‚aktuell‘, ‚momentan‘, ‚zur Zeit‘, ‚gerade‘ schreiben, um kenntlich zu machen, dass das was ich schreibe lediglich für diesen Augenblick so ist und sich jederzeit wieder verändern kann und verändern tut. So! Hab ich das mal gesagt und versuche es loszulassen.

Das Schreiben hier verbindet mich. Ich fühle mich verbunden, wenn ich schreibe. Mit mir, mit anderen. Der Wunsch, verbunden zu sein ist riesig groß. Ich dürste jeden Tag danach.

Nicht einfach, wenn innere Verletzlichkeiten, offene Wunden reale Nähe nur begrenzt möglich machen.

Da ist es für mich auch schwer die Selbsthilfegruppen zu besuchen. Da geht fast nur noch die eine, weil sie so einen abgesteckten Rahmen und ganz klare inhaltliche Ablaufstrukturen hat. Das hält meine Emotionen etwas auf Distanz.

Auf Arbeit (Zuverdienst) geht es, weil ich jederzeit aus dem Kontakt gehen kann und mich meinen Aufgaben widme. Entstehen Gespräche, muss ich einem Blickkontakt ausweichen. Blickkontakt tut mir emotional dann weh, als würde derjenige direkt in mein offenes, wundes, verletztes Herz schauen. Nähe und Verbundenheit entstehen da nur sehr bedingt. Gehe ich also teil-hungrig nach Hause.

Nähe tut mir weh. Das heißt, der Kontakt mit Freunden tut mir automatisch auch weh. Nicht die Freunde selbst, aber sie bringen mich zu meinen Gefühlen. Ich war bisher noch nicht so weit, diesen Schmerz vor Freunden einfach zuzulassen, mich damit zu zeigen und ich weiß auch nicht, ob meine Freunde schon soweit sind, es wertschätzend (aus)halten zu können.

Also schreibe ich hier viel, um mich auf geschützte, etwas entferntere Art verbunden zu fühlen.

 

(…) Da ist ein gebrochenes Herz in mir. Wir haben nicht darüber gesprochen wie ich mit diesen Gefühlen umgehen kann. Ich nehme an wie mit allen – zulassen. (…)

Frau Helferin: „(…) Und die Trauer, das gebrochene Herz, zulassen ja, aber auch wieder loslassen. Vielleicht können Sie mit sich die Vereinbarung schließen, dass die Traurigkeit einen Platz in Ihrem Tag oder in Ihrer Woche bekommt. Einen zeitlichen Rahmen, in dem Sie sich bewusst Zeit dafür nehmen, indem Sie z.B. darüber schreiben, oder es malen, oder traurige Musik hören und es zulassen, dass Tränen kommen. Aber es dann wieder auch bewusst beenden, indem Sie sich aktiv mit etwas anderem beschäftigen. Raus gehen, Kontakt aufnehmen mit jemandem, eine andere Musik hören, die etwas anderes auslöst. (…)“

Ich weiß nicht, ob ich das so bewusst machen will, da eine Trennung. Ob das überhaupt geht. Ich kann schöne Dinge erleben und trotzdem dabei im Hintergrund die Verwundung spüren. Es ist okay so. Es ist nicht schlimm. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich es wegmachen muss, um es in einen späteren Zeitpunkt zu stecken. Das meint sie wahrscheinlich auch nicht. Eher, wenn ich jetzt Tag und Nacht tief drin stecken würde und mich gar nicht mehr daraus befreien kann. Nehme ich an.

Ich spüre eine Bereitschaft, mich einzulassen, auf diese Gefühle, auf ihre Existenz, auf ihre Entwicklung, einfach darauf, dass sie ein Teil von mir sind. Ich möchte mit ihnen verbunden sein, sie begleiten, ihnen helfen einen Platz in mir zu finden. Wow! Bin selbst beeindruckt von mir, dass ich dazu ein ‚Ja‘ finde. Dass ich den Schmerz willkommen heiße.

Heute Morgen im Bett habe ich diesen horizontalen Riss im Herzen gespürt, regelrecht physisch, ganz konkret auszumachen und ohne emotionale Entladung. Eher wie ein Zusammenziehen, wie wenn man sich kurz verbrannt hat und das Gesicht zu einem Zischen verzieht und die Hand auf die Stelle legt. So ungefähr.

Ich dachte an die letzte Stunde Körperarbeit vor 3 Tagen. Da wurde mir eine Hand auf den Rücken gelegt, in Höhe des Herzens und ich spürte wie nach vorne, also unten, weil ich lag, mein Herzfeld sich öffnete, jedoch geteilt. Also ein Strahl rechts und ein Strahl links. Da ist mir das mit dem Riss gar nicht eingefallen. Heute Morgen erst.

Das fand ich allerdings wirklich spannend, dass also eine alte emotionale Verletzung tatsächlich eine konkrete physische, feinstoffliche, dauerhafte Veränderung erzeugt.

Ich fragte da hinein, was helfen kann und sah, wie von innen, also innerhalb des Herzens (was in dem Bild übrigens immer so eine klassische Herzform hat ❤ ) etwas mit fester Substanz gegen drückte. Der Riss blieb, aber war verschlossen.

Dazu gedacht habe ich mir, dass vielleicht von Innen etwas Neues wächst – mir erschien das Neue in goldener Farbe – und das Alte ausfüllt und am Ende darüber hinauswächst. Es absorbiert.

Nähe V

Die ersten 2 Wochen ohne sie. Sie waren kaum in mir präsent, kaum da, kaum Thema. Erst ein paar Tage vor unserem Termin kam das Gefühl des Wartens und der Unruhe. Kamen die Unsicherheit und die Angst vor der Begegnung. Sie waren mir so fern. Ich spürte Widerstand, sie erneut in meine Nähe zu lassen.

So lief er denn auch ab, der Termin. Ich war mir so einigermaßen nah, doch sie spürte ich kaum. Ihren Augen ausweichend. Tieferen Gefühlne ausweichend, zurückdrängend. Eindeutig Schutzmodus. Altes Verhalten. Es machte mich traurig.

„Wenn sie jetzt gehen, kann es sein, das ich das Gefühl habe, das sie gar nicht da gewesen sind.“ „Oh, was können wir denn da machen“, sagt sie einladend und lächelnd. Ein Berührungsimpuls steigt auf und mit ihm blitzschnell die Angst davor. „Oaaahr nein, ich bekomme gerade Angst. Hat irgendwas mit Nähe zu tun. Ist schon okay so. Dann ist es halt heute so.“

Und schon waren sie für mich im Raum spürbar, ohne dass wir etwas Bewusstes dafür taten, einfach weil ausgesprochen wurde was war und sie darauf annehmend reagierten.

Seit dem sind sie mir nah, in diesem zweiten Zwei-Wochen-Rhythmus. So nah, dass mir auffällt, dass ich mehr Nähe zulassen kann, wenn sie nicht anwesend sind.

Ich schreibe ihnen immer wieder. Sie reagieren. Und ich fühle so viel Nähe, dass ich nun auch den Abschied mit all seinen Gefühlen fühlen kann. Immer wieder lese ich ihre Texte und fühle, was sie mit mir machen. Wie es wohl weitergehen wird? Wie das nächste Treffen sich anfühlen wird?

 

„Hallo Frau [Helferin], könnten wir noch mal telefonieren, heute oder morgen?“

„Ja klar, morgen habe ich gut Zeit. Passt es Ihnen ab 12:30/13:00? Lg“

„Okay. Vielleicht ist es dann auch nicht mehr nötig, wenn mich das Gespräch mit Frau [Psychiaterin] heute etwas beruhigt. Geb ich Bescheid drüber.“ „Guten Morgen. Ich denke wir brauchen nicht sprechen. Ich hatte am Mittwoch noch sehr viel Angst gespürt, auch in noch mehr neuen Bereichen und zusätzlich Angst bekommen, dass ich so viel Angst nicht schaffe auszuhalten. Dazu Wut darüber, dass sie mich damit alleine lassen. Die Wut konnte ich nicht erlauben, weil ich auch feststellte, dass ich klar komme damit. Das war ein heftiges Gerangel in mir. Fr. [Psychiaterin] hat etwas die reale Angst gemildert und ich konnte heute Morgen etwas von der Wut erlauben, als ich erkannte, dass sie alt ist und damit auch berechtigt. Puhhh :)“

„Oh wow.. Ja, das klingt nach etwas, was ganz groß geworden ist, wie sie es so mit sich rumgetragen haben.. Was sie beschreiben, wie es sich lösen konnte und was sie erkannt haben, wie sie das geschafft haben, freut mich sehr zu hören. Ich weiß, dass das grad sehr schwierig ist für sie. Und ich finde, sie machen das richtig gut. Lg und ein schönes Wochenende.“

„Sie werden mir fehlen, ihre Art wird mir fehlen, ihre Zuversicht, ihr an mich glauben, ihr Mut machen. ;( Meinen sie, sie könnten mir zum Abschied etwas schreiben, (woran ich mich festhalten kann)?
Mir fällt das mit dem Telefontermin schwer. Ich weiß nicht wie ich ihn nutzen soll, für welche Themen, ohne den Zeitrahmen zu sprengen. LG“

„Liebe Frau…, schön, dass sie das ausdrücken können.. Klar schreib ich ihnen. Das hätte ich sowieso gemacht.
Das mit dem Telefonkontakt war so gedacht, dass er sie in der Umsetzung der Dinge, die sie sich vorgenommen haben unterstützen soll. Weil es natürlich etwas anderes ist, wenn sie wissen, dass jemand nachfragt.. Dabei geht’s um die Themen Angst/Vermeidung und auch Grenzen wahrnehmen. Alles was „größer“ ist, geht am Telefon erfahrungsgemäß nicht gut und das würden wir dann besprechen, wenn wir uns sehen. Könne sie damit etwas anfangen? Lg“

„Das ist super. Mit so einer Orientierung habe ich gar nicht gerechnet. Damit kann ich sehr viel anfangen. Danke!“

„:-)“

 

Hach jaaa…

sich zeigen und gesehen werden

Das Universum um Hilfe zu bitten hat insofern geholfen, dass ich endlich weinen konnte und etwas in mir in Fluss kam. So lag ich heute Morgen, nach zwei Tagen absoluter Leere und Abtrennung von mir, in meinem Bett und weinte so eine Stunde vor mich hin. Endlich! Endlich wieder etwas fühlen!
Ich weiß nicht über was ich weinte. Irgendetwas aus der Herzgegend und irgendetwas was mit viel Schmerz und Trauer zu tun hatte und bestimmt auch irgendetwas zum Thema Abschluss der Therapie und irgendetwas zum Thema innere Einsamkeit.

Immer wieder ein Blick auf die Uhr. Bald kommt der Helfer. Wie soll ich damit umgehen? Wie viel Zeit brauche ich, um mich vorzeigbar zu machen? Will ich mich überhaupt vorzeigbar machen? Wie viel halte ich aus von mir zu zeigen? Wie viel Nähe ist möglich? Meine Sehnsucht gesehen zu werden ist riesig groß. Sie hält mich ab diesen Termin abzusagen, obwohl klar ist, dass es inhaltlich nicht so laufen wird wie gedacht, wie geplant. Wieder eine völlig neue, nicht vorhersehbare Situation.

Ein absolut authentisches Verhalten wäre, ich bleibe liegen, überlasse mich einfach weiter meinen Gefühlen, gebe ihnen Raum, weine um all die Dinge die zu beweinen sind und wenn es klingelt, stehe ich auf, werfe mir etwas warmes über und lasse Herrn Helfer in meine Wohnung. Platziere ihn irgendwo, weine dann weiter so wie es aus mir heraus kommt.
Tatsächlich hielt ich es bis 30 Minuten bevor er kam aus, mich um nichts zu kümmern. Dann stand ich weinend auf. Machte mich weinend frisch. Wusch mir weinend die Haare. Zog mir weinend Alltagskleidung an. Beim Blick in den Spiegel jammerte es in mir, oh Gott ich sehe doch so schrecklich verheult aus. Eine sehr laute, konsequente, nicht unfreundliche Stimme in mir erwiderte ‚ja, du siehst scheiße aus.‘ Ich weinte kurzfristig noch mehr, weil es einfach die Wahrheit war und gleichzeitig entlastete es mich, weil es die Wahrheit war und ich sie nicht mehr versuchen musste auszublenden (verstanden? 😉 ). Man darf sich also auch scheiße-aussehend präsentieren. Na gut.

Die Tränen rutschten auf knapp unter die Oberfläche zurück. Wie wird der Termin verlaufen? Was will ich heute? Was kann helfen? Halte ich ihn aus? Muss ich ihn nach kurzer Zeit wieder wegschicken? Halte ich das aus?
Ich stehe apathisch in der Küche und es kommt der Impuls, dass ich in diesem Zustand heute Probleme hätte mir Essen zu kochen. Das wäre also das naheliegenste und das hilfreichste, wenn wir vorkochen würden für den Tag. Oh mein Gott! Ich soll ihn fragen, ob er mit mir kocht? Unvorstellbar!

Es klingelt. Er kommt. Ich lasse ihn herein. Halte Mega Abstand und kann kaum Blickkontakt aufnehmen. Beschäftige mich erst einmal mit Kaffee kochen. Ihn gleichzeitig da sein lassen und ausweichen. Unglaublich anstrengend. Ich versuche zu reden. Sofort kommen die Tränen. Ich kann nicht vor ihm weinen. Ich kann meine Gefühle nicht vor ihm zulassen. Ich versuche nicht mehr zu erklären und fokussiere wieder das Kaffeekochen, zur Beruhigung. Das klappt, bekomme etwas Abstand. Kann mich auch mit an den Tisch setzen, natürlich immer schon das Blickfeld nach unten lassen. Er sieht und sagt, dass er sieht, es ginge mir nicht gut. Das tut mir gut und reicht erst mal aus.

Ja, was machen wir heute? Ich kündige mein aufwallendes Schamgefühl an. Er, freundlich: “Immer noch?“. Ich: „Ja, und wahrscheinlich auch noch länger.“ Erkläre etwas von alten Erfahrungen und inneren Kindern, die auf verächtliche, abweisende Reaktionen warten. Dann schleudere ich schnell das Wort „Vorkochen“ hin. Die Scham wird riesig. So riesig wie ich sie noch nie hatte. Ich muss kurz aus dem Raum gehen, weil ich es nicht aushalte. Viele Kämpfe im Inneren. Dinge müssen weggedrückt werden, um weiter machen zu können. Ich habe keine Ahnung, welche Gedanken und Glaubenssätze hinter dieser Scham stehen.

Ich gehe zurück in die Küche. Dann folgt ein sehr anstrengendes Umgehen mit der Situation, mit all meinen Unsicherheiten. Wo soll, kann, darf er sich aufhalten? Soll er mitmachen oder nur dabei sitzen? Was ist er bereit zu tun und wo sind seine Grenzen? Will ich ihn lieber im Nebenzimmer? Darf ich all die Dinge sagen? (Wahrscheinlich viel Angst vor Zurückweisung)
Ich wünschte mir die Küche doppelt so groß, mit je einem Tisch an den gegenüberliegenden Seiten, damit es besser aushaltbar wäre, damit mehr Abstand zwischen uns wäre. Das sag ich ihm, er lächelt und erwidert freundlich: „So ist es aber leider nicht. Also wie machen wir es.“

Naja, und am Ende sitzt er also am Tisch und schneidet Zwiebeln und Knoblauch. Ich steh am Herd und mache die anderen Dinge. Ich bekomme wenig mit, von dem was ich da tue. Hangel mich an Gesprächen entlang. Blende ihn dabei weiter mit Vermeidung des Blickkontaktes aus und dann ist es getan. Das Essen für heute ist fertig. Ich bin sehr dankbar dafür.

Das macht so unglaublich heftige Sachen in mir, dass ich gerade auch irgendwie dankbar bin, dass alles nicht so richtig fühlen zu können.

Die unsinnige Sache mit der Schuld

Wow, was war das denn!
Das Telefon klingelt. Ich liege noch im Bett. Ich höre die Stimme meines Opas Ostergrüße aufs Band sprechen. Mein schlechtes Gewissen klopft an meine Stirn.

Mein Opa und meine Stiefoma. Sie leben nicht in der näheren Umgebung. Schon immer weiter weg, auch in meiner Kindheit. Ach verdammt… ich müsste mich da viel regelmäßiger melden. Mein Opa ist hartnäckig. Spricht Feiertag für Feiertag Grüße auf mein Band oder schickt eine Postkarte. Viel Futter für mein schlechtes Gewissen. Die Stimme der Eltern im Kopf, heute wie damals. Ruf da an und sag danke schön. Das macht man so. Das ist Höflichkeit. Melde dich doch mal bei deinen Großeltern. Du kannst deine Großeltern auch besuchen fahren. Und auch sie selbst weisen mich in langen Abständen immer wieder darauf hin. Jedes Mal zieht sich alles in mir zusammen und ich fühle – ich will nicht.

Also wieder ein Anruf auf meinem Band und die gefühlte Aufforderung, du musst zurückrufen und dich dafür bedanken. Den letzten Anruf, ich glaub zu Weihnachten?, hab ich unter den Teppich fallen lassen. Wollte einen Brief schreiben, aber hab es dann vergessen oder auch nicht gewollt. Gewolltes Vergessen. Jetzt muss ich aber. Nochmal keine Reaktion, macht das schlechte Gewissen zu einem Monster, welches mich auffrisst.

Ich liege immer noch im Bett. Meine Gedanken laufen. Vielleicht hängt ja auch mein Opa in dieser man-muss-ja-Schleife und ruft nur aus einem Verpflichtungsgefühl so regelmäßig an? Vielleicht ist das auch etwas, was er hinter sich bringt und froh ist, wenn es vorbei ist? Interessanter Gedanke. Das muss ich ihn mal fragen. Dann könnten wir uns das beide einfach sparen. 🙂

Und ist es ihm eigentlich zu wenig, unser Kontakt? Ein Anruf und ein Brief im Jahr? Oder reicht ihm das vielleicht? Ist er traurig? Wünscht er sich mehr? Er hat auf meine zwei Briefe nicht geantwortet. Wie ist unsere Verbindung? Es hat doch auch einen Grund, warum ich mich nicht mehr melde, warum ich kein Bedürfnis habe zu Besuch zu fahren. Unsere Verbindung war von meiner Seite aus nie nah. Liegt vielleicht auch an der Entfernung. Liegt vielleicht auch an dem Menschen selbst, der er ist.
Okay, heute werde ich zurück rufen und ihm genau diese Fragen stellen. Ich stehe auf. Nehme das Telefon. Schwitze und zittere. Tippe vor Aufregung nur die halbe Nummer ein. (Wie in Träumen, wo ich nie die richtigen Tasten treffe) Geh dann doch erst mal auf Toilette. Atmen. Erneuter Versuch. Richtige Nummer. Opa ist am Telefon. Starte mit den üblichen Floskeln – danke für die Grüße und so – und gehe dann gleich in die Vollen.

„Ich wollte dir ein paar Fragen stellen, die uns betreffen und wünsche mir ehrliche, offene Antworten. Ich melde mich ja nicht so oft. Wie ist das für dich?“

Den genauen Wortlaut bekomme ich nicht mehr zusammen. Das ist nur angelehnt.

Er scheint sehr überrascht, über diese Frage und weicht erst mal aus. Ich stelle die Frage dann noch mal.
Er: „Ach, das ist in der ganzen Familie so. Wenn ich mich da nicht melde, dann kommt nichts zurück. Du bist ein Teil dieser Familie.“
Ich, schmunzelnd: „Du glaubst also, dass liegt in unseren Genen?“
Er, lachend: „Ja, genau.“
Ich: „Aber heißt das, du hast dich daran gewöhnt und es ist okay für dich?“
Er: „Jein. Jein. Ich würde es schon schön finden, wenn man mal zu Feiertagen oder zu meinem Geburtstag an mich denkt.“
Ich: „Weißt du, meine Verbindung zu dir ist nicht sehr nah. Früher auch schon nicht. Deshalb kommt bei mir nicht so oft das Bedürfnis mich zu melden. Nun habe ich gehört, dass du dir z.B. zum Geburtstag Anrufe wünschst. Das sind für mich so feste, vorgegebene Termine die mit einem Verpflichtungsgefühl verbunden sind. Ich möchte dich nicht anrufen, nur weil ich das Gefühl habe ich muss. Was aber nicht heißt, dass ich euch nicht leiden kann.“
Er: „Das verstehe ich.“ (eine für mich völlig unerwartete Antwort!)
Ich: „Ich möchte mich melden, wenn mir danach ist, wenn ich es will.“
Er: „Aber du brauchst Impulse. Sonst würdest du doch gar nicht anrufen?“
Ich: „Ja, das stimmt. Oder nein, ich hab auch vor ein paar Monaten mal von mir aus daran gedacht und mich dann nicht getraut. Warum auch immer.“
Er: „Du brauchst doch vor mir keine Angst haben.“
Ich, lachend: „Ja, das weiß ich doch. Ich hatte wohl Angst davor wie es wird, ob wir uns verstehen.“ (Erst nach dem Telefonat habe ich begriffen, dass ich Angst vor meinem eigenen Schuldgefühl hatte, welches dann spürbar geworden wäre mit einem Kontakt.)
Er: „Du, wenn ich was nicht verstehe, frage ich nach.“ (So war das zwar nicht gemeint, aber okay… :))
Ich: „Und auf meine Briefe hast du nicht geantwortet, weil Schreiben nicht dein Ding ist?“
Er: „Genau richtig.“

Dann sind wir in ein allgemeines Gespräch übergegangen, wie es uns so geht.
Ich sprach dann noch kurz mit meiner Stiefoma. Sie hatte von dem Telefonat vorher nichts mitbekommen und lud mich wieder zu einem Besuch ein. Ich wollte aus alter Gewohnheit erst irgendeinen Grund vorschieben, wie kein Geld oder so und sprach dann aber auch ihr gegenüber aus, das mein Bedürfnis nicht so stark ist, weil ich ihnen nicht so nah bin. Und auch sie, ich kann es kaum fassen, hat dafür Verständnis, begründet es mit der großen räumlichen Distanz, die schon immer da war.

Ich erzähle ihr noch von der anstehenden Reha und das dann meine Wohnung hier frei wäre, falls sie einen Stadturlaub machen wollen. Sie freut sich. Findet das eine gute Idee. Und so endet dieses Telefonat in guter Stimmung.

Ich bin so perplex, dass ich erst mal gar nichts fühle und sehr neben mir stehe. Wie kann es sein, dass man sich über Jahre und Jahrzehnte mit Gefühlen aller Art plagt und in einem einzigen Telefonat alles bereinigt wird? Wieso bekommt man als Kind nicht beigebracht, zwischenmenschliche Dinge anzusprechen und zu klären? Wieso bekommt man als Kind nicht beigebracht, dass es wichtiger ist auf sein Herz zu hören und die Gründe für sein Handeln zu verstehen und zu vertreten, als äußeren Regeln blind zu folgen. Ich wurde speziell in diesem Fall ganz offensichtig zu Schuldgefühlen erzogen. Das hätte gar nicht zwangsläufig so sein müssen.

Da kommt mir die Frage – ist jedes Schuldgefühl anerzogen? Hätten wir von Natur aus gar nicht solch ein Gefühl?

Erkenntnis des Tages II

Ich kann lieben, ohne mich ganz geben zu müssen. Jemanden zu lieben oder Zuneigung zu empfinden, bedeutet nicht, dass derjenige mich nun besitzt und alles darf. Ich kann lieben und trotzdem „Nein“ zu Berührung sagen. Ich kann lieben und mich trotzdem abgrenzen, Grenzen ziehen.

Plötzlich trifft mich diese Erkenntnis und das erstmalige Fühlen, dass dies wirklich möglich sein könnte. Auch für mich möglich sein könnte. Das beides geht, offen sein und trotzdem geschützt sein.

Ob ich mit Mister X zum üben komme? Ob ich nicht vorher weglaufe oder er wegläuft? Innerlich hatte ich mich stark von ihm distanziert. Hatte gefühlt, dass da kein Weg zusammenführt, begleitet von Ekel und Abscheu. Diese Gefühle versteh ich nicht. Als ich dann einem Impuls folgte, mich doch mit ihm zu verabreden, nach zwei Wochen ohne Kontakt, war es wirklich eine sehr schöne gemeinsame Zeit.

Das kenne ich aus anderen Situationen, mit anderen Menschen, dass ich aus der Distanz ganz anders fühle, als dann im wirklichen Kontakt. Schwierig dann einzuordnen, wo ich mich eigentlich befinde. Beides fühlt sich in diesem Moment wahr an.